Gesellschaft, Islamfeindlichkeit

Wir leben hier in Deutschland

Muslime berühren das andere Geschlecht bei der Begrüßung nicht. Dies führt in Deutschland bei einigen Muslimen zu Schwierigkeiten. Vor allem muslimische Männer auf Jobsuche geraten in Stress. Viele stehen vor dem Dilemma Hand geben oder Jobaussicht verlieren, wenn sie sich einer Begrüßung mit Händedruck, „wie es sich in Deutschland gehört“, verweigern. Nach Toleranz rufen die muslimischen Männer vergeblich, denn „Wir leben hier in Deutschland“, oder?

Das Händeschütteln ist ein in westlichen Ländern gängiges nonverbales Begrüßungs- oder Abschiedsritual. In anderen Kulturkreisen ist es hingegen traditionell unüblich oder auf gleichgeschlechtliche Kontakte beschränkt. Im Islam ist die gegenseitige Berührung und damit der Händedruck ausschließlich bei gleichgeschlechtlichen Kontakten oder Kontakten zu Mahram-Verwandten erlaubt. Daher hört man von Muslimen bei einer Begrüßung oft Sätze wie: „Guten Tag, aus religiösen Gründen berühre ich das andere Geschlecht nicht.“

Tatsächlich ist es für viele, die hier in Deutschland seit Generationen leben, etwas Neues, so begrüßt zu werden. Und nicht alle, die etwas verwundert reagieren, sind bösartig oder planen ihre Reaktion auf eine verweigerte Berührung. Für viele ist es etwas Ungewöhnliches, womit sie nicht gerecht haben, oder es ist gar das erste Mal in ihrem Leben, dass sie davon gehört haben. Das wissen Muslime auch und haben für die Reaktionen des Gegenübers Verständnis. Obwohl es nichts zu entschuldigen gibt, entschuldigen sich einige Muslime höflich für die ungewöhnliche Begrüßung.

Mittlerweile hat sich diese Begrüßungsart der Muslime herumgesprochen und ist für viele nichts Neues mehr. Leider gibt es auch Menschen, die sich über diese Begrüßungsart aufregen und den Untergang Deutschlands heraufbeschwören. So bekommen Muslime nach einer Begrüßung ohne Berührung nicht nur einen bösen Blick hinterhergeworfen, sondern auch noch eine Lektion in Sachen „deutsche Kultur“ und „deutsche Werte“. Nicht selten hören Muslime dann Sätze wie „Wir leben hier in Deutschland und hier machen wir es so“, oder „Wer hier lebt, muss sich unserer Kultur anpassen“. Müssen sich Muslime anpassen? Wenn ja, woran?

In Deutschland existieren unterschiedliche Traditionen

Es gibt keine homogene deutsche Kultur, sondern unterschiedliche, ja gegensätzliche Traditionen, die in ständigem Wandel begriffen sind. Und das ist nicht nur in Deutschland so. Jede Kultur unterliegt ständigem Wandel, eine Kultur, die sich nicht ändert, ist eine tote Kultur. Es gibt auch keine deutschen, sondern nur moralische und politische Werte, die potenziell universelle Geltung haben und an denen sich Muslime anpassen müssten. Dagegen gibt es durchaus eine deutsche staatsbürgerliche Identität, die an die geltenden Gesetze knüpft und in den Verantwortungsbereich von Parlament und Regierung fällt. Auch diese können sich jederzeit ändern.

In Deutschland ist es jedem Bürger selbst überlassen, woran er sich emotional bindet; hier haben sich Parlament und Regierung nicht einzumischen. Daran misst sich der neutrale Charakter unserer Demokratie. Der Staat darf nicht die totale Kontrolle über die Zivilgesellschaft ausüben, sodass jeder Mensch in gewissen Grenzen frei bleiben kann. Was die Identität Deutschlands betrifft, so entzieht sie sich gesetzlichen Regelungen, sie wird tagtäglich durch das Verhalten von über 80 Millionen in Deutschland lebenden Menschen konstruiert und dekonstruiert.

Kultur ist nicht Staatsbürgerschaft

Von Muslimen kann man erwarten, dass sie die Gesetze des Landes und den Gesellschaftsvertrag achten, der von allen Bürgern getragen wird, aber nicht, dass sie die unterschiedlichen Kulturen und Traditionen, die es in Deutschland gibt, nachahmen. Öffentliche Pflichten und persönliche Gefühle, Werte und Traditionen sind nicht auf derselben Ebene angesiedelt. Totalitäre Systeme machen die Befolgung der Traditionen zur Pflicht. Aber wir leben in Deutschland.

Als Trotzreaktion hört man zuweilen: „Muslime haben sich unserer Kultur anzupassen und wenn es denen nicht passt, können sie ja auswandern!“ Diese Aussage zeigt, dass Muslime als Gäste oder Fremde wahrgenommen werden. Dabei sind Muslime schon seit einer Ewigkeit ein fester Bestandteil Deutschlands. Auch gibt es immer mehr Konvertierte, die seit Generationen noch nie außerhalb Deutschlands gelebt haben. Was ist mit ihnen? Das Problem ist, dass Kultur mit Staatsbürgerschaft assoziiert wird. Es werden aber Äpfel mit Birnen verglichen.

Gesetze stehen über dem Brauchtum

Einige reagieren auf einen verweigerten Händedruck noch heftiger, in dem sie sagen: „Jetzt wollen die (Muslime) Deutschland zu einem monotheistischen Staat machen.“ Dabei pochen sie auf einen monokulturellen Staat. Während die Nationalsozialisten nach der „reinen Rasse“ riefen, rufen einige nach der „reinen Kultur“, wobei die muslimische Kultur aussortiert werden soll.

Einige haben auch Angst vor einem Muslim, der das andere Geschlecht nicht berühren möchte. Einige betrachten Muslime dann als radikal oder fundamentalistisch. Vor Fundamentalisten haben manche Leute Angst. Nur wie kann es sein, dass die Angst vor Fundamentalisten einige selbst zu Fundamentalisten macht? Auch jene, die ständig lauthals Scharia rufen und sich vor der Einführung einer fremden Gesetzgebung fürchten, urteilen mit einem Gesetz des Brauchtums. In einer Demokratie steht das Gesetz aber über dem Brauchtum, denn wir leben in Deutschland.

Deutschland ist keine Kulturkratie

Die Identität Deutschlands ist nicht starr, sie kann sich immer wieder ändern. Deutschland ist und bleibt eine Demokratie und darauf dürfen Muslime pochen. Eine moderne Demokratie ist aber niemals eine Kulturkratie, in dem eine einzige Leitkultur herrscht, die den Ton im Land vorgibt.

Deutschland ist ein Staat, in dem die kulturelle Zugehörigkeit den betreffenden Menschen keine Privilegien beschert. In einer Demokratie haben alle Bürger die gleichen Rechte, unabhängig davon, woher sie kommen, welche Religion sie praktizieren, welche Sprache sie sprechen oder welche Bräuche sie pflegen (Artikel 3, Abs. 3 GG). Dazu gehört auch das Verweigern eines Händedrucks beim anderen Geschlecht. Schließlich leben wir nicht in einer Kulturkratie, wir leben in Deutschland. Und gerade weil wir in Deutschland leben, ist eine Begrüßung, ohne eine Berührung, kein Problem.


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Hassan Mohsen

Gerontologe & Essayist / E-Mail: hassan.mohsen@offenkundiges.de