Imam Chamenei schrieb am 20. Januar 2017 ein Grußwort an die Konferenz der Vereinigung islamischer Studentenorganisationen in Europa (UISAE) – ein Manifest für jeden Muslim im Westen, der nach Prioritäten für seine Aktivitäten sucht. Die folgende Übersetzung aus dem persischen Original stammt i. W. von der Seite Islamisches Erwachen.

Liebe Studenten,

die Jugend und das Studentenleben können dabei helfen, erhabene Ziele zu erreichen, gleich einem starken Antrieb. Außerdem genießt ihr den Vorteil, in der einflussreichen Vereinigung der islamischen Studentenorganisationen mitzuwirken. Nun seid ihr in der Bringschuld. [Wörtlich: Über euch wurde die Beweisführung abgeschlossen.]

Was von euch erwartet wird, ist mehr als die wissenschaftliche, religiöse und ethische Ausbildung und Selbsterziehung. Es wird erwartet, dass ihr eure Umgebung beeinflusst und die Anzahl der Wanderer auf dem Wege Gottes durch euer Wort und eure Tat erhöht. Im ungleichen Krieg der Front des Unglaubens und der Arroganz gegen die erhobene Fahne des reinen Islams ist dies unser aller Pflicht. Jeder von uns muss eine gesegnete Quelle der wahren islamischen Lehre und des göttlichen geraden Weges sein.

Mögen eure reinen Herzen lebhaft, hoffnungsvoll und lichterfüllt sein.
Sayyid Ali Chamenei, 20. Januar 2017

Textanalyse

Liebe Studenten, die Jugend und das Studentenleben können dabei helfen, erhabene Ziele zu erreichen, gleich einem starken Antrieb.

Zu Beginn richtet sich der Brief explizit an Studenten: Das Potenzial und die einzigartigen Möglichkeiten der Jugendzeit werden von den Jugendlichen selten ausgeschöpft und von ihnen erst nach dem Eintritt in die Erwachsenenzeit mit ihren neuen Verpflichtungen – Beruf, Familie – erkannt. „Nutzt die Jugend vor dem Alter“, sagte der Prophet (s.). Späte Erkenntnis ist besser als gar keine, aber unvergleichlichen Wert besitzt die Erkenntnis zum richtigen Zeitpunkt.

Außerdem genießt ihr den Vorteil, in der einflussreichen Vereinigung der islamischen Studentenorganisationen mitzuwirken.

Etablierte Strukturen mit eingespielten Arbeitsabläufen erlauben Aktivitäten, wie sie für den Einzelnen oder lose Gruppen unmöglich sind. Daher ist es unbedingt notwendig, Organisationen zusammenzuhalten und vom Schaden individueller Animositäten und von der Schwächung durch Spaltung zu bewahren. Umgekehrt darf man nicht den Fehler begehen, sich mit der Schaffung von Strukturen zu begnügen. Geeignete Strukturen halten die Aktivitäten zusammen und stärken sie. Aktivitäten ohne Strukturen sind wie ein Körper ohne Knochen. Strukturen ohne Aktivitäten sind nur ein Haufen Knochen.

Nun seid ihr in der Bringschuld.

Was für ein Satz! Eine direkte Aufforderung des Waliyulamrs. Wer um den Wert der Wilaya weiß, wird entsprechend handeln.

Was von euch erwartet wird, ist mehr als die wissenschaftliche, religiöse und ethische Ausbildung und Selbsterziehung. Es wird erwartet, dass ihr eure Umgebung beeinflusst und die Anzahl der Wanderer auf dem Wege Gottes durch euer Wort und eure Tat erhöht.

Diese beiden Sätze bilden den Kern der Botschaft und sind in dieser Eindeutigkeit bisher einmalig. Zunächst drückt Imam Chamenei unmissverständlich aus, dass die Fokussierung auf einen selbst, gleich in welchem Bereich, nicht ausreicht! Haben wir nicht oftmals das Gegenteil gehört? Wurde uns nicht gepredigt, dass jeder Einzelne nicht nur bei sich selbst anfangen müsse, sondern auch bei sich selbst aufhören könne? Dass die Selbsterziehung genüge, um die Umgebung mitzuziehen? Manch einer argumentiert gar, dass er nicht auf andere zugehen könne, solange er nicht fehlerlos sei. Der Waliyulamr weist darauf hin, dass diese Strategie spätestens im Jahr 2017 im Westen ihr Verfallsdatum erreicht hat, falls sie denn jemals berechtigt war. Explizit fordert er die Beeinflussung der Umgebung, um die Anzahl der Wanderer auf dem Wege Gottes durch Wort und Tat zu erhöhen. Diese Formulierung beinhaltet drei Aussagen:

  1. Die Anzahl spielt eine Rolle! Es ist nicht gleichbedeutend, ob man drei oder dreitausend Menschen erreicht. Anderslautende Empfehlungen von anderer Seite müssen im Lichte dieser eindeutigen Aussage interpretiert werden: Die Aufrichtigkeit vor Gott (Ichlas) darf nicht als Ausflucht herhalten, um ungenügende Ergebnisse und Ineffektivität zu rechtfertigen.
  2. Es geht nicht um die Anzahl der Muslime, sondern die Anzahl der Wanderer auf dem Wege Gottes. Das hat zwei Implikationen: Erstens ist die Beeinflussung der Umgebung im Westen keinesfalls auf Nichtmuslime beschränkt. Nicht wenige gebürtige Muslime haben hierzulande die Verbindung zur Religion verlassen, zählen sich selbst nur noch als Kulturmuslime oder verzichten auf jede Reflexion. Die Muslime sind an erster Stelle zu berücksichtigen, weil wir über einen besseren Zugang zu ihnen verfügen als zu anderen.
    Und zweitens muss jemand nicht notwendigerweise zum Islam konvertieren, um zu einem Wanderer auf dem Wege Gottes zu werden: Spiritualität und die Verbindung zum Göttlichen sind nicht Muslimen vorbehalten. Die Bewerbung von Spiritualität in einer materialistischen Gesellschaft mag zu anderweitigen religiösen Rückbesinnungen führen, und das ist bereits ein Erfolg. Das bedeutet nicht, dass man den Islam verheimlichen soll, sondern es erlaubt verschiedene Strategien; man muss nicht mit der Tür ins Haus fallen.
  3. Erhöhung der Anzahl durch Wort und Tat: Das steht nicht im Widerspruch zur bekannten Überlieferung der Ahlulbayt (a.), die dazu auffordert, durch Taten und nicht durch Worte zu ihnen einzuladen. Damit sind jene gemeint, deren Worte im Widerspruch zu ihren Taten stehen und daher der Einladung mehr schaden als sie nützen. Wort und Tat müssen Hand in Hand gehen, gerade im Zeitalter der Medien sind wohlausgewählte Worte ein mächtiges Mittel.

Im ungleichen Krieg der Front des Unglaubens und der Arroganz gegen die erhobene Fahne des reinen Islams ist dies unser aller Pflicht.

Imam Chamenei spielt auf den weichen Krieg an: Die Front der Arroganz (Istikbar) ist der Imperialismus, der militärisch und politisch den Islam angreift, während die Front des Unglaubens (Kuffr) Tag und Nacht sich eifrig müht, die Spiritualität der Menschen zu schwächen, in ihnen Verwirrung zu stiften. Dazu gehören aggressive Missionierungen durch Atheisten (sog. Neuer Atheismus, eine Bewegung aus den USA) und Propaganda von Verderbtheit auf allen Ebenen, Verherrlichung von Gewalt und sexueller Verwahrlosung. Beide Fronten greifen weltweit an, insbesondere im Westen ist die Front des Kuffrs massiv in die Herzen vorgedrungen. Hier kann man mit der Einladung zu einer attraktiven Alternative ansetzen.

Er betont außerdem, dass diese Pflicht jedem obliegt, nicht bloß den eingangs angesprochenen Studenten.

Jeder von uns muss eine gesegnete Quelle der wahren islamischen Lehre und des göttlichen geraden Weges sein.

Die wahre islamische Lehre ist das Wissen und der gerade göttliche Weg das Handeln. Handeln ohne Wissen ist Ignoranz, Wissen ohne Handeln ist Heuchelei – beides schreckt Einzuladende ab. Und eine Quelle sprudelt für jeden, der sich ihr nähert, im Unterschied zu einer verschlossenen Truhe, zu der ausschließlich ausgewählte Leute Zugang besitzen.

Mögen eure reinen Herzen lebhaft, hoffnungsvoll und lichterfüllt sein.

Die Mission erfordert den reinen Islam (lichterfüllt), die Kraft der Umsetzung (lebhaft) und den Antrieb als Motivation (hoffnungsvoll).

Im Kontinuum früherer Botschaften

Obwohl diese Botschaft Imam Chameneis in ihrer Ausdrücklichkeit bisher einmalig ist, steht sie nicht im luftleeren Raum. Im Gegenteil reiht sie sich in die Kontinuität früherer Botschaften ein, die spätestens mit den beiden Briefen an die (nichtmulimische) Jugend im Westen im Jahr 2015 ihren Anfang nahm.

Schon aus diesen zogen Analysten den Schluss, dass die Tore des Islams geöffnet werden müssten und dass ein neues Zeitalter der Bewegung Imam Mahdis begonnen habe. So verglich Scheich Hamza Sodagar die Briefe mit der offenen Proklamierung des Islams in Mekka, nachdem sich bis dahin die Muslime im Geheimen organisiert hatten. Er warnte davor, ihre Bedeutung zu unterschätzen, sich einzureden, dass es für den Islam im Westen noch zu früh sei, weil es an der Bereitschaft der Nichtmuslime mangele.

Scheich Usama Abdulghani interpretierte die Briefe im Rahmen der bekannten Überlieferung über Qum und Nadschaf im Vorfeld der Rückkehr Imam Mahdis (a.). Demzufolge wird das islamische Wissen Nadschaf verlassen, nach Qum übersiedeln und von dort in die ganze Welt verbreitet werden, bis jeder Mensch auf dem Planeten weiß, was der wahre Islam ist, und nicht mehr durch Trugbilder oder Unwissenheit vom Islam abgeschirmt ist. Die Übersiedlung des Wissens nach Qum bezeichnete Scheich Abdulghani als Realität, ebenso seine weltweite Verbreitung. Aber das letzte beschriebene Stadium sei noch nicht erreicht und werde durch die Briefe eingeläutet.

In seiner Rede zum Taklif-Fest vor iranischen Jugendlichen im Dezember 2016 sprach Imam Chamenei davon, dass jeder Jugendliche seine Umgebung beeinflussen solle, seine Mitschüler, Freunde, Nachbarn. Im Fokus stand die tägliche Verbindung zu Gott. Die Einladung zur Spiritualität muss nun auch in Deutschland erfolgen. Viele Beispiele zeigen leider, dass das Interesse für den Islam auf Basis politischer Ereignisse allein nicht von Dauer ist, wenn der Kern der Gottesverbindung übergangen wird. Zu lange schon haben wir die Einladung zur Spiritualität vernachlässigt.

Implikationen für unsere Islamdarstellung

Die offensichtlichste Botschaft ist es, den Islam überhaupt darzustellen, ihn nicht zu verstecken, keine Barrieren zu schaffen, weder sprachliche noch inhaltliche oder kulturelle. Wer zum Pfad des Göttlichen einladen will, muss nicht allein das Wissen darum besitzen und ein Wanderer auf ihm sein, sondern er muss darüber hinaus die Einzuladenden kennen. Er muss wissen, womit sie konfrontiert sind, in welcher Gedankenwelt sie leben, womit sie erzogen wurden.

Warum gibt es von uns de facto keine Begegnung des aggressiven Atheismus? Müsste das für Anhänger einer Religion, deren erstes Postulat „Es gibt keine Gottheit außer Gott“ lautet, nicht die oberste Priorität sein? Oder ist uns der Verfall gleichgültig, solange wir uns selbst nicht betroffen sehen – ein Selbstbetrug übrigens; nicht wenige Jugendliche Muslime finden keine Antworten auf den Neuen Atheismus.

Warum bewerben wir nicht Spiritualität als Erlösung für alle Menschen? Handelt es sich um ein Geheimwissen, welches auf Türkisch, Arabisch und Persisch gepflegt werden muss und die Moscheen nicht verlassen darf?

Die Darstellung darf nicht an argumentativer Naivität scheitern: Gegenüber einem Nichtmuslim belegt man die Gottesexistenz nicht mit dem Quran. Man bringt keine schwachen Gottesbeweise vor, die nach zwei Nachfragen in sich zusammenfallen. Man stellt keine empirisch zweifelhaften Behauptungen auf, wie etwa das tägliche Gebet als Gymnastikübung oder das Fasten im Monat Ramadan als Diät. Und man wirft einem Kritiker nicht „Gott hat dein Herz versiegelt!“ an den Kopf, wenn man nicht mehr weiter weiß. Argumentative Schwäche führt den Argumentierenden näher zum Atheismus als den Adressaten zur Spiritualität.

Vielversprechende Ansätze in der Einladung von Nichtmuslimen sehe ich im inhaltlichen Dialog mit Christen und anderen, die von sich selbst sagen, an eine höhere Macht zu glauben. Aber keinen Dialog auf Bischofebene mit Bildern für die Medien, sondern einen Dialog auf persönlicher Ebene, vor allem zwischen jüngeren Menschen. Ein weiteres bisher gänzlich unberührtes Feld ist die Argumentation gegen den missionierenden Atheismus: Viele Christen in Deutschland sind unbeholfen und werden kompetente Hilfe zu schätzen wissen.

Möglichkeiten gibt es genug: medial, im persönlichen Gespräch, als YouTube-Kanal, Artikelplattform, beim Austausch im Mutter-Kind-Turnen oder in Diskussionen an der Uni oder in der Arbeit.

Die Zeit des Versteckens ist vorbei. Treten wir aus dem Schatten ins Licht.

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