Spiritualität, Familie

Die spirituelle Rolle des Vaters in der Kindererziehung

„Ich möchte gerne meine Kinder wiedersehen, können wir da was machen?“

Diesen Satz höre ich in meinem Büro immer öfter. Vor mir sitzen dann verzweifelte Väter von meist mehreren Kindern, meistens Araber und Muslime. Die Ehefrauen und Mütter der Kinder haben sich von diesen Männern getrennt und verwehren den Vätern den Zugang zu ihren Kindern und umgekehrt, teils aufgrund fadenscheiniger Vorwände, teils aufgrund selbst erlebter physischer und psychischer Gewalt, teils auch wegen Gewalt gegen die Kinder.

Was ich im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit mitbekomme, ist ein kleiner Ausschnitt aus der Lebenswirklichkeit der Muslime, der den Schluss zulässt: Unser Zustand im Bereich Kindererziehung ist, gelinde gesagt, katastrophal. Und die ersten und letzten Opfer sind immer die Kinder. Kinder, denen aufgrund solcher Erfahrungen ein Elternteil vorenthalten wird, können kaum noch gewinnen. Wenn nicht Wunder geschehen, dann verlieren sie bereits in jungen Jahren den Halt im Leben, was sich negativ auf ihre gesamte Entwicklung auswirkt.

Aber das muss nicht so sein und das darf es auch nicht. Weder dürfen Väter die Wichtigkeit der Mutter für die eigenen Kinder unterschätzen, noch dürfen Mütter die Wichtigkeit des Vaters für die Kinder kleinreden. Grundsätzlich sollte keinem Kind Vater oder Mutter vorenthalten werden.

Beginnen wir bei der Führung der Muslime

Ich wage einen großen Sprung auf die Ebene der Umma: So wie Kinder Mutter und Vater brauchen, so brauchen die Muslime auch einen Führer. Der Führer der Muslime ist für die Lage der Muslime von existenzieller Bedeutung. Er muss nach bestem Wissen und Gewissen dafür sorgen, dass die materiellen und immateriellen Bedürfnisse der Muslime gestillt werden und dass diese sich in Sicherheit wissen können. Der Imam (Führer) der islamischen Umma trägt eine außerordentliche Verantwortung, deshalb kann nur eine Person mit spezifischen Fähigkeiten diese Aufgabe gewissenhaft erfüllen.

Idealerweise handelt es sich bei der Führungsperson um einen von Gott eingesetzten fehlerfreien Menschen, einen Propheten oder einen rechtmäßigen Nachfolger oder Vertreter eines Propheten. So geht es aus dem Quran an vielen Stellen hervor. Ist ein fehlerfreier Mensch nicht vorhanden, sind die Menschen aufgerufen den richtigen Führer unter den „Normalsterblichen“ zu erkennen. Hier gelangen wir zum Thema der Statthalterschaft des Rechtsgelehrten, das bereits an anderer Stelle vielfach behandelt wurde. Wird ein nicht geeigneter Führer gewählt, wird er die islamische Gemeinschaft in den Abgrund führen.

Wichtig ist an dieser Stelle die folgende Quintessenz. Es wird überliefert vom fehlerfreien Imam Muhammad al-Baqir: „Wenn der Gelehrte (nur) dem Erlaubten nachgeht, werden die Menschen dem Verpönten nachgehen. Wenn der Gelehrte dem Verpönten nachgeht, werden die Menschen dem Verbotenen nachgehen. Und wenn der Gelehrte dem Verbotenen nachgeht, werden die Menschen vom Glauben abfallen.“

Was das mit Familien, Vätern und Kindern zu tun hat?

Mehr als genug. Unter allen Muslimen besteht Konsens darüber, dass der Ehemann und Vater das Oberhaupt der Familie ist. Dies bedeutet nicht, dass er absolute Macht über seine Ehefrau und Kinder hat, sondern vielmehr, dass er für deren Wohlergehen die Hauptverantwortung trägt. Er ist der Imam der Familie. Er ist nicht fehlerfrei, er ist nicht perfekt, aber hat nun mal diese Stellung und muss diesbezüglich seine Pflichten erfüllen.

Für ihn gilt das eben Zitierte entsprechend: Wenn der Vater (nur) dem Erlaubten nachgeht, werden die Kinder dem Verpönten nachgehen. Wenn der Vater dem Verpönten nachgeht, werden die Kinder dem Verbotenen nachgehen. Und wenn der Vater dem Verbotenen nachgeht, werden die Kinder vom Glauben abfallen.

Beispiele dürfte jeder aus seiner eigenen Erfahrung zur Genüge kennen.

Der Vater ist der spirituelle Führer der Familie

Der Vater hat längst nicht nur für volle Mägen, Kleidung und ein Dach über dem Kopf zu sorgen. Nein, seine Rolle ist viel tief gehender. Er ist als Oberhaupt auch der spirituelle Führer der Familie, das geistige Vorbild der Kinder. Seinen Lebenswandel, ob gut oder schlecht, nehmen sich seine Kinder zum Vorbild. Unter Muslimen kursiert eine in verschiedenen Versionen erzählte Geschichte über einen Vater, der einst seinen Sohn fragte, wie er mal werden wolle, wenn er groß ist. Da antwortete der Sohn, dass er so sein wolle wie er, sein Vater. Sein Vater aber erklärte ihm: „Mein lieber Sohn, schau mich an. Ich habe Imam Ali zum Vorbild genommen und aus mir ist der (schwache Mensch) geworden, den du vor dir siehst. Deswegen solltest du nicht mich zum Vorbild nehmen, sonst wirst du nicht mal so wie ich.“

Anders gesagt: Wer in der Schule mindestens eine Zwei schreiben will, sollte für eine Eins lernen, andernfalls wird er höchstens eine Drei schreiben.

Erziehung der Kinder beginnt bereits in der eigenen Jugend

Dass Kinder, insbesondere Jungs, sich in den jüngeren Jahren ihren Vater zum Vorbild nehmen, ist ganz natürlich und kann man nicht ändern. Umso wichtiger ist es, dass ein Vater in dieser Zeit vor allem direkt und aktiv für seine Kinder da ist und mit ihnen so viel Zeit wie möglich verbringt, sei es, dass er mit ihnen spricht, mit ihnen spielt, mit ihnen Ausflüge unternimmt oder ihnen einfach etwas vorliest. Da man das in jedem Erziehungsratgeber ausführlich nachlesen kann, verzichte ich auf weitere Ausführungen.

Ich will einen Schritt weitergehen: Ein Vater muss auch in passiver Form für sein Kind da sein. Das bedeutet, dass er in Anwesenheit des Kindes in außerordentlicher Form auf sein Verhalten achtet, seine Worte, seinen Umgang mit anderen Menschen, insbesondere mit seiner Ehefrau, seine Art zu essen und zu trinken, seine Art, wie er seine Zeit verbringt, seine Art, wann und wie er seine Gebete verrichtet und anderen religiösen Verpflichtungen nachgeht.

Kurz: Alles, was das Kind vom Vater wahrnehmen kann, muss vorbildlich sein. Um auf die Überlieferung zurückzukommen: Idealerweise erfüllt ein Vater vor den Augen seiner Kinder nicht nur seine Verpflichtungen, sondern geht noch darüber hinaus. Alles leichter gesagt als getan, ich weiß. Auch diese Aspekte wird man in vielen Erziehungsratgebern finden.

Erziehung der Kinder findet auch in deren Abwesenheit statt

Was also will ich anderes sagen? Die zitierte Überlieferung beinhaltet es bereits – ich versuche es herunterzubrechen: Ein Vater kann und muss auch in Abwesenheit seiner Kinder, beispielsweise wenn sie schlafen oder im Kindergarten sind oder er bei der Arbeit ist, seine Kinder erziehen. An dieser Stelle möchte ich von spiritueller Erziehung sprechen. So wie jede Handlung in Anwesenheit der Kinder sich entweder positiv oder negativ auf deren Unterbewusstsein auswirkt und ihre Entwicklung und ihre Persönlichkeit prägen wird, so werden auch Handlungen in Abwesenheit der Kinder diese prägen. Verdiene ich den Lebensunterhalt mit erlaubten Mitteln? Wie verbringe ich meine Freizeit? Achte ich auf meine eigene spirituelle Erziehung und Entwicklung? Was tue ich für die Menschen, für die Menschheit? Haben andere Menschen Nutzen von mir?

Oder: Betrüge ich die Menschen? Verschwende ich meine Zeit? Suche ich nur Zerstreuung? Geht es mir nur um mein eigenes Wohl und interessieren mich meine Mitmenschen überhaupt nicht? Alles Fragen, die man sich selber stellen kann. All das beeinflusst nicht nur unsere eigene Seele, sondern insbesondere die Seelen unserer Kinder.

Man sagt doch: Wie man zu seinen Eltern war, so werden auch die Kinder zu einem selbst. Wenn man so will, beginnt die Erziehung der eigenen Kinder bereits lange, bevor man überhaupt heiratet und selbst Kinder bekommt. Bereits in der eigenen Jugend, wenn man sich auf seinem spirituellen Weg zu Gott macht, erzieht man nicht nur sich selbst, sondern auch seine Kinder. Ich denke, diese Hinweise wird man nicht in jedem Erziehungsratgeber finden.

Väter müssen das Unmögliche versuchen

Die Rolle des Vaters in der Erziehung der Kinder ist insbesondere in spiritueller Hinsicht von essenzieller, gar von existenzieller Bedeutung. Vom Lebenswandel des Vaters hängt das Wohl der Familie und der Kinder im Dies- und im Jenseits ab.

Selbstverständlich kann die zitierte Überlieferung daher auch im positiven Sinne interpretiert werden: Wenn der Vater (nur) dem Erlaubten nachgeht, werden die Kinder dem Verpönten nachgehen. Wenn der Vater dem Empfohlenem nachgeht, werden die Kinder dem Erlaubten nachgehen. Und wenn der Vater das Unmögliche versucht, werden die Kinder auf dem geraden Weg gefestigt.

Ich kann mich an eine Geschichte erinnern von einem weisen Mann, der eines Tages sehr früh morgens auf seinem Gebetsteppich sitzend weinte und weinte. Sein Sohn wachte auf, und bekam mit, wie sein Vater in der Gebetsecke weinte.

Er ging zu ihm und fragte ihn: „Papa, warum weinst du so?“

Sein Vater antwortete: „Ich habe mein (freiwilliges) Salat-ul-Layl (Nachmitternachtsgebet) verpasst.“

Was soll aus einem Kind anderes als ein gottesfürchtiger Mensch werden, wenn der Vater vor Tränen überströmt ist, weil er sein freiwilliges Gebet in der tiefen Nacht verpasst hat? Ganz anders sieht es aus, wenn ein Vater regelmäßig sein Morgengebet verschläft und dieses später nachholt.[1]

Diese Geschichten sind keine Märchen. Auch in unserer Zeit gibt es diese spirituellen Menschen und Vorbilder. Da wäre beispielsweise ein Märtyrer namens Imad Mughniye, der sein gesamtes Leben dem Islam und den Muslimen, insbesondere den Unterdrückten opferte. Dessen Sohn Dschihad Mughniye war auf dem besten Weg, in seine Fußstapfen zu treten. Die Israelis hatten dies offenbar mitbekommen und töteten ihn ebenfalls.

Heute las ich eine Geschichte von einem anderen Märtyrerkind. Es schrieb in der Schule über seine Träume: „Ich bin geduldig, bis Imam Mahdi zurückkommt, und mein Vater mit ihm.“

Ein solches Kind erhält durch das Martyrium seines Vaters die höchste Erziehung in jedem Moment seines Lebens, da der vorbildhafte Vater das Teuerste für den Islam und die Muslime geopfert hat, was ihm zur Verfügung stand: sein eigenes Leben. Diese Beispiele bestätigt eine sogenannte Hadith Qudsi, eine göttliche Offenbarung, die nicht Teil des Qurans ist. Gott sagt: „Ich bin der Statthalter des Märtyrers in seiner Familie.“

Gott selbst kümmert sich um die Familie und die Erziehung der Kinder desjenigen, der sich auf seinem Pfad opfert. Ich bin mir sicher, dass auch ein solcher Satz nicht in einem herkömmlichen Erziehungsratgeber zu finden ist.


  1. Selbstverständlich wird ein Kind ab einem gewissen Alter selbst entscheiden, welchen Weg es einschlägt. Bestimmte Ereignisse, wie die genannten Beispiele, sind aber prägend im Positiven wie im Negativen. ↩︎


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Ali Chaukair

Rechtsanwalt / E-Mail: ali.chaukair@offenkundiges.de