Endlich: Die deutsche Sprache hat die Moscheen erreicht. Kaum eine islamische Gemeinde bietet heute kein deutsches Programm an. Mit diesem Schritt reagieren die Gemeinden auf den sprachlichen Wandel innerhalb der islamischen Gemeinschaft. Sie reagieren auf eine längst eingetretene Realität, die sich darin äußert, dass inzwischen immer mehr Muslime die deutsche Sprache besser beherrschen als ihre Muttersprache. Bemerkbar macht sich das vor allem bei den hier geborenen, deren Erstsprache teilweise so schwach ausgeprägt ist, dass sie selbst die Vorträge und Predigten der Gelehrten, obwohl in ihrer Muttersprache gehalten, kaum noch verstehen.

Der Ausbau der deutschen Sprache ist vor diesem Hintergrund ein Schritt in die richtige Richtung. Nicht nur kommt er dem sprachlichen Vermögen der muslimischen Jugend entgegen; auch hilft er den Muslimen dabei, sich den Nichtmuslimen gegenüber zu öffnen, die die nächstgelegene Moschee häufig nur deshalb nicht betreten, weil in ihr kein Deutsch gesprochen wird.

Die deutsche Sprache richtig verwenden

So wichtig es ist, deutschsprachige Angebote in Moscheen einzuführen, so wenig wird das ausreichen, um die muslimische Jugend von morgen langfristig an die Moschee zu binden. Denn abgesehen davon, dass sich das Deutschangebot in vielen Gemeinden noch immer auf das Übersetzen von Vorträgen und Freitagspredigten beschränkt, scheint die Frage, wie wir die deutsche Sprache nutzen müssen, um selbstbewusste überzeugte Muslime heranzubilden, damit noch nicht beantwortet.
Wir stehen heute vor der Herausforderung, Antworten auf die Frage zu finden, wie wir der muslimischen Jugend die Schönheiten unserer Religion näherbringen können; wie wir zu ihnen sprechen und welche Worte wir wählen müssen, damit sie die Faszination des islamischen Glaubens an sich selbst erfahren. Dass die Umstellung von Arabisch, Türkisch oder anderen Sprachen auf Deutsch dafür nicht ausreicht, dürften die ersten deutschsprachig ausgerichteten Vereine inzwischen bemerkt haben.

Ich möchte anhand von vier Punkten aufzeigen, was wir innerislamisch leisten müssen, damit sich ein erfolgreicher deutschsprachiger Islam der Zukunft etablieren kann – wobei der Maßstab für den Erfolg die Bindung und Erziehung einer selbstbewussten und vom Islam überzeugten Jugend darstellen soll. Während die ersten beiden Punkte indirekt mit der Nutzung der deutschen Sprache zusammenhängen, leiten sich die letzten beiden direkt aus ihr ab. Alle vier Punkte stellen indes nur einen Bruchteil der innermuslimischen Gemeindearbeit dar, die in den kommenden Jahren auf uns zukommen wird.

1. Die Probleme der Jugend kennen

Wer die Jugend in ihrer Sprache ansprechen möchte, sollte ihre Probleme kennen. Die beste Rede nützt nichts, wenn sie nicht dazu beiträgt, die Probleme, Ängste und Sorgen der Jugend zu lindern. Für die Moschee-Verantwortlichen ist es daher besonders wichtig, zu erkennen, mit welchen Problemen die muslimischen Jugendlichen zu kämpfen haben. Wir, die wir in der Moschee Verantwortung tragen, müssen uns ihrer Probleme annehmen. Dafür müssen wir ihnen zunächst richtig zuhören, bevor wir mit dem Sprechen loslegen. Denn die erfolgreiche Jugendarbeit lebt vom lebendigen Gespräch. Ein aufrichtiges Gespräch setzt wiederum eine vertrauliche Beziehung voraus, die nur dann entstehen kann, wenn sie langfristig anhält und über das einmal in der Woche stattfindende Moscheetreffen hinausgeht. Das bedeutet, dass unsere Jugend die Möglichkeit haben muss, uns auch außerhalb der Moschee ansprechen zu können.

Auf der anderen Seite ist es unsere Aufgabe, die Probleme der muslimischen Jugend in unseren Vorträgen und Predigten anzusprechen. Zu häufig quälen wir Jugendliche mit Themen, die sie in der jetzigen Phase ihres Lebens nicht interessieren. Wir belasten sie mit Inhalten, die an ihrer Lebenswirklichkeit vorbeigehen. Ein Vortrag über das islamische Erbrecht kann noch so gut vorbereitet sein: Er wird das Interesse des Jugendlichen nicht wecken können.

Wer also meint, er müsse, nur weil er Deutsch spricht, nicht mehr auf die richtige Auswahl des Inhalts achten, täuscht sich. Die Nutzung der deutschen Sprache geht mit der angemessenen Auswahl des Inhalts einher. Angemessen ist der Inhalt dann, wenn er die Ängste und Probleme der Jugendlichen aufgreift, und anschließend Lösungen anbietet. Wer die Probleme der muslimischen Jugend kennt, muss sich um ihre Lösung bemühen. Die Lösungsvorschläge müssen zeitgemäß und situationsgerecht sein, dabei immer den Geist des Islams bewahrend.

2. Die Kultur kennen

Sprache ist ein Kulturprodukt. Sie ist daher eng mit den kulturellen Eigenheiten einer Nation verwachsen. Das gilt auch für die deutsche Sprache. Wer auf Deutsch unterrichten und predigen möchte, sollte sich mit der deutschen Geschichte, der tendenziellen Mentalität und Lebensart der Deutschen auskennen. Die Unkenntnis über die kulturellen Besonderheiten einer Nation kann sich – trotz vorhandener Sprachkenntnis – negativ auf die Moscheearbeit auswirken. Ich möchte das an zwei Beispielen verdeutlichen:

Beispiel 1: Freiheitsverständnis

Wer einem deutschen Nichtmuslim ständig davon erzählt, wie viel Gehorsam der Islam verlangt, wird ihn in der Regel nur abschrecken. Auch, wenn er inhaltlich nur Wahres erzählt, werden seine Worte Abneigung und Distanz auslösen. Das hängt unter anderem mit dem westlichen Freiheitsverständnis zusammen, das sich stark vom islamischen unterscheidet. Das westliche Freiheitsverständnis glorifiziert die sogenannte positive Freiheit, also die Freiheit, etwas zu tun und nach eigenem Willen zu handeln, während das islamische Freiheitskonzept die negative Freiheit der positiven voranstellt. Der Einzelne soll in erster Linie daran arbeiten, sich von inneren Zwängen wie den eigenen schlechten Neigungen und Wünschen zu befreien. Erst dann ist er in der Lage, frei – also vernunftgemäß – zu handeln. Wie wir uns vom Bösen und Schlechten in uns selbst befreien können, weiß nach islamischem Narrativ derjenige am besten, der uns Menschen erschaffen hat. Deshalb geben sich Muslime den Weisungen des allwissenden Schöpfers hin.

Lange Zeit hatte man im Westen ein ganz ähnliches Verständnis von Freiheit. Noch für Kant stellte die Befreiung von den Neigungen und niederen Trieben eine wichtige Zwischenstufe für die Erlangung von Freiheit dar. Ihm zufolge war die negative Freiheit sogar eine notwendige Bedingung für die positive, die in dem Vermögen der Vernunft besteht, sich selbst Gesetze aufzuerlegen. Erst, wenn der Mensch sich frei macht von seinen Neigungen und Trieben, könne er, so Kant, der Stimme seiner gesetzgebenden Vernunft folgen.

All das ist mit dem Beginn der Postmoderne und ihrem verklärten Individualismus hinfortgewichen. Der deutsche Nichtmuslim ist heute so stark vom postmodernen Freiheitsverständnis geprägt, dass ihn Begriffe wie Gehorsam, Pflicht, Selbstopfer, Gebote und Verbote hart abstoßen. Er schreckt davor zurück; fühlt sich, sobald er von ihnen hört, in seiner Negativhaltung über den Islam sogar bestätigt. Dem können wir Muslime vorbeugen, indem wir die Denk- und Lebensart des deutschen Nichtmuslims in unseren Gesprächen mitberücksichtigen. Indem wir uns bemühen, die Haltungen und Befindlichkeiten hinter dem Einzelnen zu erkennen. Und: Indem wir in Abhängigkeit von dem uns gegenüberstehenden Menschentyp die richtigen Worte finden, die uns helfen, den Islam auf die beste Art und Weise vorzustellen.

Beispiel 2: Israelkritik

Fruchtlos oder gar schädlich kann ein Gespräch mit einem Nichtmuslim aber auch dann sein, wenn es uns Muslimen an Geschichtswissen mangelt. Wer gemütsprägende Ereignisse der deutschen Geschichte nicht kennt, könnte – trotz Sprache – schnell in Gefahr geraten, zu leichtsinnig mit sensiblen Themen umzugehen. Hierzu gehört zum Beispiel die Kritik an Israel. Kritische Aussagen gegenüber dem israelischen Regime haben schon so manchem Kritiker den Kopf gekostet. Schnell ist man von der anderen Seite dabei, dem Kritiker mit der Antisemitismuskeule eins überzuziehen. Das passiert noch häufig vor der Auseinandersetzung mit der eigentlichen Kritik.
Dieser reflexartige Israel-Schutz, den der Durchschnittsdeutsche bisweilen an den Tag legt, versetzt vor allem Ausländer und Neuzugewanderte ins Erstaunen. Beide kennen den Deutschen für gewöhnlich als rationalen Menschen, der sich ein klares Bild über die Lage macht; der die Dinge prüft und abwägt, bevor er urteilt. Umso mehr erstaunt es, dass so manch ein Mitbürger beim Thema Israel jeden Verstand zu verlieren scheint.

Warum ist das so? Das lässt sich nur vor dem Hintergrund der deutschen Historie verstehen. Der Durchschnittsdeutsche glaubt heute nämlich immer noch, er könne die angeblich vererbte Schuld am Holocaust dadurch begleichen, dass er Israel gegen jede Kritik verteidigt. Das führt bis heute dazu, dass er die grausamsten Verbrechen des zionistischen Regimes, wenn nicht beschönigt, so doch kleinredet. Dahinter steckt der psychische Schuldgedanke, von dem der Durchschnittsdeutsche sich bis heute nicht zu befreien vermag. Deshalb setzt er alles daran, Israel vor jeder noch so berechtigten Kritik in Schutz zu nehmen, während er schnell dabei ist, dem berechtigten Kritiker Antisemitismus vorzuwerfen.

Für unsere islamische Arbeit bedeutet das, dass wir unserer Jugend die Sensibilität der Thematik vor Augen führen müssen. Wir müssen ihnen den sprach- und inhaltlichen Unterschied zwischen der Kritik am Zionismus und dem Judentum erklären. Denn kein Muslim hat etwas gegen friedliebende Juden. Unsere Gegner sind menschenfeindliche Zionisten, die im missbrauchten Namen des Judentums Schandtaten verüben.

Beide Beispiele zeigen uns, wie eng die Sprache mit der Kultur verflochten ist und wie wichtig es ist, Geschichte, Mentalität und Lebensart eines Volkes zu kennen. Menschen, die hier aufgewachsen sind, wissen in der Regel um die kulturellen Besonderheiten des Landes. Sie reproduzieren sie sogar Tag für Tag. Anders ist es bei Personen, die nicht aus Deutschland kommen oder noch nicht so lange hier leben. Ihnen fehlt es – wenngleich sie die Sprache beherrschen – häufig an notwendigem kulturellen Wissen, das in Vorträgen und Unterrichten mit einfließen müsste.

3. Sprachliche Distanz verringern

Viel zu oft erleben wir es heute, dass die Jugendlichen die Vorträge in den Moscheen nicht verstehen. Zu weit klafft die (deutsche) Sprache der Redner inzwischen von der Sprache der Jugendlichen auseinander. Einerseits nutzen die Redner zu viele Fremdwörter und Redewendungen, die dem einfachen Jugendlichen unbekannt sind. Andererseits fließen immer wieder arabische Ausdrücke mit ein, die den Vortrag zu einem Gemisch aus Arabisch und Deutsch verformen. Wer seinen Satz zum Beispiel damit beginnt, eine Fatwa zum Thema Chums aus einem Risala-Werk eines Mardschas zitieren zu wollen, hat, ohne es zu merken, die Hälfte seines Satzes auf Arabisch gesprochen. Hinzu kommt, dass die Vorträge in den Moscheen immer häufiger bestimmtes theologisches Wissen voraussetzen, über das der durchschnittliche muslimische Jugendliche nicht verfügen kann. Im Ergebnis sehen wir gelangweilte Jugendliche oder verzweifelte Neukonvertierte, die außer einem „Salamun aleikum“ nichts mitgenommen haben.

Mit Blick auf die nächsten Jahre wird es daher immer wichtiger werden, die sprachliche Distanz zwischen Redner und Zuhörer zu verringern. Das gelingt, wenn die Redner darauf achten, eine einfache Sprache zu nutzen. Nichts rechtfertigt es, einen Moscheevortrag gehoben und kompliziert zu gestalten oder Ausdrücke zu verwenden, die außer einem selbst niemand versteht. Der gute Redner ist der, der es schafft, komplizierte Aspekte sprachlich herunterzubrechen.

Die Einfachheit der Sprache darf jedoch nicht mit der Einfachheit des Inhalts verwechselt werden. Ein Vortrag kann sprachlich einfach gehalten sein und trotzdem in die Tiefe gehen – wenngleich die Tiefe eines Vortrags sich am durchschnittlichen Wissensstand der Teilnehmer orientieren sollte. Die Worte sollten so gewählt werden, dass sie der Durchschnittsteilnehmer versteht, wobei sie ihn im Idealfall emotional wie rational anregen sollten.

4. Der Klang der Sprache

Wie weit wir in unseren Moscheegemeinden von der richtigen Nutzung der Sprache entfernt sind, zeigt sich auch in unseren jährlich stattfindenden Aschura-Programmen. Viele deutschsprachig ausgerichtete Gemeinden bemühen sich darum, ihre Angebote zu Aschura auch auf Deutsch anzubieten. Dabei orientieren sie sich stark an den Aschura-Zeremonien, wie sie in arabisch-, türkisch- oder persischsprachigen Moscheen belebt werden. So kommt es, dass die deutschen Trauergesänge und Latmiyas in den Ohren der deutschsprachigen Jugend, insbesondere aber in den Ohren von Neumuslimen, wie schlecht übersetzte Epen aus ebenjenen Sprachen klingen. Sie berühren uns wenig bis gar nicht – und das, obwohl sie auf Deutsch verfasst sind.

Das hängt mit der Eigenart der deutschen Sprache zusammen, die in unseren deutschen Trauergesängen und Latmiyas noch zu wenig berücksichtigt wird. Wir singen und lesen zwar Deutsch, imitieren dabei aber den ausländischen Klang – und zwar unreflektiert. Wir vergessen dabei, dass jede Sprache ihren eigenen prosodischen Gesetzen folgt. Sie zu missachten hieße, dem Trauergesang den besonderen Klang einer Sprache zu rauben.

Mit Blick auf die nächsten Jahre müssen wir uns darum bemühen, Trauerlieder (Aza) und Latmiyas zu komponieren, die den besonderen Rhythmus, das Tempo und den Akzent der deutschen Sprache berücksichtigen. Wir sollten den individuellen Klang der deutschen Sprache beim Schreiben und Übersetzen von Trauerliedern wahren. Erst dann wird es uns gelingen, mit unseren deutschen Trauergesängen und Latmiyat die Herzen unserer Teilnehmer zu erweichen.

Dass die deutsche Sprache – entgegen aller Vorurteile – das Potenzial hat, tiefe Emotionen aufleben zu lassen, sollte einleuchten. Jeder von uns wird mindestens einen deutschen Song kennen, der ihn mal emotional berührt hat. Nicht die Sprache ist das Problem, sondern das, was wir aus ihr machen.

Unsere Aufgabe für die Zukunft

All die angesprochenen Punkte hängen mit der deutschen Sprache zusammen und sind für unser zukünftiges Gemeindeleben von großer Bedeutung. Ging es vor einem Jahrzehnt noch darum, die deutsche Sprache in die Moscheen zu bringen, liegt die Herausforderung in diesem Jahrzehnt darin, die Form unserer Sprache zu verbessern. Wir müssen unsere Sprache reflektieren, darüber nachdenken, wie wir mit unserer Jugend sprechen wollen und in Zukunft auch sprechen müssen, damit sie zu selbstbewussten und überzeugten Muslimen heranwachsen können. Die richtige Anwendung der Sprache wird einen entscheidenden Einfluss darauf haben, ob sich in den kommenden Jahren ein deutschsprachiger Islam etablieren kann. Möge jeder Einzelne von uns sein Bestes dafür geben!