Individuum, Spiritualität

Die Todesinsel des Königs

Es gab mal ein Land, das alle vier Jahre seinen König ernannte. Der König verfügte während seiner Herrschaftszeit über die absolute Macht im Land. Alle seine Befehle wurden unverzüglich umgesetzt. Sobald seine Amtszeit allerdings vorüber war, wurde er auf eine einsame Insel verbannt. Dort verhungerte er oder starb vor Einsamkeit.

Ein König nach dem anderen genoss die vier Jahre der Macht und wurde schließlich auf die einsame Todesinsel gebracht. Eines Tages, als es wieder Zeit war, einen neuen König auszuwählen, warteten die Untertanen, wie in den Jahren zuvor, auf die Ankunft des neuen Königs. Es gab ein festes Ritual, wie der König auszuwählen war. Hierzu wartete eine Auswahl von Wesiren auf den Ersten, der nach Sonnenaufgang durch das Stadttor hereinkam. Ein barfüßiger Bettler mit zerfetzten Kleidern kam als erstes nach Sonnenaufgang durch das Stadttor. Dieser wurde mit den Rufen begrüßt: „Es lebe der König, es lebe der König!“

Der neue König war verwirrt und verlangte eine Aufklärung und die Auskunft darüber, ob eine Verwechslung vorliege. Schnell wurde er aufgeklärt und über sein Schicksal nach den vier Jahren seiner Herrschaft informiert. Anders als die Könige zuvor, die all ihre Macht für Feste und Juwelen nutzten, fragte er seine Wesire mehrmals über die einsame Insel aus. Es schien, als drehten sich seine Gedanken nur um sein Schicksal nach seiner Herrschaftszeit.

Nachdem er sich ausreichend informiert fühlte, ließ der König mehrere Schiffsladungen mit Obstbäumen auf die einsame Insel bringen. Er beauftragte seinen besten Hof-Architekten mit dem Bau eines Schlosses auf der einsamen Insel. In regelmäßigen Abständen fuhren Schiffsladungen mit verschiedensten Gütern auf die einsame Insel zu. Aus der einsamen Insel wurde mit der Zeit eine grüne Oase mit einem riesigen Anwesen und zahlreichen Bediensteten.

Als die Herrschaftszeit sich dem Ende neigte, wurde der König immer ungeduldiger. Er freute sich sehnsüchtig auf die Zeit danach. Und tatsächlich: Als seine Herrschaftszeit nach vier Jahren endete, wurde er zur einst einsamen Insel gebracht, wo er bis zu seinem Lebensende sorglos lebte.

Diese Geschichte wurde von Imam Hassan al-Askari (a.) überliefert und leitete einige Lehren über das dies- und jenseitige Leben ein. Unsere Lebenszeit ist eine einmalige Gelegenheit, für unser jenseitiges und ewiges Leben vorzusorgen. Hier im Diesseits pflanzen wir die Früchte, die uns später versorgen. Mehr als die Lebenszeit, die uns gegeben wird, bleibt uns nicht.

Das Gleichnis der vierjährigen Herrschaftszeit des Königs aus der Geschichte ist die Zeit, in der wir die Wahl haben, uns nur des diesseitigen Lebens zu erfreuen, bevor wir in unser einsames Grab gelegt werden oder im Diesseits weise zu handeln, um unsere Zukunft positiv zu gestalten.

Der Tod ist nichts anderes als die Offenkundigkeit unserer Handlungen in objektiver und konkreter Form; nach dem Tod sehen wir die Ergebnisse unserer Handlungen und Entscheidungen. Je nachdem, wie wir unsere Zeit als König leben, können wir uns auf das Ende der Herrschaftszeit freuen oder uns davor fürchten.

Rumi erzählte einem Freund über den Tod Folgendes: „Für einen Freund ist er ein Freund und für einen Feind ein Feind. O du, der vor dem Tod Angst hat: Während du davonläufst, mache dir klar, dass du selber die Ursache dieser Angst bist. Es ist dein eigenes hässliches Antlitz, nicht das des Todes. Deine Seele ist wie ein Baum, und seine Blätter, das ist der Tod. Wenn du der Dornen überdrüssig bist, musst du sie veredeln; und wenn du in feinster Seide gehst, so hast du selbst sie gesponnen.“


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Hassan Mohsen

Gerontologe & Essayist / E-Mail: hassan.mohsen@offenkundiges.de