Ist der homosexuelle Verkehr etwas schlechtes, muss er verboten und bestraft werden? Oder ist er gut, muss erlaubt und propagiert werden? Das ist eine moralische Frage, sie fragt nach der Bewertung einer Tat innerhalb einer Werteordnung. Aber welcher Werteordnung, was ist die Definition der Wertungen gut und schlecht?

In moralischen Debatten begegnen wir regelmäßig Argumenten, die einer anderen Kategorie angehören. So wird für die Homosexualität mit der Tierwelt argumentiert: Homosexualität könne nichts schlechtes sein, da sie auch bei anderen Säugetieren auftrete. Dabei sind Mord, Vertreibung, Vergewaltigung und Raub alltägliche Phänomene unter Säugetieren, niemand würde ihre Äquivalente unter Menschen deswegen als gut bezeichnen. Obgleich diese Antwort das Argument im Keim erstickt, legt es dessen eigentliche Schwäche noch nicht frei: Die Antwort nach gut und schlecht mittels Beobachtungen des Faktischen allein ist ein Kategorienfehler.

Das Gesetz von Hume

David Hume (1711–1776) hat als erster westlicher Philosoph diesen Kategorienfehler pointiert formuliert. Es ist heute als Gesetz von Hume bekannt: Kein Sollen aus dem Sein. Niemals kann die Frage nach gut und schlecht durch die Kenntnis über das Sein alleine beantwortet werden. Das Sein kann nur die nötigen Fakten liefern, um eine davon unabhängige Werteordnung für ein moralisches Urteil heranzuziehen.

Jede moralische Frage liefert ein Beispiel für das Gesetz von Hume: Die Medizin weiß, wie man Kinder gegen die Kinderlähmung immunisieren kann; eine einfache Schluckimpfung ohne nennenswerte Nebenwirkungen. Aber sollten wir deswegen Kinder impfen? Statiker können erdbebensichere Hochhäuser bauen. Aber warum sollte man das in einem erdbebengefährdeten Gebiet tun? Um Menschenleben zu retten. Aber warum ist das etwas gutes? Weltweit setzen sich Menschen gegen die Unterdrückung der Palästinenser durch Israel ein. Aber warum ist Unterdrückung etwas schlechtes? Warum ist der Einsatz dagegen ein hochzuhaltender Wert? Warum sollte man nicht die Umwelt vergiften? Warum keine Nahrungsmittel verschwenden?

Keine dieser Fragen kann die Naturwissenschaft beantworten. Sie kann die Gesetze der Natur erforschen, die materiellen Wirkungen in mathematische Gesetze gießen und Vorhersagen treffen. Aber sie gibt uns keine Werte an die Hand.

Sam Harris, Sean Carrol und die Revolte gegen Hume

Das Gesetz von Hume stellt Materialisten vor ein Dilemma. Denn wenn es nichts gibt außer das Sein, nur Materie und ihre Gesetze, keine Freiheit, dann gibt es auch keine Moral. Nur wenige Materialisten ziehen aus dem Materialismus die Konsequenz der Wertefreiheit, der Illusion von Moralvorstellungen. Denn ein Weltbild ohne gut und schlecht ist den meisten Menschen unvorstellbar: Ein Kind zur Befriedigung des eigenen Sadismus zu töten, kann unmöglich genauso bewertet werden, wie ein Kind vor dem Hungertod zu retten. Daher versuchen sich die meisten Materialisten in einem Ausweg vor der Morallosigkeit.

Sam Harris, ein amerikanischer Neurologe und bekannter atheistischer Apologet, definiert das Gute durch die Minimierung des Leides aller bewusstseinsfähigen Geschöpfe. Als Begründung führt er an, dass jedes bewusstseinsfähige Subjekt instinktiv Leid zu vermeiden sucht und wir dieses Streben daher zur Norm erheben sollten. Damit versucht Harris die Messbarkeit der Moral: Leid ließe sich durch Korrelationen von Aktivitätsmustern im Gehirn messen und so hätten wir ein Mittel zur naturwissenschaftlichen Erforschung des Guten und Schlechten an der Hand. Gelingt Harris damit die Widerlegung Humes?

Sein Vorschlag scheitert: Warum ist Leid etwas schlechtes? Nur weil bewusstseinsfähige Geschöpfe ihn häufig – sicher nicht immer – vermeiden? Wenn mein Leid für mich etwas schlechtes ist, warum sollte ich das Leid anderer auch als schlecht ansehen? Warum den kategorischen Imperativ heranziehen? Dieser Wert ist genauso beliebig wie jeder andere. Ebenso könnte man sagen, dass die Maximierung des Leides aller bewusstseinsfähiger Geschöpfe gut ist. Wer könnte dem widersprechen, ohne objektive moralische Werte und Verpflichtungen vorzubringen?

Hier setzt der amerikanische Physiker Sean Carrol an, erbitterter Gegner Harris’ in der Moraldebatte.1 Er stellt obiges Scheitern von Harris gegen Hume fest, bleibt aber dabei Materialist. Seine Alternative motiviert er mit einem Bild: Die Regeln der Sportart Basketball sind beliebig. Sie können nicht moralisch begründet werden. Trotzdem können wir Regelbrüche bestrafen, ohne uns rechtfertigen zu müssen. Wer mitspielen will, hat die Regeln einzuhalten.

Carrol bestreitet objektive moralische Werte und gibt ihre Beliebigkeit zu, die er aber nicht als Makel ansieht. In Carrols Ethik legt die Regeln fest, wer die Macht zu ihrer Durchsetzung besitzt. Das Recht des Stärkeren begründet die Normethik und verfolgt konsequent die unausweichliche Vorgabe des Materialismus. Moralisch befriedigend ist sie indes nicht, empfinden wir doch Massenmord als unmoralisch, selbst wenn der Machthaber die Regeln anders festlegt. Zudem irrt Carrol, wenn er behauptet, die Spielregeln des Basketballs seien beliebig. Tatsächlich liegt hier die Lösung des Moralproblems.

Bleibt der biologistische Moralansatz: Die moralischen Werte sind in uns als Teil unserer Evolution verankert. Was wir als gut und schlecht empfinden, lässt sich auf evolutionäre Vor- und Nachteile unserer Gruppe reduzieren. Deswegen ist Massenmord schlecht und Hungerhilfe gut. Es stellt sich dann die Frage, warum wir Diskussionen über moralische Fragen führen, wenn sie uns evolutionär implementiert sind. Außerdem lässt sich der evolutionäre Vorteil von Raub und Vertreibung nicht bestreiten, dennoch empfinden wir sie als schlecht. Und am Ende lauert wieder Hume: Warum ist ein evolutionärer Vorteil etwas gutes?

Moralische Werte unabhängig vom Sein

Zurück zur Frage der Homosexualität: Ob Menschen gleichen Geschlechts sexuellen Verkehr miteinander vollziehen sollten oder nicht, ob man diese Verbindungen gar auf den Status der Ehe erheben sollte, muss auf Grundlage einer moralischen Basis entschieden werden, die nicht auf dem Sein im naturwissenschaftlichen Sinne alleine gründen kann.

Die Regeln des Basketballs von Carrol liefern einen Hinweis: Sie sind keinesfalls beliebig. Tatsächlich erfüllen sie eine Reihe von Zielen, im Profisport vor allem ein Ziel: die Maximierung des Umsatzes, der mit dieser gewachsenen Sportart erwirtschaftet werden kann. Tieferliegend steht die Freude der Spieler an erster Stelle, in Abhängigkeit der Limitierungen des menschlichen Körpers, der sinnvollen Mannschaftsgröße und der Bewegungsgesetze der Physik. Regeln sind kein Selbstzweck, sondern verfolgen ein Ziel. Die Regeln des menschlichen Handelns müssen demnach auf ein Ziel ausgerichtet sein. Ohne dieses Ziel gibt es keinen Sinn des Lebens, keine Notwendigkeit für Regeln, keine Objektivierbarkeit der Moral und es bleibt nichts als Beliebigkeit.

Wollen wir die Frage nach der Homosexualität beantworten, müssen wir vom Sinn des Lebens zu Werten gelangen, an denen wir die Homosexualität und die Ehe für alle messen – durchaus mit naturwissenschaftlichen Methoden. Der Sinn des Lebens ist für die Offenbarungsreligionen das Streben nach Gott, nach göttlichen Werten. Die Offenbarungen beantworten die Frage nach der Homosexualität in drastischen Worten. Aber selbst von einem atheistischen Standpunkt aus kann man die Homosexualität moralisch bewerten, wenn man sich auf ein Ziel des Lebens geeignet hat, freilich ohne ein Gottesmotiv. Dieses Ziel ist das Streben nach Ordnung, die Minimierung der Entropie.

Fortsetzung folgt.

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