Zionismus

Die Moral der Unterdrücker: Ein Kommentar zu den aktuellen israelischen Polit-Skandalen

In den vergangenen Wochen schäumten die Medien und frohlockten dem Ende des „Mullah-Regimes“ im Iran entgegen. Fakten, die Journalisten in Erregung versetzten und in westlichen Fantasien schwärmen ließen, lösten bei Irankennern nur Schulterzucken aus. Antje Schippmann von der Bild-Zeitung fragte sich z. B. in einem Artikel, wie brenzlig die Revolte für die Mullahs wird. Die Tatsache, dass die Journalisten willentlich auf Fotos der regierungstreuen Gegendemonstrationen mit Millionen von Teilnehmern zurückgreifen mussten, da von der Handvoll Randalierer keine brauchbaren Fotos vorlagen, muss sehr demütigend gewesen sein.

Was viel demütigender für jene ist, die sich dem Zionismus verpflichtet fühlen, sind die seit Wochen andauernden Proteste gegen Benjamin Netanjahu in Israel. Lokalen Medien zufolge[1] treffen sich seit Wochen Zehntausende jeden Samstag zum sogenannten Marsch der Schande. Anlass sind die Korruptionsvorwürfe gegen den Premierminister.[2] Die Demonstranten skandieren Parolen wie „Bibi go Home“ und fordern seinen Rücktritt. Letzte Woche kam dann der GAU für Netanjahu. Der Auslöser war sein ältester Sohn: Ein Tonmitschnitt von Yair Netanjahu und seinen Freunden, Millionärssohn Ori Maimon und Roman Abramov, gab Grund zu noch mehr Kritik – und Schande. Yair prahlt vor seinen Freunden damit, dass sein Vater dem Vater Maimons einen schönen Deal verschafft habe. Nach aktuellen Umfragen sieht es für Netanjahu und seine rechte Likud-Partei nicht gut aus.[3]

Familie Netanjahu verbringt viel Zeit auf den Titelblättern der israelischen Zeitungen. Meistens mit Skandalen. Die Polizei ermittelt aktuell in zwei Fällen. In einem dritten Fall belasten den Premier schwere Vorwürfe. Medienberichten von 2017 zufolge hat die Staatsanwaltschaft die Polizei mit Ermittlungen gegen Benjamin Netanjahu und seine Frau Sara beauftragt. Die beiden stehen im Verdacht, teure Geschenke von einem Geschäftsmann angenommen zu haben. Als Gegenleistung habe der Geschäftsmann – ein Australier – die israelische Staatsbürgerschaft erhalten, um sich steuerliche Vorteile zu sichern.[4]

Anderen Berichten zufolge sollen die Netanjahus über Jahre hinweg teure Geschenke vom israelischen Geschäftsmann und Hollywood-Produzenten Arnon Milchan erhalten haben. In einem anderen Fall geht es um eine Vereinbarung mit dem Verleger der regierungskritischen Zeitung „Jediot-Ahranot“. Für eine positive Berichterstattung über seine Person – angesichts so vieler Skandale eine Mammutaufgabe – versprach Netanjahu die kostenlose Konkurrenzzeitung „Israel Hajom“ zu benachteiligen und so ihren Erfolg zu schmälern.

Aufgrund eines weiteren Skandals hatte die deutsche Bundesregierung den umstrittenen U-Boot-Deal mit Israel auf Eis gelegt. Grund sind Ermittlungen der israelischen Staatsanwaltschaft. Bei den Vorwürfen geht es um Schmiergeldzahlungen des israelischen ThyssenKrupp-Repräsentanten Miki Ganor an Entscheidungsträger im Sicherheitsapparat, damit diese dem Deal zustimmen. Ganor, mittlerweile Kronzeuge bei den Ermittlungen, belastet seinen Anwalt David Shimron schwer. Dieser habe Druck auf das Verteidigungsministerium ausgeübt und dafür zwanzig Prozent einer 38 Millionen Euro Provision erhalten. Nun wird es Heikel für Netanjahu, denn Shimron ist sein Anwalt, persönlicher Berater und Cousin.[5] Neben den U-Booten sollen auch vier militärische Schnellbote in Auftrag gegeben werden, deren Aufgabe die Verteidigung der neuen Gasbohrinsel im Mittelmeer ist.

An dieser Stelle kommen wir zu Yair Netanjahu. Die Tonaufnahme wurde vor einem Stripklub im Jahr 2015 aufgezeichnet, als Yair, sein Freund Ori Maimon und Roman Abramov darüber streiteten, wer mehr Tänzerinnen [diese vorsichtige Formulierung stammt von mir] „kennt“ und wer dem anderen Geld dafür geliehen hat. Irgendwann platzt Yair der Kragen und er sagt zu Ori: „Bro, you have to be nice to me. Bro, my dad got your dad a sweet deal, he fought for it at the Knesset, bro.“ Auf Nachfrage seiner Freunde, welchen Deal er meine, antwortet Yair: „You’re crying over 400 shekels, my father arranged 20 billion dollars for your father and you’re crying over 400 shekels for me, you son of a bitch.“[6] Oris Vater ist Kobi Maimon, Gasmogul und begünstigter eines Gas-Deals, den Benjamin Netanjahu gegen den Widerstand des Kartellamts durchsetzte.[7] Yair bezieht sich mit seiner Prahlerei auf diesen Deal. Die Schnellboote, zu einem Drittel aus deutschen Steuermitteln finanziert, sollen eben dieses Gasfeld schützen.

In einer Zeit, in der Ahid Tamimis Eltern erhobenen Hauptes durch Palästina laufen können, finden sich Yairs Eltern voller Schande wieder.

Benjamin Netanjahu hat sich für das Verhalten seines Sohnes entschuldigt, der sei damals betrunken gewesen. Als ob ein erwachsener Mann und Sohn des Premierministers des sogenannten Jüdischen Staates, der betrunken vor einem Stripklub steht und prahlt, weniger schändlich wäre, als wenn er nüchtern dort gestanden hätte.[8]


  1. https://www.timesofisrael.com/thousands-turn-out-in-tel-aviv-for-anti-corruption-march-of-shame/ ↩︎

  2. https://www.haaretz.com/israel-news/thousands-join-march-of-shame-against-netanyahu-gov-t-corruption-1.5630011 ↩︎

  3. https://www.haaretz.com/israel-news/lapid-would-win-big-while-gabbay-would-crash-poll-suggests-1.5629967 ↩︎

  4. https://www.theguardian.com/world/2017/jan/05/benjamin-netanyahu-questioned-again-israeli-police-gifts ↩︎

  5. http://www.tagesspiegel.de/politik/nach-massenprotesten-gegen-korruption-netanjahu-fordert-aenderungen-an-umstrittenem-gesetzesentwurf/20665324.html ↩︎

  6. http://www.tagesspiegel.de/politik/u-boot-deal-mit-israel-brisante-geschaefte/20534754.html ↩︎

  7. https://www.haaretz.com/israel-news/the-full-transcript-of-yair-netanyahu-s-wild-tel-aviv-night-1.5730342 ↩︎

  8. http://www.haz.de/Nachrichten/Politik/Deutschland-Welt/Betrunkener-Netanjahu-Sohn-plaudert-ueber-Gas-Deal ↩︎


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Mahdi Haschim

E-Mail: mahdi.haschim@offenkundiges.de