Wenn Muslime selbst verantwortlich für ein extrem schiefes und fragwürdiges Bild des Islams in der deutschen Gesellschaft sind, dann ist das als sehr tragisch einzustufen.

Seit einigen Tagen wird eine angeblich neue Übersetzung des Heiligen Korans ins Deutsche beworben. Übersetzer ist Prof. Mir Mohammad Hossein Fatimi. Der Titel des Werks heißt „DER würdevolle KORAN: Die Übersetzung und Tafsir von AL-Misan (des KORANS ins Deutsche)“. Es ist im Juli 2016 im Eigenverlag in Pforzheim herausgegeben worden. Allerdings ist das Werk nicht ganz so neu, wie es erscheinen mag. Bereits im Jahr 2015 wurde es in der Pforzheimer Zeitung beworben.[1] Einige Monate später wurde es dem islamischen Verlag Eslamica zur Verlegung angeboten. Nach Durchsicht des damals vorgelegten Manuskripts haben die Experten des Verlags sowohl denjenigen, der das Buch vorgelegt hatte, als auch alle, die Fürsprache für den Druck eingelegt haben, in aller Entschiedenheit darauf hingewiesen, dass die Übersetzung indiskutabel ist und in der Form weder gedruckt noch überarbeitet werden kann. Eine Neuübersetzung wäre ein geringerer Aufwand gewesen als die Korrektur des vorgelegten Manuskripts. Selten fällt die Kritik der Verlagsexperten so drastisch aus.

Bedauerlicherweise wurden die damaligen Hinweise offensichtlich ignoriert und das Buch in Kerbela (ausgerechnet in Kerbela!) gefertigt. Über die Finanzierung des Projektes ist nichts bekannt, aber es ist zu hoffen, dass keine öffentlichen Gelder verwendet worden sind. Jetzt wird das Buch in Deutschland neu angeboten und zudem von anderen, nicht vom Autor, beworben mit dem Spruch: „Schiitische Übersetzung des kompletten Korans auf Deutsch“.

Zunächst einmal ist festzustellen, dass es weder eine sunnitische noch eine schiitische Übersetzung des Heiligen Korans geben kann. Es gibt allenfalls gute und weniger gute Übersetzungen, weil man die Interpretation und den eigentlichen Text nicht sauber voneinander trennt oder weil schlichtweg die Übersetzung schwach oder gar falsch ist oder weil die deutsche Rechtschreibung und Grammatik grotesk ignoriert wurden. Leider trifft alles davon auf die vorliegende Übersetzung zu.

Die Mängel im Textsatz sind daher in diesem Fall nur eine Randbemerkung wert: Manche Seiten sind in solch einer kleinen Schrift gedruckt (z. B. Seite 117), dass selbst ein gesundes Auge Schwierigkeiten hat, es zu lesen. Außerdem fehlt ein Inhaltsverzeichnis, sodass das Auffinden von Suren kompliziert ist.

Das vorliegende Buch hat mehr als 600 Seiten, aber es gibt keine einzige Textseite, in dem sich nicht mindestens ein Dutzend Rechtschreib- und Grammatikfehler befinden. Diesbezüglich dürfte die vorliegende Version Spitzenreiter unter allen über 30 bestehenden Übersetzungen sein. Selbst im Deutschen bekannte Begriffe wie Mekka werden im Buch manchmal Makka und manchmal Makkah geschrieben. Zahlreiche Klammern, die jeweils den interpretierten und damit nicht übersetzten Teil markieren sollen, öffnen, ohne zu schließen, oder schließen, ohne zu öffnen, oder schließen an der falschen Stelle. Das hat zuweilen fatale Folgen: So wird der erste Vers der Sure Kauthar (108. Sure des Heiligen Korans) folgendermaßen übersetzt: „Wahrlich wir haben Dir gegeben.“ Das im Arabischen so wichtige Wort kauthar kommt in der Übersetzung nicht vor und ist stattdessen in die interpretierende Klammer hineingerutscht. Dagegen wird der zweite Vers folgendermaßen übersetzt: Dann als Dankbarkeit für „die Kauther“ sollst Du für Deinen Erzieher das Ritualgebet verrichten und als Opfer ein Tier schlachten. Eine angemessene Übersetzung lautet hingegen: „Dann verrichte das Ritualgebet zu deinem Herrn und schlachte (bzw. opfere).“ Kauthar kommt im zweiten Vers im Original nicht vor, ebenso ist von Dankbarkeit nicht die Rede.

Zu allem Übel steht im letzten Vers der Sure in dem übersetzten Teil, also nicht in der Interpretation (!): Wahrlich Dein Erzfeind „Asi ebne Wael hat kalte Küche und er bleibt ohne Nachkommenschaft“!. Was die Gänsefüßchen hier bedeuten sollen, bleibt unklar. Auch ist mysteriös, was eine kalte Küche sein könnte. Auch der Name Aas ibn Wail (wie ich ihn transkribieren würde), kommt im Koran nicht vor. Uninformierte Sunniten könnten auf die Idee kommen, dass Schiiten über einen anderen Koran verfügen. Wäre die genannte Stelle die einzige, in der so etwas vorkommt, dann könnte man von einem Flüchtigkeitsfehler sprechen, aber leider wimmelt es in dem Buch von derartigen Fehlern.

Das arabische Wort „rabb“ als „Erzieher“ zu übersetzen, wie in Sure Kauthar geschehen, hat auch kuriose Auswirkungen. So wird der erste Vers von Sure Falaq (113. Sure) mit Ich suche Zuflucht beim Erzieher der Morgenröte übersetzt. Im Deutschen ist unverständlich, in welcher Weise die Morgenröte erzogen werden soll.

Die Sure Ya Sin (36. Sure) beginnt in der Übersetzung mit: Allah schwört: „Schwöre bei diesem Koran, der voll) der Weisheit ist“. Leider ist unklar, wo die Klammersetzung beginnen sollte, die nach dem Wort „voll“ endet. Es ist unmöglich, dass sie am Anfang des Verses gesetzt werden sollte. Das Wort Allah kommt in jenem Vers nicht vor. Auch ist nicht von „diesem“ Koran die Rede. In Vers vier ist im Original von einem unbestimmten „geraden Weg“ die Rede im Kontrast zu dem bestimmten geraden Weg in der ersten Sure. In der Übersetzung wurde das nicht beachtet. Allein in den ersten drei Versen dieser Sure schließt jeweils eine Klammer, ohne dass sie geöffnet wurde.

Gravierend ist der durch die Übersetzung formulierte Vorwurf gegen Allah – erhaben ist Er über das, was man ihm vorwirft. In der vorletzten Sure wurde übersetzt: Sag: Ich suche Zuflucht beim Erzieher der Morgenröte vor allem Büsen, was er [Allah] erschaffen hat. Der Vers wurde hier eins zu eins abgeschrieben, inklusive dem Rechtschreibfehler „Büsen“. In der vorliegenden Übersetzung wird also behauptet, dass Allah Böses erschaffen habe, vor dem man Zuflucht sucht. Solch eine Behauptung grenzt nach manchen Vorstellungen an das Verlassen des Islams. Denn ein Gott, der Böses erschafft, kann nicht Gott sein und der gesamte Sinn der Schöpfung würde absurd werden. Im arabischen Original gibt es solch einen Vorwurf gegen Allah nicht, denn dort heißt es: „(…) vor dem Übel dessen, was er erschaffen hat“. Das Übel geht also nicht von Gott aus, sondern von der Freiheit, die manche Geschöpfe haben. Das mag für manche wie eine unbedeutende Feinheit erscheinen, aber an derartigen Feinheiten kann man erkennen, ob es sich um eine ernsthafte und gewissenhafte Übersetzung eines Experten handelt, der die Fähigkeit dazu hatte, oder um ein Werk, das gegen die Bedenken aller Experten durchgeboxt werden sollte.

Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, auf alle Fehlerarten einzugehen, die in dieser Übersetzung zu finden sind, es sind tausende Fehler! Unter den rund drei Dutzend bestehenden Übersetzungen ist die vorliegende zweifellos die formal schlechteste.

Ein Vergleich mit dem im Untertitel erwähnten Tafsir-Standardwerk „Al-Mizan“ von Allama Tabatabai offenbart die Vorgehensweise des Autors: Der Autor hat nicht das arabische Original übersetzt, sondern die persische Übersetzung des Korans in Al-Misan. Es handelt sich also um eine Indirektübersetzung des Korans. Zudem hat er die sehr ausführlichen Erläuterungen von Allama Tabatabai sinnentstellt, aus dem Zusammenhang gerissen und stark verkürzt als Erläuterung eingewoben – manchmal als solche gekennzeichnet, manchmal nicht. Aber selbst die Indirektübersetzung erklärt die vielen Kuriositäten nicht.

Solange ein Übersetzer solch ein Werk im Eigenverlag herausgibt und vertreibt, trägt er allein die Verantwortung dafür, und es wäre nicht nötig, darauf einzugehen. Wenn jedoch im Namen der Familie des Propheten groß Werbung für diese Übersetzung verbreitet wird und trotz zahlreicher leicht überprüfbarer Hinweise diese Werbung kein Ende findet, müssen verantwortungsvolle Muslime auf die Gefahren hinweisen, die in solch einer Übersetzung sowohl für das Verständnis des Islams als auch für das Verständnis der Schia bestehen.

Unredlich finde ich den Missbrauch des geehrten Namens von dem Großayatullah Makarim Schirazi. Dieser Großayatullah gehört zweifelsohne zu den größten islamischen Gelehrten unserer Zeit. Im Vorwort des Buches wird der Eindruck erweckt, als wenn der Großayatullah die vorliegende Übersetzung gebilligt und bestätigt hätte. Das aber ist nicht der Fall. Der geehrte Großayatullah forderte sechs Jahre vor der Fertigstellung lediglich dazu auf, die vorgelegte Arbeit „mit besonderer Genauigkeit zu Ende zu bringen“. Wenn dieser Hinweis ignoriert wird, ist der Großayatullah schuldlos daran. Der Autor behauptet zudem in dem nur auf Persisch abgedruckten Anschreiben an Ayatullah Makarim, dass die Arbeit von Experten der deutschen Sprache begleitet werden würde. Das ist ebenfalls nicht geschehen. Den vorliegenden Druck hat offensichtlich nicht einmal ein Amateur korrigiert.

Ohne die außergewöhnliche Werbung für diese Übersetzung unter Schiiten und ohne die Verwendung des Namens von Ayatullah Makarim Schirazi wäre das Buch innerhalb kürzester Zeit im Kuriositätenkabinett so vieler merkwürdiger Übersetzungen verschwunden, ohne jemals einen relevanten Schaden anzurichten. Und ganz sicher hätten dann andere Muslime nicht darüber schreiben brauchen. So vergebe Gott, dass hier eine Warnung ausgesprochen werden musste, die alle jene mitzuverantworten haben, die das Buch beworben haben und die – obwohl sie in der Lage dazu gewesen wären – den Autor und die Geldgeber nicht von der Veröffentlichung abgehalten haben. Gott vergebe uns allen!

Update (17.9., 21 Uhr): Der Betreiber des Online-Shops hat den Vertrieb des Buches inzwischen eingestellt. Entsprechend haben wir den zugehörigen Link entfernt.


  1. http://www.kcid.de/veroeffentlichungen/koranuebersetzung-von-mir-mohammad-hossein-fatimi-erschienen ↩︎

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