Qudstag, Zionismus

Quds-Tag am 1. Juni 2019 in Berlin: Soll ich wirklich hinfahren?

Der Quran teilt die Menschheit in Unterdrückte und Unterdrücker. Er beschreibt damit den menschlichen Kernkonflikt, der sich durch die Geschichte zieht und der aus islamischer Sicht erst mit der Etablierung der gerechten Herrschaft durch den erwarteten Erlöser Imam Mahdi (a.) enden wird.

Einmal jährlich demonstrieren Muslime am Internationalen Al-Quds-Tag weltweit, um ihren Einsatz für die Unterdrückten und gegen die Unterdrücker der Menschheit zum Ausdruck zu bringen. Der Internationale Al-Quds-Tag ist nach Jerusalem, der Hauptstadt Palästinas benannt, da sich in unserer Epoche nirgendwo der Kernkonflikt Unterdrückte gegen Unterdrücker deutlicher manifestiert, als in der ethnischen Säuberung Palästinas. Der Tag wurde 1979 von Imam Chomeini im Zuge der Islamischen Revolution im Iran ausgerufen. Er findet jeweils am Abschiedsfreitag [dschumat-ul-wida], also dem letzten Freitag des Monats Ramadan statt. Aber wie sinnvoll ist die Teilnahme an einer Demonstration, wenn wir Muslime doch ohnehin von der baldigen Befreiung der Welt durch einen Erlöser überzeugt sind?

Der Erwartete wird mithilfe seiner Anhänger und Unterstützer die unterdrückte Menschheit befreien und die Erde mit Gerechtigkeit erfüllen, so wie sie zuvor mit Ungerechtigkeit erfüllt war. Wann kommt diese Zeit der Erlösung? Zumindest als Gedankenspiel wäre das doch sehr praktisch zu wissen, damit wir uns entsprechend vorbereiten können. Es gibt tatsächlich einige Überlieferungen, die die Zeit unmittelbar vor und nach dem Erscheinen Imam Mahdis beschreiben sowie etliche Zeichen, die gemäß diesen Quellen auftreten werden. Schauen wir uns diese an und führen das Gedankenspiel weiter, stellen wir fest: Es ist doch längst überfällig, dass etwas passiert.

Das Leid der Welt wird gewaltige Maße annehmen, sagt z. B. eine Überlieferung des Propheten (s.), und wann sollte das sein, wenn nicht jetzt. Die Saudis bomben das ohnehin hungernde Volk des Jemen (leider mit deutschen Waffen) in Schutt und Asche und die Israelis quälen (leider mit deutschen Geldern) seit Jahrzehnten die Palästinenser und besetzen unsere Al-Aqsa Moschee. Es muss einfach etwas geschehen. Höchste Zeit also, dass Imam Mahdi kommt, um eben diese heilige Stätte zu befreien. Ja, es besteht Hoffnung, dass die Logik unseres Gedankenspiels aufgeht, sogar schon sehr bald. Eine der Überlieferungen bringt den letzten Freitag des Monats Ramadan in Zusammenhang mit der Rückkehr des erwarteten Erlösers. Fasten wir noch wenige Tage, beten inständig, dass der nächste Freitag dieser besagte Tag sein wird und dann warten wir und trinken Tee.

In dem Ansatz eines solchen, passiven Wartens liegen mehrere Fehler. Zuallererst sollte ganz nüchtern erwähnt werden, dass Imam Mahdi Jerusalem und Al-Aqsa nicht von den Zionisten befreien wird, zumindest nicht er direkt. In den Überlieferungen über seine Wiederkehr kommt Israel nicht einmal vor, es wird aller Wahrscheinlichkeit nach bereits Geschichte sein. Zum anderen dürfen wir nicht den Fehler machen zu denken, es wäre praktisch zu wissen, wann der Imam genau erscheint. Wenn wir Muslime als Anhänger Imam Mahdis gelten möchten, dann haben wir an uns selbst den Anspruch, dass wir grundsätzlich vorbereitet sind, und zwar unabhängig vom Wissen über den Zeitpunkt des Erscheinens. Die Rückkehr ist kein Selbstzweck, die Annäherung an Gott aber ist einer. Und wir sind mitunter vor Allah besser dran, wenn wir uns in der Zeit der Verborgenheit auf Gottes Wege bemühen, statt in der Zeit der Wiederkehr.

Die größte Schwäche im obigen Gedankenspiel ist jedoch die Passivität. Ja, Imam Mahdi wartet auch auf uns und wir können die Art, wie wir warten an seiner Art orientieren. Diese heilige Person hockt nicht irgendwo in einer Moschee, betet und fastet den ganzen Tag und wartet sonst nur auf den Startschuss, den Gott irgendwann gibt. Die Verfahrensweise der Ahlulbayt ist es, die Revolution der Unterdrückten aktiv vorzubereiten. Er, so sagen es die Prophezeiungen, ist für uns sichtbar, so wie die Sonne auch bei bedecktem Himmel allen Wolken zum Trotz Licht spendet. Er arbeitet und dient Gott mit jedem Atemzug seines Lebens, so wie es schon seine Vorväter, von Prophet Muhammad (s.) bis zu ihm getan haben.

Und auch wenn Imam Mahdi eine Anhängerschaft benötigen wird, um seiner Revolution zum Sieg zu verhelfen, so ist er auf die Anhängerschaft durch uns nicht angewiesen. Es ist nicht unsere, sondern Allahs selbsterklärte Aufgabe, ihn zum Sieg zu geleiten. Wir haben aber die Chance, als Werkzeug Gottes zu dienen und dazu beizutragen. Und wenn wir kein stumpfes, defektes Werkzeug sein wollen, müssen wir uns fragen, wie wir unseren Beitrag effektiv gestalten. Der heilige Quran und verschiedene Überlieferungen liefern Antworten: Die Lösung besteht nicht in Einzelkämpfen von Millionen von Muslimen, nein, Imam Mahdi braucht keinen Haufen zusammengewürfelter Individualisten. Sie besteht darin, dass wir uns ordentlich, gewissenhaft und brüderlich organisieren.

Die größte Herausforderung auf dem Wege dahin ist aus individueller Sicht an sich recht klein, wir müssen uns nur einer größeren Ordnung fügen und ggf. an dieser mitwirken. Jedoch hat jeder von uns mit seinem Ego einen inneren Widersacher gegen diese Unterordnung. Der teuflische Urgedanke des „Ich bin besser“ und des „Ich ordne mich nirgends unter“ will uns daran hindern. Dabei brauchen wir weder unsere Identität noch unser Weltbild ablegen, um gemeinsam effektiv auf dem Wege Allahs zu dienen. Wir brauchen nicht einmal alle Anhänger der Islamischen Revolution nach der Lehre Imam Chomeinis und Imam Chameneis zu sein, es ist auch egal, ob wir Schiiten oder Sunniten sind, wir können uns einfach auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner treffen. Und dieser kleinste gemeinsame Nenner ist Jerusalem, Al-Quds.

Wir bewundern das Vöglein, ein Individuum, das den Propheten Ibrahim schützen wollte, indem es Wasser in seinem winzigen Schnabel transportierte, denn es erfüllte seine Pflicht gegenüber Allah. Aber realistisch betrachtet haben wir in unserem Land und auf der Welt heute mehr Potenzial als nur einen individuellen Tropfen Wasser. Der Feind fürchtet sich vor einem Ozean von Wasser, das wir auf das Feuer der Unterdrückung in Palästina und der Welt fluten können, und je größer seine Furcht, desto intensiver seine Propaganda gegen den Quds-Tag.

Überwinden wir den größten Feind, nämlich das Ich in uns selbst, wenn es uns sagt, dass unser Beitrag nichts ändern könnte. Gehören wir zu denen, die am 1. Juni 2019 auf dem Quds-Tag in Berlin mitmarschieren und erfüllen wir unsere Pflicht gegenüber Allah, unserem Imam und unserer Gemeinschaft und gedenken der Aussage des Gottesgesandten Muhammad: „Einer, der den Hilferuf eines Mannes ‚Tut etwas Muslime, kommt zu meiner Hilfe!‘ hört, und ihm nicht hilft, ist kein Muslim.“


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Mahmoud Ayad

E-Mail: mahmoud.ayad@offenkundiges.de