Wie jedes Jahr war für mich der Qudstag sowohl ein spiritueller als auch gesellschaftlicher Höhepunkt des Jahres. Man trifft alte Bekannte wieder und erfüllt dabei noch seine religiöse und moralische Pflicht. Ähnlich ging es den anderen Brüdern aus Hamburg. Dank guter Organisation war für alle Platz im Bus. Auch wenn wir weniger Hamburger waren als letztes Jahr, war die Motivation umso höher. Leider verspätete sich die Busfahrt aufgrund eines technischen Defekts um über eine Stunde, jedoch ließ dadurch die gute Stimmung der Reisegruppe nicht nach.

Zwischen Gesprächen zu politischen Ereignissen und Diskussionen über religiöse Aspekte wurden neue Bekanntschaften geschlossen und der Zusammenhalt gestärkt. Mit Gottes Hilfe kamen wir noch rechtzeitig an, mussten jedoch, um zu unseren Leuten zu kommen, an einen Block zionistischer Gegendemonstranten vorbei. Das störte uns nicht weiter und so sind wir pünktlich dazugestoßen; es zeichnete sich ein Bild ab von friedlichen Menschen verschiedenster Nationen und Gesinnungen.

Neben den Palästinaflaggen ließen sich auch Flaggen der Länder Algerien, Türkei, Libanon, Syrien, Afghanistan, Iran und natürlich Deutschland erblicken. Die Laune war gut, es wurde gebetet, gegrüßt und unterhalten. Von vermeintlichem Judenhass und aggressiven Migranten keine Spur.

Die (verschärften) Vorschriften der Polizei, welche uns im Voraus zugesendet wurden, lasen die Veranstalter mehrsprachig vor, aber selbst dies versuchten die Gegendemonstranten mit amerikanischer Pop-Musik zu übertönen. Auffällig war das große mediale Interesse, so wollten u. a. Reporter der Deutschen Welle ständig Teilnehmer in (englischsprachige) Interviews verwickeln.

Der Demonstrationszug setzte sich in Bewegung und von der Geschlechtertrennung, von der oft die Rede war, war nichts zu sehen. Aber wir stießen schnell auf vereinzelte Gegendemonstranten, die versuchten ihr Ziel der Provokation und Anstachelung unserer Demonstranten auf vielerlei Weise zu erreichen. Neben den üblichen Mittelfingern gab es auch welche, die die Menschenrechtslage in muslimischen Ländern verurteilten oder einfach nur „Abschieben!“ skandierten. Manche ließen sich leider darauf ein, blieben stehen und fingen an, zu diesen verblendeten Leuten gerichtete Parolen zu rufen. Ich dachte mir, wie schön es doch wäre, wenn wir einfach vorbeigingen und sie nicht einer Parole oder gar eines Blick würdigten; sie würden sich wahrlich einfach nur bloßstellen.

Meine Freunde, welche zum ersten Mal an dem Ereignis teilnahmen, wunderten sich, wie offensichtlich es war, wer der Aggressor ist und dass er sich stets beleidigend verhielt. Eine Szene blieb mir deutlich im Gedächtnis: Drei Zionisten hängten an einen Balkon Israelflaggen auf und standen im wahrsten Sinne des Wortes nicht einmal dazu. Stattdessen setzten sie sich und ließen ihre Gesichter verdeckt.

An unserem Weg befanden sich mehrere Grüppchen von Israelfreunden, aber dank der Ordner kam es zu keinen Zwischenfällen und der Marsch ging ungestört weiter. Ein weiterer für den Samstag prägender Moment war die Schweigeminute zum Gedenken an die Opfer des Anschlags auf dem Breitscheidplatz. Diese Geste von Menschlichkeit blieb ebenfalls nicht verschont von den Sprechchören der Gegendemonstranten; nicht einmal der geringste Respekt gegenüber grausam getöteten Menschen wurde gezeigt.

Vereinzelt wurde von unserer Seite gegen die Auflagen verstoßen, hauptsächlich von Personen, die skandierten, dass Israel Kinder töte. Auf der anderen Seite aber war viel Zustimmung von verschiedenen Passanten deutlich und es ist klar, dass der Zionismus keinerlei Kontrolle über Berlins Bürger hat.

Der Marsch endete auf einer Wiese und die Veranstaltung wurde mit einem Interview der jüdischen Teilnehmer und einer kurzen Rede Jürgen Grassmanns beendet. Wir verabschiedeten uns und es ging in Richtung Bus.

An dieser Stelle möchte ich einen Lob an die Berliner Polizei aussprechen und ihr meinen Respekt zollen. Wir wurden bei ca. 30 °C beschützt und von ihnen durchgehend gut behandelt.

Bevor wir noch den Bus betreten hatten, häuften sich schon die Meldungen in den deutschen Medien. Meiner Meinung nach wurde in Teilen objektiv berichtet, aber fast ausschließlich die Gegendemo verherrlicht, jedoch wurden wir wieder mehrfach als Antisemiten und Ähnliches beschimpft. Die Rückreise war ruhig und insgesamt war man mit der Demonstration zufrieden.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass die Demonstration von unserer Seite, trotz vereinzelter Verstöße gegen die Auflagen, durchgehend friedlich verlaufen ist und wir deutlich gemacht haben, dass Antisemitismus auch in der Praxis keinen Platz in unseren Reihen hatte.

Mein Appell an alle Teilnehmer ist für das nächste Jahr, dass wir uns alle strikt an die Regeln halten (besser als ein Verbot der Veranstaltung) und uns wirklich nicht provozieren lassen sollten, weil dies nur unseren Feinden in die Hände spielt. Ich bedanke mich herzlich bei allen Leuten, die dieses wichtige Ereignis möglich gemacht haben, besonders bei allen Organisatoren, der Polizei und natürlich jedem Einzelnen, der Mühen auf sich genommen hat, um die Angelegenheit Palästinas hochzuhalten.

Unser Nachwuchsautor Jafar Bilal ist Schüler und lebt im Großraum Hamburg.