Im jüngsten Gaza-Krieg war (wieder einmal) eine auffällige Zurückhaltung gerade der „dschihadistisch-salafistischen“ Organisationen (wie ISIS, al-Qaida beziehungsweise die umbenannte al-Nusra-Front u.ä.), die sich doch sonst besonders radikal zeigen und als Beschützer der Muslime aufspielen, gegenüber Israel und seinem Vorgehen gegen die Palästinenser zu beobachten. Es geht hier wohlgemerkt nicht um die einen oder anderen Lippenbekenntnisse, die solche Gruppierungen vielleicht einmal abgegeben haben, sondern um ihre Taten, also die Fakten und Verbindungen. Wie aber ist diese Zurückhaltung zu interpretieren? Welche Vorkommnisse in der Vergangenheit ermöglichen eine Erklärung?

„Dschihadisten“ an der Grenze – eine Gefahr für Israel?

Man wird es kaum für möglich halten, aber die Kooperation zwischen Israel und „Dschihadisten“ ist sogar von der UNO dokumentiert worden. Darauf machte sogar „Der Spiegel“ in einem Artikel mit dem Titel „Israel unterstützt indirekt Dschihadisten“ vom 22.1.2015 aufmerksam. Darin heißt es – für viele wohl unglaublich – wortwörtlich, dass Israel „einer Terrororganisation hilft“.[1]

Berichtet wurde über UN-Dokumente, die die Zusammenarbeit der in al-Nusra-Front (inzwischen wieder umbenannt) umbenannten al-Qaida belegen. Beobachtet und dokumentiert wurden die Verbindungen durch die „United Nations Disengagement Observer Force“ (UNDOF), einem Truppenkontingent, das aufgrund der Resolution 350 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen vom 31. Mai 1974 auf die Golanhöhen entsandt wurde. Im Jahr 2014 erreichte der sogenannte syrische Bürgerkrieg die Pufferzone an den Golanhöhen, Dörfer und Checkpoints fielen in die Hände syrischer „Dschihadisten“. Die wichtigste Gruppe von Kämpfern, die sich nun in der Nähe der Golanhöhen aufhielt, war die al-Nusra-Front, der syrische Ableger von al-Qaida. Im Jahr 2015 war die „Yarmuk-Märtyrerbrigade“, eine Untergruppe von ISIS, nur einen Steinwurf von Israel entfernt – man hatte de facto eine gemeinsame Grenze. Die „Spiegel“-Korrespondentin Raniah Salloum bemerkte zu dieser Situation Folgendes: „Man könnte annehmen, dass Israel die sunnitischen Radikalen für eine Bedrohung hält. Doch die UNDOF-Berichte legen das Gegenteil nahe.“[2]

Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung

Den UNO-Soldaten fiel zunächst auf, dass verwundete „Dschihadisten“ in besetzte Gebiete Palästinas zur Behandlung gebracht wurden. Israel versuchte seine Unterstützung als humanitäre Hilfe für alle Syrer im „Bürgerkrieg“ zu verkaufen. Angeblich stelle man lediglich medizinische Hilfe, Medikamente, Decken oder Lebensmittel zur Verfügung und frage nicht nach, ob es sich um Zivilisten oder Kämpfer handele. So erklärte Lt. Col. Peter Lerner damals: „Wir prüfen und kontrollieren nicht, von welcher Gruppe sie kommen, wo sie kämpften oder ob sie Zivilisten sind.“[3] Das „Foreign Policy Magazin“ berichtete allerdings, dass Israel „dschihadistischen Milizen“ bewusst medizinische Hilfe gewährt habe, und veröffentlichte Fotos von Kämpfern in Israel und deren Behandlungen. Doch UNO-Soldaten konnten nicht nur medizinische Hilfeleistungen beobachten, sondern auch israelische Lieferungen von „Kisten“ an die syrischen Dschihadisten.[4]

Die syrischen Streitkräfte haben des Öfteren Waffenlieferungen abgefangen, die sich auf dem Weg zu „dschihadistischen“ Kämpfern befanden. Die Zeitung „Jerusalem Post“ berichtete, dass es sich dabei auch um Handgranaten, Raketenwerfern, Minen oder Mörsergranaten aus israelischer Produktion handelte. Eine solche Lieferung wurde in der Nähe von Al-Suweida, ca. 80 Kilometer von der israelisch-syrischen Grenze entfernt, in einem Wagen, der in östlicher Richtung (Richtung IS-Gebiet) unterwegs war, entdeckt und samt Waffen aus israelischer Produktion der Presse vorgeführt.[5]

Ein weiterer merkwürdiger Umstand, der auf eine Kooperation hindeutet, ist, dass die israelische Luftwaffe bei allen ihren Luftangriffen in Syrien stets nur Stellungen der syrischen Armee, der Hizbullah oder vermuteter iranischer Hilfskräfte angriff, jedoch niemals Verbände der „Dschihadisten“.

Es kann bei all dem somit davon ausgegangen werden, dass Israel gegen die Dschihadisten nicht nur nicht vorgeht, sondern sie sogar gezielt – unter anderem mit Waffenlieferungen – unterstützt. Aus welchem Grund ist dies plausibel?

Ein gemeinsamer Feind

Auch wenn beispielsweise die al-Nusra-Front (bzw. Ahrar al-Sham) aus dem syrischen Ableger von al-Qaida hervorging und damit doch wohl vermutet werden kann, dass diese Gruppierung von den USA als Terrororganisation eingestuft wird, machte Mark Toner, Pressesprecher in Washington, am 24.5.15 deutlich, dass Washington nach der Maxime verfährt „Wer Terrorist ist, bestimme ich“. „Ahrar al-Sham wurde von uns nicht als Terrororganisation eingestuft.“ Immerhin habe man einen gemeinsamen Feind, weshalb Israel sich nicht auf den Kampf gegen ISIS oder andere „dschihadistische Gruppen“ konzentriere. Daher seien die Luftschläge Israels nur gegen das „syrische Regime“, vermutete iranische Hilfskräfte und gegen die Hizbullah gerichtet, aber niemals gegen die al-Nusra-Front beziehungsweise gegen Ahrar ash-Sham. Der Feind meines Feindes ist ja bekanntlich mein Freund. In der Tat erklärt dies so Manches.

Assad gilt als Verbündeter des Iran, Unterstützer der Palästinenser und der Hizbullah. Deswegen ist der Westen auch dazu entschlossen, in Syrien einen Regime Change durchzuführen. Um den Sturz der syrischen Regierung erreichen zu können, schreckt man – wie in Afghanistan – auch nicht davor zurück, terroristische Gruppierungen reinzuwaschen und sich ihrer zu bedienen. Beweise dafür existieren inzwischen in Hülle und Fülle. So kam der berühmte amerikanische Investigativjournalist Seymour Hersh unter anderem nach der Auswertung der Wikileaks-Akten zu dem Ergebnis, dass die USA die Destabilisierung Syriens in großem Umfang betrieben.[6]

In der Folge musste „Assad als neuer Hitler diffamiert werden, abweichende Stimmen wurden natürlich unterdrückt. Seit Kriegsausbruch wurden in westlichen Medien ‚massive Falschinformationen‘ über Syrien verbreitet, um Assad zu dämonisieren ... kritisiert der Journalist Helmut Scheben, der 16 Jahre für das Schweizer Fernsehen SRF gearbeitet hatte. Viele Berichte von CNN, ZDF und Spiegel stützen sich einseitig auf die undurchsichtige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte … von Osama Ali Suleiman, der unter dem Pseudonym Rami Abdul Rahman ein ‚PR-Büro der Assad-Gegner‘ … aus seinem Reihenhaus in Coventry nördlich von London Geschichten zu Syrien in die Welt verschickte.“[7]

Diese Erkenntnis gewinnt man auch angesichts der E-Mail-Korrespondenz zwischen Hillary Clinton und dem damaligen Sicherheitsberater Jacob Sullivan. Der Westen und seine Verbündeten in den reichen Golfstaaten unterstützten dschihadistische Gruppierungen, die den Kampf gegen die syrische Regierung aufnahmen. Es liegt auf der Hand, dass auch Israel mit den besagten Organisationen durchaus gemeinsame Interessen und auch einen gemeinsamen Feind hat. Umgekehrt müssen auch die „Dschihadisten“ auf ihre Finanziers und Unterstützer gewisse Rücksichten nehmen – und der gemeinsame Feind steht schließlich woanders.


  1. Spiegel Artikel: „Israel unterstützt indirekt Dschihadisten“ ↩︎

  2. Salloum, Raniah: Vgl. ebenda ↩︎

  3. Lerner, zitiert nach https://www.inamo.de/isis-und-israel/ ↩︎

  4. Vgl. Salloum: Israel unterstützt indirekt Dschihadisten ↩︎

  5. Quelle: N-TV.DE ↩︎

  6. Seymour Hersh: Die Akte Assad. Cicero, 28. April 2016 ↩︎

  7. Ganser, Daniel: Illegale Kriege 2016, S. 287 ↩︎