„Was aber bei Gott ist, ist besser und hat eher Bestand für die, die glauben und auf ihren Herrn vertrauen (…) und die ihre Angelegenheiten durch Beratung regeln (…)“ (Heiliger Quran, 42:36–38)

Ahmad schreibt einen Artikel über Nationalismus unter Schiiten. Er teilt ordentlich aus, vor allem gegen Libanesen, Türken und Iraker – die sind bekanntlich am stärksten betroffen. An kontroversen Vergleichen und spannenden Wendungen mangelt es nicht. Seine Schreibe wird die Gemeinde ins Mark treffen. Als er sie gerade veröffentlichen will, kommt ihm der Gedanke, den Inhalt mit anderen Geschwistern abzustimmen.

Erstes Szenario: Ahmad ignoriert seinen Einfall. Er weiß, wie man schreibt. Der Artikel liest sich blendend. Raus damit! Die Leser springen an: Diskussionen, Wortgefechte, tausende Kommentare in Facebook. Ahmad lehnt sich zufrieden zurück. Als sein Werk auch nach drei Tagen für erhitzte Gemüter sorgt, fragt er sich insgeheim, ob er sein Ziel verfehlt hat.

Zweites Szenario: Ahmad befragt erfahrene Geschwister, legt ihnen den Artikel vor, bittet um Rückmeldungen und Verbesserungsvorschläge. Die beraten ihn sachlich und kompetent. Er setzt viele Vorschläge um, überarbeitet seinen Text, lässt ihn anschließend einige Tage liegen, bevor er ihn veröffentlicht. Zwar provoziert der Text nicht genug, um Kommentarschlachten auszulösen, aber er hat Hand und Fuß und erreicht die Leser, denen er helfen kann.

Ahmad steht nicht nur stellvertretend für jeden Einzelnen von uns, sondern auch für unsere Gruppen und Gemeinden. Bei vielen Aktivitäten stehen wir vor derselben Wahl wie Ahmad. Und wir entscheiden uns üblicherweise für das erste Szenario, obwohl Gott, unser Verstand und unsere Erfahrung uns dringend zu Szenario zwei raten. Warum? Was spricht dagegen, sich mit anderen zu beraten?

1. Das Ich-Meister-Syndrom: Ich bin die unangefochtene Kapazität. Mein Handeln definiert das Ideal. In meinem Netzwerk gibt es niemanden, der mir helfen könnte, denn was will der Meister mit dem Rat des Schülers?

Sogar wenn das zutreffen sollte – und fast immer trifft es nicht zu! –, kann eben doch der Meister um Vorschläge von Schülern ersuchen. Ein Meister, der sich nie berät, ist keiner.

2. Das Mein-Baby-Syndrom: Das ist mein Text, meine Veranstaltung, mein Buch, mein Verein, meine Firma, meine Kindererziehung. Niemand hat da mitzureden. Es ist perfekt! Ich will nicht, dass mir jemand meine Illusion zerstört.

Soll unser Baby nur unseren Narzissmus befriedigen? In dem Fall dürfen wir es tatsächlich niemandem zeigen und sollten es auch selbst schleunigst vergessen.

3. Das Ratschläge-Hass-Syndrom: Ich weiß, dass mich jemand beraten könnte. Das Problem ist nur, dass ich es hasse, Ratschläge zu erhalten. Denn dadurch sagt mir der Ratende: Ich weiß es besser als du, dein Projekt ist noch nicht vollkommen. Damit komme ich nicht zurecht. Daher halte ich es für geeigneter, auf Ratschläge zu verzichten, statt einen Streit vom Zaun zu brechen und Antipathien untereinander zu erzeugen.

Falsche Schlussfolgerung! Besser ist, wir überwinden unseren Stolz. Damit heben wir unser Vorhaben und unsere Beziehungen zu den Geschwistern auf eine höhere Ebene.

4. Das Keine-Zeit-Syndrom: Es dauert zu lange, einen Ratschlag einzuholen. Die Veranstaltung muss sofort geplant werden, denn ich konnte nicht Monate im Voraus wissen, dass schon am kommenden Wochenende Eid-ul-Ghadir hereinbrechen würde. Jetzt aber schnell!

Eile, die eine umfassende Beratung verhindert, kann geboten sein. Meistens ist sie selbstverschuldet. In jedem Fall müssen wir uns vergewissern, dass wir uns nicht selbst betrügen, in dem wir die Zeitnot vorschieben, um keinen Rat einzuholen.

5. Das Super-Geheim-Syndrom: Das Projekt erfordert höchste Geheimhaltung! Niemand darf davon erfahren. Nicht, dass etwas durchsickert.

Wirklich wahr? Retten wir als selbsterklärte Geheimagenten die Welt? – Unsinn. Und wenn wir in einen der raren Umstände involviert sind, die Vertraulichkeit erfordern, dann stellt sich die Frage nicht, wer als Berater infrage kommt und wer nicht.

Jeder von uns kennt die Leute, von denen er sich Rat einholen kann. Nur wenige Mittel wirken so einfach und effizient. Beratschlagen wir uns!

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