Individuum, Gesellschaft

Über Atome, Japaner, Moleküle und Schiiten

Die Forschung hat etliche Werke hervorgebracht, die analysieren, erklären und berechnen, was der Menschheit guttut und was nicht. Gleichzeitig ist aber die Welt so komplex, dass niemand heute eine verlässliche Prognose für die wirtschaftliche und politische Entwicklung auch nur der nächsten zwölf Monate eines einzigen Landes liefern kann. Wenn wir aber so hoffnungslos und passiv dem Wandel der Welt unterliegen, lohnt es sich dann für uns Muslime, Visionen für die nächsten Jahrzehnte zu schmieden? Die Antwort darauf führt uns über die Teilchenphysik nach Fernost und schließlich zu Imam Mahdi.

Die Japaner und die Atome

Sowohl Japaner als auch deutsche Muslime bestehen, zumindest körperlich, aus Atomen. Erstmal keine große Erkenntnis, zumindest keine neue. Wer im Chemie- und Physikunterricht ein wenig aufgepasst hat, für den ist ebenfalls nicht neu, dass mehrere verbundene Atome Moleküle bilden, aus denen wiederum die Stoffe bestehen, mit denen wir täglich in Berührung kommen. Aus einzelnen Atomen, die sich auf verschiedene Arten und in verschiedenen Mengen strukturell mit anderen Atomen verbinden, entsteht etwas völlig Neues. Klassisches Beispiel: Aus zwei Wasserstoffatomen und einem Sauerstoffatom, die wir beide unter für uns normalen Umständen als Gase kennen, entsteht ein Wassermolekül. Fügen wir dem noch ein paar weitere Elementarteilchen zu, vor allem eine großzügige Portion Kohlenstoffatome, dann haben wir die Hauptbestandteile des Menschen zusammen. Aber damit haben wir zugegebenermaßen erstmal weder einen deutschen Muslim noch einen Japaner erschaffen.

Japaner sind bekannt dafür, äußerst höfliche und freundliche Menschen zu sein. Sie sind sowohl in der Geschäftswelt als auch im Alltag nicht aufdringlich und dennoch serviceorientiert. Trotz dicht besiedelter Megastädte wie Tokio mit seinen überfüllten U-Bahnen leben Japaner nicht in einer Ellenbogengesellschaft. Schwer vorstellbar für einen Deutschen: Auch in Staus und Baustellen hupen und schimpfen die Autofahrer in Tokio, Kyoto und Kobe nicht. Sie sind weitestgehend ordentlich, arbeiten fleißig und gewissenhaft und gelten als sehr loyale Menschen.

Sicher haben nicht alle Japaner eine moralisch weiße Weste. Doch entfaltet die Tugendhaftigkeit, die Muslime als Achlaq bezeichnen, eines jeden einzelnen Japaners in der großen Menge eine ungeheure Kraft. Die Verlässlichkeit, die Loyalität und der Fleiß machen aus der Inselnation eine der produktivsten Nationen der Welt, sowohl pro Kopf betrachtet als auch gesamtvolkswirtschaftlich. In vielen Lebensbereichen zahlt sich die Lebensweise des Einzelnen, sprich seine Moral, für die Gesamtheit der Bevölkerung aus. Weil beispielsweise jeder, auch Top‑Führungskräfte[1], sich nicht zu schade sind, ein versehentlich – absichtlich geschieht das in Japan in der Regel nicht – auf den Boden gefallenes Taschentuch aufzuheben, genießen alle Japaner eine saubere Umgebung.

Oder die Pünktlichkeit: Wenn Japan das Land der aufgehenden Sonne ist, wie es sich selbst bezeichnet, dann liegt es auch daran, dass die Sonne von den Abermillionen pünktlichen Japanern angetrieben wird. Die Verspätung aller japanischen Schinkansen-Hochgeschwindigkeitszüge zusammengerechnet beträgt pro Tag fünf Minuten, während ein einziger ICE mit fünf Minuten Verspätung in Deutschland noch als pünktlich durchgeht. Das hat zwar auch technische Gründe, es erfordert aber ein Mindestmaß an Gewissenhaftigkeit und auch an Vertrauen innerhalb einer Gesellschaft, um solche kostspieligen Techniken umzusetzen.

Ein koranisches Prinzip

Einige erinnern sich vielleicht, wie sich nach der Fukuschima-Katastrophe hunderte Meter lange geordnete Menschenschlangen zu den Versorgungspunkten im betroffenen Krisengebiet bildeten. In meinem Geburtsland Libanon bin ich dagegen froh, wenn ich als zweiter von vier Gästen im Schawarma-Imbiss nicht als vierter an die Reihe komme. Welche Moral bringt insgesamt zufriedenere Menschen hervor? Im libanesischen Beispiel werden einzelne Individuen auf Kosten der Gemeinschaft glücklicher, in Japan treten alle der Gemeinschaft zuliebe von ihren eigenen Interessen zurück und profitieren am Ende als Gemeinschaft davon. Ein Gefangenendilemma, in dem die Japaner den Test bestehen und die Libanesen, zumindest die hungrigen aus dem Schawarma-Imbiss, nicht.

Die Liste der Vorteile, die für die Gesellschaft durch die Moral des Einzelnen entspringen, ließe sich noch lange weiterführen, ebenso die Liste der gesellschaftlichen Nachteile, die moralische Verwerflichkeit der Einzelnen bewirken kann.

Ein bekannter koranischer Vers besagt: „Gott verändert nicht den Zustand eines Volkes, bis sie selbst ihren eigenen Zustand verändern.“(13:11)

Der Vers konkretisiert an dieser Stelle, zumindest gemäß meinen beschränkten Einblicken in das Heilige Buch, nicht das Ausmaß und die Qualität der erforderlichen Änderung, die ein Volk umsetzen muss, damit ihr Zustand sich ändert. Und die Auswirkungen lassen sich auch nur schwer vorhersagen. Entwickelt die Gesellschaft nur einen moralischen Aspekt weiter, z. B. einen stärkeren Hang zur Ehrlichkeit, kann es sein, dass sich daraus eine wirtschaftliche Dynamik entwickelt, die über kurz oder lang zu politischer Stabilität, Unabhängigkeit und Stärke führt. Steigt die Spendenfreudigkeit einer Gesellschaft, so erhöht dies das körperliche Wohlbefinden und die Langlebigkeit nicht nur der armen Menschen, die Spenden empfangen, sondern es steigert auch die spirituelle Kraft der ganzen Nation. Kleine Änderungen zum Guten hin erwirken selbst dann noch Positives, wenn wir Menschen die Zusammenhänge nicht mehr sehen.

Um wieder auf die Atome, die Moleküle und die Elemente zurückzukommen: Ändern wir die Struktur und die Einstellung von den vielen Kleinstteilchen ein und desselben Elements, dann kann das, wie z. B. beim Kohlenstoff, darüber entscheiden, ob ich am Ende einen edlen, glanzvollen Diamanten in der Hand halte oder einfach nur schmutzigen Ruß. Wir Menschen, die wie eingangs erwähnt ebenfalls zu einem großen Teil aus Kohlenstoff bestehen, funktionieren ähnlich. Unsere Elementarteilchen als Gesellschaft sind nicht Atome, sondern die Entscheidungen für das moralisch Gute oder moralisch Verwerfliche, die zu einer gesunden, solidarischen, starken und unabhängigen Gesellschaft oder zu Gegenteiligem führen. Umgekehrt verursachen gemäß Imam Chamenei negative Werte, wie etwa eine pervertierte Sexualmoral, sobald sie sich in einer Gesellschaft wie dem Westen systematisch etablieren, langfristig immense Schäden für die gesamte Gemeinschaft.

Brauchen wir eine große Masse, um die Gesellschaft zu verändern?

Als gesichert gilt zwar, dass wir als muslimische Gemeinschaft gemäß dem Vorbild Muhammads und den Reinen seiner Nachkommenschaft in unserer Gesellschaft als Vorbilder voranschreiten sollen, sind sie uns doch von Gott als die Vervollkommnung der Moral geschenkt worden – aber reicht das, um unsere Gesellschaft zu verändern? Können wir als muslimische Minderheit überhaupt so viel bewirken, dass sich das große Ganze ändert? Und selbst wenn wir könnten, Hand aufs Herz, handelt nicht ein großer Teil von uns weniger gemäß prophetischer Lehre als manch ein Nichtmuslim in Deutschland?

Ich denke, das ist in mehrfacher Hinsicht der falsche Ansatz. Den ersten und offensichtlicheren Knackpunkt betont der bekannte deutsche Schiit Dr. Yavuz Özoguz immer wieder in seinen Artikeln: Selbst wenn wir die Welt nicht befreien können, so können wir doch zumindest einen Menschen retten, nämlich uns selbst. Und das ist, wie uns der Koran lehrt, als hätten wir die ganze Menschheit gerettet. Nein, wir sollten weder in der Gesellschaft noch im spirituellen Sinne Minderwertigkeitskomplexe haben und denken, dass wir selbst wertlos und entsprechend irrelevant seien. Wir haben nicht nur einen Teil, sondern die ganze Welt gerettet, indem wir uns selbst in Richtung der prophetischen Moral bewegen.

Einer der wichtigen Schritte auf diesem Weg der Selbstbefreiung ist das Abwerfen des eigenen Egos. Denn Selbstbefreiung heißt keineswegs, dass wir ausschließlich auf unser eigenes Seelenheil fokussiert als Einzelkämpfer durch die Welt zu irren haben. Insbesondere ein muslimisches Umfeld, das nicht unseren Vorstellungen entspricht, darf uns nicht zu dem Trugschluss verleiten, dass der individuelle Weg der bessere sei. In etlichen Koransuren werden wir Muslime im Plural aufgerufen, auch ganz explizit, wenn es um unseren Einsatz als Gemeinschaft geht: „O ihr, die ihr glaubt, seid geduldig und miteinander standhaft und einsatzbereit.“ [3:200]

Auch erbeten wir von Allah in der meistrezitierten Koransure, die zugleich auch unser meistrezitiertes Bittgebet ist, um Rechtleitung als Gemeinschaft: „Führe uns den geraden Weg“ [1:6] und nicht „Führe mich den geraden Weg“.

Und dennoch beginnt dieser Weg für jeden Einzelnen von uns bei einem selbst. Und flüstern uns die Menschen und Satane ein, dass wir selbst doch nichts bewirken könnten, dann hat uns Gott in die Beschaffenheit der Elementarteilchen ein Zeichen gesetzt, das uns verdeutlicht, dass jeder Einzelne von uns das Potenzial hat, die Welt aus den Angeln zu heben. Die Änderung nur eines Elektrons in einem Atom kann aus einer Flüssigkeit einen Feststoff machen, ein Atom entscheidet darüber, ob ein Gas als lebenswichtiger Sauerstoff (O2) oder erstickendes Kohlenstoffdioxid (CO2) existiert. Einzelne Moleküle in unserer DNA entscheiden darüber, ob wir gesund und abwehrstark oder krank und anfällig sind.

Es gibt sowohl in der materiellen wie auch in der sozialen und der metaphysischen Welt Auswirkungen und Zusammenhänge, von denen wir nicht die geringste Ahnung haben. Und so kann eine Entscheidung von einem noch so scheinbar unbedeutenden Individuum unter uns über Schmach oder Ehre, Heil oder Verdammnis, Tod oder Leben von Millionen von uns entscheiden.

Ja, die Änderung eines Einzelnen, nicht vieler Individuen, sondern eines Einzelnen, kann die ganze Welt aus den Angeln heben. Der Prophet Abraham war in seiner verdorbenen Gesellschaft als Individuum eine Umma, eine umfassende Gemeinde, aus der etliche Propheten und auch die Krone der Schöpfung, der Gesandte Gottes Muhammad, hervorgingen. Der von ihm eingeschlagene Weg der göttlichen Moral wurde von den Reinen seiner Familie für die Menschheit weitergetragen, auch wenn viele Muslime, Sunniten wie Schiiten, bis heute Probleme haben, dem zu folgen.

Und insbesondere wir Schiiten, die vom lebenden Vorbild der Vervollkommnung, nämlich Imam Mahdi – möge seine Rückkehr bald eintreten – überzeugt sind, stehen in der Pflicht, uns individuell und als Gemeinschaft weiterzuentwickeln. Denn wir, jeder Einzelne von uns, haben es in der Hand, ob wir unserem Imam bei seiner Rückkehr eine Gesellschaft übergeben, die so schmutzig ist wie Ruß oder eine, die glänzt wie ein Diamant.


  1. https://folio.nzz.ch/2006/september/punktlich-sauber-schweineteuer ↩︎


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Mahmoud Ayad

Marktforscher / E-Mail: mahmoud.ayad@offenkundiges.de