Imam Chamenei

Imam Chamenei: Heutige Not der Umma resultiert aus Abstand von quranischen Lehren

Die folgende Rede hielt Imam Chamenei am 15. April 2019 bei einer Versammlung mit Teilnehmern des 36. Internationalen Quran-Wettbewerbs. Es folgt die sinngemäße Übersetzung der englischen Originalübersetzung.


Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Begnadenden

Aller Dank gebührt Allah, dem Herrn der Welten, und der Frieden und Segen seien mit unserem Meister und Propheten Abul Qasim al-Mustafa Muhammad und seiner reinen, fehlerlosen und auserwählten Familie und besonders dem Verbliebenen Allahs auf Erden (Baqiyyatullah).

Zunächst einmal bin ich sehr glücklich, dass Allah der Erhabene uns Iranern eine weitere Gelegenheit gegeben hat, in Gesellschaft unserer muslimischen Brüder aus anderen Ländern, eine enge Beziehung zum Quran aufzubauen. Die Internationalen Quran-Wettbewerbe bringen es mit sich, dass sich eine Reihe von Muslimen aus der ganzen Welt um den Quran versammelt. Dies sollte deshalb gewürdigt werden. Zuallererst möchte ich gerne den Organisatoren für diese angenehme und wohltuende Veranstaltung danken und zweitens gerne alle ehrenwerten Teilnehmer und Gäste begrüßen, insbesondere diejenigen, die aus anderen Ländern kommend an dieser Festlichkeit teilnehmen.

Wichtig ist, dass wir den Wert des Qurans schätzen. Der Quran ist nicht nur zum Rezitieren da. Die Rezitation ist nur die Einleitung in das Verstehen des Qurans und das Erlangen einer quranischen Wahrnehmung. Das sollten wir erreichen. Falls der Rezitationsteil richtig ausgeführt wurde, wird er uns zwei wichtige Vorteile bringen: Zum einen wird er unsere Spiritualität und spirituelle Seele vertiefen und erweitern. Wir sind versunken in materialistischen Angelegenheiten. Individuen brauchen spirituelle Aufmerksamkeit und eine spirituelle Seele und mit diesen Rezitationen, wenn wir richtig rezitieren, wird dies erreicht.

Und der zweite Vorteil ist, dass er uns helfen wird, unsere Gedanken mit quranischen Lehren aufzuladen. In anderen Worten: Der Quran beeinflusst sowohl unser Herz als auch unseren Geist. Wenn wir dem Quran näherkommen, werden uns viele Konzepte des Lebens und das Leben selbst klarer werden. Fälle von Ablenkung, Missverständnis, Enttäuschung und Verrat, Feindschaft der Menschen untereinander und Selbsterniedrigung angesichts globaler Unterdrückung [taghuts] entstehen alle durch das Entfernen vom Quran. Der Quran gibt uns beides: Spiritualität und Verständnis.

Der Quran ist das Buch der menschlichen Glückseligkeit: eine solche Glückseligkeit, die zweifellos für diese Welt und das Jenseits ist. [...] Weltliche Glückseligkeit bedeutet, von göttlichen Segnungen in diesem Universum zu profitieren. Dies kann mit dem heiligen Quran erreicht werden. Nationen können Würde, Wohlstand, wissenschaftliche Fähigkeiten, Macht, Einheit und Solidarität mit dem Quran und durch handeln gemäß dem Quran erreichen. Sie können ein erfülltes Leben mit dem Quran führen. All dies sind weltliche Angelegenheiten. Auch die jenseitige Glückseligkeit – das geistige, reale, immerwährende und ewige Leben – wird mit dem Quran gewährleistet. Entsprechend ist der Quran das Buch der jenseitigen und diesseitigen Glückseligkeit, vorausgesetzt, dass wir danach handeln und seine Ratschläge befolgen.

Beachten Sie, dass es nicht wenige Fälle gibt, in denen wir, die islamische Umma, gescheitert sind, dem Quran entsprechend zu handeln und unsere Probleme resultieren daraus. Zum Beispiel sagt der heilige Quran über die Anhänger des Propheten: „Muhammad ist der Gesandte Gottes. Und diejenigen, die mit ihm sind, sind den Abstreitenden (kuffar) gegenüber heftig, gegeneinander aber gnädig“ (48:29). Also sollten wir am härtesten gegen die Abstreitenden sein, dennoch gnädig miteinander.

Allerdings haben manche von uns dies vergessen. Sie haben es beiseite gelegt. Wer hat dies getan? Dieselben Menschen, die mit den USA und den Zionisten Kompromisse eingegangen sind. Sie gehen über das Blut der Palästinenser und verletzen deren Rechte. Diese Menschen haben vergessen, gegen die Abstreitenden am härtesten zu sein und verwandelten sich in Diener, Anhänger und Gefolgsleute der Abstreitenden. In der heutigen Zeit sind viele arabische Herrscher so. Sie sind von dieser Kategorie.

Eine weitere Gruppe von Individuen, die die gegenseitige Gnade vergessen haben, sind jene, die Zwiespalt zwischen den Muslimen stiften. Der heilige Quran sagt: „Die gläubigen Männer und Frauen sind untereinander Freunde“ (9:71).

Währenddessen beschuldigen sie die, die an Allah, den Quran, die Kaaba und die Qibla glauben, des Unglaubens. Sie haben vergessen, Gnade untereinander walten zu lassen. Wenn diese nicht existiert, werden Bürgerkriege in islamischen Ländern geführt. Schauen Sie sich die Situation in Syrien und Jemen an. Es sind nun schon mehr als vier Jahre vergangen, in denen sie Jemen bombardieren. Wer ist der Bomber? Ist er ein Abstreitender? Nein, offensichtlich ist er ein Muslim, aber er ist nicht gnädig mit anderen Muslimen.

So auch solche: „Die den Quran zergliedert haben“ (15:91). Das bedeutet, dass sie nur nach bestimmten Stellen im Quran handeln: „Glaubt ihr denn nur an einen Teil des Buches und verleugnet den anderen?“ (2:85) Natürlich, viele von ihnen glauben überhaupt an gar keine Stelle des Qurans.

Daher ist das Rezitieren des heiligen Qurans eine Einführung in das Handeln, Verständnis und die Vertrautheit. Wir unsererseits sollten sehen, was wir unseren Möglichkeiten nach tun können. Das Erste, was wir tun können, ist, dass wir vermeiden, Gott zu vergessen. Das Nächste ist, dass wir die Gottesfurcht und die Frömmigkeit zur Grundlage unserer Arbeit machen. Das sind einfache und machbare Aufgaben. Das sind keine unlösbaren Aufgaben, die so wären, dass wir fragen müssten, „wie?“

Sie sollten sich an Gott erinnern: „O ihr, die ihr glaubt, gedenket Gottes in häufigem Gedenken und preiset ihn morgens und abends“ (33:41–42). Was auch immer wir vorhaben zu tun, wir sollten stets überlegen, ob dies Gott gefällt oder nicht. Wenn wir uns sicher sind, dass es nicht gegen den göttlichen Willen ist, dann ist es in Ordnung. Wir sollten jedoch darauf achten, dass wir keine Dinge tun, die gegen den göttlichen Willen stehen. Das ist göttliches Dhikr (Gedenken Gottes). Dhikr wird nicht nur in Worten ausgesprochen. Auf dieses Problem zu achten, ist ein Akt des göttlichen Dhikr.

Das Nächste ist die Frömmigkeit. Die quranische Rechtleitung steht den Frommen zur Verfügung. Frömmigkeit bedeutet, dass wir auf uns selbst aufpassen. Wir sollten achtgeben auf uns selbst, wie jemand, der auf einer schmalen Straße geht, die von Abgründen auf beiden Seiten umgeben ist. Bei jedem Schritt, den du gehst, schaust du nach unten.

In den Überlieferungen wird die Frömmigkeit verglichen mit dem Durchschreiten eines mit Dornensträuchern bedeckten Buschlandes. Sie achten darauf, dass Ihre Kleidung nicht an den Dornen hängenbleibt oder Sie sind achtsam, sich nicht zu verletzen. Sie werden sehr vorsichtig sein. Frömmigkeit bedeutet genau dasselbe. Es bedeutet achtzugeben, nicht im Dornenbusch dieser Welt hängen zu bleiben, welcher Sie von allen Seiten umschlingt.

Natürlich gibt es verschiedene Stufen der Frömmigkeit. Die höchste Stufe gebührt denen, die ihr Leben geopfert haben. Möge Gott seine Gnade und sein Paradies dem lieben Märtyrer Schahid Ali Chitsazian schenken, der uns gelehrt hat: Wenn du verinnerlichst, durch den Stacheldraht deines inneren Selbst zu kommen, wirst du auch durch den (Stacheldraht) des Feindes kommen. Gottes Paradies sei mit diesen Märtyrern. Sie lehrten uns einiges.

In der heutigen Zeit ist die Bewegung, die begonnen wurde, um den Flutopfern in Chuzestan und anderen Gebieten zu helfen, das Ergebnis der Erziehung durch unsere Märtyrer. Der aktuelle Strom unserer Bevölkerung aus dem ganzen Land in Richtung der von Überschwemmung betroffenen Gebieten ist ein erstaunliches Phänomen. Ist euch aufgefallen, wie wichtig das ist? Diese Bewegung wurde in Chuzestan, Ilam, Mazandaran und Golestan auf verschiedene Weise gestartet. Die Menschen strömen gemeinsam in diese Gebiete und bieten ihre Hilfe an. Sie helfen mit ihren Körpern, mit ihren Händen, mit ihren Ressourcen und mit ihrem Geld, Besitz und Geschenken. Eine großartige Bewegung wurde gestartet, die auf der Erde ohnegleichen ist. In verschieden Teilen der Erde. In verschiedenen Teilen der Erde setzen die verantwortlichen Organisationen, wie das Rote Kreuz oder andere aktive Einrichtungen, bestimmte Maßnahmen um, aber von überragender Wichtigkeit ist, dass (private) Personen zum Helfen in die Gebiete strömen. Das ist eine Lektion, die unsere Märtyrer erteilten.

Liebe Jugend, die meisten von euch sind jung und haben diese Tage nie miterlebt. In den 1360er Jahren (1980er Jahre n. Chr.), während der Ära der Heiligen Verteidigung, ist die Jugend mit großartigem Enthusiasmus zu den Fronten geströmt: „Unter ihnen sind welche, die ihre Lebensaufgabe erfüllt haben; und unter ihnen sind welche, die noch warten müssen. Und sie haben keine Änderung vorgenommen“ (33:23). Manche sind Märtyrer geworden. Wie glücklich sie waren, doch manche sind unversehrt zurückgekehrt. Diejenigen, die unversehrt zurückkehrten, sollten aufpassen, dass sie ihren Geist und ihre Tatkraft bewahren. Dies sind quranische Lehren. Dies sind Lehren des Quran, die die Jugendlichen zum Betreten der Arena drängen und die Frommen zum Handeln ermutigen.

Meine Lieben, ihr solltet dem Quran näherkommen. Was ich euch gerne empfehlen würde: dass ihr mehr Vertrautheit mit dem Quran aufbaut. Wenn wir den göttlichen Dhikr (Gottesgedenken) und die Frömmigkeit, die ich angesprochen habe, erreichen, dann wird die quranische Führung für uns einfacher werden: „Dies ist das Buch, kein Zweifel in ihm, es ist eine Rechtleitung für die Gottesfürchtigen“ (2:2). Wenn Frömmigkeit existiert, wird die Rechtleitung sicher sein. Deswegen, weil der Quran manche Menschen rechtleitet und andere in die Irre gehen lässt: „Aber er führt irre, wener will, und er leitet recht, wen er will“ (16:93). Er zeigt einigen Leuten den falschen und leitet andere den geraden und richtigen Weg. Die Führung gehört den Frommen. Je höher die Stufe der Frömmigkeit ist, desto höher wird die Stufe der Rechtleitung sein. Wir sollten dem nachgehen.

Wir danken Gott, dass unser Volk die quranische Führung dankbar angenommen hat. Es gab Tage, da war dies nicht der Fall. In der Zeit der Unterdrückung [Taghut] gab es in unserem Land keine Spur von diesen Dingen. Es gab keine Spur davon, mit dem Quran vertraut zu sein, Freude daran zu haben, ihn zu rezitieren, sich zu bemühen ihn auswendig zu lernen und zu versuchen seine Lehren zu verstehen. Es mag sein, dass wir Rezitatoren hatten, die den Quran rezitierten – ihn aber nicht verstanden. Heute, dankenswerterweise, kann unsere Jugend den Quran rezitieren und verstehen. Wir sollten diesen Geist täglich stärken. Wir sollten dieses Phänomen jeden Tag bekräftigen.

Ihr solltet wissen, dass das, was die Feinde in irgendeiner Weise gegen die Islamische Republik und in anderer Weise gegen die Islamische Umma tun – obwohl die Feinde mehr Feindseligkeit gegenüber der Islamischen Republik zeigen –, die letzten Atemzüge des Feindes gegen die Islamische Republik sind. Je härter sie sind, desto entschlossener werden wir sein. Je mehr Intensität sie ausüben, desto stärker werden wir. Je wütender sie auf unsere Verpflichtung gegenüber quranischen Konzepten und Lehren werden, desto mehr werden wir uns an den Quran binden, so Gott will. Unsere Verbundenheit mit dem Quran ist eine Quelle unserer Glückseligkeit, unserer Stärke und unserer Würde.

Wir bitten Allah den Allmächtigen, diese Bindung in uns zu stärken und uns zu helfen die Ziele zu erreichen, die der Quran für uns bestimmt hat.

Friede sei mit euch und Allahs Gnade und Segen.


Melde dich jetzt zum Newsletter von Offenkundiges an und werde über jeden neuen Artikel informiert.

Author image

Offenkundiges

Gemeinschaft muslimischer Publizisten / E-Mail: info@offenkundiges.de