Im Sommer und Herbst 2015 kamen viele Flüchtlinge nach Deutschland und somit in unsere Stadt Delmenhorst, vor allem aus Syrien und Afghanistan, aber auch aus anderen Ländern. Es herrschte ein Klima der Willkommenskultur. Sehr viele Leute engagierten sich oder nutzten die Gelegenheit, ihre Kleiderschränke auszumisten, und das noch mit einem guten Gewissen. Flüchtlingen zu helfen war „in“.

Aber die anfängliche Euphorie bekam bald erste Risse. So entstanden heiße Diskussionen, vor allem in Internetforen und sozialen Netzwerken, über die Fluchtursachen und deren Bekämpfung. Oft genug äußerten Bürger, darunter leider viele Muslime, ihre Sorgen um Wohlstand und Überfremdung. Diese Besorgnis artete häufig in Hetze aus. Interessanterweise nicht selten vonseiten jener Muslime, deren Eltern einst vor Kriegen nach Deutschland geflohen waren.

Ich wollte mich nicht allein in solchen Internet-Diskussionen für Flüchtlinge engagieren, sondern auch im realen Leben. Weil in großer Mehrheit Muslime zu uns kamen und noch kommen, denke ich, dass vor allem Muslime in der Verantwortung stehen, ihren Geschwistern so gut wie möglich beizustehen.

Der Erstkontakt

Ende November 2015 erhielt ich die Gelegenheit. Eine Aktivistin einer lokalen Hilfsorganisation in Delmenhorst schrieb mich an, es sei gerade eine syrische Familie angekommen, die kaum Englisch und erst recht kein Deutsch spricht. Nun hatte ich mal ein Jahr Arabisch an der Uni studiert und meine Kenntnisse anschließend im Selbststudium ausgebaut. Sprechpraxis hatte ich jedoch so gut wie keine, schon gar nicht in einem Dialekt. Ich zweifelte anfangs, ob ich dieser Sache gewachsen sein würde. Dennoch wollte ich die Familie wenigstens mal kennenlernen, also besuchte ich sie mit der Flüchtlingsaktivistin. Wir klingelten, und es öffnete eine kleine, freundlich lächelnde Frau um die fünfzig Jahre und bat uns herein. In der kleinen Zweizimmerwohnung waren außerdem noch zwei junge Männer, der eine war ihr Sohn, der andere ein anderer Verwandter. Ich stellte mich vor und auch sie erzählten etwas von sich. Die Verständigung klappte besser, als ich erwartet hatte, wenn auch etwas holprig. Sie kamen sehr schnell auf ihre beiden Hauptanliegen zu sprechen. Das eine war ein Sprachkurs, das andere die Familienzusammenführung. Leider war es Sonntagabend, da konnte ich nicht mehr viel tun, aber gleich am nächsten Morgen erkundigte ich mich schnell nach einem Sprachkurs für Flüchtlinge und wurde fündig. Er war gedacht für jene, die noch keinen offiziellen Integrationskurs machen durften, weil sie noch keine Aufenthaltserlaubnis hatten.

Bald kam dann eins zum anderen, denn nach Erhalt der Aufenthaltserlaubnis sind viele Behördengänge zu erledigen und verschiedene Anträge zu stellen, u. a. beim Jobcenter und bei der Krankenkasse usw. Eine ziemliche Lauferei, und das Wort Papierkrieg ist hier wirklich nicht übertrieben.

Bald kamen andere Flüchtlinge hinzu, die ebenfalls Hilfe benötigten, alles Syrer, und ich tat mein Möglichstes. Es gibt zwar eine Menge Organisationen, die Flüchtlingen bei Behördengängen und ähnlichem helfen, aber der Bedarf ist zu groß, als dass das bestehende Angebot ausreichen könnte. So ist z. B. nicht immer jemand da, der eine Frau zur Frauenärztin begleiten kann. Wenn sie Pech hat, ist gerade nur ein männlicher Übersetzer verfügbar. Das ist für die Patientin wie für den Übersetzer natürlich undenkbar.

Ebenso sind Übersetzer für Behördengänge Mangelware, weil man sich zumindest in unserer Stadt erst mal verstärkt um die kümmert, die noch im Asylverfahren stecken, wie mir gesagt wurde. Ist dieses abgeschlossen und haben sie ihre Aufenthaltserlaubnis, geht es erst richtig los mit der Bürokratie. Dann sind die Flüchtlinge mehr oder weniger auf sich allein gestellt und müssen sich auf dem freien Wohnungsmarkt eine Wohnung suchen.

Und das ist schwierig. Es gibt zwar leerstehende Wohnungen, einige liegen preislich sogar im vom Jobcenter erlaubten Rahmen, aber viele private Vermieter lehnen Jobcenterkunden ab, erst recht, wenn es sich um Ausländer handelt. Dann bleiben nur noch die Wohnungsgesellschaften, deren Wohnungen meistens in einem bestimmten Stadtteil konzentriert sind, was zur Gettoisierung führt. Keine guten Voraussetzungen für die Integration.

Es wurde mir jetzt erst bewusst, dass wir, abgesehen von der Steuererklärung, längst nicht so einer Bürokratiemaschinerie unterworfen sind wie all die Menschen, die ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen können und vom Jobcenter oder Sozialamt abhängig sind. Das gilt nicht nur für Flüchtlinge, aber bei ihnen kommt noch hinzu, dass sie die Sprache nicht verstehen und sich auch sonst nicht auskennen. Soviel zu dem oft geäußerten Vorwurf, sie wollten sich hier nur durchfüttern lassen.

Wie sehen die Flüchtlinge selbst ihre Situation?

Sie sind auf der einen Seite natürlich sehr dankbar, hier in Sicherheit leben zu können. Aber auf der anderen Seite ist es besonders für die Männer hart, dass sie mangels Sprachkenntnisse nicht selbst für sich und ihre Familien sorgen können. Zudem kommt die Sorge um daheimgebliebene Familienmitglieder.

Dann macht ihnen noch die Sprache zu schaffen. Einige von ihnen hatten in Syrien Englisch gelernt, für die war es leichter, Deutsch zu lernen. Aber die meisten tun sich doch recht schwer, besonders wenn sie über vierzig sind. Die Nachfrage nach Sprachkursen ist sehr groß, so dass das Kursangebot vor Ort nicht ausreicht und viele in entferntere Städte ausweichen müssen. Oft werde ich gefragt, warum manche nach einem Jahr immer noch kein Deutsch sprechen. Das liegt meistens nicht an Faulheit, sondern die Schwierigkeiten beim Lernen ist dem psychischen Stress geschuldet. Viele haben schlicht den Kopf nicht frei. Zudem kommt, dass viele aus ländlichen Regionen stammen und das Lernen nicht erlernt haben.

Der allgemeine Gesundheitszustand der Flüchtlinge ist besorgniserregend und auch das führen sie auf ihren psychischen Zustand zurück. Diese Annahme liegt in der Tat sehr nahe. Viele sind traumatisiert und ihre Kinder ebenfalls, Angstzustände sind nicht selten. So kann z. B. ein 11-jähriger Junge nachts nicht mal allein ins Badezimmer gehen, ohne panisch zu werden, weil ihm die Bombardierungen noch frisch in Erinnerung sind. Insgesamt kann man aber beobachten, dass diejenigen zufriedener sind, die ihre Familien um sich haben.

Die Frauen haben ein großes Mitteilungsbedürfnis. Sowohl sich ihren Kummer von der Seele zu reden, als auch einfach von ihrem Leben in Syrien vor dem Krieg zu erzählen. Möglicherweise ist es bei den Männern ähnlich, nur würden die sich höchstwahrscheinlich einer Frau gegenüber nicht öffnen.

Alle berichten übereinstimmend, dass Syrien vor dem Krieg ein Paradies war. Es mag etwas Verklärung mit hineinspielen, jedoch sagen alle, sie wären nie auf die Idee gekommen, ihre Heimat zu verlassen, hätte es den Krieg nicht gegeben. Zudem hätte es früher in Syrien überhaupt keine Rolle gespielt, ob man nun Christ, Sunnit, Schiit, Araber, Kurde, Alawit oder Druse war. Alle, die mir persönlich bekannt sind, sind sich darüber einig, dass das Sektierertum von außen in die syrische Gesellschaft hineingetragen wurde. Von vielen schiitischen Arabern, die schon länger hier leben, hatte ich gehört, dass Schiitenhass bei Syrern verbreitet sei. Nun kann ich nicht für alle sprechen, aber so etwas konnte ich nicht feststellen, obwohl ich nie verheimlicht habe, dass ich Schiitin bin.

Weiterhin hört man immer wieder, Frauen würden von männlichen Flüchtlingen nicht respektiert. Auch diesbezüglich sind meine Erfahrungen völlig gegenteilig. Sie waren bisher alle extrem respektvoll, über sämtliche Altersklassen hinweg. Außerdem konnte ich beobachten, dass ihre Kinder sehr wohlerzogen und höflich sind, hoffentlich bleiben sie so. Leider ist das bei vielen muslimischen Kindern, die hier geboren sind, nicht mehr der Fall. So beschwerte sich kürzlich ein syrischer Junge, dass die Kinder auf seiner Schule, die größtenteils von Kindern mit Migrationshintergrund besucht wird, sehr frech und ungezogen seien.

Ein Schwachpunkt, speziell bei jungen Alleinstehenden, ist der Umgang mit Geld. Ratenkäufe und unüberlegte Handyverträge und sonstige Anschaffungen, die nicht notwendig sind, führen oft in die Verschuldung. Dort sollte dringend Aufklärung geleistet werden.

Als Flüchtlingshelfer muss man dringend darauf achten, die Leute nicht als unmündige Kinder zu betrachten oder von oben herab zu behandeln. Die Rolle des armen Hilfsbedürftigen ist keineswegs angenehm, daher sollte man sich bemühen, immer auf Augenhöhe zu kommunizieren.

Insgesamt sind die Muslime hier besonders in der Verantwortung, sich um die Neuankömmlinge zu kümmern und sie möglichst in die Gemeinden zu integrieren, egal ob sie nach dem Krieg in ihre Heimatländer zurückkehren werden oder nicht. Wir müssen davon ausgehen, dass zumindest viele der Jüngeren bleiben werden. Marginalisierung, Armut und Ausgrenzung sind der ideale Nährboden für radikale Ideologien. Es ist sicher kein Zufall, dass terroristische Anschläge vor allem von jungen, allein reisenden Männer verübt wurden, zumindest in Deutschland. Die Fehler der Vergangenheit, wie beiden Türken, dürfen keinesfalls wiederholt werden.

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