Monat Ramadan

Erster Ramadan und Imsak-Zeiten: Warum es die Kontroversen gibt

Pünktlich zum Beginn des Monats Ramadan jährt sich ein Phänomen unter Muslimen, das wohl wie kein anderes Thema die Muslime spaltet. Selbst innerhalb der Gräben, die ohnehin unter den Muslimen bestehen, scheiden sich hier abermals die Geister. Menschen, die sonst unter der Fahne ihrer Nation, ihrer Konfession oder ihrer Rechtsschule vereint waren, diskutieren jedes Jahr aufs Neue über ein und dieselbe Angelegenheit, so als würden sie erstmalig von der abweichenden Meinung des Gegenübers hören. Ihr Thema: Die Frage nach dem Beginn des heiligsten aller Monate, dem Fastenmonat Ramadan.

Für die, die nicht wissen, was gemeint ist: Es kommt vor, dass die Muslime mitunter im Abstand von drei Tagen den Beginn und auch das Ende des Monats begehen. Und als wäre das noch nicht genug, herrscht auch keine Einheit darüber, wann die täglich anbrechende Fastenzeit am Morgen beginnt; die täglich gefastete Zeit kann sich um mehrere Stunden unterscheiden. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die Uneinigkeit liefert die libanesische Küstenstadt Tyros (Sur), in der fünf verschiedene Gebetsrufe zu ein und demselben Tagesabschnitt von den Minaretten ertönen und nicht selten Mitglieder ein und derselben Familie an unterschiedlichen Tagen das Festgebet begehen.

Diese Situation führt leider zu Folgeproblemen, wie endlose, sich wiederholende Debatten oder Streitigkeiten. Dabei lässt sich unter schiitischen Muslimen zwar grundsätzlich die Frage stellen, was bei Vorhandensein eines zumindest politisch weitläufig anerkannten Waliy-ul-Amrs überhaupt noch einer einheitlichen Bestimmung im Wege steht, dennoch möchte dieser Artikel nicht eine bestimmte Festlegung auf einen Tag verfechten, sondern eher versuchen ein wenig Nüchternheit in die Debatte zu bringen.

In der Regel haben die unterschiedlichen Gelehrten, die sich zum Thema äußern, für ihre Beurteilung und auch für ihre Meinungsverschiedenheiten Gründe, die auf ihr jahrzehntelanges Studium der islamischen Quellen gründen. Die meisten von uns haben nicht vor, ein entsprechendes Theologiestudium auf sich zu nehmen, um deren Argumentation aus den vorhandenen Quellen der Urteilsfindung heraus nachzuvollziehen und gegebenenfalls anzufechten. Das ist auch nicht notwendig. Wir können zumindest versuchen zu verstehen, was die Fatwa des einzelnen Gelehrten überhaupt konkret bedeutet oder anders gesagt, warum Mardscha X einen Tag vor Mardscha Y beginnt und warum die Imsakiyya (der Gebetszeitenkalender) des Gemeindevereins A so eklatant von der des Gemeindevereins B in ein und derselben Stadt abweicht.

Unterschiedlicher Beginn des heiligen Monats Ramadan

Im Prinzip ist die islamische Regel für die Bestimmung eines neuen Monats recht einfach: Der Beginn des Monats – und hier unterscheidet sich der Fastenmonat nicht von den elf anderen – definiert sich bei allen Muslimen über die Sichtung der Neumondsichel. So weit, so gut. Nur scheiden sich die Geister über die Frage, was das konkret bedeutet, da mehrere Punkte zu keiner gemeinsamen Sichtweise führen.

Hilfsmittel bei der Sichtung

Es herrscht unter den Gelehrten keine Einigkeit darin, ob Hilfsmittel bei der Mondsichtung akzeptiert werden. Die Meinungen gehen hier weit auseinander und reichen auf einer Skala von Komplettverbot bis hin zur Erlaubnis der Verwendung von Sichtungsinstrumenten in der Stratosphäre.

Lokale Sichtung vs. Globale Sichtung

Insbesondere bei der Frage, ob eine lokale oder eine globale Sichtung maßgeblich für den Beginn eines Monats ist, treten unter den Muslimen viele Missverständnisse auf. Auch hier hilft ein Vergleich mit einer Skala. Am unteren Ende der Skala (wobei unten oder oben nicht für schlechter oder besser steht) muss der neue Mond in meinem Wohnort gesichtet worden sein, am oberen Ende reicht es, wenn sich errechnen lässt, dass an diesem oder jenen Tag irgendwo im Pazifik weitab der nächsten von Menschen bewohnten Insel die Neumondsichel für einige Momente nach Sonnenuntergang sichtbar wird. Und auch dazwischen gibt es unterschiedliche Sichtweisen. Im Internet lassen sich Portale finden, die uns auf Karten relativ genau zeigen, wo auf der Erde der Neumond sicher, mit Hilfsmitteln oder gar nicht gesehen werden wird (zum Beispiel hier für Montag, 6. Mai 2019 und hier für Dienstag, 7. Mai 2019).[1]

Gemäß dem oberen Ende der Skala wäre die Sichtbarkeit in Westafrika selbst in Japan oder Alaska noch relevant. Am unteren Ende der Skala nur in Westafrika bzw. abhängig von den erlaubten Hilfsmitteln auch woanders in Afrika.

Das Urteil des Waliy-ul-Amrs

Ein besonders interessanter Aspekt steht dabei nur indirekt im Zusammenhang mit der Frage nach dem Standort der Sichtung. Das von allen Muslimen angestrebte Ideal ist, dass es nach dem Erscheinen des Erlösers Imam Mahdi (a.) weltweit nur eine einzige Fatwa und entsprechend nur einen gemeinsamen Tag für den Beginn des Fastens geben wird. Ebenso besteht die Sichtweise, dass ich als Muslim, wenn ich eine islamische Autorität in Stellvertretung von Imam Mahdi (a.) hinsichtlich der Urteilsfindung und Führung der Umma anerkannt habe, zum Beispiel in der heutigen Zeit in Person von Imam Chamenei, dann orientiert sich die Nachahmung und Loyalität ihm gegenüber auch an derjenigen, die ich Imam Mahdi (a.) entgegenbringen würde. Das ist an sich die Essenz der Mardschaiyya, wie Schiiten sie praktizieren. Demgemäß gilt das Urteil der anerkannten islamischen Autorität hinsichtlich des Monatsbeginns selbst dann, wenn ich mich auf einem anderen Kontinent befinde. Anders formuliert fragt diese Sichtweise: Wieso sollte das Befolgen des Gelehrten ausgerechnet an der Definition eines Monatsanfangs enden? Wenn also der Waliy-ul-Amr seine Urteilsfindung gemäß lokaler Sichtung bestimmt und er gemäß Sichtung den Tag zum Ersten des Monats bestimmt, dann richte ich mich nach seinem Urteil, unabhängig davon, ob an meinem eigenen Standort der Hilal (die Mondsichel) sichtbar ist oder nicht. Sein Urteil steht für mich in Stellvertretung von Imam Mahdi (a.) und dieses wiederum in Stellvertretung des Propheten Muhammad (s.). Selbstverständlich kann es auch in diesem Bereich zu Missverständnissen kommen, etwa dann, wenn ein Vertreter des Waliy-ul-Amrs an einem entfernten Ort den Monat abweichend vom Waliy selbst beginnen lässt. Aber wir wollen es nicht zu kompliziert machen.

Unterschiedliche Zeiten des Fastenbrechens und der Morgendämmerung

Und was ist mit den unterschiedlich gehandhabten Zeiten für das Imsak, also den Moment, ab dem die Muslime fastenbrechende Handlungen unterlassen? Für Außenstehende scheint die ganze Sache einfach: Muslime essen und trinken nichts, solange es hell ist und sie tun es wieder, sobald es dunkel ist. Nun ist es zwar ein wenig komplizierter, jedoch nicht so unverständlich, dass alljährlich eine lange Diskussion und Unverständnis daraus entspringen müssen. Den Muslimen scheint das Thema gerade in den letzten Jahren wohl aus einem Grund besonders wichtig geworden zu sein: In Nordeuropas besonders kurzen Sommernächten, in die in den letzten Jahren der heilige Monat fiel, zählte für viele Muslime jede Minute bis zum Imsak, um der Sunna des Propheten zu folgen und ein Suhur (eine kleine Nahrungsaufnahme und Wasser vor dem Fastenbeginn) innerhalb der vorgeschriebenen Zeit zu sich zu nehmen.

Nur ist die Bestimmung dieses Zeitpunktes insbesondere im Hochsommer in den Breitengraden, die weiter vom Äquator entfernt liegen, nicht ganz einfach. Die Morgendämmerung, die als der Moment gilt, an dem erstmalig Sonnenstrahlen das Dunkel der Nacht erhellen, tritt im Hochsommer in Nordeuropa gar nicht erst auf, da selbst in den Nachtstunden Sonnenstrahlen den Horizont erreichen und erhellen (auch wenn die Sonne selbst nicht zu sehen ist). Der Umgang mit eben dieser Problematik führt dabei zu unterschiedlichen Handhabungen und ist nicht einmal unbedingt eine Frage der Fatwa, denn meist lautet dieses Urteil ohnehin, dass der Moment als Imsak zu betrachten ist, ab dem das Licht am Horizont nicht mehr abnimmt, sondern zunimmt. Das Problem ist eher, dass zur Bestimmung dieses Zeitpunkts (kosten-)intensive astronomische Forschungen betrieben werden müssen, denn viele Parameter wirken sich auf das Ergebnis aus, wie z. B. Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Mondlicht, Bewölkung, Höhe, Lichtemissionen etc.

Das Islamische Zentrum Hamburg (IZH) hat für diese Forschung wohl mehr Kosten und Mühen auf sich genommen als jede andere islamische Institution in der westlichen Welt (vielleicht sogar weltweit) und ausführlich dazu Stellung genommen. Methodik und Ergebnisse stehen nun seit Jahren auf der Website des Zentrums offen, dennoch wird von vielen Seiten seit mindestens ebenso vielen Jahren über deren Imsakiyyas diskutiert, obwohl oder eher weil deren aufwändiger wissenschaftlicher Entstehungshintergrund unbekannt sind. Ein weiterer Grund für die endlosen Debatten mag wohl sein, dass die Ergebnisse des IZH zu der Imsakiyya mit der wohl längsten Fastenzeit führen, was natürlich nicht jedem gefällt.

Zugegeben, die theologischen und astronomische Grundlagen hinter den Ergebnissen sind vergleichsweise kompliziert und das eine oder andere Detail versteht wohl auch nur der jeweilige Experte (Theologe, Astronom, Meteorologe, etc.). Aber auch das ist ein Argument dafür, dass die unterschiedlichen Sichtweisen uns nicht zu sinnlosen Debatten oder sogar Streit und Querelen führen dürfen. Allah der Erhabene möchte uns offensichtlich in dieser Sache prüfen und wenn wir die Prüfung bestehen und trotz anfänglich unterschiedlicher Sichtweisen zusammenfinden, dann wird Er uns in seiner Allgnade sicher reichlich belohnen, mit seiner Erlaubnis auch durch eine vorbildliche Einheit, die uns dann an anderer Stelle nützen wird.


  1. Legende: „Erläuterung der Sichtbarkeitszonen Gelb – Sichtung mit bloßen Augen ist nur unter günstigen Bedingungen zu erwarten; Magenta – Es werden optische Hilfsmittel (z. B. Fernglas) benötigt, um den Hilāl am Himmel aufzufinden, danach kann Sichtung mit bloßen Augen möglich sein; Blau – Hilāl kann nur mit starken optischen Hilfsmitteln aufgefunden und gesehen werden; Weiß – kein Sichten des Hilāls mit bloßen Augen oder mit optischen Hilfsmitteln möglich; Rot – Neumond ist noch nicht eingetreten oder Mond geht vor der Sonne unter.“
    Quelle: http://www.mondsichtung.de/wann-beginnt-der-ramadan-1440-n-h/. ↩︎


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Mahmoud Ayad

E-Mail: mahmoud.ayad@offenkundiges.de