USA, Medien

Marzieh Hashemi: Das Schweigen der Medien und unsere Pflicht

Wenn der Wolf auf Jagd geht, sind es die Lämmer, die schweigen. Selbst wenn neben ihnen ein Lamm gerissen wird, geben sie keinen Laut von sich. In der Welt der Journalisten sollte es anders sein. Hier ist die Pressefreiheit das oberste Gebot. Stößt einem Journalisten etwas zu, so setzen sich alle für diesen Kollegen ein. Oder vielleicht doch nicht?

Die Verhaftung der Journalistin und Dokumentarfilmemacherin Marzieh Hashemi führte in der westlichen Welt, die die Meinungs- und Pressefreiheit hoch lobt, wenn es um die Diffamierung des Islam geht, zu keinem Aufschrei. Die 59-jährige Hashemi, eine bekannte Journalistin des englischsprachigen iranischen Nachrichtensenders PressTV, reiste Mitte Januar in die USA, um ihren dort an Krebs erkrankten Bruder zu besuchen. Am Flughafen St. Louis Missouri wurde sie ohne Angabe von Gründen oder einer Anklage verhaftet und nach Washington D.C. verschleppt.

Erst 48 Stunden nach ihrer Festnahme durfte sie ihre Tochter kontaktieren. Diese berichtete, dass ihre Mutter am Flughafen mit Handschellen und Ketten gefesselt wurde und an einem unbekannten Ort im Gefängnis festgehalten wird. Ihr sei der Hidschab – das Kopftuch – gewaltsam entrissen und verweigert worden. Sie dürfe nur ein T-Shirt tragen und benutze ein zweites, um ihre Haare zu bedecken. Weiterhin erzählte die Mutter, dass ihr Schweinefleisch als Speise vorgesetzt wurde und vegetarische oder halal Kost verweigert werden. Sie habe bis zum Zeitpunkt des Telefonats lediglich Cracker zu sich nehmen können, da ihr selbst einfaches Brot vorenthalten wurde.[1]

Dieses Ereignis stellt zum einen die Journalisten auf die Probe, wie ernst sie es mit der Pressefreiheit nehmen, zum anderen ist es eine Prüfung für die Muslime. In den deutschsprachigen Medien wird über die Festnahme Hashemis kaum berichtet. Der Deutschlandfunk stellte die Verhaftung lediglich als einen „Vorwurf“ des Irans gegenüber den USA dar.[2] Weitere Berichterstattungen durch deutschsprachige Medien sind bisher nicht bekannt. Der Internationalen Föderation der Journalisten (IJF) ist die Verhaftung ihrer Kollegin nicht mehr wert als ein kurzer Twittereintrag.[3] Anscheinend ist die Pressefreiheit für westliche Journalisten doch nicht so heilig, wenn es um eine Journalistin eines iranischen Fernsehsenders geht.

Mittlerweile hat ein US-Gericht die Verhaftung Marzieh Hashemis bestätigt und hält sie als sogenannte „material witness“ für nicht weiter genannte Ermittlungen fest.[4] Ein „material witness“ ist laut US-amerikanischem Recht eine Person, deren Informationen mutmaßlich (verwertbares) Material für ein Strafverfahren darstellen.[5] Der Sohn der Journalistin berichtete, dass er und seine Geschwister ebenfalls eine Vorladung vom Gericht erhalten hätten und vor der Grand Jury erscheinen sollen. Hierbei handelt es sich um eine Jury, die aus bis zu 23 Personen besteht und nach amerikanischem Strafrecht über die vorgelegten Beweise der Staatsanwaltschaft zur Anklage wegen eines Verbrechens entscheidet. Diese Strafprozesse finden nicht öffentlich statt.[6][7]

Im offiziellen Festnahmedokument des Landesgerichts von Columbia vom 18. Januar 2019 wird bestätigt, dass Marzieh Hashemi einzig als material witness festgenommen wurde, ihr keine Straftaten vorgeworfen werden und sie einen Rechtsanwalt zurate gezogen hat. Weiterhin offenbart das Dokument, dass Marzieh bereits zweimal vor einem Landesgericht erscheinen musste und dort durch einen Strafverteidiger vertreten wurde. Im Dokument wird erwähnt, dass sie freigelassen wird, sobald sie ihre Zeugenaussage vor der Grand Jury vorgebracht hat. Wann dies geschehen soll, lässt das Dokument offen.[8]

Dieses Ereignis ist eine Prüfung für die Muslime. Allah (swt.) prüft uns als eine Gemeinschaft. Wenn wir diese Prüfung nicht meistern und uns nicht für unsere Schwester und ihre Familie einsetzen, wird die nachfolgende Prüfung noch schwieriger und die Konsequenzen werden noch drastischer werden. Schauen wir uns zum Vergleich das Beispiel der Schlacht von Uhud an. Die Gläubigen hatten hier die Oberhand. Aber aufgrund einer Nachlässigkeit mussten sie ein großes Opfer darbieten: den Onkel des Propheten Hamza (a.). Der Islam war zwar siegreich, aber der Preis dafür war hoch. Wären die Muslime nicht nachlässig gewesen, hätten sie den Sieg viel eher errungen und nicht einen solch hohen Preis zahlen müssen. Wenn wir unsere Pflicht tun, wird unsere Gemeinschaft gestärkter und vorbereiteter auf Imam Mahdi (a.) aus dieser Prüfung hervorgehen.

Die USA sprechen davon, dass Marzieh Hashemi eine „material witness“ sei, doch Fakt ist, dass sie gegen ihren Willen festgehalten wird. Es gibt weder eine Anklage gegen sie, noch hat sie ein Verbrechen begangen. Was also geschieht hier wirklich? Marzieh Hashemi ist eine Muslimin und der Islam hat sie gelehrt, auf der Seite der Unterdrückten und gegen die Unterdrücker zu stehen. Dabei spielt es keine Rolle, wer die Unterdrückten sind. Es spielt auch keine Rolle, wer die Unterdrücker sind. Sei der Unterdrücker aus der eigenen Familie, ein Muslim, ein Nichtmuslim oder die US-Regierung. Der Muslim hat sich gegen jede Form der Unterdrückung einzusetzen. Genau aus diesem Grund demonstrieren wir Muslime am Al-Quds-Tag, um auf der Seite unserer palästinensischen Geschwister zu stehen. Aus demselben Grund sind wir Muslime gegen Polizeigewalt. Aus demselben Grund sind wir Muslime gegen die Nord-Dakota-Pipeline. Aufgrund der islamischen Lehren sind wir gegen die US-Politik, die die saudische Aggression gegen das jemenitische Volk unterstützt. Diese Liste könnte man unendlich weiter fortführen.

Auf der Seite der Unterdrückten zu stehen und gegen die Unterdrücker aufzustehen ist etwas, was der Islam Marzieh Hashemi gelehrt hat. Aufgrund ihrer religiösen Überzeugung ist sie gegen die Außen- und Innenpolitik der US-Regierung eingestellt. Sie hat viele Aspekte der falschen US-Politik kritisch hinterfragt und das ausgesprochen, was Millionen von Muslime und Nichtmuslime denken. Sie hat dazu beigetragen, die dunklen Machenschaften der aktuellen und früheren US-Administrationen offenzulegen.

Betrachtet man diese Angelegenheit tiefer gehend, wird klar, dass nicht Marzieh Hashemi, sondern dem Islam der Prozess gemacht wird. Sie ist ein visuelles und großkalibriges Symbol des Islam. Weil die USA wütend auf den Islam sind, wird sie bestraft. Sie erniedrigen sie, indem sie ihr den Schleier gewaltsam entreißen, indem sie sie zwingen, in einem T-Shirt herumzulaufen und ein weiteres T-Shirt anstatt eines Kopftuches tragen zu müssen. Sie erniedrigen sie, indem sie ihr wissentlich Schweinefleisch vorsetzen. All diese Handlungen, sei es ihren Hidschab betreffend oder die Speisevorschriften, all diese Dinge hat der Islam Marzieh Hashemi gelehrt. Das eigentliche Problem, um das es den USA geht, ist also der Islam.

Was beabsichtigt man mit dieser Verhaftung? Einerseits sicherlich die Einschüchterung, andererseits die Unterdrückung der Meinungsfreiheit. Einige glauben, wenn sie die Herzen der Muslime mit Angst füllen, dass diese dann aufhören, ihre Meinungsfreiheit zu gebrauchen und öffentlich ihre Ansichten kundzutun; dass die Muslime sich aus Angst gegen ihre Religion entscheiden.

Doch jetzt haben sie einen Präzedenzfall geschaffen. Die Gemeinschaft schweigt und schaut nur zu. Die Menschen sind verängstigt und so können sie in Ruhe einen nach dem anderen festnehmen. Die Absicht ist nicht, alle festzunehmen, sondern der Gemeinschaft eine Lehre zu erteilen und sie zum Schweigen zu bringen bzw. sie in ihre Schranken zu verweisen.

Die Situation des Märtyrers Sadr gestaltete sich damals ähnlich. Erst verkündeten sie, ihn ermordet zu haben. Als sie sahen, dass die Gemeinschaft keinerlei Reaktion auf die Nachricht zeigte, ermordeten sie Schahid Sadr wirklich. Unsere Situation heute ist vergleichbar. Sie testen die Reaktion der Muslime auf die Verhaftung. Sie glauben, wenn sie eine alte Frau, eine Konvertitin und Großmutter festnehmen, sie erniedrigen und sie voller Feigheit schändlich behandeln, dass sie damit die Muslime einschüchtern können. Sie denken, damit können sie die Muslime davon abhalten, friedlich gegen die Ungerechtigkeiten der US-Regierung zu protestieren.

Imam Hussein (a.) lehrte uns den Grundsatz: „Niemals Unterdrückung!“ Es geht hier um den Islam. Wir haben gesehen, was sie mit anderen Symbolfiguren des Islam getan haben. Denken wir an Scheich Issa Qassim, Scheich Nimr, Scheich Zakzakiy. Sie haben diese Vorbilder stellvertretend für den Islam genommen, sie misshandelt und geprüft, welche Reaktion darauf erfolgt.

Was ist unsere Aufgabe heute? In Kerbala haben sie die Familie des Propheten (s.) ermordet und wollten jegliche Erinnerung an dieses Ereignis im Wüstensand vergraben. Doch Sayyida Zainab war diejenige, die dies verhinderte und der ganzen Welt die Wahrheit über Kerbala offenbarte. Genauso ist es für die Gläubigen unabdingbar, diesen Fall aufmerksam zu verfolgen und der Welt zu erzählen, was Schwester Marzieh Hashemi angetan wird. Wenn sie sie einsperren, weil sie den Islam praktiziert, so müssen wir das publik machen.

Wir dürfen niemals Angst davor haben, unsere Meinung kundzutun, das Gute zu gebieten und das Schlechte zu verwehren. Imam Ali (a.) lehrte uns, dass das Gebieten des Guten und das Verwehren des Schlechten weder die Lebensdauer verkürzt, noch den (finanziellen) Unterhalt schmälert. Das gilt nicht nur für Muslime, sondern für alle freiheitsliebenden Menschen, die diesen Fall verfolgen. Nichtmuslime sollten mit den Muslimen gemeinsam gegen diese Ungerechtigkeit ihre Stimmen erheben. Wir sollten Imam Mahdi (a.) zeigen, dass wir nicht schweigend zusehen, sondern uns für die Unterdrückten einsetzen.

Eine große Verantwortung haben in dieser Hinsicht auch unsere Gelehrten zu tragen. Im Freitagsgebet, in den Madschalis, in religiösen Veranstaltungen muss diese Angelegenheit angesprochen und reflektiert werden. Die Menschen müssen wissen, was geschieht. Die Muslime sollten diesen Fall auf ihren Internetseiten, auf ihren Sozialen Medien wie Facebook und Twitter publik machen und verfolgen.

Die zweite große Aufgabe ist das Spenden auf dem Wege Gottes. Marzieh Hashemi und ihre Familie kämpfen um unseretwillen. Sie benötigen Anwälte, die Erfahrung mit der Grand Jury haben. Die Kosten dafür liegen schätzungsweise im mittleren fünfstelligen Dollarbereich. Wenn die Familie diese Kosten nicht aufbringen kann, wird sie an einem unbekannten Ort, in einem nichtöffentlichen Gerichtsverfahren ohne rechtlichen Beistand sein. Hier sind nicht nur die amerikanischen Geschwister und Mitmenschen gefragt, die Familie zu unterstützen.

Ein weiterer Punkt ist die moralische Unterstützung. Die Familie muss wissen, dass sie nicht allein ist! Diejenigen, die die Möglichkeit haben, der Familie Mut durch einen Anruf, einer E-Mail oder einer elektronischen Nachricht zuzusprechen, sollten dies tun. Wenn eine Familie solch eine Krise durchlebt, ist es die Aufgabe der Gemeinschaft, dafür zu sorgen, dass es der Familie der unterdrückten Person gut geht und es ihr an nichts fehlt. Eine weitere Möglichkeit ist die Unterzeichnung von Petitionen. Einige Petitionen, die die sofortige Freilassung Marzieh Hashemis fordern, sind bereits eingerichtet.[9] Diese zu unterschreiben und zu teilen ist das Mindeste, was jeder Einzelne beitragen kann.

Mögen wir Muslime und gerechtigkeitsliebenden Menschen diese Prüfung mit Gottes Gnade meistern, sodass der Imam der Zeit (a.) mit uns zufrieden sein möge. Und möge der Allmächtige Marzieh Hashemi und ihrer Familie Standhaftigkeit und Kraft schenken und ihnen beistehen.


  1. https://www.presstv.com/Detail/2019/01/16/585921/Press-TV-news-anchor-Hashemi-arrested-in-US-for-no-specific-reason ↩︎

  2. https://www.deutschlandfunk.de/marzieh-hashemi-iran-wirft-usa-festnahme-von-journalistin.1939.de.html?drn:news_id=967452 ↩︎

  3. https://www.presstv.com/Detail/2019/01/18/586130/Marzieh-Hashemi-IFJ-CPJ-US-detention ↩︎

  4. https://www.presstv.com/Detail/2019/01/18/586167/Iran-US-Marzieh-Hashemi-arrest-court-material-witness-probe ↩︎

  5. https://en.wikipedia.org/wiki/Material_witness ↩︎

  6. https://www.presstv.com/Detail/2019/01/18/586090/Iran-hashemi-Press-TV-arrest-FBI ↩︎

  7. https://de.wikipedia.org/wiki/Grand_Jury ↩︎

  8. https://www.justice.gov/opa/case-document/file/1124426/download ↩︎

  9. Links zu Petitionen: https://www.presstv.com/Detail/2019/01/18/586156/Marzieh-Hashemi-Changeorg-petition-Press-TV-FBI-release ↩︎


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