Syrien, Familie

Märtyrer in Syrien: Mutter legt Sohn in Gottes Hände

Die folgende Geschichte hat sich nicht so zugetragen, es ist eine Patchworkgeschichte aus drei wahren Begebenheiten. Die edle Frau zitiere ich aus einem Interview. Das Gespräch, das sie mit ihrer Bekannten führt, gab es auch. Nicht mit ihr, aber mit einer Mutter, deren Söhne sich dem Widerstandskampf angeschlossen haben und einer Mutter, deren Kinder „ihr Leben leben“. Auch das Ereignis am Ende der Geschichte ist wahr. Wir besuchten den Vater am darauf folgenden Tag – vor über zehn Jahren. Noch heute sehe ich ihn vor mir, ein gebrochener Mann.

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Plötzlich wurde ihr schwarz vor Augen und sie war kurz davor, die Besinnung zu verlieren, doch sie fing sich sofort und lobpreiste Allah für seine Gnade und Rechtleitung. Ihr ging der Vers aus dem heiligen Quran durch den Kopf: „Ihr werdet nie die Güte erlangen, es sei denn ihr spendet von dem, was ihr liebt.“ (3:92) Im nächsten Augenblick verspürte sie Dankbarkeit in sich.

„Hadsche Muna, meine Liebe“, sprach Nawal mit schlechtem Gewissen zu ihrer Freundin, der sie an diesem Sonntagmorgen einen Besuch abstattete. „Umm Hussein!“ Die Erwähnung ihrer Kunya (Ehrenname) riss Muna Harb aus ihren Gedanken und zauberte ihr ein Lächeln ins Gesicht. „Ja. Ich kann mich noch genau an diesen Tag erinnern.“

Es muss eine schreckliche Sekunde des inneren Kampfes für die Mutter von Hussein gewesen sein, als er ihr gestand, er wolle zur Verteidigung des Islams gegen die Terroristen in den Kampf nach Syrien aufbrechen. Soll sie ihn einfach so in den Krieg ziehen lassen? Sie trug ihn dort, wo sonst kein Mensch einen anderen trägt. Schützte ihn mit allen Körperteilen und kümmerte sich nicht darum, ob sie hungrig oder durstig war, solange er zu essen und zu trinken hatte. Sie verzichtete seinetwegen auf Schlaf und schützte ihn vor Kälte und Hitze. Neunzehn Jahre der Aufopferung, um ihn zu einem gottesfürchtigen Diener zu erziehen, und dann soll sie ihn tot sehen? Ihre Entscheidung war klar: Ja! Wenn es Gottes Wille ist, so wollte sie es auch.

Mutter des Märytrers
Muna Harb, Mutter des Märtyrers

„Um ehrlich zu sein, als Hussein mir gestand, er wolle nach Syrien, habe ich ihn gestoppt. Ich sagte zu ihm: ‚Moment Hussein, ich möchte mich an Allah mit einem Unschlüssigkeitsersuchen (Chira) wenden. Ich möchte Gewissheit haben, dass dein Aufbruch nach Syrien Gottes Zufriedenheit erlangt.‘ Tatsächlich habe ich Gott ersucht und danach ist er nach Syrien aufgebrochen.“

Muna blickte in verständnislose Augen. „Dein Sohn Hussein war erst neunzehn Jahre alt. Das kann doch keine Mutter aushalten?“

Muna sah ihre Freundin mit dem Blick einer Mutter an, deren Kind etwas Naives gesagt hat: amüsiert und voller Liebe. „Ich betrachte es so, als ob ich Gott etwas schenkte. Inschallah wird er es von mir akzeptieren – ich habe Zuversicht, dass er es wird. Ich habe ihm mit Freude etwas geschenkt. Ich schenke ihm doch nichts und bin dabei traurig. Nein. Er ist mir der Liebste, mein Leben, meine Seele. Und was ich ihm gegeben habe, liebe ich nicht mehr als ihn. Sicherlich, er ist mein Sohn, aber Gott hat mir die Zuneigung und Zärtlichkeit geschenkt, dieses Kind zu einem Diener Gottes zu erziehen. Für Gott. Aber er ist sein Herr und er hat ihn von mir zurückverlangt. Darüber hat er mich informiert: ‚Das ist mein Diener, erzieh ihn für mich, ich werde ihn dir wieder nehmen.‘ Wie soll ich ihn übergeben? Als er ihn mir schenkte, war ich glücklich. Wenn ich ihm meinen Sohn schenke, mache ich es und bin dabei glücklich.“

Nawal fühlte bei diesen Worten Unbehagen und Muna merkte es. Ihre Freundin gehörte zu den Frauen, die großzügig und hilfsbereit sind. Doch ihre Kinder banden ihr Herz ans Diesseits.

„Sicherlich, es ist Gottes Entscheidung. Aber ich weiß wirklich nicht, wie du es übers Herz bringen konntest.“ Nawal kam sich dumm dabei vor, ihren Satz von vorhin einfach nur anders formuliert zu haben. „Ich meine, ich könnte nicht damit leben. Ein Kind auf diese Weise zu verlieren. Stunden stärkster Wehen, denen neun Monaten schwerer Anstrengungen vorangingen. Dann die vielen Jahre der Erziehung, nur damit er in Syrien stirbt. Um Gottes willen.“

Wieder dieses liebevolle Lächeln und die sanfte Stimme Munas. „Ich verspüre keine Sehnsucht. Ich habe nicht das Gefühl, dass mein Sohn fort ist. Ich habe nicht das Gefühl, dass er nicht mehr anwesend ist. Solche Gefühle habe ich nicht – das (diese Stärke) kommt nicht von mir, sondern kommt vom Wohlwollen Allahs. Allah gibt dem Menschen Kraft, er stärkt sein Herz und lässt ihn geduldig sein. Mit ihm ist es möglich, in schwierigen Situationen standhaft zu sein. Wieso? Weil ich Gewissheit habe. Ihn liebe ich, er ist mein Leben, meine Seele. Außer ihm habe ich niemanden. Wenn du weißt, dass dein Sohn zu jenem unterwegs ist, den du liebst, wieso solltest du dann traurig sein? Was mir Halt gibt, ist Gott. Was Gott gefällt, gefällt auch mir.“

Schahid Hussein
Hussein Al-Sayyid Hussein

Muna hielt kurz inne und blickte auf das Foto von Hussein in Uniform vor gelbgrünem Hintergrund, das im Wohnzimmer hing. Gedankenverloren sprach sie weiter: „Er hat seinen Sohn geopfert, seine Familie, seine Familienangehörigen wurden gefangen genommen, aber er war glücklich. Anders als wir. Wir opfern gezwungenermaßen. Wir opfern und sind dabei traurig. Wir opfern und bilden uns etwas darauf ein. Nein – er war glücklich. Wir sollten von den Ahlulbayt lernen. Welchen Wert hätte unsere Liebe zu ihnen sonst? Welchen Wert hätten Veranstaltungen in ihrem Namen? Welchen Wert hätte das Quranlesen? Imam Hussein (a.) hat uns die Hingabe zu Gott gelehrt und wenn mein Sohn sich aus Liebe zu Gott und seinem Propheten, seinen Ahlulbayt hingibt, dann habe ich – mit Gottes Gnade – meine Aufgabe erfüllt. Der Grund meiner Existenz ist es, meinen Kindern die Liebe zu Gott zu lehren.“

Für einige Momente schwiegen beide. Es war keine peinliche Stille, sie dachten beide auf ihre Art über diese Worte nach. Nawal füllte die Pause mit einem Schluck Kaffee. Seit der Beerdigung mit leerem Sarg waren sieben Tage vergangen. Husseins Leiche wurde nie gefunden. Viele hochrangige Persönlichkeiten versuchten, Informationen über den Aufenthaltsort des Körpers zu finden. Es gelang nicht. Für Husseins Mutter spielte es keine Rolle.

Leerer Sarg
Leerer Sarg mit Foto des Märtyrers Hussein Al-Sayyid Hussein

„Seine Reise nach Syrien war der Aufbruch zum Martyrium. Ohne jeden Zweifel. Als mein Sohn mir eröffnete, er wolle nach Syrien, war er für mich ein Märtyrer. Vor seiner letzten Reise hat er mir von seinem Traum erzählt, in dem er Imam Mahdi (a.) sah. Der Imam sagte zu ihm: ‚O Hussein, ich werde dich mit mir nehmen.‘ Als Hussein erwachte, war er froh über den Traum, da Imam Mahdi (a.) ihn mit sich nehmen werde. Wir haben uns nichts weiter dabei gedacht. Wir haben es als seine Zufriedenheit mit meinem Sohn und diesem Weg verstanden. Als Zufriedenheit Gottes. Also sagte ich zu ihm, bevor er aufbrach: ‚Hussein, wir kämpfen nicht für Geld oder für ein Einkommen. Ich möchte, dass deine Absicht, mit der du fortgehst, rein ist. Damit ich die Gewissheit habe, falls du das Martyrium erlangst, es mit reiner Absicht getan zu haben.‘ Und weil Imam Mahdi (a.) ihn in Empfang genommen hat, ihn bei der Hand genommen hat, bin ich zufrieden.“

Muna machte eine kurze Pause und Nawal konnte sehen, wie Muna die nächsten Worte abwog: „Unter der Erde am Leben, über der Erde am Leben, wir sind zufrieden. Gott sei es gedankt, ich spüre Zufriedenheit in mir. Warum soll ich mir so viele Gedanken machen, da doch derjenige, der ihn erschaffen hat, der ihn mehr liebt als ich und der ihn in jeder Angelegenheit beisteht, aufgenommen hat. Was soll ich mich da einmischen!“

Nawal war angesichts dieser Worte gerührt. Sie bewunderte ihre Freundin für diese Tapferkeit und Reinheit. Trotzdem, das eigene Kind. Unvorstellbar! Es gelang ihr nicht, einen solchen Gedanken zu Ende zu denken. Sie war kein böser Mensch, sie liebte ihre Kinder einfach über alles. Sollen andere ihre Kinder opfern, bitte, aber sie wird ihren Sohn heiraten und Kinder kriegen sehen – inschallah. Lieber sieht sie ihn sein Leben genießen, als tot. Sie ist glücklich, wenn ihr Sohn es ist.

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Am darauffolgenden Sonntag besuchte Muna ihre Freundin Nawal. Es war ein sonniger Sommermorgen und Muna trug wie immer schwarz. Doch an diesem Sonntag trug sie ihre schwarze Kleidung nicht aus Sittsamkeit, sondern aus Trauer. Das schreckliche Ereignis sprach sich unter Nawals Bekannten schnell rum: Auf dem Weg von einer Feier nach Hause ist Nawals Sohn am Samstagmorgen mit seinen Freunden verunglückt. Sie fuhren zu schnell und der Fahrer verlor die Kontrolle über den BMW. In dem Auto saßen vier Personen. Drei junge Männer starben und eine junge Frau überlebte schwer verletzt.

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Hussein Muhammad Al-Sayyid Hussein ist 1994 im Südlibanon geboren. Er nahm an diversen Kampfausbildungen teil. Im Jahre 2013, mit neunzehn Jahren, erlangte er im Kampf gegen den IS in Syrien das Martyrium.


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Mahdi Haschim

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