Monat Ramadan

Was passiert beim Fasten im Körper?

Seit Jahrhunderten sind die Aussprüche des Gesandten Gottes Muhammad (s.) über das Fasten bekannt, die da lauten: „Fastet, denn es ist ein Punkt für die Gesundheit.“ Oder: „Fastet, so dass ihr gesund werdet.“ Durchsucht man die Überlieferungen (Hadithe) über Gesundheit, so erkennt man, dass die Gesundheit durch den Magen geht. Denn fast jede zweite Überlieferung über Gesundheit beschäftigt sich mit dem Nahrungsverzicht. Aber was genau passiert im Körper beim Fasten?

Geschichte des Fastens

Die Menschheitsgeschichte ist geprägt von langen Hungerperioden. Es ist ein neues Phänomen unserer Zeit, dass wir jederzeit und überall Essen zur Verfügung haben. Unser Körper ist evolutionär darauf eingestellt zu hungern. Unsere Vorfahren haben gehungert, bis sie ein Mammut erlegten und ihren Hunger stillten. Danach dauerte es, bis sie wieder mal ein Mammut fanden, und hungerten daher erneut. Immer mehr Krankheiten unserer Moderne entstehen, weil wir verlernt haben, auf die Nahrungsaufnahme zu verzichten. Dabei benötigt unser Immunsystem Phasen, in dem es nicht mit der Energieverwertung beschäftigt ist, um den inneren Müll aufzuräumen.

Beim Fasten stellt sich der Stoffwechsel um

Beim Essen versorgen wir unseren Körper mit Energie von außen. Beim Fasten zwingen wir unseren Körper, seine Energie von innen heraus zu gewinnen. Sobald die Absicht (Niyya) zum Fasten getroffen wurde, ist der Körper schon in Alarmbereitschaft. Denn ohne Energie kann der Körper nicht funktionieren. Da unser Körper durch das Fasten aber keine Energie von außen erhält, muss er an seine Reserven heran. Durch das Fasten gibt der Körper seinen Speicher frei, wie z. B. Fett, Glukose, Ketone und weiße Blutzellen. Kranke Zellen werden vom Körper verbrannt und in neue Energie umgewandelt. Diesen Vorgang nennt man Autophagie. Wie dieses Notfallprogramm im Körper funktioniert, hat der japanische Forscher Yoshinori Ohsumi herausgefunden und 2016 dafür den Medizin-Nobelpreis erhalten. Das Wort Autophagie lässt sich übersetzen mit „Selbstverdauung“ (griech. auto (selbst) und phagein (verdauen)). Diese Selbstverdauung wird dann aktiv, wenn nach 12–16 Stunden kein Nachschub an Energie von außen kommt. Durch Autophagie werden kranke Zellen wiederverwertet und gleichzeitig Energiemangel im Körper ausgeglichen.

Die Autophagie stellt sich ca. nach dem dritten Fastentag ein. Ungefähr am dritten Fastentag kommt auch die sog. Fastenkrise; begleitet von Kopfschmerzen, Müdigkeit und ggf. leichter Übelkeit. Noch ein Zeichen für die einsetzende Autophagie ist der typische Fastenatem. Da der Körper Fettsäuren nicht in Glucose umwandeln kann, wandelt er Fettsäuren in Ketonkörper um (sog. Ketogenese). Ketonkörper sind Fettreserven des Körpers, die in eine Art Müllsack (sog. Lysosomen) gepackt werden, um sie als Energie nutzen zu können. Aceton (ein Ketonkörper) ist verantwortlich für den typischen Fastenatem, ein Zeichen für die Umstellung des Stoffwechsels.

Neuentdeckung des Fastens

Das Fasten als modernes Forschungsthema haben die Gerontologen auf der Suche nach einem lebensverlängernden Mittel entdeckt. Die Gerontologie (Altersforschung) beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Alter(n)s. Heute ist die Lebenserwartung der Menschen, im Vergleich zu früher, gestiegen. Vor 30 Jahren gratulierte der Bürgermeister einer 80-jährigen Bürgerin mit einem Blumenstrauß persönlich zum Geburtstag. Heute erst ab dem 100. Geburtstag. Nicht nur die Lebenserwartung steigt, sondern auch das Risiko, an altersbedingten Krankheiten zu erkranken. Diabetes, Herz-Kreislauf Erkrankungen, Demenz oder Krebs sind die häufigsten Todesursachen für unsere langlebige Gesellschaft. Auf der Suche nach einem Heilmittel für diese typischen Krankheitsbilder im Alter kamen die Gerontologen unabhängig voneinander zum Fasten.

Das, was der Prophet vor Jahrhunderten sagte, hat nun der Gerontologe Valter Longo an Mäusen beobachtet. Longo fand heraus, dass, wenn diese Säugetiere fasteten, sich weniger weiße Blutkörperchen bildeten. Der Prophet (s.) sprach: „Der Teufel fließt in der Gestalt von Blut durch das Innere des Menschen. Vermindert seine Einflusswege durch Fasten.“ Die Mäusekörper recycelten alte Immunzellen und produzierten neue Zellen, die gesund waren. Diese Erkenntnis hat Longo zu verschiedenen Experimenten mit Krebspatienten motiviert. Er fand heraus, dass Krebspatienten die Chemotherapie besser überstehen, wenn sie fasten. Die Krebszelle ist nämlich allein auf Wachstum programmiert und wer auf Wachstum programmiert ist, braucht ständig Nahrung. Der Körper stellt beim Fasten seinen Stoffwechsel um. Die Hauptenergie für eine gesunde Zelle oder eine Krebszelle ist Zucker aus Kohlenhydraten im Blut (Glukose). Beim Fasten fehlt den Zellen Zucker. Wenn Zucker fehlt, ernährt sich die gesunde Zelle aus Fettreserven im Körper (Kytone). Die Krebszelle kann die Kytone schlecht verwerten und verhungert. Fasten ist also die Schwachstelle der Krebszelle.

Der Gerontologe Frank Madeo erforscht, wie sich das Fasten auf den Alterungsprozess und die Lebenserwartung auswirkt. Hierzu lässt er Fliegen fasten und vergleicht ihre Gesundheit mit anderen Fliegen, die nicht fasten. Madeo hat herausgefunden, dass die fastenden Fliegen weniger Krankheiten haben und länger leben als nichtfastende. Auch haben die Fastenden mehr Lebensenergie und eine höhere Ausschüttung des Glückshormons Serotonin.

Sebastian Brandhorst (Gerontologe) forscht mit fastenden Mäusen und stieß auf ähnliche Ergebnisse: dass fastende Mäuse gesünder und länger leben als ihre nichtfastenden Artgenossen. Die fastenden Mäuse zeigten bereits nach sechs Stunden Fasten eine hohe Ausschüttung des Wachstumshormons Somatropin. Dieses Hormon ist für die Wiederherstellung von Gewebe, die Heilung, Zellregeneration und Funktion der Organe, die Knochenfestigkeit und Gehirnfunktion verantwortlich. Nun wird derselbe Mechanismus beim Menschen untersucht.

FAZIT

Das Fasten ist nicht ungesund, wie einige immer noch glauben, sondern genau das Gegenteil. In Deutschland ist das Fasten inzwischen zu einem Trend geworden. Einige fasten, um einfach abzunehmen, andere tun es, um ihren Körper zu reinigen oder Krankheiten vorzubeugen. Angetrieben werden sie von mehr und mehr wissenschaftlichen Studien, die die Vorteile des Fastens immer deutlicher aufzeigen. Heute können wir Folgendes feststellen: Je intensiver sich die Forscher mit dem Fasten beschäftigen, desto häufiger kommen sie zu dem Schluss: Fasten ist die beste Medizin für Körper und Geist.


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Hassan Mohsen

Gerontologe & Essayist / E-Mail: hassan.mohsen@offenkundiges.de