Philosophie, Individuum, Gott

Die Essenz des Menschen: Vom Ich über Gott zum Sinn

Wer sich selbst erkennt, der erkennt seinen Herrn. Nach dieser Aussage Imam Alis (a.) beginnt die Gotteserkenntnis nicht mit logischen Gottesbeweisen, der Ergründung der platonischen Welt mittels der Philosophie oder der Erforschung der materiellen Welt mit den Naturwissenschaften. Sie beginnt beim Ich. Aber was ist dieses Ich?

Was wissen wir wirklich?

Es gibt a priori fast nichts, dessen wir uns gewiss sein könnten. Dass es keinen Menschen gibt, der älter als zweihundert Jahre ist, ist nichts als eine Vermutung aus unvollständiger Induktion. Dass morgen die Sonne aufgeht, ist eine Projektion unserer Erfahrung, aber kein sicheres Wissen. Dass unser Planet eher einer Kugel gleicht als einer Scheibe, ist plausibel, aber kein Wissen – zumal die Debatte darüber in unserem Jahrtausend neu entfacht ist.

Wer nach Wissen sucht, wendet sich heutzutage an die Naturwissenschaftler. Sie messen, falsifizieren, theoretisieren und berechnen, ihre Ergebnisse bilden die Grundlage für die beeindruckende Technologie unserer Zeit. Zweifellos ein grandioser Erfolg. Doch ist ihr Forschungsergebnis naturgemäß auf die Natur beschränkt, die materielle Welt, nicht aber umfasst sie alles Seiende. Daher verwechseln manche von ihnen ihr Forschungsobjekt mit der Welt an sich, man nennt sie Naturalisten. Aber selbst über die Natur besitzen sie kein Wissen, sondern einzig immer genauere Modelle; Eratosthenes, Galileo, Newton, Einstein waren allesamt Revolutionäre der Astronomie – und lagen alle falsch. Und so wird es bleiben, sicheres Wissen sucht man in den Naturwissenschaften vergeblich.

Wie steht es mit der Königsdisziplin des Denkens, der Philosophie? Sie kommt ohne die Natur aus, schwebt über jeder Messung. Ein Sofa und jede Menge Kaffee genügen zum Philosophieren. Für Diogenes tat es auch die Tonne unter der Sonne. Eine stolze, asketische, antike Wissenschaft. Tausende Buchseiten haben Philosophen produziert, das meiste davon waren wilde Spekulationen oder schlicht Meinungen, Präferenzen, Zeitgeist oder in Worte gegossener Narzissmus. Selbst Immanuel Kant, der Meister der Aufklärung und passionierter Rassist, philosophierte in seinem Hauptwerk auf Basis von Vorstellungen über Zeit und Raum, wie sie nur bis Einstein galten. Er hielt diese Annahmen für a priori wahr und nicht hinterfragbar. Er irrte sich. Um die Philosophie unserer Tage ist es leiser geworden, sofern es um Wissen geht. Sie wurde von den Naturwissenschaften verdrängt. Heutzutage tritt sie nur noch in Form von Richard David Precht in Talkshows in Erscheinung und hebt den mahnenden Zeigefinger. Ein trauriger, aber notwendiger Abgang einer Wissenschaft, die jahrhundertelang Luftschlösser baute.

Und was das Meer der Religionen betrifft: Deren Vielfalt, deren sich widersprechenden Gottesvorstellungen, jeweils verpflichtende Riten, Ablasszahlungen, Höllendrohungen, Propheten und Heilsbringer schreckt die nach ihrem eigenen Wesen Forschenden ab. Die Vorstellung, tausende Religionen und ihre Bücher zu studieren und miteinander zu vergleichen, um – nur möglicherweise – einen Hinweis auf die Essenz des Ichs zu erhaschen, treibt Nachdenkende in den Nihilismus. Wahrheit scheint hier, falls vorhanden, hoffnungslos tief vergraben.

Selbst die Mathematik bietet keine Sicherheit im absoluten Sinne. Betrachten wir den mathematischen Satz: Es gibt unendlich viele Primzahlen. Der Beweis wurde vor mehreren Jahrtausenden gefunden, jeder Schüler kann ihn begreifen. Für die Unendlichkeit der Primzahlmenge gibt es inzwischen hundert verschiedene Beweise. Aber ist ein Irrtum ausgeschlossen? Möglicherweise übersahen alle Mathematiker aller Zeiten einen Fehler und es gibt doch eine größte Primzahl. Von tiefer liegenden Sätzen der Mathematik gar nicht zu reden. Mag die Mathematik ihre Konsistenz zigfach durch die naturwissenschaftlichen Anwendungen nahegelegt haben – ein Restzweifel lässt sich nicht ausräumen.

Die offenkundige Erkenntnis

Es gibt aber eine Wahrheit, die sich nicht bestreiten lässt: cogito ergo sum – ich denke, also bin ich. Oder besser: Ich erlebe, also bin ich. Ich bin ein bewusstes Geschöpf, ich besitze die Introperspektive, ich empfinde meine Sinneseindrücke, die Liebe zu meinem Partner, das mystische Gefühl, aus meinem Körper durch die Augen herauszuschauen, als wäre ich in meinem Körper gefangen, gleichzeitig erschaudernd ob des Denkbaren, dass aus all den anderen Augen auch bewusste Seelen in die Welt blicken. An dieser Wahrheit lässt sich nicht rütteln. Die Welt mag eine Illusion sein, meine Sinne mögen von einem Computer gespeist werden, der unsere Matrix berechnet, aber das Ich-Erlebnis an sich kann keine Illusion sein, denn wer sollte diese Illusion erleben, wenn nicht ich?

Diese Wahrheit des Seins liegt tiefer als jede andere. Jede Sekunde unseres Erlebens zeigt auf sie, während gleichsam jeder Zweifel an ihr ein Beweis ihrer ist. Der Weg zu Gott von hier ist kurz: Mein Sein entspringt nicht seiner selbst, benötigt ein notwendiges Seiendes, sein Sein zu erhalten, ohne dass diese Wahrheit nicht bliebe. Das ist Gott. Gott ohne Eigenschaften oder Namen, nur das dem Seienden sein Sein Verleihende, ohne sein Sein anderem als ihm selbst zu schulden.

Die Essenz des Ichs

Wir wollen aber mehr als die Gottesexistenz. Wahres Ich-Erkennen ist unser Streben. „Ich bin“ ist nur der Anfang, damit beginnt erst die Qualia-Suche: Was bin ich? Bin ich meine Position in der Gesellschaft? Bin ich mein Geld? Bin ich mein Geschlecht, mein Körper, mein Wissen, meine Fertigkeiten? Sicher nicht, naturalistische oder materielle Charakteristiken mögen mein Wirken in dieser Welt beeinflussen und mein Erlebnis färben, sie sind aber nicht meine Essenz, nur Kleider, oberflächliche Schichten, vergänglich und ohne Tiefe.

Meine Essenz muss der Wahrheit von „ich bin“ entspringen. Ich bin, was ich empfinde, wie ich fühle – nicht durch meine Sinneseindrücke – sondern durch mein Ich, mein Ego, seine Furcht, seine Neigungen, seine Opferbereitschaft, seine Gefühle. Meine Gefühlsantwort auf Lob, Tadel, Demütigung, Anerkennung, Stressmomente. Meine Empfindung gegenüber Schwachen und Starken, anderen Geschöpfen, meiner Selbstreflexion. Das ist mein Ich. Das ist meine Essenz, mein Sein, mein Maß und was ich entwickeln kann.

Und wieder beweist diese Qualia meines Seins die Qualia des allem Sein sein Sein Verleihenden: Einzigartigkeit in Einheit, Selbstlosigkeit, Liebe, Freiheit ohne Furcht, Macht ohne Ego – die Namen Gottes.

In jedem Augenblick unseres Alltags bietet sich uns die Frage nach unserer Essenz durch die Beobachtung unseres Bewusstseins und unserer Gefühle. Nicht aus unserem Intellekt oder dem Pflichtbewusstsein, wie wir sein sollten, sondern aus unserem Herzen und der Wahrheit, wie wir sind – während die Namen des Allgegenwärtigen uns erinnern, warum wir sind und was wir sein können, wenn wir uns dem stellen, das unser Sein beschränkt.


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Huseyin Özoguz

Verleger bei Eslamica / E-Mail: huseyin.oezoguz@offenkundiges.de
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