Ein Vorbild ist kurz gesagt jemand, über den du selbst sagen würdest: „Ich will so sein wie er / sie.“ Die Idee eines Vorbildes ist ein quranisches Prinzip: „Ihr habt im Gesandten Gottes ein schönes Vorbild, (und zwar) für jeden, der auf Gott und den Jüngsten Tag hofft und Gottes viel gedenkt“ [Heiliger Quran 33:21].

Der Quranvers besagt, dass der Prophet (s.) ein gutes Vorbild ist, aber nur für jene, die auf Allah und den Jüngsten Tag hoffen und Allahs viel gedenken. Der Prophet (s.) konnte natürlich für jeden ein Vorbild sein, aber Vorbild für was? Der Quranvers sagt eindeutig, dass er nur für die Gläubigen ein Vorbild ist. Der, dessen Ziel das diesseitige Leben, Vergnügen und Besitz ist, der muss sich ein Vorbild suchen, der selber dies vorlebt. Hierfür kann er nicht die Lebensweise des Propheten (s.) zum Vorbild nehmen, denn dieser ist das beste Vorbild für das Ziel der Menschheit, was nicht in der Sünde und im Vergnügen besteht. Das Ziel muss klar sein, um sich dann ein Vorbild zu nehmen, das zielführend ist. Wer nicht den geraden Weg gehen möchte und dem Reiseführer auf der Wanderung nicht Folge leisten möchte, hat die Freiheit, sich einen anderen Reiseführer auszusuchen. Allerdings muss er wissen, dass er nicht an das endgültige Ziel der Menschheit gelangen wird. Doch im Propheten (s.) haben alle ein „schönes Vorbild“, die das richtige Ziel im Leben haben. Diese führt er dann mit seinen Begleitern (seiner Familie) und dem Reiseplan (dem Quran) zum Berggipfel.

Die Vorbild-Wahl eines jeden Menschen verrät also eindeutig, was für ein Ziel der Mensch in seinem Leben hat. Ebenso verraten auch die Vorbilder einer Gesellschaft deren Ziele und Werte.

Was wollen wir wirklich? Sind wir wirklich Muslime, die auf Gottes Weg streben? Sind wir wirklich Anhänger des Imams, die sich ihn zum Vorbild genommen haben? Um sich selbst zu hinterfragen, bedarf es eines tiefen Insichgehens. Wer ist mein Vorbild? Wie will ich sein? Was will ich gerne haben? Wo sehe ich mich und mein Ziel? Ist die Antwort wirklich nur Imam Chamenei oder ist die Antwort eine Mischung aus einem Milliardär und Imam Chamenei oder, Gott bewahre, nur der YouTube-Star?

Wenn unser aller Vorbild Imam Chamenei wäre, würden wir doch versuchen ihm nachzuahmen. Dennoch laufen wir gleichzeitig jedem neuen Modetrend hinterher. Zerrissene Hosen, die neuesten Nike-Sneaker, enge Jeans, aber auch vielleicht einfach ein Gefühl des Verlangens nach Besitz, Geld, Ruhm oder Macht, selbst wenn dieses noch so klein sein mag.

Imam Chamenei hat kein Bedürfnis, viel Geld anzuhäufen und sich eine Villa auf Mallorca zu kaufen oder ein ruhmvolles Leben zu führen. Ist mein Vorbild wirklich der Imam oder habe ich noch ein kleines zweites Vorbild, das tief in mir da ist? Ein Vorbild, das aus der Kultur der Besitzgier in mein Herz eingeschleust wurde. Ein Vorbild, das mich aufruft nach seiner Lebensgier und Lust zu leben. Oder gibt es sogar in mir ein niederes Ich, das sich selbst zum Vorbild auserkoren hat?

Jeder kann an sich selbst überprüfen und erkennen, wen er sich zum Vorbild genommen hat, er muss nur nach den Antworten folgender und ähnlicher Fragen forschen: Was für Kleidungen trage ich? Wie gehe ich mit dem anvertrauten Gut Allahs um, wie z. B. mit Geld? Was für Musik höre ich? Was sind meine Wünsche und Ziele? Wer will ich werden? Wer sind meine Freunde? Wen suche ich mir zum Ehepartner aus?

Sind meine Interessen und Verhaltensweisen meist nur ausgerichtet auf das Diesseits und auf den „American Dream“, zeigt sich das auch in meinem Vorbild. Wenn es mein Ziel ist, reich zu werden, Ansehen zu erringen und noch ein bisschen ein guter Mensch zu sein, ist mein Vorbild nicht der Imam, auch wenn ich das vielleicht vorgebe. Dann ist es ein Leonardo DiCaprio, Justin Bieber, Elon Musk oder sonst wer.

Ein berühmter Ausspruch sagt: „Zeig mir deine Freunde und ich sag dir, wer du bist.“ Das heißt, auch deine Freunde werden ähnlichen Vorbildern nachahmen wie du. Wenn deine Freunde solche Vorbilder oder überhaupt gar keine Vorbilder haben, dann hast du auch keins! Frag deine Freunde nach ihren Vorbilder, es wird dir viel über dich verraten.

Nun wo liegt denn aber das Problem an einem Justin Bieber? Das Problem liegt scheinbar auf der Hand, doch ist es nicht zu beantworten, bevor man das Lebensziel definiert hat. Denn wenn eines Menschen Lebensziel Reichtum, Berühmtheit und Luxus ist, dann ist Justin Bieber ein sehr gutes Vorbild.

Es ist nicht das Vorbild, das das Problem ist, es ist unser Lebensziel, was wir nicht definiert haben, was uns zu Schwierigkeiten führt. Wer ein klares Lebensziel vor Augen hat, wird das beste Vorbild zu diesem Lebensziel sofort finden.

Unser Lebensziel muss Allah sein. Wer ernsthaft in seinem Herzen sich nach einer ewigen hohen Stufe bei Allah und der Nähe zu den Ahlulbayt (a.) sehnt, wird ohne zu Zögern die Ahlulbayt (a.) und ihren Stellvertreter, Imam Chamenei, zum Vorbild nehmen. Diese Person mit nur diesem einen Ziel wird reinen Herzens dem Imam folgen. Es ist unmöglich für eine solche Person, einem Pop-Star zu folgen, da dies überhaupt nicht mit seinem Lebensziel übereinstimmt.

Andersherum ist es auch unmöglich für eine Person, die Reichtum, Ruhm und Sonstiges will, einen Imam Chamenei zum Vorbild zu nehmen, denn das Ziel bestimmt das Vorbild. Wer sich also „falsche Vorbilder“ genommen hat, hat in erster Linie nicht den Fehler begangen, jemand Sündigem nachzuahmen, denn diese sind passend zu seinem Ziel. Vielmehr liegt das Problem in seinem Lebensziel. Deswegen sagt Allah, dass derjenige, der auf „Gott und den Jüngsten Tag hofft und Gottes viel gedenkt“ [Heiliger Quran 33:21] in dem Propheten (s.) ein schönes Vorbild hat, denn diese Personen haben ihr Ziel klar definiert; und zwar Allah. Dahin kann der Prophet am besten führen.

Unser Problem ist, dass wir in Wirklichkeit unser Ziel nicht ganz verinnerlicht haben. Tief in uns wollen wir doch noch ein wenig Ablenkendes. Erst daraus folgen falsche Vorbilder in uns, die uns von unserem Lebensziel und dem Weg dahin wegführen. Doch es sind nicht nur Personen, die tief in uns schlummern, auch wir selbst sind es. Wir nehmen unser selbst und seine Bedürfnisse zum Vorbild.

Es ist das Vorbild des Ichs, das sich uns aufdrängt. Es will nicht zulassen, dass wir uns ein reines Vorbild nehmen, das auf dem Wege Allahs lebt. Dieses niedere Selbst will nicht, dass du sagst: „Ich will so sein wie Imam Chamenei und ein Gottgläubiger werden.“ Das niedere Selbst will, dass du es als Vorbild nimmst. Es will, dass du dir deine Gelüste, deine Triebe zum Vorbild nimmst.

Es ist ein offensichtlicher Widerspruch, sich seine Triebseele oder andere, die vom Weg wegführen, zum Vorbild zu nehmen, während man dem Imam der Zeit folgt. Genau dieser Widerspruch wird im Herzen eines jeden Menschen als Kampf ausgetragen. Solange dieser Kampf nicht aktiv aufgenommen wird, der Kampf zwischen Wahrheit und Falschheit, kann die Seele keine Ruhe finden und bleibt immer der Gefahr der Niederlage gegenüber den Gelüsten und Irreführungen ausgesetzt. Wenn die Seele es aber schafft, alle Vorbilder, die neben der Wahrheit stehen, auszublenden und zu bekämpfen (egal ob es Zuckerberg, Justin Bieber, Markenträger XY oder auch dein niederes Ich ist), dann wird sie diese Ruhe erlangen. Und dann gilt folgender Vers: „Er ist es, der Seelenfrieden in die Herzen der Gläubigen herabgesandt hat, damit sie in ihrem Glauben noch an Glauben zunehmen“ [Heiliger Quran 48:4].

Der Kampf gegen jegliche Vorbilder in unserem Herzen, die nicht die Ahlulbayt (a.), der Imam oder dessen Stellvertreter sind, ist also für uns essentiell und unumgänglich, um einen reinen Glauben zu erlangen.

Was sagt die Vorbild-Wahl aus über die Gesellschaft?

Hier in Deutschland, aber auch in anderen Staaten in Europa, haben viele Menschen ihr Vorbild verloren, obwohl es in all diesen Staaten eine Führung gibt. Wieso ist die Führung eines Landes nicht gleichzeitig auch dessen Vorbild? Wer in Deutschland sagt, dass sein Vorbild Angela Merkel oder Frank-Walter Steinmeier ist? Wie ist es möglich, dass ein Volk jemanden über sich bestimmen lässt, obwohl es weiß, dass diese Person für niemanden im gesamten Land ein Vorbild ist?

Viele Gesellschaften haben schlichtweg ihr Vorbild und somit ihre innere Führung aus den Augen verloren und kennen keins. Etwas Schlimmeres kann einer Gesellschaft nicht passieren, denn damit ist der Zerfall vorprogrammiert. Auf wen soll die Jugend aufschauen und sagen: So will ich auch werden! An wen sollen sich die Erwachsenen klammern und um Rat bitten? Ja, selbst innerhalb der Familie, die wie eine Zelle der Gesellschaft ist, die das Fundament jeder Gemeinschaft ist, bröckelt alles auseinander. Selbst die Eltern haben ihre Vorbildfunktion heute mehr denn je verloren. Es ist eine Hoffnungslosigkeit, die die Menschen und somit die Gesellschaft zerstören.

Doch ein Vorbild hat man den Gesellschaften im Westen gelassen, falls sich jemand doch nach etwas sehnt, was er anstreben kann: gutes Aussehen, Ruhm, Ansehen, sehr viel Geld, sehr viel Besitz, sehr viel Macht und sehr viel vorgelebter Spaß, also der perfekte Westler. Allgemein lässt sich dieses Phänomen in jeder Gesellschaft, die vom Weg des Gottesglaubens abkommt, erkennen. Das einzige Ziel dieser gottlosen und sündigen Gesellschaft ist nur noch auf das Diesseits ausgerichtet, und dementsprechend sehen die Vorbilder aus, die Hoffnung ist gänzlich ausgestorben und man hat kein Vorbild mehr.

Ohne ein Vorbild hat man nichts mehr, was man anstreben kann oder will. Eine absolute Egalität, Trägheit und Hoffnungslosigkeit durchzieht die Herzen der Menschen. Sie verlieren, obwohl sie teilweise noch in ihren Jugendjahren sind, ihre Jugend, da sie nichts haben, wofür sie ihre Jugend einsetzen könnten. Denn laut Imam Chamenei „ist die jugendliche Natur mit Hoffnung, Innovation, Offenheit, Risikobereitschaft und Unermüdlichkeit verbunden“[1]. Doch ohne ein Vorbild gehen jegliche jugendliche Eigenschaften verloren. Hiervor müssen wir uns in Acht nehmen, denn der Anfang hin zu einem falschen Vorbild ist im niederen Selbst bei uns allen angelegt und insbesondere die Jugend muss vor einer Hoffnungslosigkeit durch Vorbildlosigkeit bewahrt werden.

Folgt die Gottlosigkeit einer Gesellschaft aus dieser Art der Vorbild-Wahl oder die Vorbild-Wahl aus der Gottlosigkeit einer Gesellschaft? Letztendlich ist es beides. Doch um eine Gesellschaft, wie die Westliche zu verderben, reichte es, der Bevölkerung ihr Vorbild zu nehmen. Den Menschen wurde ihr Vorbild, ihre Führung, ihr Imam genommen und wenn man ihr eins gelassen hat, ist es ein Vorbild, das vom Wesentlichen ablenkt und zum Ausleben der Gelüste führt. Nur so konnte man die Menschen in den westlichen Zivilisationen gottlos und gleichgültig gegenüber jedem Unrecht machen. Das, was wir an den aktuellen Protesten in den USA bemängeln, ist die fehlende Führung, der fehlende Vorreiter, das Vorbild.

Wo ist Malcolm X, wo ist Martin Luther King? Wo sind die, unter deren Flaggen und Parolen sich Menschen vereint haben, um der Spaltung entgegenzutreten? Wo sind diese Menschen, die der Jugend zu Aktivität und Revolutionsgeist verholfen haben und ein wahres Vorbild waren? Sie wurden den hiesigen Bevölkerungen genommen. Um die Schafe auseinander zu treiben und zu reißen, musst du ihnen den Hirten wegnehmen. Denn eine Gruppe ohne ein Vorbild ist eine Gruppe ohne Hoffnung in die Zukunft. Es braucht immer dieses Vorbild, das das Optimum der Zeit vorlebt und somit automatisch die Führung übernimmt.

Fragt man einen Deutschen, ob Merkel sein Vorbild ist, wird er nur lachen. Es ist aber eigentlich zum Weinen. Wie kann deine Führung einer der größten Verbrecher deiner Gesellschaft sein? Die Jugend in den westlichen Zivilisationen sieht sich einer gewissen Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit ausgesetzt. Sie kennen schlichtweg niemanden, der das vorlebt, wonach sie sich, tief in ihrem inneren am meisten dürsten.

Es ist wirklich offensichtlich: In Merkel, Trump, Obama, aber auch Zuckerberg, Gates, Elon Musk und wie sie nicht alle heißen, haben die Menschen ein schlechtes Vorbild. Warum? Weil sie leben millionenfachen Mord, Unterdrückung, Heuchelei, Gier nach Leben und Besitz vor. Wer ein heuchlerischer Mörder werden will, hat in diesen Personen gute Vorbilder. Aber wer von einer menschlichen Perspektive ein „schönes Vorbild“ haben möchte, der muss woanders suchen.

Wer ist das Vorbild, das gegen diese Pharaonen ankämpft und der Unterdrückung standhält? Wer ist derjenige, der unter der Führung der Parole „niemals Unterdrückung“ die Massen mobilisiert? Wer ist derjenige, der etliche edle Charaktereigenschaften in sich vereint und dessen Gesicht Wahrhaftigkeit und Edelmut ausstrahlt? Wer Imam Chamenei nicht erkannt hat, hat seine Zeit wirklich überhaupt nicht verstanden. Die beiden Fronten, und wofür sich diese einsetzen, sind doch so klar!

Wir als muslimische Weltgemeinde dürfen nicht zulassen, dass man uns unser Vorbild nimmt. Dieser Kampf beginnt bei jedem Einzelnen im Herzen. Damit dies nicht passiert, müssen wir unser Herz frei machen von anderen Vorbildern, selbst wenn es unser selbst ist. Lasst uns unsere Herzen befreien von allem, was nicht die Wahrheit ist.

Oder besser ausgedrückt in den Worten des Imams: „Der unheilvolle Materialismus der westlichen Welt trennt die Verbindung des Menschen mit Gott. Diese Abtrennung ist der Grund für ihren spirituellen Niedergang und für ihre vielen unmoralischen Entscheidungen, für die Verwirrung und Hoffnungslosigkeit ihrer Jugend und für den täglich zu beobachtenden Niedergang der Westlichen Zivilisation“.[2]


  1. https://offenkundiges.de/imam-chamenei-das-wichtigste-und-hochste-ideal-ist-die-errichtung-einer-islamischen-zivilisation/ ↩︎

  2. https://offenkundiges.de/starkt-eure-verbindung-mit-gott-imam-chameneis-rede-zum-taklif-fest/ ↩︎