Das Interview führte Huseyin Özoguz für Offenkundiges mit Scheich Dr. Ali Taleb, dem ersten Vorsitzenden der Gemeinschaft der Mitte (GdM) aus Köln.

Lauf an der Pegnitz - Nürnberger Tor
Scheich Dr. Ali Taleb

Offenkundiges: Ihr habt dieses Jahr euer Fünfjähriges gefeiert. Nun gab es in Köln und Umgebung zuvor schon andere schiitische Gemeinden. Warum habt ihr die GdM gegründet?

Ali Taleb: Die GdM entstand nach langer Zeit der Reflexion und anschließender Planung, aber auch aus dem Bedarf nach einer echten Gemeinschaft heraus, die der islamischen Vorstellung entspricht, fern von jeglichem Nationalismus und Extremismus. Daher auch die Mitte in unserem Namen – unter anderem. Die vorhandenen Gemeinden verstanden sich als ein Stück Ausland in Deutschland, während sich die GdM als integralen Bestandteil der hiesigen Gesellschaft verstehen will.

Offenkundiges: Ihr geltet als unabhängig. Wie finanziert ihr eure Räumlichkeiten?

Ali Taleb: Es stimmt, wir sind alhamdulillah finanziell unabhängig. Wir sind lediglich auf die Mitgliedsbeiträge und die Spenden der Besucher angewiesen sowie jener, die von den Diensten unserer Gemeinde profitieren und die wir für unsere Idee und unsere Aktivitäten begeistern konnten.

Offenkundiges: Ihr steht für den Grundsatz der offenen Prinzipientreue. Was sind eure Prinzipien?

Ali Taleb: Eine ausführliche Antwort darauf würde den Rahmen sprengen. Wir verstehen uns als Konservative, die „radikale“ Reformen herbeiführen möchten. Die Spannung zwischen diesen auf den ersten Blick scheinbar widersprüchlichen Positionen ist Voraussetzung und sogar Motor einer positiven Entwicklung. Um es beispielhaft zu verdeutlichen, greife ich das Thema liberale Moschee auf, da es aktuell ist. Das ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie man ohne wissenschaftliche Grundlage eindeutige islamische Positionen aufgibt, um Offenheit zu demonstrieren oder zu leben. Das wollen wir nicht. Das erklärt auch teilweise, was wir mit Prinzipien meinen. Auf der anderen Seite sind wir bestrebt, Offenheit zu predigen und zu leben. Insbesondere liegen uns der gesellschaftliche Frieden und der Gedanke der Völkerverständigung sehr am Herzen. Daher nehmen wir an diversen Treffen und Veranstaltungen teil, die diesem Zweck dienen. Das fängt schon bei lokalen Stadtteiltreffen an. Uns ist es zudem wichtig, Präventionsarbeit gegen alle Formen des Extremismus zu leisten, was wir auch seit unserer Gründung intensiv tun, um unserem Namen gerecht zu werden. Abgesehen davon fördern von uns organisierte Projekte und Veranstaltungen die Einheit der Muslime und den interreligiösen Dialog. Unsere Gemeinde nimmt schließlich auch an der bundesweiten Aktion Tag der offenen Moschee teil. Diese Offenheit ist übrigens auch ein grundlegendes islamisches Prinzip, das wir aus Überzeugung vorleben.

Offenkundiges: Was konntet ihr in den letzten fünf Jahren erreichen?

Ali Taleb: Wir konnten die bisher einzige deutsch-schiitische Gemeinde mit eigenen Räumlichkeiten („Moschee“) gründen und all diese Jahre aufrechterhalten. Das ist bereits ein Riesenerfolg. Wir konnten unsere Gemeinde erweitern und strukturieren. Derzeit wächst bei uns eine neue Generation heran, die unsere Idee weitertragen wird. Die funkelnden Augen der Jugendlichen, wenn sie authentisches Wissen vermittelt bekommen, sind unser größter Schatz. Die GdM hat auch andere Gemeinden inspiriert und dazu beigetragen, dass deutsch-schiitische Gemeinden zu einem festen Bestandteil der muslimischen Community in Deutschland geworden sind.

Offenkundiges: Ihr betont die Wichtigkeit der deutschen Sprache und Kultur für islamische Aktivitäten. Das tun inzwischen viele. Warum aber ist euch das so wichtig?

Ali Taleb: Das hat zahlreiche Gründe. Wenn ein Deutscher, ein Türke, ein Araber, ein Iraner, ein Afghane und ein Pakistaner in derselben Moschee in Deutschland sitzen und alle dem Redner zuhören und ihn verstehen, dann muss es sich in der Regel um eine deutsche Rede handeln. Und genau das ist unsere Wirklichkeit. Die muslimische Jugend darf zudem nicht am Islam vorbei leben, sondern muss sich damit identifizieren und ihn auch außerhalb der Moschee bewusst praktizieren. Das geht nur, wenn wir den Konflikt zwischen Muslimsein und Deutschsein auflösen. Ähnliches gilt für die Kommunikation mit der Mehrheitsgesellschaft. Sprachbarrieren sind ein Nährboden für Ängste und Fremdenfeindlichkeit.

Offenkundiges: Die Jugendlichen zu erreichen, gilt als schwierig. Was ist hierzu euer Ansatz, was sind eure Erfahrungen?

Ali Taleb:
Das ist in der Tat eine Herausforderung, aber auch vermutlich die wichtigste Aufgabe, die wir Muslime haben. Wir versuchen die Jugendlichen durch diverse Angebote zu locken, wählen die Talente aus, konzentrieren uns auf sie, bilden sie zu einer Art Jünger aus, geben ihnen Verantwortung und lassen sie mit den Jugendlichen in engem Kontakt stehen, während wir das Ganze dann nur noch beaufsichtigen und korrigierend oder anpassend eingreifen. Inzwischen haben wir eine Jugendgruppe, die sich um die Jugend kümmert und in der Jugendarbeit deutschlandweit eingebunden ist.

Offenkundiges: Welche Maßnahmen ergreift ihr gegen radikale Ideologien unter den Schiiten?

Ali Taleb: In der schiitischen Community gibt es, wie bei anderen Richtungen, zwei Arten des Extremismus: den passiven und den aktiven Extremismus. Die Anhänger des passiven Extremismus leben zurückgezogen in ihrer eigenen historisch zusammengebastelten schiitischen Welt mit vielen Traditionen und Ansichten, die heute als überholt gelten. Diese sind nicht daran interessiert, Brücken zu anderen Muslimen oder auch zu Nichtmuslimen zu schlagen. Das Gefährliche daran ist, dass diese Kreise solcher Schiiten einen Nährboden für den aktiven Extremismus darstellen, der seinerseits für seinen Weg lauthals einlädt und andere Denkschulen innerschiitisch und innermuslimisch angreift. Wir halten öfter Vorträge oder führen Diskussionen zu diesen Themen, aber packen auch an der Wurzel an, indem wir theologische und spirituelle Arbeit leisten, um auf diese Weise unsere Mitglieder und Besucher präventiv zu immunisieren. Es muss aber mehr in dieser Hinsicht getan werden.

Offenkundiges: Ihr habt dieses Jahr als Gemeinde Eid am Sonntag (25.6.) gefeiert, nicht am Montag. Zusätzlich habt ihr den Großteil eurer Gemeinde, der Mardschas folgt, die das Fest für Montag ausgerufen haben – beispielsweise Imam Chamenei und Sayyid Sistani –, aufgefordert, am Sonntag zu verreisen, damit ihr gemeinsam frühstücken könnt. Beides habt ihr veröffentlicht. Für diese Entscheidung wurdet ihr von vielen Seiten kritisiert. Warum habt ihr nicht einfach am Montag gemeinsam gefeiert?

Ali Taleb: Es war keine Aufforderung, sondern ein Vorschlag, der auf breite Akzeptanz in unserer Gemeinde gestoßen ist. Dann haben wir es veröffentlicht. Das hatte den Effekt, dass Sunniten und Schiiten, die am Sonntag Eid hatten, am Gebet teilgenommen haben. Auf der anderen Seite hatten einige Mitglieder angekündigt, nicht am Montag teilnehmen zu können. Unser Anliegen war zu zeigen, dass drei Werte gleichzeitig geschützt werden können:

  1. Einheit im Sinne gemeinsamen Feierns der Anhänger diverser Mardschas und Rechtsschulen, trotz der Unterschiede.
  2. Einhaltung der von den einzelnen Mitgliedern befolgten Rechtsprechung.
  3. Erleichterung und Erhöhung der Teilnehmerzahl.

Viele Mitglieder, deren offizielles Eid am Montag war, haben am Tag danach das Eid-Gebet trotzdem verrichtet, auch in Gemeinschaft.

Offenkundiges: Wie geht ihr mit kritischen Themen wie Zionismus und Homosexualität um?

Ali Taleb: Außenpolitik war bisher kein Schwerpunkt unserer Arbeit als Gemeinde. Mehrere Individuen setzen sich aber eigenständig für diverse außenpolitische Themen ein, insbesondere für das Anliegen Palästinas. Mit Homosexualität wurden wir im Rahmen unserer Arbeit bisher ebenso nicht ernsthaft konfrontiert. Allerdings sind wir sehr besorgt über die Entwicklungen rund um dieses Thema, die ihren nächsten Höhepunkt mit dem Gesetzesentwurf „Ehe für alle“ erreicht haben. Wir denken, dass in Zukunft viel Aufklärungsarbeit auf den Schultern jener lastet, die die Ehe als heilige Institution ansehen. Und dazu gehören auch wir.

Offenkundiges: Was ist eure Vision für die GdM in zehn Jahren?

Ali Taleb: Die GdM war am Anfang nur eine abstrakte Idee, über die Bruder Nima Mehrabi und ich lange reflektiert haben. Aus dieser Idee wurde inzwischen eine fünf Jahre junge Wirklichkeit, die im Vergleich zu den Anfängen einen nicht zu unterschätzenden Einfluss in der deutschsprachigen schiitischen Community ausübt. Wenn wir also die anfängliche Idee mit der heutigen Realität der Gemeinde vergleichen, haben wir große Hoffnung, dass es viel weiter gehen könnte. Bis zur nächsten Mitgliederversammlung werden wir in der Tat eine Vision für die nächsten 5–10 Jahre mit einem konkreten Plan aufstellen. Dann können wir mehr dazu sagen.

Zum Newsletter anmelden und über neue Artikel informiert werden.