„If you give me no money, I will come exactly to this place every day and will curse you and your wife, every day“, sagte er wütend und hielt ein letztes Mal die Hand auf. Ich schaute ihn regungslos an. Dann stand er auf und trottete zwischen den Säulen der Prophetenmoschee davon.

Zehn Minuten zuvor hatte der Mann in meinem Alter sich neben mich auf den roten Teppich gesetzt, weit hinten in der Hauptmoschee von Medina, während ich Quran las. Er tippte mir auf die Schulter und grüßte mich sehr freundlich. Wie im Orient üblich, fragte er mich ohne Umschweife aus: Wie ich heiße, woher ich komme, Frau und Kinder. In meiner Naivität antwortete ich ihm und stellte ihm dieselben Fragen. Ich war erst wenige Tage in Medina, Mitte August 2017, die Hadsch war noch zwei Wochen entfernt – sonst hätte ich es besser gewusst. Wenn du am Nachmittag in der halb leeren Prophetenmoschee sitzt und ein europäisches Gesicht hast, dann wirst du nur aus einem Grund angesprochen. Ich fragte ihn nach seinem Namen und seiner Herkunft. Muhammad, aus Palästina. Gaza oder Westbank, fragte ich. Westbank. Ich freute mich, vielleicht würde sich ein interessantes Gespräch über die Situation in seiner Heimat entwickeln. Er sprach gebrochenes Englisch, aber es hätte ausgereicht. Dann griff er in seine Hemdtasche und reichte mir einen zerknitterten Zettel, darauf ein gedruckter englischsprachiger Text: „As-salamu alaikum. Ich bezeuge den hohen Glauben dieses ehrwürdigen Bruders Muhammad [Nachname, den ich nicht erinnere], der Ihnen diesen Brief überreicht hat. Er hat seine Familie in Palästina zurückgelassen, um sie aus dem Ausland versorgen zu können. Bitte unterstützen Sie ihn. Möge Gott Sie reichlich lohnen. Wassalamu alaikum. Der Großmufti von Jerusalem.“

Ich war enttäuscht, denn nun hatte ich den Zweck unseres Gesprächs begriffen und warum er unter den vielen für sich alleine sitzenden Brüdern mich ausgewählt hatte. Sei’s drum, dachte ich mir, und überlegte, wie viel Geld angemessen wäre. Ich gab ihm den Zettel zurück. Da streckte er mir seine geöffnete Hand entgegen und sagte: „Now you give me sadaqa!“ Seine Dreistigkeit überraschte mich. Ich antwortete ihm, dass ich für ihn beten werde und auch sein Gebet für mich erbitte. Er bejahte, forderte aber weiter Bares. Ich wiederholte meinen Satz und er seinen. Danach sagte ich nichts mehr. Er versprach mir das Paradies, als hätte er in seiner Jeans noch ein Freiticket gefunden. Ich lächelte und schwieg. Dann folgte seine Drohung, mich zu verfluchen. Trotz seiner Penetranz kam das unerwartet. Der Palästinenser ließ mich verdutzt zurück. Da tippte mich mein Sitznachbar an, ersichtlich ein Bruder aus Afrika. „Hat er dich nach Geld gefragt und anschließend dir seinen Fluch angedroht? Mach dir nichts draus, das ist seine Masche. Der macht das seit Jahren so, ich kenne ihn vom letzten Jahr. Aus Palästina stammt er übrigens nicht.“ Er lächelte und las weiter im Quran.

Die Beglaubigung des Großmuftis von Jerusalem wurde mir wenige Tage später von einem anderen angeblichen Palästinenser erneut vorgehalten. Diesmal auf einem Smartphone, lieblos von einem Bildschirm abfotografiert.

Die Tricks der Bettler in Mekka und Medina

Die meisten Bettler in den Großstädten des Orients besitzen Erfahrung, Dreistigkeit und einen scharfen Blick für westliche Gesichtszüge. Ich wurde wesentlich öfter angesprochen als die Brüder mit orientalischer, afrikanischer oder asiatischer Erscheinung. Die Methoden sind überall dieselben:

  • Schwere Verstümmelungen zur Schau stellen, ob real oder simuliert.
  • Seine Kinder als Bettelgehilfen missbrauchen, Töchter eignen sich besser als Söhne. Je jünger und süßer, desto besser.
  • Von großem Hunger erzählen, aber kein Essen annehmen, nur Bargeld.
  • Das Paradies versprechen.
  • Von seinem Schicksal in Palästina berichten. Alle Bettler in Mekka und Medina stammen angeblich aus Palästina.
  • Maximale Aufdringlichkeit erhöht den Umsatz: Viele Hadschis spenden, damit sie nicht weiter verfolgt werden. Das klappt fast immer.

In Mina, bei Mekka, beobachtete ich, wie eine Frau innerhalb von fünf Minuten mit einer Kombination obiger Methoden mehr Geld einnahm, als die professionellen Friseure in einer Stunde verdienten, die den Hadschis die Rasur des Haupthaares für kleines Geld anboten.

Die Unverfrorenheit der Bettler auf Dschabal Nuur übertraf alles andere. Mehrere Dutzend von ihnen säumten den letzten Abschnitt der breiten Steintreppe, die zum Gipfel des Lichtberges führt und zur Höhle Hira, in der unser Prophet (s.) die erste Offenbarung empfing. Die Bettler lagen breitbeinig mit verdrehten Gliedmaßen und ausgerenkten Hüften auf zerlumpten Stoffdecken, vermeintlich hochgradig körperlich behindert. Wie sie es so weit nach oben geschafft hatten – es sind mehrere hundert hohe Stufen –, blieb ein Mysterium. Sie riefen ununterbrochen: „Hadschi, hadschi, sadaqa, dschanna, sadaqa …“ Auch während sie vor aller Augen ihre Geldbündel zählten. Bei einem schaute ich genauer hin: Er hielt mehrere hundert Rial in den Händen (1 Rial entspricht 25 Cent).

Das Problem der Armut in einem der reichsten Länder der Erde

Saudi-Arabien liegt einer Schätzung des IWF von 2016 nach auf Rang 15 der reichsten Länder der Welt, gemessen an der absoluten Kaufkraft in US-Dollar, noch vor Spanien und Kanada.[1] Die Kaufkraft pro Einwohner, inklusive aller Bettler aus fernen Ländern, ist noch größer relativ zu den höher gelisteten Ländern, da Saudi-Arabien unter den Top-15 das bevölkerungsärmste Land ist. Trotz der Lügen und Tricks darf nicht vergessen werden, dass niemand gerne bettelt oder sich dieses Schicksal für seine Kinder wünscht. Woher also die erdrückende Armut?

Es gibt meines Erachtens zwei Faktoren: Erstens verspricht die Hadschzeit einen großen Bettelerfolg, denn Muslime aus aller Welt strömen zu Millionen in die beiden heiligen Städte und die Armenspende gehört zu den Zeichen eines Gläubigen, wird vielfach im Quran erwähnt. Daher locken diese Städte Bettler aus der ganzen Welt an. Trotzdem erklärt es weder die Duldung des offenen Bettelbetriebs durch die Saudis noch die Notwendigkeit des Bettelns an sich in diesem reichen Land. Die Saudis könnten das Betteln unterbinden, Bettler bestrafen oder ausweisen – an Herzlosigkeit mangelt es den zehntausenden Soldaten wahrlich nicht, wie jeder Hadschi zu berichten weiß. Sie könnten alternativ die Bettler in soziale Projekte einbinden, ausbilden, ihnen eine Perspektive schaffen. Das geschieht ebenso wenig.

Den Grund dafür sehe ich in der in Saudi-Arabien vorherrschenden Ideologie, die unter der Maske der Religiosität jegliche Sinnhaftigkeit abseits des Materialismus bestreitet und bekämpft. Das wurde auch an anderer Stelle in der Hadsch 2017 deutlich, beispielsweise beim Grab des Propheten (s.), bei den Gräbern seiner Nachkommen in Baqi, bei jeder heiligen oder historisch bedeutsamen Stätte und jedem Ritus der Hadsch. Der gelebte Wahhabismus leugnet die verborgene Welt und Gott ist nicht mehr als ein Wort. Die wahhabitischen Herrscher geben sich mit ihrer eigenen Lossagung von der Religion nicht zufrieden, sondern bekriegen die Hinwendung der Hadschis zur Spiritualität mit perfiden Methoden. Dazu folgt inschallah ein eigener Artikel.


  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Länder_nach_Bruttoinlandsprodukt ↩︎

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