Veranstaltung

Die Islamische Tagung im IZH: Ein persönlicher Erfahrungsbericht

Der folgende Bericht wurde von einem Teilnehmer der Islamischen Tagung deutschsprachiger Muslime 2019 verfasst, einem Studenten aus Süddeutschland. Offenkundiges dankt für diesen Artikel.

Jedes Jahr aufs Neue kommen viele junge deutschsprachige Muslime zu der Islamischen Tagung deutschsprachiger Muslime (ITDM) in Hamburg, lernen sich kennen, erweitern ihr Wissen, machen viele spirituelle Erfahrungen und kehren wieder in ihre Städte in ganz Deutschland und auch nach Österreich oder in die Schweiz zurück. Jedes Jahr verabschiedet man sich mit einem Lächeln von diesen Menschen. Mit Tränen in den Augen und einem nach mehr Liebe schreienden Herzen. Es ist nicht in Worte zu fassen, welch großen Einfluss diese Tagung auf einen Menschen ausübt. Jedes Jahr aufs Neue kommt man nach Hause und verbringt den Rest des Jahres mit voller Hoffnung und Zuversicht. Man erzählt seinen Eltern und Geschwistern von den Erfahrungen bei der Tagung. Es ist schon fast vergleichbar mit den Trauertagen im Muharram. Die Sehnsucht auf diese Trauer das ganze Jahr über, die Sehnsucht auf das Zusammenkommen, die Sehnsucht auf das gemeinsame Weinen und Trauern: Solche Gefühle kommen auf, wenn man innerhalb des Jahres an die letzte Tagung denkt.

Diese Tagung ist gewiss für jeden Menschen, der daran teilnimmt, eine Bereicherung und Besinnung. Dabei ist die deutschsprachige Tagung im IZH kein Ereignis, welches man mit einem strukturierten Zeitplan, einer Zusammenfassung der Themen oder einem kurzen Erfahrungsbericht jemals beschreiben könnte. Ich versuche euch lediglich einen kurzen Einblick in das zu gewähren, was mein Herz und viele weitere Herzen jährlich erfüllt. Im Folgenden versuche ich euch, einige wenige von unzählbaren Erfahrungen und Gefühlen näher zu bringen.

Schon bei der Ankunft an diesem wunderschönen Ort blüht das Herz auf und es fängt an, trotz der Strapazen und der langen Reise schneller zu schlagen. Es ist, als ob man einen zeitlosen Ort betreten würde, als ob die Zeit regelrecht sterben würde. Ein Lächeln zeigt sich in den Gesichtern. Pünktlich wie jedes Jahr wird man zu Beginn von einer Koranrezitation mitgenommen und gerät in ein Gefühlsmeer. So beginnt die jährliche spirituelle Reise. Dieses Jahr hatten wir das weltweit wichtigste Thema für die schiitische Gemeinschaft: Imam Mahdi (a.). Eine Lehre, die mir zum wiederholten Male die Augen geöffnet hat, ist, dass wir ein Warten wie auf Klausurlösungen verwirklichen müssen. Eine Klausur, für die sehr lange gelernt worden ist und alle Vorbereitungen getroffen wurden. Ein zuversichtliches Warten auf die Resultate der ganzen Mühen, die man auf sich genommen hat. Ein Warten der aufrichtig Wartenden auf Imam Mahdi. Ein Wartender von 313.

Gesprochen wurde in der Tagung auch über das Thema Wilayat-ul-Faqih, das für viele ein schwieriges Thema darstellt. Der Leiter des IZH, Scheich Mofatteh, konnte die Fragen der Teilnehmer überzeugend beantworten. Ein Zentrum, ein Flaggenhalter und eine Mission; ein System, welches nach jahrhundertelanger Unterdrückung zu glorreichen Siegen geführt hat, weiterhin führt und sehr gewiss auch in naher und ferner Zukunft führen wird. Wir wurden nochmals darauf hingewiesen, dass die Jugend in diesem Land ihre Aufgabe erkennen und standhaft umsetzen sollte. Viele haben Scheich Mofattah zum ersten Mal sehen dürfen und waren sowohl von seinem technischen als auch von seinem spirituellen Wissen begeistert.

Immer wieder durften wir in den Bann des heiligen Korans durch Hassan Sadeghi gezogen werden. An einer Stelle der Rezitation haben wir was Unglaubliches erleben dürfen: nuurun ala nuur, Licht über Licht. Es schmelzen Herzen während der Tagung. Es hört aber nicht auf, meine lieben Geschwister. Man erhält die Möglichkeit, mit den Geschwistern aus den unterschiedlichsten Gemeinden an einem Workshop teilzunehmen. Themen, die die heutige islamische Jugend sehr bewegen und berühren, werden geleitet von Menschen, die ihr gesamtes Leben nur der Zufriedenheit des heutigen Imams (a.) gewidmet haben. Menschen, die sehr erfolgreich im Leben stehen, sich aber niemals zu schade sind, Toiletten zu putzen, Tische zu wischen und ihren gesamten Schlaf für die Geschwister aus ganz Deutschland und darüber hinaus zu opfern. Wie wartet man auf den Imam der Zeit? Wie können wir uns vorbereiten? Wie gestalten wir unser Umfeld? Wie gehen wir mit Atheisten um? Wie? Was? Wann? Fragen, die zur Motivation und zum Aufwecken der Gedanken in den so jungen und hellen Geistern dienen. „Bewahrt euch den revolutionären Geist!“, heißt es in einer Rede von Imam Chamenei.

Aber nicht nur das. Bei der ITDM erfährt man alles. Alles, was das Herz begehrt. Weinen und Lachen. Schlafen und Essen. Denken und diskutieren. Dua Tawassul und Dua Faradsch. Dua Ahad und Trauergesänge. Zeitlosigkeit und Gefühlsüberflutungen. Vor allem die Liebe, die der heutigen Zeit an jeder Ecke fehlt. Allein das Denken an diese Menschen lässt das Herz aufblühen: Ahmed, Yavuz, Hassan, Sadik, Hadi, Hussein und noch so viele weitere einzigartige Menschen. Die Motivation, den Imam der Zeit (a.) immer zu spüren, wurde uns in mehreren unglaublich atemberaubenden Vorträgen nahegebracht. Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit im Leben und im eigenen Umfeld zu erkennen und richtig zu handeln, das Engagement in den jeweiligen Gemeinden und die Ausübung jeglicher Aufklärungsarbeit: Diese und viele weitere Themen wurden angesprochen.

Nach der Rückkehr, ja schon auf der Rückfahrt, begann das Herz zu bluten. Es schmerzt, wenn man an die spirituelle Nacht mit Bruder Yavuz denkt. Es wird einem bewusst, wie wenig man den Imam der Zeit (a.) in seinem Leben einbezogen hat. Das gezeigte und im Nachhinein auch veröffentlichte Video hat gewiss einige Leben verändert und Herzen zerrissen. Die Nächte sind schmerzhaft seit dem Schauen des Videos.

Ach, wie viel ist zu erzählen und wie viel hat man mitgenommen. Die Reise des Dschihad-un-Nafs wurde auch in diesem Jahr von Bruder Yavuz Özoguz aus einer ganz anderen Sichtweise beleuchtet. Letztes Jahr redete er über die ersten drei Verse der Sure Hamd. Der Anfang einer für uns sehr lang erscheinenden Reise beginnt mit den Worten Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Begnadenden oder kurz gesagt mit der Liebe Allahs (swt.). Und kaum ist es vorbei, endet es mit der Gnädige, der Begnadende. Wieder spüren wir die Liebe Gottes. Und was bleibt dem Menschen dazwischen? Eine Dankbarkeit, hamd gegenüber dem Schöpfer und Herrn der Welten.

Dieses Jahr hat Bruder Yavuz in seiner so liebevollen Art und Weise wieder das gleiche Thema angesprochen: das Leben und der Tod eines gläubigen und aufrichtigen Muslims. Der Blick während der Verbeugung auf den Anfang der Reise – den eigenen Füßen – und das aufrichtige Bitten: Dies ist der Anfang eines jeden Menschen. Die Reise von seinem Selbst zu seinem Selbst. Die Erkennung des eigenen Ichs, Dschihad-un-Nafs. Nach dem langsamen Aufrichten aus der Verbeugung erfüllt uns Allah (swt.) unsere Wünsche. Wir bedanken uns. Und dann?

Dann folgt der Blick auf die Erde und die Niederwerfung. Der Blick auf das Ende der Reise, auf das Licht am Ende des Tunnels. Es ist offensichtlich, dass sich diese Menschen viele Gedanken machen über ein bewusstes Leben während der großen Verborgenheit des erwarteten Erlösers. Immerzu kämpft und motiviert man für die Vervollkommnung des guten Benehmens, des Achlaqs. Das Schwimmen in einem Pool des Lebens, wobei die Wände das Erfüllen der Pflichten und Fernbleiben von Sünden sind und die Mustahab-Taten die Fugen der Poolwände bilden. Das alles wurde uns lehrreich übermittelt. Das Haus Gottes, baytullah, vereint sich wieder mit dem Geist Gottes, dem ruhullah. Es folgt dem Beispiel von Imam Ali (a.), als er beim Herrn der Kaaba schwört. Das siegreiche Ende einer schwierigen und schmerzhaften Reise des Lebens, der Vervollkommnung des Menschen.

Film ab! Wir sind nun auf der Bühne des Lebens. Wer sind die Zuschauer? Alle heiligen Persönlichkeiten, darunter auch Imam Ali (a.) und Fatima (a.). In wessen Szenario spielen wir? In Gottes Szenario. Und die anderen Schauspieler? Alles Schauspieler, die eingeweiht sind. Du bist ganz allein in deiner eigenen Welt und in deinem eigenen Film. Wie verhältst du dich nun? Wie handelst du? Das kurze Zusammenfassen der Lektionen von Bruder Yavuz erfüllte das segensreiche Wochenende.

Als ob all das nicht ausreichend wäre, wurden wir in diesem Jahr mit einem faszinierend professionellen Kabarettstück überrascht. In einer sehr lustigen und zum Nachdenken bringenden Art und Weise wurden wir auf unsere eigenen Jugendsünden aufmerksam gemacht.

Nein, liebe Geschwister, es hört auch hier nicht auf. Die lieben jungen Geschwister, die auch von den einzigartigen Helfern aus dem Tagungsteam über die komplette Tagung betreut wurden, haben uns am Ende der Tagung ihre schönen und stolzen Ergebnisse präsentiert. Werke, die sie in kürzester Zeit während der Tagung kreativ ins Leben gerufen haben. Sogar kurze, wirklich amüsante Videoclips wurden gedreht.

Und dann, sehr plötzlich, kam der anfangs beschriebene Abschied. Die Zeit fing wieder an zu ticken. Man geht wieder in die weite Welt und ist voller Zuversicht. Und wie ihr merkt, sind wir jetzt wieder da, wo wir gestartet sind. Und uns bleibt nur das, was dazwischen passiert ist: Gefühle, Erlebnisse, Gedanken, Gebete und Liebe. Möge Gott uns die Möglichkeit geben, unser Leben bewusster zu leben und uns richtig auf die Rückkehr unseres Imams vorzubereiten. Möge Gott den rechtmäßigen Stellvertreter, Imam Chamenei, lange erhalten und uns den Tag zeigen, an dem er dem Imam der Zeit (a.) die Flagge des Islam übergibt. Möge der gnädige Herr alle Geschwister, die mitgeholfen haben, und jeden aufrichtigen Gläubigen zu den Standhaften und wahren Anhängern des Imams der Zeit (a.) zählen.


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