Religion, Individuum

Mein Weg zum Islam: Eine persönliche Gralssuche

„Gott ist das Licht der Himmel und der Erde. [...] Licht über Licht. Gott führt zu seinem Licht, wen Er will, und Gott führt den Menschen die Gleichnisse an. Und Gott weiß über alle Dinge Bescheid.“ (24:35)

Natürlich werde ich oft gefragt, wenn ich erzähle, dass der Islam meine Religion ist, wieso ich zum Islam konvertiert bin und das gerade jetzt, wo der Islam so „verschrien“ ist. Die Frage möchte ich versuchen zu beantworten.

Es ist das natürliche Bedürfnis des Menschen, Gott zu ergründen, indem er seine Zeichen ergründet, sich ihm hinzuwenden, ihn anzubeten und ihm zu dienen. So geht es aus dem Koran hervor:

„Und sprich: Aller Preis gebührt Gott. Er wird euch seine Zeichen zeigen, und ihr werdet sie erkennen. Und dein Herr ist dessen nicht unachtsam, was ihr tut.“ (27:93)

„So richte dein Antlitz auf die Religion als Hingewandter; der natürlichen Veranlagung, mit der Allah die Menschen geschaffen hat. Allahs Schöpfung ist nicht eintauschbar. Das ist die beständige Religion. Allein die meisten Menschen wissen es nicht.“ (30:30)

Der persönliche Gott in meiner Kindheit und die Fitra

„Jeder (Mensch) wird im Zustand der Fitra geboren (d. h. nach der Art und Weise des Erschaffens durch Gott). Alsdann machen seine Eltern aus ihm einen Juden, Christen oder Sabäer.“ (al-Buchari, 3:1385)

Eine meiner frühesten Erinnerungen, die ich habe, ist, dass ich mit meinem Bruder auf der Fensterbank saß und ich über Gott nachgedacht und meine Gedanken begeistert meinem Bruder mitgeteilt habe. Ich mag da gerade vier Jahre alt gewesen sein. So lange ich denken kann, war Gott eine wichtige Konstante in meinem Leben. Ich kam aus keinem religiösen Elternhaus, mein Vater betete abends zwar mit uns, aber in dem Gebet ging es um Jesus, dass sonst niemand in unserem Herzen wohnen solle. Das war damals schon ein Problem für mich, denn wo wäre dann noch Platz für Gott in meinem Herzen. Mit der Vorstellung, Jesus sei Gott, was ich nie nachvollziehen konnte, auch nicht, dass er uns erlöst habe, war ich trotz meiner Bemühungen, es zu verstehen, nie einverstanden. Es war mir damals immer klar, dass man Gott niemanden beigesellen kann, auch niemanden auf seine Stufe stellen kann. Das war ein Gefühl, ein Instinkt, von dem ich große Schwierigkeiten hatte, gedanklich abzuweichen, und schließlich wurde es zu einer Gewissheit.

„Die Entscheidung liegt einzig bei Gott. Er hat geboten, ihn allein zu verehren. Das ist der richtige Glaube, jedoch die meisten Menschen wissen es nicht.“ (12:40)

Ich weiß, dass ich meine ganze Kindheit über, wie heute auch, viel gebetet und immer wieder über Gott nachgedacht habe. Er war damals schon das Salz in der Suppe meines Lebens. Viele spirituelle Erlebnisse haben mich mein ganzes Leben lang begleitet; ihre Bedeutungen haben sich mir zum Teil erst heute durch den Islam offenbart. Ich ging auf die Suche nach meiner Religion, studierte das Christentum, das Judentum, schließlich die alten heidnischen Religionen Europas, aber fand mich darin nicht wirklich.

Die sittlichen Ideale des Germanentums entsprachen mir am ehesten, denn sie kannten den Kampf, den Heldentod und andere hohe sittliche Ideale, die mich inspirierten, aber der Schöpfergott trat dort vollkommen in den Hintergrund. Mein naturwissenschaftliches Studium hat meinen Glauben, dass alles Schöpfung sein muss und es einen Schöpfer geben muss, eher gestärkt als geschwächt, denn diese Vollkommenheit, die sich u. a. in jeder Bewegung eines Elektrons in einem Stoffwechselweg zeigt, kann nicht auf Zufall basieren. Dazu kommt noch die Schönheit, mit der Gott seine Schöpfung ausgestattet hat. So wurde mir die Natur als eines der wichtigsten Spiegelbilder Gottes bewusst gemacht. Im Islam sind das die Zeichen Gottes, über die wir nachdenken sollen.

Meine Anforderungen an eine Religion und ihre Übereinstimmung mit dem Islam

Ich habe selbst viele Vorstellungen entwickelt, wie eine Religion sein müsse und viele dieser Vorstellungen habe ich im Islam bestätigt gefunden:

  1. Die wichtigste Vorstellung, die zum Teil auf Erfahrung beruht und die ich im Islam bestätigt gefunden habe, ist die Erkenntnis, dass Gott unsere Nähe und unser Bemühen, ihm nahe sein zu wollen, wünscht. Er kommt uns in ungeahntem Maße entgegen, wenn wir es ehrlich versuchen. Gott ist kein Abstraktum und nicht nur ein Wort, er ist für mich lebendig und für uns mit dem Herzen wahrnehmbar und weil er es ist, ist er für uns wahrnehmbar, wenn auch nicht mit unseren Sinnen, sondern mit dem Herzen.

„Wenn er in seinem Herzen meiner gedenkt, dann gedenke auch ich seiner bei mir selbst. Und wenn er meiner in einer Versammlung gedenkt, so gedenke auch ich seiner in einer Versammlung, die besser ist als jene. Und wenn er mir um eine Handspanne entgegenkommt, dann komme ich ihm eine Armlänge entgegen. Und wenn er mir um eine Armlänge entgegenkommt, dann komme ich ihm um zwei Armlängen entgegen. Und wenn er auf mich schreitend zukommt, dann komme ich eilend zu ihm.“ (Wasail-usch-Schia, B. 16, S. 135)

  1. Sie muss den Menschen zu Höherem inspirieren, ihn seine Triebseele überwinden lehren und ihn zu seiner Vervollkommnung führen. Das nennt man den großen Dschihad gegen das Ich (Nafs). Dementsprechend sagte der Prophet (s.): „Wahrlich, ich bin gesandt worden, um die edlen Charaktereigenschaften zu vervollkommnen.“ (Sahih al-Buchari, 4:21301)

Ich war auch immer der Ansicht, dass es nur gut für den Menschen ist, in regelmäßigen Übungen Verzicht und Selbstüberwindung zu trainieren. Besser als mit einem jährlichen Fastenmonat Ramadan, der für alle Muslime Pflicht ist, ist das kaum zu realisieren. Zusätzlich geht es nicht nur darum, auf das Essen und Trinken zu verzichten, sondern auch andere schlechte Eigenschaften bewusst zu überwinden, wie Zorn, Egoismus, schlechte Laune etc., von denen man besonders bei Nahrungsentzug geplagt wird.

  1. Der Mensch muss in seiner Stellung anerkannt werden, die er in der Schöpfung besitzt; keine niedrige wie im Christentum, in der der Mensch schon mit der Erbsünde belastet geboren wird. Im Islam gibt es keine Erbsünde. Zudem erscheint der Mensch im Christentum näher an die Welt des Dämonischen gebunden zu sein als an die göttliche Welt – zumindest, wenn er Jesus als Erlöser nicht anerkennt. Diese Vorstellung hat die Hexenverfolgung hervorgebracht. Im Islam kann kein Dämon und kein Satan den Menschen etwas anderes antun, als ihn Lügen einzuflüstern. Zu anderem besitzen sie keine weitere Macht, auch nicht die, einen Menschen zu besetzen.

Der Mensch ist im Islam das höchste Geschöpf auf Erden, welches Gott mit seinen Händen in schönstem Ebenmaß (95:4) erschuf (38:75) und ihm schließlich von seinem Geist einhauchte, womit jeder Mensch ein Träger des Geistes Gottes ist. Selbst die Engel müssen sich vor dem Menschen niederwerfen. Wenn der Mensch sich selbst vervollkommnet, kann er die hohe Stellung der Statthalterschaft einnehmen (2:30), die uns eine hohe Verantwortung überträgt und zur höchsten Stufe der Schicksalsbewältigung führt. Er hat für den Menschen dienstbar gemacht, was in den Himmeln und auf Erden ist (45:13) und den Menschen hat er erschaffen, damit er ihn kenne und ihm diene (51:56). [1]

4. Sie muss den Menschen ein Weg sein, der seine Natur berücksichtigt, auch die als soziales Wesen. So muss sie den Menschen in allen Lebenslagen ansprechen und nicht nur zum Rückzug aus dem Leben auffordern. Sie muss Wege zur Diesseitsbewältigung aufzeigen und damit Handlungskonzepte für alle Lebenslagen anbieten.

5. Sie muss im Einklang mit der Wissenschaft stehen und die Wissenschaften als wichtige Erkenntnisquelle akzeptieren, aber auch über diese hinausgehen, indem sie die Welt des Verborgenen anerkennt.

Sie muss die Schöpfung als Spiegelbild Gottes anerkennen und als Quelle der Erkenntnis (Ayas: Zeichen Gottes).

„Und sprich: Aller Preis gebührt Gott. Er wird euch seine Zeichen zeigen, und ihr werdet sie erkennen. Und dein Herr ist dessen nicht unachtsam, was ihr tut.“ (27:93)

„Und wie viele Zeichen sind in den Himmeln und auf Erden, an denen sie vorbeigehen, indem sie sich von ihnen abwenden!“ (12:105)

„Haben die Ungläubigen nicht gesehen, dass die Himmel und die Erde eine Einheit waren, die wir dann zerteilten? Und wir machten aus dem Wasser alles Lebendige. Wollen sie denn nicht glauben?“ (21:30)

6. Sie muss eine direkte Verbindung zu Gott aufbauen. Der Mensch muss sich selbst erlösen durch seine guten Taten und Riten, wie das Gebet und das Fasten erlösen können. Auch wenn die letzte Gnade der Erlösung bei Gott liegt, bleibt der Mensch hier nicht passiv ausgeliefert. Er muss die größtmögliche Nähe zu Gott selbst erreichen können. Das Heil muss bei ihm sein und nicht, wie im Christentum, in Priesterhand. Im Islam tritt der Mensch ohne jeglichen Mittler mit Gott in Interaktion.

Zusätzlich muss sie einen Weg der Einweihung zur Vervollkommnung des Selbst besitzen.

So steht im Buch „Der schiitische Islam“ auf Seite 183 Folgendes:

Der Prozess der Betreuung des eigenen Selbst beinhaltet:
a. Den wahren Glauben und die wahre Überzeugung zu erwerben.
b. Enthaltung von bösen Taten und fromme Handlungen zu tun.
c. Gute Qualitäten zu erwerben und schlechte loszuwerden.
d. Weiterhin die spirituelle Reise, bis man als ein wahrer Diener seinen Herrn trifft.

7. Sie muss die Vorstellung über das Kommen eines Erlösers, den vollkommenen Menschen, der als mythisches Bild immer in mir vorhanden war, kennen.

„Verheißen hat Allah denen, die von euch glauben und gute Werke tun, dass er sie gewiss zu Nachfolgern auf der Erde machen wird, wie er jene, die vor ihnen waren, zu Nachfolgern machte; und dass Er gewiss für sie ihre Religion befestigen wird, die er für sie auserwählt hat; und dass er gewiss ihren (Stand) nach ihrer Furcht in Frieden und Sicherheit verwandeln wird, auf dass sie mich verehren (und) mir nichts zur Seite stellen. Wer aber hernach undankbar ist, wird ein Frevler sein.“ (24:55)

8. Sie muss Märtyrer kennen, die als Leitbilder fungieren und das Höchste gaben in der vollkommenen Hingabe zu Gott. Sie muss Mythen besitzen, die man innerlich durchleben kann, wie Aschura. Durch dieses Erleben bleibt der Mythos im Menschen lebendig. [2]

9. Sie muss zu guten Taten aufrufen, ebenso die Tat heiligen, nicht nur den Glauben, wie es die evangelischen Christen z. B. tun.

„Wer Schlechtes sieht, der verwehre es durch seine Hand (durch sein Eingreifen), wenn er dazu imstande ist. Wenn er dazu nicht imstande ist, dann durch sein Wort. Ist er dazu auch nicht imstande, dann soll er es in seinem Herzen verwehren.“ (Wasail-usch-Schia, B. 16, S. 135)

„Ihr wart das beste Volk, hervorgebracht für die Menschheit; ihr gebietet das Gute und verwehrt das Böse und glaubt an Gott.“ (3:110)

„Es soll aus euch eine Gemeinschaft entstehen, die zum Rechten auffordert und das Gute gebietet und das Böse verwehrt; und jene werden erfolgreich sein.“ (3:104)

„Wahrlich, Allah gebietet, gerecht (zu handeln), uneigennützig Gutes zu tun und freigebig gegenüber den Verwandten zu sein; und er verbietet, was schändlich und abscheulich und gewalttätig ist. Er ermahnt euch; vielleicht werdet ihr die Ermahnung annehmen.“ (16:90)

Sehr schön ist es für mich bestätigt zu finden, dass man letztendlich jede gute Tat für Gott und seine Schöpfung tun kann, dass wir ihn damit ehren. Selbst die Plastiktüte, die achtlos in die Natur geworfen wurde, die wir aufheben, stellt ein Dienst zu Gott dar. Wir können im Islam alles in dem Bewusstsein und in der Absicht tun, Gott näher zu kommen.

„Lächelst du deinen Glaubensbruder an, so wird dir dies als Almosen (sadaqa) gutgeschrieben. Gebietest du das Rechte und hältst ab von dem, das übel ist, so wird dir dies als Almosen gutgeschrieben. Hebst du einen Stein, einen Dorn oder Knochen von der Straße und legst diese zur Seite, wird dir dies als Almosen gutgeschrieben.“ (Tirmizi, Birr, 36)

Gute und böse Taten werden nicht gleich schwer gewichtet. Deutlich wird das in einem Hadith zusammengefasst: Gott hat bestimmt, was gut und was böse ist. Wer nun sich vornimmt, eine gute Tat zu vollbringen, aber sie doch nicht vollbringt, dem schreibt sie Gott als eine volle gute Tat an. Wenn er sie beabsichtigt und auch vollbringt, dann schreibt Gott sie ihm als zehn gute Taten oder siebenhundert oder viel mehr an. Und wenn er sich vornimmt, eine schlechte Tat zu vollbringen, sie aber nicht vollbringt, dann schreibt Gott sie ihm als eine volle gute Tat an. Wenn er sie beabsichtigt und sie auch vollbringt, dann schreibt sie ihm Gott als eine (einzige) schlechte Tat an. (Khoury, Der Koran, S. 507).

Im Koran (z. B. 4:40 und 6:160) finden sich ähnlich Aussagen. [3]

10. Sie muss ein Zentrum haben, wie die Kaaba, die alle Gläubigen als Kraftfeld anzieht und sozusagen der Mittelpunkt des Glaubens und der Welt ist: „Gott hat die Kaaba, das unverletzliche Haus, zu einer Gebetsstätte für die Menschen gemacht (…)“ (5:97)

11. Sie muss ein Kraftfeld durch die Aktionen der Gläubigen bilden, wie das Beten zu einer bestimmten Tageszeit, das Fasten überall auf der Welt zur selben Zeit, das Pilgern zur Kaaba und ein lebendiger Mythos, der im Kollektiv innerlich durchlebt wird, wie Aschura.[4] Es bringt uns nahe an das Prinzip des Weiterlebens des Unsterblichen; dessen, der sich durch seine Liebe zu Gott und sein Opfer soweit erhöht hat, dass er lebendig bleibt.

12. Die Religion muss Platz lassen für persönliche spirituelle Erfahrungen und diese auch Anerkennen als Interaktion mit dem Göttlichen. Christen neigen dazu, spirituelle Erlebnisse dem Teufel zuzuschieben, was ich leider oft vernommen habe.

Hier habe ich auch zum ersten Mal eine Anerkennung der Träume gefunden, die auch ich und sicher viele Menschen manchmal haben und die anders sind als alle anderen, sich sogar manchmal bewahrheiten:

Abu Said Al-Chudri berichtete, dass er den Propheten, Allahs Segen und Heil auf ihm, Folgendes sagen hörte: „Wenn jemand von euch etwas im Traum sieht, das er gern hat, so ist dies von Allah. Er soll Allah dann dafür lobpreisen und anderen Menschen davon erzählen. Sieht er aber etwas anderes, das er nicht mag, so ist dies von Satan. Er soll dann seine Zuflucht (bei Allah) vor dem Übel dieses Traumes suchen und keinem Menschen davon erzählen, denn dadurch wird ihm kein Schaden entstehen.“ (Sahih al-Buchari, 84:6985)

13. Herrschaft und die politische Führung müssen einen sakralen Charakter haben, dürfen nicht rein materialistisch ausgerichtet sein. Sakrale und weltliche Ausrichtung müssen einander die Waage halten. In der Islamischen Republik Iran ist genau dieses Prinzip umgesetzt worden.

Wenn der sakrale Charakter in der Herrschaft fehlt, ist das m. E. etwas sehr Unnatürliches. Solche „modernen Systeme“ suchen sich dann häufig Ersatzreligionen und entsprechende Riten, die auf Irrglauben basieren und den Menschen in die Irre führen.

14. Der letzte Punkt ist Dankbarkeit. Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens, für die Fülle des Erlebens, ob im Guten oder Schlechten. Selbst in Zeiten der Not ist noch etwas Gutes zu finden, und sei es, dass wir Geduld und Demut lernen oder uns gegen diese Not erheben. Wir dürfen dankbar sein, für alles, was uns Gott gegeben hat, von unserem Körper bis zu unseren Sinnen und unseren Geist, inklusive der gesamten Schöpfung als Zeichen, über die wir nachdenken können und die uns dient.

Auch zu dieser Dankbarkeit ruft der Islam auf:

„Denn wer da dankbar ist, der ist dankbar zum Besten seiner eigenen Seele“ (31:12)

„O ihr, die ihr glaubt, esset von den guten Dingen, die wir euch bereitet haben, und seid Allah dankbar, wenn ihr ihm alleine dient“ (2:172)

„Sucht darum bei Allah die Versorgung und dient ihm und seid ihm dankbar. Zu ihm werdet ihr zurückgebracht werden.“ (29:17)

„Und er ist es, der euch Ohren, Augen und Herzen geschaffen hat. Wie wenig dankbar seid ihr!“ (23:78)

„Wahrlich, Allah ist gnadenvoll gegen die Menschen, jedoch die meisten von ihnen sind nicht dankbar“ (7:10)

„Und da kündigte euer Herr an: Wenn ihr dankbar seid, so will ich euch wahrlich mehr geben; seid ihr aber undankbar, dann ist meine Strafe wahrlich streng.“ (14:7)

Das Licht

Seltsam war nur, dass ich nie auf die Idee kam, mich mit dem Islam zu beschäftigen. Er war zu weit entfernt für mich, wie der Buddhismus und Hinduismus, deren Lehren ich allerdings am Rande mitbekam. Mich mit dem Islam zu beschäftigen, geschah erst, als immer schlechter über den Islam und Muslime geredet und geschrieben wurde. Ich forschte nach, ob das richtig war, was so in den sozialen Netzwerken und Medien behauptet wurde und ich fand natürlich ganz andere Wahrheiten.

Der Atomstreit mit dem Iran war ein weiterer Anstoß, mich mehr mit dem Islam zu beschäftigen. Damals war ich sogar in einem Zustand, in dem ich meinen Glauben an den persönlichen Gott fast vergessen hatte, weil ich meine Religion nicht fand oder mich als Pantheistin verstand, in dem Sinne, dass alles Existierende eine Emanation (Ausstrahlung) Gottes ist und ich mich als Traditionalistin im Sinne des Kulturphilosophien Evolas verstand. [5] Als Pantheistin war Gott in allem, aber über den persönlichen Gott musste ich mir keine Gedanken mehr machen. Gut, ich sah das Göttliche in allem, aber der persönliche Gott aus meiner Kindheit war zu dieser Zeit verschwunden, nicht zuletzt, weil er für mich, anders als aus der Bibel ableitbar, keine Person sein konnte, die uns irgendwie ähnlich sein konnte, wie in der Genesis stand: Er schuf den Menschen als sein Ebenbild.

Und dann geschah etwas. Ich stand an einem Nachmittag in meinem Schlafzimmer und stellte einfach laut eine Frage: Wer ist Gott im Islam?

Was da passierte, ist sicher etwas, was viele nicht nachvollziehen können. Sie werden vielleicht sagen, dass ich lüge, für andere wird es ein Zeichen sein, das ihren Glauben bestätigt.

In dem Moment, als ich die Frage laut gestellt hatte, sah ich ein Licht in mir, um mich, heller als jedes bekannte Licht, so intensiv, dass ich für Sekunden taumelte. Ich sah dieses Licht schon ein- oder zweimal zuvor, wenn ich in einem meditativen Zustand über Gott nachdachte. In dem Moment war es wohl die unerwartete Antwort überhaupt, aber es war eine. Ich kann nicht sagen, was dieses Licht war, ob es Gott war oder ein Engel. Es war aber ein Zeichen und über die Zeichen und das Licht steht im Koran folgendes:

Er ist es, der deutliche Zeichen auf seinen Diener hinabsendet, auf dass er euch aus den Finsternissen ins Licht führe. Und wahrlich, Allah ist gegen euch gnädig, begnadend. (57:9)

Am Tage, da du die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen sehen wirst, während (die Strahlen) ihres Lichts vor ihnen und zu ihrer Rechten hervorbrechen (, heißt es): Eine frohe Botschaft (sei) euch heute (beschieden)! In den Gärten, durch die Bäche fließen, werdet ihr auf ewig weilen. Das ist der gewaltige Gewinn.“ (57:12)

Und diejenigen, die an Allah und seine Gesandten glauben, sind die Wahrhaftigen und die Bezeugenden vor ihrem Herrn; sie werden ihren Lohn und ihr Licht empfangen. Diejenigen aber, die ungläubig sind und unsere Zeichen leugnen, sind die Insassen des Brandes. (57:19)

O ihr, die ihr glaubt, fürchtet Allah und glaubt an seinen Gesandten! Er wird euch einen doppelten Anteil von seiner Gnade geben und wird euch ein Licht bereiten, worin ihr wandeln werdet, und wird euch vergeben – und Allah ist allvergebend, gnädig. (57:28)

Muhammad erwähnte das Licht auch in einem Gebet. Als ich das las, kam es mir so vor, als ob es das von mir erlebte Licht war, nämlich das, welches überall in und um einen war: „O Allah, gib Licht in mein Herz und Licht in meine Zunge und Licht in meine Ohren und Licht in meine Augen und Licht hinter mich und Licht vor mich und Licht über mich und Licht unter mich. O Allah, gib mir Licht.“ (Sahih al-Buchari, 8/237, Muslim, 1682 (1/530))

Natürlich wird sich manch einer fragen, wer ich sei, dass ich ein solches Zeichen bekam. Ich bin nur jemand gewesen, der ein solches Zeichen nötig hatte, denn Gott leitet auf den geraden Weg, wen er will. Mehr kann man dazu nicht sagen.

Ich habe noch lange gezögert, den Islam anzunehmen, noch wusste ich nicht genug darüber, aber je mehr ich erfuhr, desto mehr wurde mir klar, dass das meine Religion war und dass ich nie etwas anderes war als eine Muslima. Ich neige nicht dazu, vorschnell etwas zu akzeptieren, bevor ich es nicht nach allen Seiten geprüft habe, aber ein solches Zeichen kann man schließlich nicht mehr ignorieren. Wer den Koran und seine Offenbarung kennt, weiß, warum man es nicht darf. Damit ist auch eine Verpflichtung verbunden und diese hat mich nur zur wahren Schönheit geführt.

Diese Schönheit ist die absolute Liebe zu Gott, der Versuch einer täglichen Annäherung, das Erkennen, dass man im Islam nicht nur eine Religion hat, sondern einen kompletten in sich geschlossenen und vollkommenen Weg zu Gott, der Aspekte anspricht, die so tief gehen, dass wir sie nur mit dem größten Wissen ergründen können. Das alles wurde Muhammad offenbart und ich habe keinerlei Zweifel daran, dass er der letzte Prophet ist, denn er hat Dinge zusammengeführt und verstanden, die weit über den menschlichen Verstand eines einfachen Mannes seiner Zeit hinausgehen.

In meinem Leben ist der Islam zu einer unerschöpflichen Quelle und einer nie endenden Inspiration geworden. Jede freie Minute verbringe ich damit, so Gott will, über ihn und seine Zeichen nachzudenken, ihm zu gedenken, etwas über den Islam zu lernen, im Koran oder den Hadithen zu lesen, zu beten. Ich freue mich über jeden Moment der Ruhe, in dem ich das tun kann. Verfolgen mich böse Gedanken oder Schmerzen, kann ich Zuflucht bei Gott suchen, niemals lässt er mich alleine und selbst die schlimmsten Schmerzen in meinem Leben konnte ich überwinden oder aushalten, weil ich Gottes Nähe suchte und mein Leben in seine Hände legte und seine Liebe spüren konnte.

Meine Gebete erhört er und wenn er sie nicht erhört, dann weiß ich, dass er besser weiß, was gut für mich ist. Meine ganze Liebe gehört Gott und für das Geschenk, welches ich erhalten habe, empfinde ich tiefe Dankbarkeit. Und den Rest meines Lebens werde ich versuchen, Gott so nahe zu kommen, wie er es zulässt und ich es vermag, um eines Tages zu ihm zurückkehren zu dürfen, inschallah.


  1. http://www.ayasofya-zeitschrift.de/wahrlich-wir-haben-den-menschen-in-schonstem-ebenmas-erschaffen/ ↩︎

  2. Es gibt auch wahre Mythen. Der Sinn in ihnen ist darin zu sehen, dass eine Botschaft über viele Generationen erhalten bleibt. ↩︎

  3. http://www.al-shia.de/das-gute-gebieten-und-das-schlechte-verwehren-in-uebereinstimmung-mit-den-fatwas-von-ayatullah-sayyid-sistani/ ↩︎

  4. Mythen sind für mich nicht unbedingt Unwahrheiten oder erdichtete Geschichten, sondern transzendente Erinnerungen an gewisse Geschehnisse, die der Mensch im Nachhinein innerlich durchleben kann (Aschura), enthalten, um sich so dem sittlichen Ideal anzunähern, wenn gewollt ist ihm zu entsprechen. ↩︎

  5. Evolas wichtigste These ist, dass sich die Moderne deshalb in der Krise befindet, weil Herrschaft nur noch materialistisch ausgerichtet ist und jeden sakralen Charakter verloren hat. ↩︎


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Dörte Donker

Biologin / E-Mail: doerte.donker@offenkundiges.de