Wenn Plasberg, Will und Maischberger gerade nicht über Trump, Erdogan oder Flüchtlinge herfallen, sprechen sie über den Islam. Zur besten deutschen Sendezeit streiten fünf eingeladene Gäste über Kopftücher, Moscheen, Handschlagsverweigerungen und den Quran. Die Themen sind seit Jahren immer dieselben. Die obige Frage (im Titel) gehört zu den Lieblingsthemen deutscher Talkshows – ein Klassiker, altbekannt und breit diskutiert.

Schnell könnte man jetzt antworten: Nicht der Quran muss sich der Zeit anpassen, sondern Zeit und Ort dem Quran. Schon die Form der Frage, ob der Quran noch zeitgemäß sei, impliziert, der Mensch hätte heute ein Stadium erreicht, in dem er nicht mehr auf Religion angewiesen wäre. Die heiligen Bücher hätten vielleicht im Mittelalter fruchtbare Ergebnisse hervorgebracht, aber heute wären sie nicht mehr zeitgemäß.

Der heilige Quran als die letzte göttliche Botschaft genießt noch immer bei allen Muslimen absolute Geltung, er ist erhaben über Raum und Zeit. Doch diese Bedeutung der zeitlosen Gültigkeit wurde oft missverstanden. Sie bedarf einer näheren Erläuterung.

Nach islamischer Auffassung wurde der Quran im siebten Jahrhundert auf den Propheten Muhammad (s.) herabgesandt. Über einen Zeitraum von 23 Jahren kamen die Offenbarungen durch den treuen Engel Gabriel über die Zunge des Propheten (s.) zu den Menschen auf der arabischen Halbinsel.

Deshalb steht der Quran im Original in arabischer Sprache, und jede Übersetzung, mag sie noch so gut sein, gibt den wahren Inhalt des Buches nicht vollständig wieder. In der Zeit der Offenbarung pflegten die Menschen eine völlig andere Lebensweise. Die Überzeugungen, Denkmuster, Wert- und Normvorstellungen waren anders als die heutigen, auch wenn wir Parallelen finden.

Es ist also nicht verwunderlich, wenn Verse der heiligen Schrift direkten Bezug nehmen zu den arabischen Stämmen des siebten Jahrhunderts. Der Quran spricht in der Sprache jener Menschen, die mit dem Propheten lebten, ihn befolgten und auch verfolgten. Für die aufrichtigen Menschen jener Zeit kam er wie gerufen. Er löste ihre Probleme und verbesserte ihre soziale wie religiöse Lage. Den egoistischen, nach materiellem Reichtum lechzenden Menschen war der Quran ein Dorn im Auge. Er entwurzelte ihre unmenschlichen Praktiken und Bräuche. Er schuf Gerechtigkeit auf der Grundlage des Glaubens an Gott.

Für das Verständnis des Qurans ist es also unabdingbar, ihn im zeitgeschichtlichen Kontext, im Rahmen der vorangehenden und folgenden Verse, und im Lichte der Gesamtbotschaft einzuordnen. Die quranische Logik erlaubt es nicht, einzelne Passagen nach eigenem Gutdünken auszulegen, unabhängig vom historischen Hintergrund und den Anlässen der Offenbarung. Verse, die eine kriegerische Auseinandersetzung beschreiben, herauszureißen, um den Islam als gewalttätig abzustempeln, ist nicht die Art, wie der Koran sich selbst verstanden wissen will. Es ist zutiefst bemerkenswert, wie die unwissenschaftliche Vorgehensweise vieler Islamkritiker heute unreflektiert akzeptiert wird. Im Grunde nutzen jene Leute dieselbe Methode wie die sogenannten Extremisten. Sie unterscheiden sich nicht in ihrer engstirnigen Vorgehensweise.

Nun leben wir nicht im siebten Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel. Die Denk- und Verhaltensweisen haben sich geändert. Auch die Lebensbedingungen sind andere, der Mensch hat sich weiterentwickelt. Wie kann nun ein Buch universelle Geltung beanspruchen, aber keine Antworten auf neuzeitliche Erscheinungen geben?

Oberflächlich betrachtet, beschränkt sich der Quran auf die Lebenswirklichkeiten der Menschen im siebten Jahrhundert. Er löst ihre Probleme, ohne auf die heutigen einzugehen. Ein tiefsinniges Schauen jedoch erlaubt es uns auch heute noch, Urteile aus den Versen abzuleiten und sie auf unsere konkreten Fälle anzuwenden. Der Quran erhebt sogar den Anspruch, unabhängig von Zeit und Ort, alle Phänomene wahrheitsgetreu zu erklären:

„Wir sandten auf dich das Buch hernieder als eine Klärung für alle Dinge und eine Rechtleitung und Barmherzigkeit und Heilsbotschaft für die Muslime.“ [1]

Dabei dient jede Kenntnis, die der Quran enthält, in erster Linie der Rechtleitung des Menschen. Er leitet die Menschen recht, klärt sie auf und benennt die ursächlichen Grundsätze aller Erkenntnis, aus denen wissenschaftliche Ableitungen gezogen werden. Wenn die Grundlagen gegeben sind, können weitere abgeleitete Grundlagen und Detailfragen auf dieser Basis logisch erschlossen werden.[2] Mittels der Grundlagen können die muslimischen Gelehrten wissenschaftliche Exegese betreiben. Das ist erlaubt und sogar notwendig. Eine neue Exegese schafft auch keinen neuen Quran, sondern versucht, die in einem Vers enthaltene Lehre unter Berücksichtigung verschiedener Aspekte aktuell anzuwenden. Die Erklärung neuzeitlicher Phänomene ist also prinzipiell in Quran enthalten.

Die quranische Hermeneutik ist keine Errungenschaft „moderner“ Islamwissenschaftler. Schon nach dem Ableben des Propheten Muhammad (s.) begannen die innerislamischen Kontroversen, die keineswegs alle schädlich waren, sondern nützlich und wertvoll für einen besseren Zugang zur Religion. Man disputierte über Gott und seine Eigenschaften, die Stellung von Mann und Frau, die Möglichkeit von Erkenntnis und anderen Fragen in Orientierung an der heiligen Schrift und der Aussprüche des Propheten Muhammad (s.). Ständig war man darum bemüht, neu auftretende Erscheinungen entsprechend den jeweiligen Bedingungen korrekt zu interpretieren.

Der universelle Charakter des Qurans erlaubt es mir also nicht, ihn jederzeit wortwörtlich und oberflächlich auszulegen. Damit er immer und überall zur Rechtleitung beiträgt, muss man bemüht sein, die Bedeutung hinter der äußerlichen Bedeutung zu ergründen. Richtig und aktuell verstanden, dient der Quran in jeder Situation als helfende Stütze. Ein potenzielles Allheilmittel, das denjenigen heilt, der geheilt werden will und den irreführt, der den Quran mit böswilliger Absicht verstehen möchte. Gottes Worte büßen nicht ein an Aktualität, wenn man die wesentlichen Eigenschaften aus den Versen herauszieht und sie auf eine individuelle Situation anwendet. Das ist jedoch in erster Linie Aufgabe der Gelehrten, die ihr Leben hingeben für die Entschlüsselung der göttlichen Wahrheiten:

„Diese Gleichnisse prägen Wir für die Menschen. Aber nur diejenigen verstehen sie, die Wissen besitzen.“ [3]

Gültige Rechtsurteile zu einem Sachverhalt können also nur jene sprechen, die mit der Materie vertraut sind. Sie müssen weise und gerecht sein, Vorbilder im Handeln und eine ethisch-religiöse Reife mitbringen. Andere haben in keinem Fall das Recht, Urteile im Namen der islamischen Glaubensgemeinschaft zu sprechen.

Der Quran ist kein in Stein gemeißeltes Buch oder ein einfaches Nachschlagewerk für den Alltag. Jeder ist angeraten, beim Lesen der heiligen Verse darüber nachzusinnen. Er fordert seine Leser auf, stets mit Demut heranzugehen. Wer sich über den Quran erhebt und glaubt, er habe die ganze Tiefe der Worte verstanden, verfälscht den Sinn der Offenbarung, dessen Wissenstiefen niemals enden. Mit Demut geht die Vorsicht einher. Eine Vorsicht, die mich verpflichtet, meine eigene Bedingtheit, meine eigene Schwäche beim Verständnis mitzuberücksichtigen. Das war in der Geschichte immer die Herangehensweise, wie die Exegeten seit den Anfängen der Offenbarung vorgingen.

Muslime sind überzeugt davon, dass der Quran die letzte Botschaft Gottes ist, die mit dem Propheten Muhammad (s.) besiegelt wurde. Dass der Mensch ohne die Hilfe der Offenbarung nicht in der Lage ist, zur seelischen, spirituellen und materiellen Vollkommenheit zu gelangen. Wir glauben daran, dass Vernunft und Sinn des Menschen allein nicht ausreichen, um ein Werte- und Normensystem zu etablieren, das zum wahren Glück führt. Ohne den heiligen Quran, ohne die göttliche Offenbarung als weitere Quelle der Erkenntnis wird der Mensch weiter von einem Ort zum nächsten umherirren, auf der Suche nach einem gerechten System, in dem er reifen und sein Menschsein voll und ganz ausleben kann.


  1. Heiliger Quran, 16:89 ↩︎

  2. https://www.youtube.com/watch?v=SUI1QSKiSQk ↩︎

  3. Heiliger Quran, 29:43 ↩︎

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