Islamfeindlichkeit, Gesellschaft

Staatliches Mobbing von Muslimen: Wie Deutschland an seinen Problemen vorbeiregiert wird

Rente? Gesichert. Bildung? Deutschlands Schüler sind Überflieger. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse? Vergangenheit. Klimawandel? Aufgehalten. Flughafen BER? Startklar. Kinderarmut? Nur in Afrika. Kurz: Wir haben keine Probleme mehr in Deutschland, unsere Regierung hat alle gelöst.

Und weil das so ist, müssen neue Probleme erfunden werden, um stets eine Legitimierung zu haben, Machtpositionen halten zu können. Wer eignet sich da besser als Sündenbock – für was auch immer – als der Islam und die Muslime?

Neuerdings geraten wieder muslimische Kinder in den Fokus, als Opfer von Zwang und als Täter in Sachen „religiösem Mobbing“. Opfer des Mobbings sind offenbar jüdische Mitschüler, was in Medien und Politik zu außerordentlicher Aufmerksamkeit und scharfen Verurteilungen geführt hat. Dass muslimische Schüler seit Jahrzehnten ebenfalls auf heftigste Art und Weise von Mitschülern und Lehrern gemobbt werden, interessiert dieselben Politiker und Journalisten allenfalls am Rande.

Kopftuchverbot für Schülerinnen

Das Bundesland Nordrhein-Westfalen setzt jetzt noch einen drauf: Es bringt sich als staatlicher Mobber muslimischer Schülerinnen in die Debatte ein. Keine zwei Tage waren vergangen, nachdem die rechtsgerichtete Regierung Österreichs angekündigt hatte, in Grundschulen und Kitas künftig das muslimische Kopftuch verbieten zu wollen, als der selbstverständlich viel weniger rechts gerichtete deutsche Integrationsminister von NRW über mögliche Pläne sprach, in seinem Bundesland das Kopftuch an Schulen für Mädchen unter vierzehn Jahren zu verbieten. Gibt es schlimmeres Mobbing als von staatlicher Seite?

Was wird als Grund angegeben? Seine überintegrierte Staatssekretärin türkischer Herkunft erklärt es: Wer kleine Mädchen in ein Kopftuch zwänge, der sexualisiere sie. Das sei pervers. Ihre eigene Mutter trage zwar auch ein Kopftuch, aber die habe sich als Erwachsene dafür entschieden.

Für diese Leute ist Frühsexualisierung nicht pervers, die Ehe für alle ebenfalls nicht. Das alles sei in Ordnung und gehöre zu einer freiheitlichen Gesellschaft. Wenn Eltern ihren Kindern aber Werte vermitteln, nach denen es erstrebenswert ist, das Ausleben von Sexualität für die Ehe vorzubehalten – das ist pervers. Verkehrte Welt.

Wo ist da das Erziehungsrecht der Eltern hin? Gar die Freiheit der religiösen Erziehung? Für Muslime wohl abhanden gekommen. Die ganze Menschheit darf ihre Kinder nach ihrem Gutdünken erziehen, nach ihrer Gesinnung, ihren Vorstellungen von Gut und Böse. Muslime auch? Nein. Muslime erziehen nicht, Muslime zwingen, so das Credo. Und dem muss man entgegentreten. Womit? Natürlich mit Gegenzwang. Wird irgendjemand eine dreizehnjährige muslimische Schülerin nach ihrer Meinung fragen? Mit Sicherheit nicht. Oder gar eine zwölfjährige? Man sollte meinen, deutsche Politiker würden ihre eigenen Gesetze kennen, aber wenn diese offensichtlich auf ihre eigene Verfassung pfeifen, dann kann man nicht erwarten, dass sie ihre Gesetze kennen oder gar respektieren. Wäre dies der Fall, wüssten sie, dass Kinder die Freiheit zum religiösen Bekenntnis bereits mit dem Alter von zwölf Jahren erreichen.

Aber geht es wirklich um die Mädchen, um Moral, um Erziehung, Zwang oder um ein Kopftuch?

Staatlicher Feldzug gegen den Islam

Nein, darum geht es nicht. Es geht um den Islam, der aus Sicht vieler Politiker und Publizisten kein Teil Deutschlands ist. Dieser neue Vorschlag, der in seiner Form in eklatanter Weise jegliches Erziehungsrecht der Eltern mit Füßen tritt, die Religions- und Glaubensfreiheit von Eltern und Kindern auf übelste Art und Weise missachtet, und zusätzlich noch das Recht auf Bildung der Schülerinnen aufs Spiel setzt, ist Teil der andauernden Unterdrückung mit dem einen Ziel: Bekämpfung und Abschaffung des Islams. Islamische Werte und Normen, Vorstellungen von Moral, Regeln und Lebensmodelle sollen in Deutschland nicht länger Platz haben. Sie müssen weg. Sie stören. Muslime aber können, unter der Bedingung, dass sie genau diesen Islam ablegen, bleiben. Das ist die Quintessenz der Aussage: Der Islam gehört nicht zu Deutschland, die Muslime, die hier leben, aber schon.

Muslime sollen komplett säkularisiert werden, so wie man es mit den Christen machte, sodass am Ende kein Muslim mehr weiß, warum man eigentlich ein Ramadan-Fest begeht, weil niemand mehr wirklich fastet, oder was eigentlich das Opferfest anderes ist als eine ausgiebige Grillfeier, zu der Schäfchen vielleicht noch Eier legen.

Aber nicht nur die Muslime sind das Ziel. Religiöse Menschen und die Religions- und Erziehungsfreiheit im Allgemeinen sind das Ziel der Angriffe. Eltern, auch nichtmuslimische, werden ohnehin mehr und mehr bevormundet. Dies soll im Eiltempo vorangetrieben werden. Muslime sind in dieser Hinsicht wohl auch Versuchskaninchen.

Was wir jetzt tun müssen

Wir Muslime sind jetzt gefragt. Wiederholt sich an uns das französische Modell oder sind wir in der Lage, eine solche Gesetzgebung effektiv zu verhindern? Sind wir in der Lage, als Einheit zu agieren und diesem diskriminierenden Spuk ein Ende zu setzen? Oder werden wir uns in internen Kleinkriegen zerfetzen, sodass der Staat zum wiederholten Male leichtes Spiel an uns hat? Werden sich wieder einige Wichtigtuer aus unseren Reihen dem Mobbing anbiedern und den Muslimen einreden, es gehöre zur Integration, dass man sich auch an solche verfassungswidrigen Gesetze halte? Wird man uns einzureden versuchen, das sei alles nicht so dramatisch, die religiösen Vorschriften seien weit auslegbar, es handele sich um eine Ausnahmesituation und wem es nicht passe, der könne ja auswandern? Und wohin wandern Muslime ohne Migrationshintergrund aus, geschweige denn Muslime, die hier komplett verwurzelt sind?

Gegen ein solches Gesetz vorzugehen, nachdem es bereits eingeführt wurde, ist, wenn auch möglich, eindeutig zu spät. Wir müssen jetzt handeln, jetzt aktiv werden, zu einem Zeitpunkt, da das geplante Gesetz offenbar noch eine wirre Idee einiger selbsternannter Retter freiheitlicher Werte ist. Dieses staatliche organisierte Mobbing muss ein Ende haben. Jetzt ist für uns Muslime die beste Gelegenheit, uns selbst und nichtmuslimische Mitbürger zu mobilisieren. Auch damit in Deutschland wieder nach Lösungen für die wahren Probleme im Land gesucht wird.


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Ali Chaukair

Rechtsanwalt / E-Mail: ali.chaukair@offenkundiges.de