Gemeinschaft

Handeln für die Zukunft: Wie kinder- und jugendgerecht sind unsere Moscheevereine?

Sie füllen jede Gemeinde mit Leben: Kinder und Jugendliche. Für viele schiitische Gemeinden sind sie die großen Hoffnungsträger, die das Erbe der jetzigen Vorstände weitertragen sollen. Obwohl wir aber viel auf sie setzen, kommen wir ihnen kaum entgegen. Die wenigen Programme, die wir in unseren Moscheen anbieten, sind häufig nicht auf Jüngere zugeschnitten. Selten finden wir Vereine, die mit größeren zukunftsorientierten Projekten ein langfristiges islamisches Wohl der Kinder und Jugendlichen anstreben. Dabei stehen wir vor dem Hintergrund der zunehmenden Verdorbenheit in der Gesellschaft mehr denn je in der Verantwortung, die kommende Generation zu schützen und sie auf die nächsten Jahre vorzubereiten. Auf Vereinsebene bedeutet das vor allem, dass wir die Jüngeren zu selbstbewussten, deutschen Muslimen erziehen, die das Gute gebieten und das Schlechte bekämpfen. Ein Blick auf den Status quo der islamisch-schiitischen Gemeinden enthüllt, wo wir stehen und was wir tun müssen, damit die kommende Generation zu aktiven Gläubigen heranwachsen kann.

Status quo schiitscher Gemeinden

Betrachten wir die islamisch-schiitischen Gemeinden in Deutschland – um die es mir hier wesentlich geht – stellen wir fest: Sie ähneln sich im Großen und Ganzen in ihren Angeboten für Kinder und Jugendliche. An erster Stelle steht bei vielen Gemeinden der einmal wöchentlich stattfindende Arabischunterricht. Dort lernen die Kinder auf bescheidenem Niveau, Arabisch zu lesen und zu schreiben. Da der Unterricht meist abgekoppelt ist von der Religion, treffen wir hier auch auf Kinder und Jugendliche anderer islamischer Glaubensrichtungen. Manchmal begegnet man auch nichtmuslimischen Kindern, deren Eltern sich von Herzen wünschen, dass sie Arabisch lernen – und sei es nur bruchstückhaft. Ausgebildete Arabischlehrer kann sich keiner leisten, deshalb bestehen die Lehrer an der Schule meistens aus den Mitgliedern der Gemeinde. Freiwillig opfern sie von ihrer Zeit, um die Schule zu stützen und den Moscheeverein finanziell am Leben zu halten. Denn mit den Einnahmen aus dem Arabischunterricht begleichen die Vereine ihre regelmäßigen Kosten. Dazu zählen Miet- oder Kreditzahlungen, Kosten für Verpflegung, Ausflüge und Gelehrte, die eingeladen werden.

Neben dem Arabischunterricht bieten viele Gemeinden einen wöchentlichen Religionsunterricht an. Je nach Gemeinde findet der auf Deutsch oder Arabisch oder in anderer Sprache statt, immer jedoch in Anlehnung an die Lehren der Ahlulbayt, wenn es sich um schiitische Gemeinden handelt. Auch hier sind die Lehrer meistens keine studierten Gelehrten, sondern aktive Muslime, die das Wissen, das sie haben, dankbar an die nächste Generation weiterreichen.

Für viele Gemeinden stellen beide Angebote die Haupteinnahmequellen dar, gefolgt von den Spenden zu Aschura und zu anderen speziellen Anlässen, bei denen die Mitglieder aus Tradition zur Geldbörse greifen. So stehen die Vereine insgesamt zwar auf eigenen Beinen; sie sind aber abhängig von den Dienstleistungen, die sie anbieten. Häufig reichen auch diese Gelder nicht aus, weshalb der Vorstand sich gezwungen sieht, sich Monat für Monat von Tür zu Tür zu klopfen, um Gelder für die Kosten der Moschee einzutreiben. Das scheint auch bisher funktioniert zu haben, die Vereine konnten ihre Kosten decken. Aber schon hier sind Veränderungen notwendig, möchte ein Verein langfristig vorankommen. Wollen wir zukunftsorientiert denken, müssen wir zum Beispiel die Zahlungsmethode ändern: weg von monatlichen Hausbesuchen hin zu Daueraufträgen und -lastschriften. Die Kosten für die Moschee sollten allein von den Mitgliedern der Gemeinde getragen werden; die Einnahmen aus den moschee-internen Angeboten sollten dagegen eingesetzt werden, um bestehende Angebote zu optimieren und weiter auszubauen. Übriggebliebenes Geld wird für härtere Zeiten beiseitegelegt.

Neue Angebote und Projekte schaffen

Abgesehen von den ausbaufähigen Finanzstrategien in schiitischen Gemeinden sind es die Angebote für unsere Kinder und Jugendlichen, die zukunftsperspektivisch dringend erweitert werden müssen. Es gibt heute kaum eine schiitische Gemeinde, die über einen Arabisch- und Religionsunterricht hinaus noch weitere Programme anbietet, um Kindern und Jugendlichen den Weg zur islamischen Bildung zu erleichtern. Es gibt kaum eine Gemeinde, die mit Blick auf die kommenden Generationen größere Projekte plant, angelegt auf zehn oder zwanzig Jahre. Wir halten uns bescheiden, obgleich wir wissen: Ein einmal wöchentlich stattfindender Unterricht reicht nicht aus, um selbstbewusste Muslime heranzuziehen. Die derzeitigen Angebote, auch wenn sie wichtig sind, schaffen kaum ein islamisches Bewusstsein bei Kindern und Jugendlichen. Deshalb sollten sie auch nicht das Ziel sein, sondern lediglich die ersten Schritte auf dem Weg zu mehr Verantwortung gegenüber der kommenden Generation.

Wie aber schafft man ein islamisches Bewusstsein bei Kindern und Jugendlichen? Auf Vereinsebene am ehesten durch die Etablierung attraktiver Angebote und islamischer Institutionen. Erfreulicherweise gibt solche Angebote immer häufiger. Auch wenn sie optimiert werden müssen – indem zum Beispiel die deutsche Sprache mehr Gewicht bekommt und die Lebensrealität der Jugend stärker berücksichtigt wird –, gibt es sie. Anders sieht es aus bei islamischen Institutionen: Von ihnen kann gegenwärtig noch keine Rede sein. Hier stehen schiitische Gemeinden in der Pflicht, die Weichen für die Öffnung neuer islamischer Einrichtungen zu stellen. In Unterstützung eines Dachverbands, der die Großprojekte auf höherer Ebene anspricht, für sie Sorge trägt und Werbung betreibt, müssen die islamisch-schiitischen Vereine mit Blick auf die kommenden Jahre neue islamische Einrichtungen ins Leben rufen.

Die bestehenden Arabischschulen sind eine gute Grundlage, auf der sich arbeiten lässt. Sie könnten zunächst erweitert werden: von Arabischschulen zu Nachhilfeschulen, in denen Kinder und Jugendliche in weit mehr gefördert werden als in der arabischen Sprache. Hieraus könnte mit den Jahren eine Privatschule für muslimische Kinder werden. Auch wenn Hürden damit verbunden sind, ist das grundsätzlich möglich. Dazu kommen Kindergärten und Horte mit ausgebildeten islamischen Pädagogen, die geschult sind in der islamischen Ethik und den Kindern eine Moral nach dem Vorbild der Propheten und Imame vermitteln können.

Geht es um die Errichtung von islamischen Einrichtungen wie Kitas und Schulen, hinken wir stark hinterher. Und die Zahlen belegen diesen Umstand: Bundesweit gibt es rund dreißig islamische Kindertagesstätten, die meisten davon in Berlin. In einigen Regionen, wie etwa in Norddeutschland, gibt es nicht mal eine. Noch weitaus geringer ist die Anzahl islamischer Schulen in Deutschland. Die können mit einer Hand abgezählt werden. Hier stehen sunnitische wie schiitische Muslime in der Verantwortung, stärkeren Einsatz zu leisten für die Etablierung islamischer Einrichtungen.

Vergleichen wir die Zahlen mit denen einer anderen Religionsgruppe, wie den Juden, zeigt sich, wie schlecht es um uns steht. In Deutschland gibt es über zwanzig jüdische Kindertagesstätten in knapp zwanzig deutschen Städten. Außerdem noch neun jüdische Grundschulen und sieben weiterführende Schulen in sieben verschiedenen Städten. Obwohl nur 200.000 Juden in Deutschland über 4 Millionen Muslimen gegenüberstehen, ist die jüdische Religionsgruppe besser aufgestellt.

Die Wichtigkeit islamischer Einrichtungen

In einer Zeit, in der die rechten Kräfte alles daran setzen, die politische Macht in Deutschland zu erlangen, müssen die Muslime, Schiiten wie Sunniten, stärker an sich arbeiten, indem sie Vorsorge leisten und sich dadurch unabhängiger machen – sowohl vom Ausland als auch vom Staat im Inland. Eigene Kitas, Privatschulen und weitere islamische Angebote für unsere Kinder und Jugendlichen zu gründen, sind ein Teil dieser Vorsorge. Sie helfen uns, den islamischen Glauben in einer zunehmend religionslosen Gesellschaft zu wahren. Schon heute gehören perverse Doktorspiele und sexuelle Stimulationen zum Erziehungsprogramm so mancher Kindergärten. Noch gravierender ist es, dass unser Staat jene Programme fördert.[1] Aber was tun wir, wenn auch andere Kitas nachziehen? Wenn die Lehren der Genderideologie zum Pflichtprogramm an deutschen Kindergärten werden? Schon heute gehören die Frühsexualisierung und die Lehre von der “Vielfalt der Geschlechter” zu den Zielen von Kindertagesstätten, festgehalten in den Bildungsplänen vieler Bundesländer.[2]

Sollten dagegen die antiislamischen Kräfte weiter an Zulauf gewinnen und die Gesellschaft weiter an Religion verarmen, dauert es nicht mehr lang, bis die ersten muslimischen Mädchen ohne Hidschab zur Schule gehen müssen. Dann werden die Diskussionen um das Beten in der Schule oder andere wichtige Angelegenheiten der Muslime endgültig erlöschen. Spätestens dann werden wir uns fragen, warum wir es den Juden nicht haben gleichgetan, indem wir Grund- und weiterführende Schulen gegründet haben, wenn wir schon zu faul waren, um selbst in der Politik mitzumischen.

Konfrontiert man die Anhänger der Ahlulbayt mit der Dringlichkeit, neue und unabhängige Institutionen zu gründen, argumentieren sie mit den bürokratischen Hürden, die es zu überwinden gilt. Tatsächlich können rechtliche und formelle Aspekte die Vereinsarbeit erschweren. Sie sind aber nicht unüberwindbar, wie bereits gegründete islamische Grundschulen und Kindertagesstätten beweisen. Natürlich: Wer langfristig planen möchte, braucht einen langen Atem und eine realistische Einschätzung. Die Hürden sollten uns nicht daran hindern, unseren Zielen eifrig nachzugehen. Denn die die Zukunft in Deutschland wird nicht einfacher. Heute ist die Zeit, uns stärker und unabhängiger zu machen. Wenn wir unseren Kindern und Jugendlichen eine zukunftsorientierte Grundlage anbieten wollen, müssen wir heute anfangen.

Die angesprochenen Aufgaben sind alle von unterschiedlicher Art, deshalb werden sie auch unterschiedlich viel Zeit benötigen. Ein lebensnaher Islamunterricht in deutscher Sprache und ein verbessertes Zahlungssystem für die Mitglieder der Vereine sind schneller etabliert als eine Kindertagesstätte oder eine Schule mit ausgebildetem Personal. Die ersten beiden Punkte sind eher die Voraussetzung für die letzten beiden Punkte.

Für manch einen scheinen die im Artikel geforderten Ziele zu hochgesteckt, zu utopisch und realitätsfern. Nichts aber könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein als der Glaube, wir könnten die Ziele nicht erreichen. Wenn jede schiitische Gemeinde ihre Aufgaben wahrnimmt, ist schon viel getan. Wenn Gelehrte und aktive Nichtgelehrte aufrichtig zusammenarbeiten, und wenn ein Dachverband der Zukunft seinen schützenden Schirm über sie wirft, wird die islamisch-schiitische Arbeit Früchte tragen. In einer sich rasant entwickelnden Welt dürfen wir Schiiten nicht stehenbleiben. Wir müssen unseren Blick in die Zukunft richten, veraltete Vereinsstrukturen und -strategien über Bord werfen, damit die nächste Generation ein Erbe hat, mit dem sie etwas anfangen kann. Das islamische Wohl unserer Kinder und Jugendlichen liegt in unseren Händen.


  1. https://www.epochtimes.de/politik/deutschland/in-mainzer-kindergaerten-werden-doktorspiele-und-sexuelle-stimulation-staatlich-gefoerdert-a2602790.html ↩︎

  2. https://www.gwi-boell.de/de/2018/02/23/bildungsplan-und-gender-wahn-die-debatte-um-den-bildungsplan-baden-wuerttemberg-und-ihre ↩︎


Melde dich jetzt zum Newsletter von Offenkundiges an und werde über jeden neuen Artikel informiert.

Author image

Ahmad Abbas

Lehramtsstudent an der Uni Oldenburg / E-Mail: ahmad.abbas@offenkundiges.de