Diogenes von Sinope war ein in Askese lebender Philosoph in Athen. Er lebte in einer Tonne auf der Straße und strebte nach der völligen Unabhängigkeit des Menschen von der Außenwelt. Als bekannteste Anekdote aus seinem Leben gilt seine Begegnung mit Alexander dem Großen. Als Alexander in seine Stadt kam, warfen sich alle vor Alexander nieder und huldigten ihm. Diogenes war der Einzige, der das nicht tat. Daraufhin suchte Alexander ihn in seiner Tonne sitzend auf und stellte ihm einen Wunsch frei. Diogenes antwortete: „Geh mir aus der Sonne.“ Woraufhin Alexander feststellte: „Wäre ich nicht Alexander, wollte ich Diogenes sein.“

Die Unabhängigkeit von den Machthabern

Ein Volk, das wie Diogenes nach nichts verlangt, was der Herrscher ihm geben könnte, wird niemals abhängig werden. Kein Tyrann der Welt vermag es, einem unabhängigen Volk die Stirn zu bieten. Es ist die Begierde, die ein Volk schwach und abhängig macht. Das Fasten stillt diese Begierde und macht ein Volk unabhängig von den Ressourcen der Machthaber. Das Fasten verleiht dem Besitztrieb Verstand und Anstand.

Es stimmt, dass das Fasten uns dafür sensibilisieren soll, an Bedürftige zu denken. Das Fasten vergegenwärtigt uns aber auch unsere eigene Bedürftigkeit. Unser Bedürfnis nach Essen und Trinken macht uns abhängig von Nahrung. Diese Abhängigkeit nutzten Tyrannen, um Menschen zu versklaven. Ein Fasten aber, das über seine Sinnhaftigkeit reflektiert, kann Tyrannen dieser Welt vernichten. Es gab in der Menschheitsgeschichte eine Unmenge an Tyrannen, die ihr Volk abhängig machten und sich so unabhängig fühlten.

Dabei ist der Unabhängige von den Abhängigen abhängig, um unabhängig zu bleiben. Ein Schiffskapitän kommt ohne seine Crew nicht voran. Jeder Manager kann ohne die Leute, die er zu managen hat, nichts auf die Beine bringen. Jeder noch so unabhängig erscheinende Herrscher kann ohne die zu Beherrschten nicht herrschen. Für jedes große Industrieunternehmen kann ein Streik der abhängigen Mitarbeiter das Ende des sich unabhängig wähnenden Leiters bedeuten. Und das Fasten lehrt, dass allein, wer keiner Nahrungsaufnahme bedarf, wahrhaft unabhängig sein kann.

Mächtig ist nicht nur derjenige, der mehr scheinbar wertvolle Ressourcen kontrolliert, sondern auch derjenige, der das geringere Interesse an den Ressourcen hat, die der andere kontrolliert. Mächtig ist derjenige, der den anderen weniger braucht als dieser ihn. Unabhängig ist nicht nur, wer etwas hat, was der andere begehrt, sondern auch derjenige, der kein Interesse an dem hegt, was der andere besitzt. Einen Menschen kann man mit Hunger und Durst drohen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Einem nach Macht Strebenden kann gedroht werden, indem ihm sein Prestige genommen wird. Wer nach mehr verlangt, dem kann durch das Gewähren von weniger Schaden zugefügt werden. Einem Fastenden aber kann nicht gedroht werden, weder mit Hunger noch Durst, weder mit weniger noch mit mehr, weil der Fastende sich willentlich entschließt zu verzichten und die Ressourcen, die sich allein in Gottes Hand befinden, begehrt.

Der Fastende ist mächtiger als der Machthaber, da der Fastende kein Verlangen nach den kontrollierten Ressourcen des Mächtigen verspürt. Die Unabhängigkeit des Fastenden besteht darin, sein Wollen einzudämmen. Der Fastende sehnt sich nicht nach Wasser, das ihm ein Mensch oder ein Machthaber geben kann, er sehnt sich nach Gottesliebe, die Gott denen gewährt, die sich nach ihr sehnen. Wer wenig begehrt, hängt von wenigem ab. Welcher Reichtum ist größer als der des Bedürfnislosen? Welche Macht ist größer als die des Unabhängigen? Welche Tat macht unabhängiger und mächtiger als das Fasten?

Fastend zur göttlichen Unabhängigkeit

Die Pflicht des Fastens hat wie jede andere religiöse Verpflichtung, die Gott den Muslimen empfohlen hat, eine tief greifende Bedeutung und einen Nutzen für das Dies- und Jenseits. Welcher Sinn verbirgt sich hinter dem Fasten? Was für einen Nutzen kann der Mensch aus dem zeitlich begrenzten Nahrungsaufnahmeverzicht ziehen? Welche Philosophie und Lehre verbirgt sich hinter dem Geheimnis dieser religiösen Pflicht?

Der menschliche Körper benötigt, wie jedes andere Lebewesen auf dieser Erde auch, Energie und Nährstoffe, um funktionieren zu können. Mit der Nahrung erhält der Körper die einzelnen Nährstoffe, die er braucht. Bleiben diese aus, können Fehlerscheinung wie Konzentrationsstörungen und Krankheiten durch Vitamin- und Mineralmangel entstehen. Kurz: Die Tatsache, dass der Mensch auf die Nahrungsaufnahme angewiesen ist, macht ihn zu einem schwachen und abhängigen Geschöpf.

Eines der deutlichsten Beweise für die Unabhängigkeit Gottes ist die Tatsache, dass Gott keiner Nahrung bedarf. Im Heiligen Quran wird ein Beweis geliefert, weshalb der Prophet Isa (a.) und seine Mutter Mariam (a.) keine Gottheiten sein können, dort heißt es: „Der Messias, Sohn der Maria, ist nur ein Gesandter; gewiss, die Gesandten sind vor ihm dahingegangen. Und seine Mutter ist wahrhaft; beide pflegten Speise zu essen“ (Heiliger Quran, 5:175). Nur, wer nicht auf Speise und Nahrung angewiesen ist, kann unabhängig sein. Und nur, wer unabhängig ist, kann Gott sein. Im Dua Dschauschan-ul-Kabir heißt es: „… o Unabhängiger, der nicht auf Nahrung angewiesen ist.“

Die Unabhängigkeit Gottes manifestiert sich mit der Tatsache, dass Gott keiner Nahrung bedarf. Ein Mensch kann ohne Freiheit leben oder überleben. Das beweisen Langzeithäftlinge, die trotz der eingeschränkten Freiheit am Leben bleiben. Ein Mensch kann auch ohne Kleidung bei entsprechenden Wetterbedingungen, (über-)leben, wie einige Naturvölker, die nackt in der Gemeinschaft leben, belegen. Aber ohne Essen und Trinken könnte kein Mensch länger als wenige Tage leben oder überleben. Gleichwohl wie stark und unabhängig sich ein Geschöpf wähnt, die Nahrungsabhängigkeit macht ihn schwach und abhängig. Nur Gott benötigt keine Nahrung, so ist nur Gott unabhängig.

Die Fastenzeit ist eine kleine Kostprobe dieser Unabhängigkeit Gottes und der Fastende darf von ihr, im Monat Ramadan, kosten. Wie Imam Chamenei sagt: „Der Monat Ramadan ist jedes Jahr ein Stück Paradies, welches Gott in der brennenden Hölle unserer materiellen Welt in Erscheinung treten lässt, wobei er uns die Gelegenheit gewährt, an der göttlichen Festtafel in diesem Monat teilzuhaben und das Paradies zu betreten.“

Das Fasten ist eine politische Waffe, die dem schwachen und mittellosen Unterdrückten dienen soll, um ihn die Stärke und Unabhängigkeit Gottes verspüren zu lassen. Ein Hauch Göttliches und Paradiesisches wird dem Fastenden zuteil. Ein Hauch von Stärke und Unabhängigkeit, Unabhängigkeit vom Drang der Nahrungsaufnahme und Stärke zum Verzicht. Unabhängigkeit von den sich unabhängig Wähnenden und Stärke vor den sich stark Denkenden. So ist das Fasten eine der stärksten Formen des politischen Widerstandes.

Zum Newsletter anmelden und über neue Artikel informiert werden.