In der vergangenen Woche wurde gemäß islamischem Kalender des Ablebens des Propheten Muhammad (s.) gedacht. Und da waren sie wieder, die Ewiggestrigen mit ihren Bildern und Texten über das angebliche Martyrium des Propheten des Islam. Er soll vergiftet worden sein, von einer seiner Ehefrauen, wie nach ihm der zweite Imam der Muslime, Imam Hassan ibn Ali (a.) – ein Thema mit endlosem Konfliktpotenzial.

Ich hatte mir bereits vor einiger Zeit die Frage gestellt, ob der Prophet getötet werden muss, um als Märtyrer zu seinem Schöpfer zurückzukehren. Der Quran erwähnt die Angelegenheit in einem Nebensatz. Es heißt dort: „Muhammad ist nur ein Gesandter. Vor ihm sind etliche Gesandte dahingegangen. Werdet ihr denn, wenn er stirbt oder getötet wird, auf euren Fersen kehrtmachen?“[1]

Ein Märtyrer ist gemäß der gängigen islamischen Definition jemand, der bei der Anstrengung auf dem Wege Gottes stirbt.[2] Das arabische Wort für Märytrer lautet Schahid, wörtlich: Zeuge. Das deutsche Wort Märtyrer stammt übrigens vom altgriechischen mártys, was ebenfalls Zeuge bedeutet.[3]

Was aber bezeugt ein Märtyrer? Worüber legt er Zeugnis ab? Vor wem legt er Zeugnis ab? Eine mögliche Antwort könnte sein, dass er mit seinem Körper am Tag der Auferstehung ein Zeugnis für die Verbrechen seiner Feinde, die ihn töteten, ablegt. Weiter könnte man sagen, dass er mit seinem gesamten Leben ein Zeugnis ablegt, und mit dem Tod durch die Hand der Feinde seine individuell höchste Stufe der Glückseligkeit erlangt. Beide Möglichkeiten bewegen sich aber noch im engeren Verständnisbereich des Martyriums – des Todes durch Feindeshandlung.

Ein Zeuge zu sein oder Zeugnis abzulegen kann aber noch viel mehr bedeuten.

Wer zum Beispiel Menschen kennt, die an Alzheimer leiden, der sieht, wie ein Mensch in dieser Welt lebt, aber in den letzten Phasen seines Lebens geistig faktisch nicht mehr anwesend sind. An Alzheimer Leidende schwelgen nicht nur in Erinnerungen ihrer Kindheit oder Jugend, sie glauben sogar, dass sie trotz ihres hohen Alters noch Kinder oder Jugendliche sind und fragen vielleicht regelmäßig nach bereits längst verstorbenen Eltern, Geschwistern oder Freunden. Ihnen fehlt jegliches Bewusstsein für ihre Gegenwart, ihre Handlungen sind lediglich noch instinktiver Natur: schlafen, essen, atmen, schlafen, essen, atmen.

Ein Märtyrer lebt das Gegenteil von mangelndem oder nicht vorhandenem Bewusstsein vor. Er hat im Moment seines Todes oder im Zeitraum seines Sterbeprozesses seinen eigenen höchsten Grad an Bewusstsein über das gesamte Dasein, über die gesamte Schöpfung. Dieser Aspekt ist entscheidend für den Unterschied zwischen dem Martyrium und einem anderen Tod. Ein Märtyrer stirbt bewusst.

Der Gesandte Gottes und das Siegel der Propheten, Muhammad (s.), ist nach diesem Verständnis ein Märtyrer, und es erübrigt sich daher jegliche Diskussion darüber, ob er getötet werden musste, um als Märtyrer diese Welt zu verlassen, oder nicht. Er hatte im Zeitpunkt seines Todes den höchsten Grad an Bewusstsein in seinem irdischen Leben und auch den höchsten Grad, den ein Mensch je erreichen konnte. Ein weiser Mensch äußerte vor Kurzem den Gedanken vor mir, dass die Bewusstseinsstufe vom Gesandten Gottes eine Minute vor seinem Ableben höher war als fünf Minuten vorher. Er hatte eine solch hohe Bewusstseinsstufe erreicht, dass er traurig war zu sterben, nicht wegen des Todes an sich, sondern weil er nicht mehr dienen durfte.

Der höchste der Propheten ist der Fürst der Märtyrer, er verschied nicht nur bewusst, sondern sein ganzes Leben, von seinem ersten Atemzug bis zu seinem letzten Aushauchen ist Zeugnis für die Liebe Gottes, die er verkörperte. Im Quran heißt es über den Propheten: „Und wir entsandten dich nicht, außer als Gnade für die Welten.“[4]

Weiter heißt es über den Propheten: „Wahrlich er ist offenbarte Offenbarung.“[5]

Wie könnte man bei solchen Worten nur für einen einzigen Augenblick auf die Idee kommen, dass der Prophet nicht als Märtyrer verschied?

Selbstverständlich sind auch die Biografien der Imame (a.) und der Tochter des Propheten Muhammad (s.), Sayyida Fatima (a.), Spiegelbilder des prophetischen Daseins und Zeugnisse der göttlichen Liebe, aus der und für die sie erschaffen wurden, sodass auch sie nicht durch Gift oder das Schwert hätten sterben müssen, um als Märtyrer zu gelten. Aber jeder von ihnen hatte zu seiner eigenen Epoche unterschiedliche gesellschaftliche und politische Umstände, die es bei jedem einzelnen erforderlich machten, auf unterschiedlichem Wege als Märtyrer diese Welt zu verlassen. Und selbst wenn niemand von ihnen durch Gift oder das Schwert [6] getötet worden wäre, so hätten sie, wie ihr Vater und Großvater ebenfalls, ohne jeglichen Zweifel als Märtyrer gegolten.


  1. Quran 3:144 ↩︎

  2. http://eslam.de/begriffe/m/maertyrer.htm ↩︎

  3. https://de.wikipedia.org/wiki/Märtyrer#cite_note-1 ↩︎

  4. Quran 21:107 ↩︎

  5. Quran 53:4 ↩︎

  6. Sayyida Fatima wurde weder durch Gift noch durch das Schwert getötet. Sie erlag den schweren Verletzungen des Angriffes auf ihr Haus nach dem Ableben ihres Vaters. ↩︎

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