Heute ist der internationale Al-Quds Tag, welcher vor knapp 42 Jahren von Imam Chomeini ausgerufen wurde. Jährlich füllen am letzten Freitag des Monats Ramadan die Muslime der ganzen Welt massenweise die Straßen, um für die Rechte der unterdrückten Palästinenser zu demonstrieren und so ein Zeichen gegen die weltweite Unterdrückung zu setzen. Die Muslime stehen auf gegen den Pharao, gegen den Yazid der Zeit und rufen laut: Niemals Unterdrückung! Sie rufen, wie Imam Hussain (a.) es getan hat, folgen so seinem Vorbild und zeigen ihre Bereitschaft für den 12. Imam, den Beweis und den Verbliebenen auf Erden, Imam Mahdi (a.). Diese Scharen sind wirklich bereit für Imam Mahdi (a.) und sie gehören zu seinen nächsten Anhängern.

Sie überfüllen jedes Jahr, allein in Deutschland zu zehn- ja sogar hunderttausenden die Straßen, dermaßen, dass sich die höchsten Politiker des Landes zu einer Stellungnahme gezwungen sehen, in der sie ihre bisherige Israel-Politik und die weiteren Beziehungen und Unterstützungen infrage stellen. Wegen diesen Hunderttausenden, die in Deutschland, genauer Berlin, für Palästina an einem Freitag auf die Straßen gehen, ist das einzige Thema, das einen ganzen Monat die Medien beherrscht, der Palästina-Konflikt.

Politiker diskutieren in Talk-Shows über den Abbruch der Beziehungen zu Israel und erst neulich musste sich der Kanzler von seinem Sekretär distanzieren, der behauptete, Israel besitze ein Existenzrecht. Israel besitzt international keinen Halt mehr, die Fassade bröckelt, das Unterdrückerregime zerfällt und mit ihm die Unterdrücker. Viele Menschen werden befreit, die deutsche Politik verändert sich einschneidend und schon bald bricht eine Zeit an, in der niemand mehr Hunger oder Durst erleiden muss und jeder geschützt ist im Schatten des Imams der Zeit (a.). Und hier wurde auch nur davon berichtet, was jährlich allein in Deutschland geschieht.

Zurück in der Realität

So oder so ähnlich könnte es vermutlich einmal aussehen hier in Deutschland: unserem Land. Welch schöne Vorstellung, welch schöner Traum und doch, so scheint es, Lichtjahre entfernt und für uns unerreichbar. Wie gern würde jeder von uns diese Zeit noch miterleben.

Es gibt ein interessantes Sprichwort, das auf den Philosophen, Dichter und Politiker Tommaso Campanella (1568–1639) zurückgeht und leider hier im Westen oft missverständlich zitiert und genutzt wird, das besagt: „Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum.“ Dahinter steckt die einfache Botschaft, nicht von Dingen zu träumen, sie für Träumerei und unmöglich zu halten, wenn diese Dinge in Wirklichkeit einfach realisierbar wären. Es ist nicht so, dass oben beschriebener Zustand aus den uns zur Verfügung stehenden Mitteln und Ressourcen unerreichbar wäre und dass er Lichtjahre entfernt läge. Nein, hier müssen wir ganz klar sagen, dass der oben beschriebene Zustand mit den heutigen und jetzt zur Verfügung stehenden Mitteln realisierbar ist. Es ist nicht unsere angeblich so geringe Anzahl oder die fehlenden finanziellen oder zeitlichen Ressourcen, die der Grund für unsere Misere sind; dies sind nur Ausreden. Der eigentliche Grund für unsere schlechte und dem Imam der Zeit (a.) wirklich unwürdige Lage liegt in einer anderen Ursachen begründet.

In Deutschland leben laut offiziellen Zahlen, die wahrscheinlich deutlich unterschätzt sind, fünf Millionen muslimische Menschen in Deutschland.[1] Allein 300.000 davon in Berlin.[2] Jährlich findet der Quds-Tag in Berlin statt. Von den 300.000 Berlinern zeigen sich dann aber nur noch wenige hundert (wenn überhaupt) Berliner auf der Straße. Es sind vielmehr die Muslime aus anderen Städten und Regionen, die zur Hauptstadt reisen.

Das Potenzial ist also da, es wird nur noch nicht ausgeschöpft. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass die Teilnahme am Quds-Tag für uns verpflichtend ist und somit eigentlich das beschriebene Bild fehlerhaft ist, da es Millionen sein sollten, die in ganz Deutschland auf die Straßen gehen und demonstrieren. In den letzten Jahren waren es immer um die 2.000–3.000 Teilnehmer. Im letzten Jahr, in dem Corona-bedingt eine Onlinedemonstration stattfand, beteiligten sich 500 Teilnehmer live. Wo sind also die Millionen deutschen Muslime? Wo sind die 300.000 Berliner am letzten Freitag des Monats Ramadan? Wo sind die hunderttausende, die jährlich Aschura-Veranstaltungen besuchen und „Hier bin ich, o Hussain!“ skandieren? Egal, welche Ausreden hervorgebracht werden, sie alle können niemals eine Beteiligung von 2.000 Teilnehmern rechtfertigen. Aber woran liegt es?

Spaltung als Hauptproblem der Umma

In Wirklichkeit ist nämlich nicht einmal die extrem geringe Beteiligung (in Deutschland) unser Problem, diese ist nur symptomatisch und an ihr lässt sich das eigentliche Problem der islamischen Weltgemeinschaft direkt erkennen. Werfen wir doch einmal einen Blick zurück. Vor noch gut 30 Jahren fand der Quds-Tag nämlich nicht mit 2.000, sondern mit 10.000 Teilnehmern statt. Auch wenn dies immer noch absolut nicht der Anspruch und unser Ziel sind, so ist dennoch festzuhalten, dass es deutlich mehr revolutionäre Prostestwillige gab, als heute.

Der Grund, warum heute in Deutschland aber nur noch ein Bruchteil dieser 10.000 protestieren, ist bezeichnend für die islamische Gesamtsituation: Spaltung [fitna]. Damals haben noch unsere sunnitischen Brüder mitdemonstriert, doch die Spaltung hat sogar jenen Tag erfasst, der gegen die Spaltung demonstriert. In Wirklichkeit sind wir gar nicht mehr fünf Millionen Muslime in Deutschland, sondern fünf Millionen individualisierte Muslime. Der Unterschied liegt darin, dass ersteres eine Gesamtgemeinschaft, eine Gruppe bezeichnet und letzteres unsere jetzige Situation: fünf Millionen Einzelkämpfer. Den Muslimen fehlt seit Jahrzehnten der Zusammenhalt, die gemeinsame Vision und das gemeinsame Ziel. Dies bestätigt auch Imam Chamenei in einer früheren Rede deutlich: „Hätte sich die islamische Welt auf die niedrigste Stufe der Einheit verpflichtet und daran festgehalten, wären diese Dinge nicht geschehen, und der Feind hätte nicht die Dreistigkeit gehabt, solche Dinge zu tun.“

Heute noch gibt es, und dies muss traurig festgestellt werden, Menschen in Deutschland, die sich Schiiten nennen und die ihre gesamte Existenz an die Verfluchung der Heiligkeiten der Sunniten knüpfen. Auch in der Außenpolitik islamischer Länder und den Problemen, die die Muslime weltweit haben, ist das Hauptproblem immer und immer wieder die fehlende Einheit. Wie Imam Chamenei es auch schon oben gesagt hat: Die Umma wäre ohne Einheit auf einem ganz anderen Niveau, einer wirklich anderen Stufe.

Wir sind in Wirklichkeit keine Minderheit in Deutschland, denn es gibt kaum noch eine Gruppe, die sich zusammengeschlossen als Mehrheit nennen könnte. Wenn wir uns als Muslime in Deutschland jedoch vereinen, stellen wir sicher eine Mehrheit dar, denn Spaltung erfasst natürlich auch unsere Gegner. Diese haben größere Angst vor unserer Einigkeit als vor unserer Vermehrung. Wir haben das Potenzial in Deutschland zu der größten Mehrheit zu werden, und zwar durch unsere Einheit. Wir sind selbst mit 50 Millionen einzelnen Muslimen eine Minderheit, doch schon mit eine Million einheitlichen Muslimen eine Mehrheit. Die aktuelle Spaltung und Zwietracht beginnt aber nicht im Großen, sondern sie beginnt im Kleinen, in der Familie, der Gemeinde, der Gesellschaft und verdeutlicht sich dann an der Weltgemeinschaft. Eben jenes Hindernis kann beim Quds-Tag überwunden werden. Der Quds-Tag ist nicht nur der Tag gegen Unterdrückung, für die Palästinenser, gegen Unrecht insgesamt, sondern der Quds-Tag ist der Tag der Einheit!

Aufruf zur Teilnahme und Aktivität am Quds-Tag

Egal, welcher Religion du angehörst, ob du denkst, an einen Gott zu glauben oder nicht: Jeder Mensch hat einen Sinn für Gerechtigkeit und „das Leid jedes einzelnen Menschen, wo immer auf der Welt, stimmt von Natur aus die Menschen traurig“ [3]. Jeder Mensch nimmt Unrecht als solches wahr und möchte von seiner Natur aus Ungerechtigkeit nicht zulassen. Dies verbindet die Menschen an diesem Tag und sie können, wenn sie das verstehen, an diesem Tag zu einer Einheit werden. Eben weil der Mensch dieses Unrecht wahrnehmen kann, darf er nicht stillsitzen und es akzeptieren, nur weil es anderen geschieht.

Wenn der Mensch nur zusieht, wird ihn nicht nur dasselbe Unrecht erreichen, sondern er wird auch mit Sicherheit sein Stillschweigen direkt vor den Opfern dieses Unrechts am Tage der Auferstehung oder vielleicht an einem früheren Tage rechtfertigen müssen. Es gibt im Islam keinen Grund für Inaktivität und das Schweigen gegenüber Unterdrückung ist nicht zu rechtfertigen. Ebenso ist es die Verpflichtung aller Muslime, am Quds-Tag teilzunehmen, aber sich auch mehr zu beteiligen, und wenn wir nur den Link für die Online-Demonstration verteilen,[4] wie und wo wir nur können – mehr noch sollten wir unseren Beitrag dazu leisten.

Und wir können so vieles tun: Ob Videos übersetzen, sie selber drehen, Bilder malen, eine Mahnwache halten, Artikel schreiben oder die Teilnahme an einem organisierten Autokorso. Auch in Zeiten von Corona haben wir genug Möglichkeiten, unseren Protest gegenüber der Unterdrückung und dem Unrecht, das aktuell stattfindet, zum Ausdruck zu bringen, selbst wenn es nur eine Palästina-Flagge für den Tag ist, die man sich an die Hausfassade hängt.

Werde ein Märtyrer, durch die Teilnahme am Quds-Tag

Sei du also ein Teil! Sei du dabei, nicht nur heute, sondern auch in allen Tagen deines restlichen Lebens. Das Ziel unseres Lebens ist, die beste Stufe und die nächste Nähe zu Allah (swt.) zu erlangen. Um diese Stufe zu erlangen, hast du die Energie und die Kraft deines Lebens. Nutze es also und setze es ein und erfülle so das Versprechen, dass du Allah (swt.) versprochen hast. Du hast versprochen, dass du nicht gegenüber Unrecht schweigen wirst, und hast Allah (swt.) versprochen, dass du deine gesamte Lebenszeit, jeden Atemzug in seinen Dienst stellen wirst und dich für ihn einsetzen wirst. Mühe dich also ab, arbeite für ihn hart. Für ihn zu arbeiten bedeutet, mit seiner Existenz ihn zu bezeugen und durch alles, was man tut, ihm zu gehorchen. Wir sind verpflichtet seinen Geboten Folge zu leisten und eines davon ist: „Unterdrückt nicht und lasst euch nicht unterdrücken.“ Der Gottergebene lässt Unrecht nicht zu, gebietet das Gute und verwehrt das Schlechte.

Lasst uns also alle zusammen zu den sich auf Allahs (swt.) Wege Abmühenden gehören und so zu Menschen werden, die ihn bezeugen. Menschen, die ihre gesamte Lebenszeit und -kraft im Kampf gegen Unterdrückung und Unrecht gegeben haben. Diese Menschen sind die Bezeugenden, uns bekannt als Märtyrer (Schahid). Ja, auch wir hier in Deutschland können Märtyrer werden, nicht aber auf dem Schlachtfeld des Militärs, sondern auf dem Schlachtfeld des Einsatzes und der durchgängigen medialen und gesellschaftlichen Aktivität.

Und auch Malcolm X wurde, ohne je im Militär zu kämpfen, zum Märtyrer, denn es waren seine Hingabe, seine Überzeugung und seine durchgängige politische Aktivität, die ihn für die Feinde unerträglich gemacht haben. Somit kann eines unserer Vorbilder mit Sicherheit Malcolm X sein, dessen unermüdlicher Einsatz für Gerechtigkeit keine Furcht kannte, außer vor Allah und der ein solch großartiges Martyrium erlangte, sodass Imam Chamenei öffentlich für ihn an seinem Märtyriumstag die Sure Fatiha rezitierte und die Zuhörer aufforderte, ebenfalls für ihn zu rezitieren.

Und wenn ein Mensch sein Leben lang sich gegen Unterdrückung einsetzt, für den Islam sich anstrengt und dann dennoch an einer Krankheit oder im Bett stirbt, so sagen uns die Überlieferungen, dass auch jener ein Märtyrer ist und die hohen Stufen eines solchen Märtyrers kennt nur Allah (swt.). Ein Beispiel für einen solchen Schahid ist Imam Chomeini (r.).

Sei also auch du bei dieser Bewegung dabei! Heute am Samstag, den 8. Mai 2021, um 15:00 Uhr ist es wieder so weit. Es ist Zeit, zu den Bezeugenden zu gehören. Es ist Zeit, ein Zeichen zu setzen. Sei ein Teil der Bewegung Imam Chomeinis, sei ein Teil der Stellvertreterschaft Imam Chameneis, sei ein Teil des Imamats Imam Mahdis (a.).

„Unter den Gläubigen gibt es Männer, die das wahr gemacht haben, wozu sie sich Allah gegenüber verpflichteten. Unter ihnen gibt es manche, die ihr Gelübde erfüllt haben; und unter ihnen gibt es manche, die noch warten (müssen). Und sie haben keine Änderung vorgenommen;“ [Heiliger Quran, 33:23]


  1. Muslime in Deutschland ↩︎

  2. Muslime in Berlin ↩︎

  3. Aus dem Brief Imam Chameneis an die Jugend im Westen vom 29.11.2015 ↩︎

  4. Link zum Online al-Quds Tag 2021 ↩︎