Freitagnachmittag am 25. Februar 2017. Ich saß im ICE, der von Berlin nach Hannover fuhr. Mein Sitzplatz war im ersten Wagen. Seit Montag war ich in der schönen Bundeshauptstadt auf einem Seminar und freute mich darauf, meine Familie wiederzusehen. Unser Zug befand sich kurz vor dem Hauptbahnhof Wolfsburg. In Gedanken war ich schon zu Hause, als mich ein lautes Knallen aus meinem Tagtraum riss, es war gegen 16:50 Uhr. Dem Knall folgte ein lautes Gepolter, das mit hoher Geschwindigkeit unter dem Zug vorbeizog. Meine Füße spürten die heftigen Impulse, die von einem Gegenstand verursacht wurden, der zwischen Zugboden und Gleisbett gefangen war. So als ob man versucht, ein unförmiges Objekt zwischen den Händen zu rollen. Nur dass die Hände aus Stahl und Stein bestanden. In diesem Augenblick war mir sofort klar: Wir gehören zu Gott und zu ihm ist die Wiederkehr.

Meine Augen versuchten dem Gepolter zu folgen. Es vergingen einige Sekunden, bis der Zugführer reagierte und den Bremsvorgang einleitete. Nach weiteren 45 Sekunden standen wir auf Höhe des Fußballstadions, ungefähr einen Kilometer nachdem wir das Gepolter hörten. Für mich bestand kein Zweifel mehr; da ist ein Mensch vor den Zug gesprungen. Dann kam auch schon die Durchsage, ein Zugbegleiter mit einer hörbar zittrigen Stimme verkündete einen Personenschaden und die nahenden Rettungskräfte.

Personenschaden und Rettungskräfte, in meiner Erregung hielt ich es für eine lächerliche Durchsage. Es klang so, als ob sich jemand den Fuß gestoßen hätte. Aber rückblickend war sie sehr angemessen. Wer in diesem Moment Schwierigkeiten hat, die Situation nüchtern zu betrachten, klammert sich an die Möglichkeit des gestoßenen Fußes, und wer nichts mitbekommen hat, muss nicht unnötig beunruhigt werden. Es waren auch viele Kinder an Bord, auch im ersten Wagen. So hat man den Eltern die Möglichkeit gegeben, deren Fragen altersgerecht zu beantworten. Ich habe mich im Laufe des Abends ebenfalls gefragt, wie ich meinen Kindern in so einer Situation geantwortet hätte. Was hätte ich aus dem polternden Körper unter dem Zug gemacht? Ein Reh? Für Kinder ist das ein nicht minder großes Unglück. Außerdem bestand auch die Möglichkeit, dass die Person tatsächlich noch am Leben war und das Objekt unter dem Zug nur ein Rucksack war. Allgemein muss ich zugeben, dass die Zugbegleiter hervorragende Arbeit geleistet haben. Neben der Tragödie und dem Protokoll, das sie abarbeiten mussten, waren sie sehr geduldig mit Gästen, die nicht einmal der Tod zur Geduld bringen konnte. Viele bemitleideten den Zugführer, dem ich an dieser Stelle alles Gute wünsche. Letztendlich war ich um 23:30 Uhr zu Hause, vier Stunden später als geplant. Während der ganzen Zeit saßen wir in der Tatwaffe und einen halben Meter unter uns lag der Täter.

Erst als ich zu Hause ankam und die Geräuschkulisse um mich herum verstummte, erfasste ich das Geschehene. In Momenten der Ruhe spielte mein Gehirn mir das Geräusch unter dem Zug immer wieder vor und meine Füße spürten jedes Mal die Schläge. Nach einigen Tagen fasste ich den Entschluss, die wirren Gedanken in einem Artikel niederzuschreiben. Zunächst war ich von mir selbst erschrocken: Wieso beschäftigt es mich so? Habe ich ein posttraumatisches Belastungssyndrom? Vielleicht.

Doch dann erschrak ich noch viel mehr. Dieser Mensch hat sich dafür entschieden seinem Leben ein Ende zu setzen, ich habe ihn nicht gekannt und habe den Leichnam nicht gesehen. Doch was ist mit den Kindern in den ganzen Kriegsgebieten? Was ist mit den Kindern im Irak oder dem Jemen, die durch amerikanische und saudische Aggressionen millionenfach Freunde und Familie verloren haben. Sofort kamen mir die Bilder der Waisenkinder in den Sinn, die ich im Irak gesehen hatte. Was ist mit den Kindern in Palästina? Zerfetzte Körper von Familienmitgliedern, Nachbarn und Freunden gehören zum Alltag dieser Kinder. Seit über sechzig Jahren erleben sie, wie Menschen, die sie lieben, vor ihren Augen ermordet werden. Nachts werden sie durch Bomben aus dem Schlaf gerissen. Wie oft haben sie gesehen, wie Menschen, Freunde auf offener Straße erschossen wurden? Wie oft sind sie durch die Schreie der Nachbarskinder aufgewacht, deren Vater und ältere Geschwister durch Soldaten verschleppt wurden? Wie oft sind sie selber schreiend aufgewacht? Cluster-, Phosphor- und Thermit-Bomben, alles international geächtete Waffen, und alles über die Köpfe der Palästinenser abgeworfen. Mein Auge wird nie sehen, was sie sehen müssen. Meine Ohren werden nie hören, was sie hören müssen, und mein Körper wird nie die Angst verspüren, die sie täglich spüren. Während mein Kind sicher in die Schule laufen kann, ist ihr Schulweg gepflastert mit der Drangsal durch die Besatzer.

Ein Geräusch, etwas Gepolter und ein wenig Fantasie haben mich, einen erwachsenen Mann, bis ins Mark getroffen und einige Tage beschäftigt. Was müssen dann diese armen Kinderseelen erdulden. Mein Schreck wandelte sich in Dankbarkeit: Gott ist barmherzig mit mir. Meine Kinder können hier behütet aufwachsen, weit weg von dieser Form des Leids. Meine Dankbarkeit wurde zur Sehnsucht. Wann ist endlich wieder Ramadan? Wann teilt meine Kehle den Durst mit den Durstigen, mein Magen den Hunger der Hungrigen. Wann kann ich endlich wieder am Qudstag teilnehmen?

Ich habe mir auch über die Kausalität einer solchen Tat Gedanken gemacht. Die Entscheidung eines Menschen hat sich auf mehrere tausend andere ausgewirkt. Zunächst ist da der Zugführer, der traumatisiert mit dem Krankenwagen abtransportiert wurde. Wie schwierig muss es für ihn sein, das Geschehene zu verarbeiten. Kann er seinen Beruf je wieder aufnehmen? Die ganzen Rettungskräfte, die sich um die Überreste kümmern müssen. Auch sie müssen die gesehenen Bilder verarbeiten. Im Zug saßen fast 600 Menschen. Auf den Bahnhöfen waren tausende gestrandet. Die Strecke war in beide Richtungen gesperrt. Nur weil ein Mensch die ihm aufgebürdeten Prüfungen nicht mehr ertragen wollte. Ich für meinen Teil habe diesem Menschen verziehen. Am Tag der Auferstehung ist er mir nichts schuldig. Doch was ist mit den anderen? Der traumatisierte Zugführer, die Rettungskräfte oder die tausenden verspäteten Menschen. Sie alle können ihr Recht bei Gott einklagen. Was für eine schlimme Situation, in die sich dieser Mensch gestürzt hat. Anstatt seinen Charakter an den Prüfungen zu veredeln, hat er sich so viel Schuld aufgeladen. Natürlich ist der kausale Zusammenhang viel größer, als ich es einzuschätzen vermag.

Zurück zu den Kindern Palästinas. Welche kausalen Zusammenhänge die muslimische Umma in Bezug auf diese Kinder zu verantworten hat, kann ich mir nicht ausmalen. Ich kann nur hoffen, dass Gott das Wenige, das ich leiste, akzeptieren wird. Es sind doch unsere Kinder, die dort sterben. Unsere Väter, Mütter, Brüder und Schwestern. Jeder Tag ist Qudstag! Wir sehen uns in Berlin.

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