Mein Name ist Ismail Schabi, 23 Jahre, Student der Informatik – und Serienjunkie.

Alles begann vor zwei Jahren, als ich einen Artikel über die Serie Game of Thrones las. Typisch amerikanisches Trash‑TV, dachte ich. Der Autor schrieb wie ein Werbetexter: einmaliges mittelalterliches Flair verbunden mit Magie, realisiert mit ausdrucksstarken Schauspielern. Und der Clou: Die Serie opferte hemmungslos ihre Hauptfiguren, gleich wie beliebt sie waren, und unterstellte alles der Storyline, die von Sex- und Gewaltszenen geprägt war. Das zog mich nicht an. Aber die Berichte häuften sich. Bald schon las ich ganze Episodenbeschreibungen im Spiegel; der Kopf von Boromir aus Herr der Ringe wurde auf einen Speer aufgespießt, Sohn und Tochter des Herrschers teilten sich das Bett, ein querschnittsgelähmter Waisenjunge erforschte seine Fähigkeit des Hellsehens und eine notorisch nackte Prinzessin war feuerfester als Asbest. Klang interessant. Was konnte es schaden, in die erste Folge reinzuschauen, war schließlich kostenlos; KinoX und Movie4k halfen weiter.

Die bisher ausgestrahlten sechs Staffeln habe ich aufgesogen, leider erscheint die siebte Staffel erst im Sommer. Aber inzwischen habe ich auch viele andere Serien geprüft, es sind wirklich gute dabei: The Walking Dead, Vikings, The Blacklist, The Big Bang Theory, The Flash, The 100, Dexter. Und noch etliche weitere, die mich aber nach wenigen Episoden gelangweilt haben. Die Top-Serien dagegen bestechen durch ihre Kreativität, kostspielige Ausführung, Special-Effects – einfach genial. Die Story stimmt und man kann viel lernen: Geschichte, Technologie, soziale Spannungen, die Entwicklung des Individuums. So kommen Freizeit und Bildung zusammen.

Als Informatiker verhehle ich euch meinen Zeiteinsatz nicht, der ist schnell ausgerechnet: Sieben Serien, bestehend aus durchschnittlich siebzig Episoden à 45 Minuten, das ergibt gut 22.000 Minuten, 367 Stunden oder 15 Tage – umgerechnet sind das ca. 10 Creditpoints. Aber die Serien haben mehr Tiefgang als die Vorlesung zu Technischer Informatik.

Ich bin mir über die Kehrseite im Klaren: Die Serien vermitteln manche Werte, die fragwürdig sind. Neben Heldentum und Opferbereitschaft, Nächstenliebe und Führungsstärke gehören sadistische Gewalt und die ständigen Sexszenen zum Programm. Letztere kann man ja überspringen. Man gewöhnt sich, ist nicht weiter schlimm. Im KiKa gibt es inzwischen explizitere Aufklärungssendungen. Ich bin aber stolz, sagen zu können, dass mich die Indoktrination durch die Schwulenszenen immer noch anwidert. Da haben sie bei mir keine Chance. Meine islamischen Werte stehen felsenfest. Ich hole mir nur das Gute und den Spaß, lasse das Verdorbene beiseite.

Manchmal schaue ich wirklich zu viel; noch eine Episode und noch eine. Eine letzte, bevor ich den Übungszettel bearbeite. Und zur Belohnung eine danach. Klar könnte ich mir auch anders die Zeit vertreiben oder früher schlafen gehen. Aber es gehört zu den islamischen Empfehlungen, sich im Alltag einen Rahmen zur Entspannung zu schaffen. Außerdem ist es wertvoll, wenn man die Methoden von Hollywood kennt, den Menschen Werte unterzujubeln. Und an der Uni kann man mitreden.

Als sich vor einigen Wochen ein Gefühl der Leere einstellte, erkundigte ich mich nach Alternativen. Vielleicht mal meinem Vater im Garten zur Hand gehen oder mit meinem kleinen Bruder spielen? Bei meinen Recherchen stieß ich auf etwas Besseres: islamische Serien! Nach wenigen Episoden wurde mir klar, warum in der Moschee alle Jugendlichen von Game of Thrones reden und nicht von Muchtar al‑Thaqafi oder Imam Ridha: Die Serien sind furchtbar langweilig. Ewiges Gelaber, billig gemacht, C‑Movies. Da müssen die muslimischen Regisseure noch einiges lernen. Vielleicht steige ich nach meinem Studium in die Branche ein. Dazu muss ich aber noch mehr übers Metier in Erfahrung bringen. Also springe ich über meinen Schatten und versuche es mit Frauenserien. Grey’s Anatomy, ich komme.

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