Nadschaf, 17.11.2016 – Imam Ali (a.), Fürst der Gläubigen, der die beste Erziehung beim besten Geschöpf genoss, der treuste Gefährte von unserem Propheten Mohammed (s.), der die reinste Frau Fatima Zahra (a.) heiratete. Unser erster Imam, der die reinen Imame großzog, und bei dem die Aufzählungen seiner reinen Eigenschaften kein Ende nehmen.

Ich befinde mich gerade auf dem Weg zu meiner ersten Ziyara beim ersten Imam, ich bin sehr aufgeregt. Wie wird es wohl sein? Und immer wieder gehen mir seine heiligen Eigenschaften durch den Kopf. Welch eine Ehre, welch eine Dankbarkeit, den Imam zu besuchen. Der Weg von unserer Herberge zum Schrein soll eine halbe Stunde dauern, sagte man uns. Es dauert länger, was bei der Menschenmenge und unserer Faszination nachvollziehbar ist.

Denn auf der anderen Straßenseite sind schon viele Pilger losmarschiert, deren Ziel Imam Hussain (a.) in Kerbala ist. Sie strahlen pure Liebe aus, die einen mit Hoffnung erfüllt und Stärke gibt. Eine unbeschreibliche Atmosphäre, die wahrscheinlich jeder von uns nur schwer in Worte fassen kann. An einer breiten Einkaufsstraße angekommen, biegen wir rechts ab, wo sich viele Läden aneinanderreihen. Es wirkt so, als wäre der Weg noch lang. Hier in der Nähe soll Imam Ali (a.) sein? Doch paar Meter weiter kommen wir in ein Menschengedrängel.

Wir stehen nun vor den Kontrollen, aber mit direkter Sicht auf den Schrein. Gehen wir rein? Auch wenn es enger und enger um uns wird? Aber die Sehnsucht ist zu groß, wir wollen Imam Ali (a.) noch näher sein. Kaum angekommen an den Kontrollen, beruhigte sich das Gedrängel. Wir liefen die letzten Meter. Und hier sind wir.

*As-salamu alaikum ya amir al-muminien! Der Friede sei mit dir, o Fürst der Gläubigen!*

Alle sind wir sprachlos, sind ganz still. Doch Tränen sprechen für uns die fehlenden Worte aus. Noch auf dem Weg hierher waren meine Gedanken überfüllt mit den Eigenschaften und Taten, die Imam Ali (a.) ausmachten, und der Freude, davon profitieren zu können. Doch angekommen spüre ich einen Schmerz, der eine tiefe Trauer auslöst.

*O Ali! Nun bin ich hier und spüre Schmerzen für die Ungerechtigkeiten, die dir widerfahren sind. Du warst umzingelt von Heuchlern eines Volkes, das dich im Stich ließ. O du, der zusehen musste, wie die reinste Frau Schmerzen erleiden musste. O du, der um das Schicksal seiner Kinder wusste.*

Ich spüre die Ungerechtigkeit auf dieser Welt wie nie zuvor. All die Kriege, Lügen und Hetzen gegen den Islam. Imam Ali (a.) ist immer noch unterdrückt, geht es mir durch den Kopf. Noch immer haben wir seine Botschaft und Hingabe für den Islam nicht verstanden. Ich sehe mich um, diese große Menschenmenge. Was könnten wir nicht alles bewirken, wenn wir nur die Worte Imam Alis (a.) verstehen würden.

„Du würdest staunen, wenn du wüsstest, welchen Rang du erreichst, wenn du dich gegen deine Feinde erhebst.“ – Imam Ali (a.) (Al-Chisal)

Unsere Sehnsucht ist so groß, dass viele von uns hinein wollen. Wir bitten Allah, unseren Propheten (s.) und den Fürsten der Gläubigen um Erlaubnis, in dessen heilige Stätte eintreten zu dürfen. Nach längeren Kontrollen treten wir ein. Ich durchlaufe mehrere Tore, einen Vorgarten und dann nochmal ein Tor, bis ich im Gebetsraum ankomme. Eine gewisse Ruhe und Liebe kehrt im Herzen ein, als ich in das Haus des Imams eintrete.

Gewiss, die Nähe zu jemandem, den Allah und der Prophet liebt, bringt einen zum Nachdenken, denn alle Lasten erscheinen einem als Leichtigkeit und verschwendete Zeit. Hätte ich doch zuvor schon diese Liebe verinnerlicht.

Dann ist da noch diese Menschenmenge, vertieft im Gebet. Herzen, die nach der Vollkommenheit streben, zu dem einen Gott, der uns alles gibt. Die Menschenmenge fasziniert mich immer noch. Auf dem Hinweg schon verspürte ich Hoffnung und jetzt bei Imam Ali (a.) wird sie stärker. Diese Bewegung hat etwas Paradiesisches, alle streben nach Liebe. Menschen aus aller Welt und mit unterschiedlichen Sozialstatus sind zur Liebe gelangt und fühlen sich alle gleich. Eine besondere Wirkung wird die Bewegung dieser Liebenden auf unsere Umma haben, geht es mir durch den Kopf. Und dieses Gefühl gibt mir auch Imam Ali (a.).

„Hoffnung ist ein liebenswürdiger Gefährte.“ – Imam Ali (a.) (Ghurar al-Hikam)

Unsere Gruppe hatte einen Treffpunkt vor dem Schrein vereinbart und die Zeit schreitet voran, denn schon morgen früh soll der Weg der Hoffnung weitergehen zu dem geliebten Sohn Imam Alis (a.). Die Zeit des Abschiedes ist gekommen, aber es ist kein gewöhnlicher Abschied: Statt Trauertränen weine ich Freudentränen. Ich bin mit Dankbarkeit gefüllt für jede Sekunde, die Allah mir im Hause des Imams gewährte. Und statt sich vor der Trennung zu fürchten, überkam mich die Freude, dass Allah mich den Weg des Fürsten der Märtyrer, Imam Hussain (a.), führen wird.

*Welch ein Segen, ich empfange dich mit Trauertränen und du verabschiedest mich mit Freudentränen. Der Frieden sei mit dir, o Ali!*

Mögen wir von den Lehren Imam Alis (a.) profitieren, damit wir heute mit Imam Chamenei und morgen mit Imam Mahdi (a.) die Befreiung von der Ungerechtigkeit erlangen, mit der Zufriedenheit Allahs und der Liebe zum Propheten und seiner reinen Familie.

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