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Interview mit Radio Wilaya: Ein islamischer Radiosender in deutscher Sprache

Viele wissen es nicht, aber es gibt einen muslimischen Radiosender in deutscher Sprache, der weltweit über das Internet empfangen werden kann. Radio Wilaya sendet 24 Stunden und wird von mehreren Moderatoren und Moderatorinnen aus dem norddeutschen Raum betrieben. Einer von ihnen ist Hassan Mohsen. Freundlicherweise willigte er einem Interview mit Offenkundiges zu dem Start-up-Projekt zu. Das Interview führte Mahmoud Ayad.

Lieber Hassan, as-salamu alaikum. Was bekomme ich zu hören, wenn ich Radio Wilaya einschalte?

Wenn du Radio Wilaya einschaltest, bekommst du vor allem Kommentare zu aktuellen Geschehnissen zu hören, islamische Lieder und Bittgebete für jeden Anlass. Den Gebetsruf [azan] zu den Gebetszeiten, in den Morgenstunden Bittgebete für den Morgen, teils auf arabisch, teils auf deutsch übersetzt.

Was habt Ihr sonst noch so im Programm?

Sonst senden wir auch zahlreiche Vorträge von Laienpredigern und Gelehrten, die z. B. zu bestimmten Themen und zu bestimmten Anlässen der islamischen Geschichte vortragen.

Wie kommt man überhaupt auf die Idee, einen muslimischen Radiosender zu starten?

Es gab in letzter Zeit sehr viele Ideen, wie z. B. Blogs oder Vlogs, also Videoplattformen, die bestimmte Themen ansprechen und die die islamische kulturelle Landschaft bereichert haben, aber es gab nur wenige Projekte, die man nebenher konsumieren konnte. Ein geschriebener Text oder ein Video erfordert ja die volle Aufmerksamkeit. Radio kann man dagegen nebenher hören. Radio ist immer noch eines der beliebtesten Medien, die man nebenbei konsumiert. Und nebenbei zu hören, während man anderen Tätigkeiten nachgeht, die Idee kam uns, weil wir eigentlich sowieso zuhause viel Radio hörten. Warum dann nicht gleich einen islamischen Radiosender?

Viele werden fragen: Wie schafft man es, trotz 24 Stunden Sendung noch Zeit für ein Interview zu finden. Hast du sonst nichts zu tun? Du lebst sicher von der staatlichen Stütze?

Nein, alle an Moderatoren des Projekts, darunter zähle auch ich, gehen einer Vollzeitbeschäftigung nach oder studieren und arbeiten nebenher. Das kann also nur funktionieren, wenn man seinen Tagesablauf perfekt, also bis auf die letzte Stunde am Tag organisiert und wir müssen uns untereinander abstimmen, wer wann dran ist. Wir haben einen Plan, wer welchen Tag, wer welche Tageszeit, wer welche Themen übernimmt. Wir haben also zusammen einen Plan erstellt, der uns letztlich auch entlastet. Aber was es vor allem braucht, ist Disziplin.

Wenn mehrere Mitarbeiter nur nebenher mitarbeiten, seid ihr alle zusammen sicher etwa 20 bis 30 Leute, oder?

Nein, gar nicht. Wir sind drei Hauptamtliche, die wirklich ca. 2–3 Stunden täglich daran sitzen und der Rest macht ab und zu mal etwas und schickt uns das. Aber wir sind im Prinzip, wenn es hoch kommt, hauptsächlich fünf Leute.

Fünf Leute, von denen drei mehrere Stunden neben der eigentlichen Arbeit täglich produzieren, wollen bezahlt sein. Und der Betrieb und die Technik kosten ja auch sicher einiges an Geld. Woher kommt das Geld? Werdet Ihr vom berüchtigten „iranischen Mullah-Regime“ oder vom gefürchteten „Diktator Erdogan“ finanziert?

Nein, das werden wir nicht, wir werden von niemanden finanziert. Wir finanzieren unsere Projekte mit eigenen Geldern, die wir hineininvestieren. Wir haben dieses Hobby und es ist ein teures Hobby. Aber es ist ein Hobby, für das wir gerne Geld bezahlen. Andere haben ja auch irgendwelche Hobbys, für die sie sehr viel Geld ausgeben.

Und wir finanzieren das auch durch „Nachholgebete“. Das bedeutet, dass Menschen, deren Angehörige verstorben sind, uns Geld dafür geben, dass wir Pflichtgebete für diese Angehörigen nachholen. Wir nehmen ein Euro für fünf Tagesgebete und konnten so z. B. unsere Mikrofone und unsere Software finanzieren. Aber all die Beiträge, die monatlich anfallen, wie die Domainbeiträge oder Kosten für die Softwarelizenz, bezahlen wir aus eigener Tasche.

Und wir werden zwar von niemanden im Ausland finanziert, aber wenn es so wäre, dann hätten wir auch kein Problem damit, das zuzugeben, weil es ist normal, dass Medienanstalten finanziert werden. Aber wir werden es halt nicht. Im Gegenteil, wir wollen alles selber finanzieren, damit wir das Gefühl haben können, dass wir einen Beitrag leisten.

Dennoch sind 24 Stunden täglich doch auch in anderer Hinsicht eine große Herausforderung. Ihr sendet ja auch Musik und wenn wir von vier Minuten pro Lied ausgehen, müsstet Ihr täglich 360 verschiedene Lieder abspielen. Gibt es denn überhaupt so viel islamische Musik?

Es gibt eine Menge islamischer Lieder auf der Welt, wir brauchen uns ja nicht nur im deutschsprachigen Raum bedienen. Der Islam ist nicht nur deutschsprachig. Der Islam ist weltweit aktiv. Und wenn man die ganze Erde betrachtet (und das tun wir), dann sieht man, dass das Internet voll von Liedern auf Englisch und anderen Sprachen ist und diese nutzen wir auch. Auch wir haben erst durch dieses Projekt gemerkt, wie vielfältig die islamische Kultur weltweit ist und wie viele unterschiedliche Beiträge die Muslime leisten. Und ich finde das unglaublich, zu sehen, welche kulturelle Bereicherung die Muslime für die ganze Welt sind, welche enorme Aktivität die Muslime leisten. Und wir finden sehr viele Lieder weltweit, die islamisch sind und die wir verwerten können. Dabei nutzen wir ausschließlich Lieder, die lizenzfrei sind, das heißt von Menschen, die das nicht unbedingt professionell machen (Letztere gibt es noch häufiger), sondern die, die das ehrenamtlich machen. Deren Beiträge nutzen wir und von denen gibt es viele.

Also Sami Yusuf werden wir bei Radio Wilaya nicht hören?

Nein, Sami Yusuf, Maher Zain, die Bekanntesten nutzen wir nicht. Aber wir nutzen Cover, also von anderen Leuten nachgesungene Stücke bekannter Sänger. Wenn es uns gefällt, nehmen wir diese, aber die Originale nehmen wir nur, wenn sie lizenzfrei sind.

Mal eine kritische Frage: Denkst du nicht, dass ihr mit einem muslimischen Radiosender Parallelgesellschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz fördert?

„Parallelgesellschaften“ ist ein Kampfbegriff, um alternative Kulturbewegungen in diesem Land nicht zuzulassen. Eine Gesellschaft besteht nicht nur aus einer einheitlichen Masse, sondern es gibt verschiedene Gesellschaften innerhalb einer Gesellschaft. Und das ist ja das System unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung, in der verschiedene Kulturen, Identitäten und Ansichten innerhalb eines Landes leben. Wir begründen keine Parallelgesellschaft, sie ist da. Wir bereichern sie eher mit unserem Beitrag und wir geben eine Möglichkeit, diese Identität, die diese Gesellschaft hat, zu nutzen. Aber wir bereichern die Menschen, die gerne in ihrem kulturellen Milieu leben. Wir bereichern also nur eine bereits bestehende Gesellschaft.

Noch einmal zu den Inhalten: Ihr sendet ja Vorträge verschiedener Gelehrter und Laienprediger, unter anderem auch solcher, die als umstritten gelten und die vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Hegt ihr nicht die Befürchtung, damit selbst ins Visier des Inlandsgeheimdienstes zu geraten?

Wir sind bereits ins Visier des Inlandsgeheimdienstes geraten, da wir auch andere Aktivitäten durchführen. Deshalb haben wir damit kein Problem. Wir fürchten nicht, von irgendwelchen Leuten gefürchtet zu werden. Wir wollen einfach unseren Beitrag leisten und wenn es Leute für wichtig erachten, uns zu bespitzeln oder zu beobachten, dann gerne. Kann jeder machen, es ist sowieso live und kostenlos. Und wenn jemand etwas gegen uns in der Hand hat, dann kann er uns gerne mal besuchen.

Wie kann man Radio Wilaya eigentlich empfangen?

Man empfängt Radio Wilaya, indem man in seinem Browser radio-wilaya.de eingibt. Das kann man per Handy oder per PC einfach ganz normal auf dieser Website empfangen.

Kann man den Sender auch über UKW, also wie ein klassisches Rundfunkradio empfangen?

Wie gesagt, wir finanzieren unser Projekt auch mit Nachholgebeten. Wir müssten täglich tausende Gebete nachholen, um das zu bezahlen. Das würden unsere Knie nicht mitmachen. Es ist viel zu teuer, über UKW zu senden. Im Internet können wir uns das leisten, das ist online. Aber für andere Wege müssten wir Werbung schalten. Das ist nicht drin.

Gibt es eigentlich noch weitere Herausforderung außer Geld und Zeit beim Betrieb eines Radiosenders?

Man muss immer auf dem aktuellen Stand der Technik bleiben, man muss schauen, was es für neue Software gibt, welche die Arbeit erleichtern könnte. Zum anderen muss man thematisch immer aktuell bleiben, weil das Medium Radio ist durch eine hohe Aktualität gekennzeichnet. Es ist aktueller als das Internet, weil wir direkt live schalten können. Wir können unmittelbar, während des Aussprechens die Menschen erreichen, sie hören uns direkt. Das ist also noch schneller als ins Internet gestellte Beiträge. Deshalb ist das Radio noch immer beliebt bei den Menschen. Das bedeutet eben auch für uns, dass wir aktuell bleiben müssen, dass wir auf dem Laufenden sind, dass wir uns informieren, recherchieren, dass wir schauen, was passiert gerade, was ist wichtig für unsere Hörer. Was müssen unsere Hörer jetzt wissen, was wollen wir jetzt unbedingt unseren Hörern senden? Das ist eine anstrengende Herausforderung, dass man immer auf dem Laufenden bleiben muss.

Wenn jemand sich nun denkt: „Das ist ein tolles Projekt, das möchte ich unterstützen!“ – Was kann er oder sie machen?

Er kann uns hören und für uns Duas (Bittgebete) machen. Wir können sehen, wie viele Hörer wir haben und wenn wir sehen, dass es viele gibt, die uns hören, dann haben wir das Gefühl, dass unser Projekt angenommen wird, wir werden gehört. Und je mehr einschalten, je mehr Feedback kommt, desto mehr können wir uns auch an unsere Hörer anpassen und unser Programm optimieren. Dua ist also eine Sache, die wir brauchen und einfach Unterstützung in Form von Einschalten.

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Das hört sich gut an. Vielen Dank für das Interview.


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Offenkundiges

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