Die Homoehe wird uns als neue Errungenschaft westlichen Freiheitsverständnisses verkauft. Bei Diskussionen darüber sind mir einige Mechanismen aufgefallen, die mich dazu bewogen, mir über folgende Fragestellungen Gedanken zu machen: Werden wir tatsächlich freier oder verschieben wir unsere Tabus nur so, dass sie uns unfreier werden lassen? Führt die Enttabuisierung zu neuen willkürlichen Tabus, die das Recht auf freie Meinungsäußerungen Schritt für Schritt aushöhlen? Sind Tabus wirklich längst überholte Regelwerke, die eine moderne Gesellschaft nicht mehr benötigt oder haben wir mit der fortschreitenden Aufhebung von überlieferten Tabus etwas in Gang gesetzt, deren Folgen wir noch gar nicht abschätzen können?

Begriffserklärung

Das Wort Tabu stammt aus dem polynesischen Sprachraum und bezeichnet einen Zustand, der heilig, unverletzbar, unberührbar ist. Es wurde von Georg Forster, ein Mitreisender von James Cook als Begriff nach Europa gebracht und hat in unserem Sprachraum einen enormen Siegeszug durchlaufen, sodass jedem von uns der Begriff geläufig ist.[1]

Tabus betreffen Handlungen (die man nicht tut), Äußerungen (die man nicht sagt) und Diskurse (über die man nicht redet), und sind in einem Kulturraum als ungeschriebenes Regelwerk fest verankert. Das Brechen eines Tabus wird von der Gemeinschaft zumindest mit Ausgrenzung des Tabubrechers geahndet, was für Menschen als übersoziale Wesen eine schwere Strafe darstellt; auch heute noch. Tabubrüche gelten in jedem Kulturkreis als etwas Verabscheuungswürdiges und ziehen auch auf seelischer Ebene Reaktionen nach sich, die von Ekel bis Unverständnis reichen und zu verschiedenen psychischen Abwehrmechanismen führen. Tabus sind also unhinterfragte, strikte, bedingungslose und sogar elementare Bestandteile jeder menschlichen Gesellschaft.[2] Sie sind aber je nach Kulturraum unterschiedlich und können im interkulturellen Dialog zu Konflikten und Missverständnissen führen. Teilweise können sie durch Gesetze untermauert werden, wie in der BRD durch Sonderparagraphen bezüglich der deutschen Vergangenheit, die zu zunehmender Tabuisierung bestimmter Themen führen. Zwar unterscheiden sich Tabus, die jenseits von jeglicher Kritik einen irrationalen Charakter einnehmen können, von schriftlich verankerten Gesetzen, deren Übertreten mit gezielter Bestrafung einhergehen. Aber es gibt dort fließende Übergänge, wie später noch an Fallbeispielen gezeigt wird. Ein Tabu führt dazu, dass es im Gesetz aufgenommen wird, oder Gesetze führen zu Tabus, die das Gesetz sogar erweitern.

Sinn von Tabus

Tabus sind nonverbale Kulturelemente, die mit der Verankerung von Moral und Sitte einhergehen, tradiert und generationsübergreifend weitergegeben werden. Sie verbieten bestimmte Handlungen und Diskurse, ohne dass ein Verbot ausgesprochen oder schriftlich festgehalten werden muss und ohne den Menschen als Einzelindividuum zu diskreditieren.
„Tabus sind Verbote und bedeuten zugleich Schutz des einzelnen Menschen in entscheidenden Lebens-und Krisensituationen…sie sind sozial wirksame Instrumente, die an der Schnittstelle von Individuum und Gemeinschaft das gesellschaftliche Zusammenleben regulieren, …. den Fortbestand der Gesellschaft sowie den Anspruch des Individuums auf Selbstsein, das heißt, im Kontext zwischenmenschlicher Praxis zugleich als Person respektiert zu werden.”[3]

Mitglieder eines Kulturkreises kennen ihre kulturspezifischen Tabus. Sie beinhalten neben Handlungsverboten auch das Verbot eines Diskurses bestimmter Themen, ursprünglich um eine soziale Gruppe vor internen Konflikten zu schützen, die zur Instabilität der Gruppe führen könnten. Ein unausgesprochenes Regelwerk zu besitzen, scheint eine menschliche Eigenschaft zu sein, die vor Konflikten schützen soll und ebenso den Zusammenhalt der Gruppe fördert, aber auch weitere Schutzfunktionen übernimmt. Grundsätzlich dienen Tabus der ganzen Gemeinschaft und nicht nur einer Minderheit mit Sonderrechten. So ist Inzest jedem ein klares Tabu. Es hat hier die Funktion, vor auftretenden Erbkrankheiten zu schützen. So können Tabus wichtige biologische und medizinisch begründbare Schutzfunktionen innehaben, man muss sich einer solchen aber nicht bewusst sein, um das Tabu zu akzeptieren. Tabus sind also nichts Schlechtes, im Gegenteil, bieten sie doch ein Regelwerk, welches nicht mehr hinterfragt werden muss und in einer Gesellschaft so tradiert wurde, dass sie als Moral, Anstand und Sitte jedem geläufig sind und auf deren verborgenen Schutzfunktion man sich blind verlassen kann.

Die fortschreitende Enttabuisierung

Fallen Tabus, verändert sich eine Kultur maßgeblich, bis hin zur Auflösung von dem, was ein oder zwei Generationen vorher den Menschen noch als Anstand und Sitte geläufig und selbstverständlich war. So kann es passieren, dass Menschen aus demselben Volk, sich hinsichtlich Tabus mit Unverständnis begegnen, wie Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen, nur weil sie einer anderen Generation angehören.
Eine solche Auflösung von Tabus und den damit einhergehenden Sittenverfall können wir in der Nachkriegsgeschichte Europas sehr gut beobachten, nämlich anhand der veränderten Sexualmoral. Daher kann man heute bereits von einer übersexualisierten Gesellschaft reden.[4] Pornographie, Sex vor der Ehe, Promiskuität und Homosexualität sind zwar keine neuen Phänomene, unterlagen aber strikten Tabus. Sie waren Randerscheinungen und haben nie die Mitte der Gesellschaft als Machbarkeitsstatus erreicht. Es war in Europa die sogenannte 68er Bewegung, die eine “sexuelle Revolution” vorantrieb und die nachfolgende mediale Propaganda, die Sexualität in den Köpfen der Menschen so enttabuisierte, dass sie sich in den öffentlichen Raum drängen konnte, nicht zuletzt, weil Sexualität im öffentlichen Raum einen enormen Marktwert entwickelte. Den Schaden einer solchen Entwicklung können wir heute ablesen. Immer mehr Ehen werden geschieden, Sexualität wird als reine Triebbefriedigung verstanden, als ein kurzlebiger Akt, den man mit jedem vollziehen kann, ohne das er zur Übernahme von Verantwortung führt. Ein Heer von alleinerziehenden Müttern prägen nun das Bild der modernen Familie, ohne dass die Auswirkungen auf die Kindheit in unserer Gesellschaft diskutiert werden.

Heute erleben die Menschen der Nachkriegszeit den Vorgang der Enttabuisierung sogar als ein wesentliches Element ihres Freiheitsempfindens. Freiheit wird zunehmend als Freiheit von Tabus erlebt, die einst ein berechtigtes Regelwerk für die menschlichen Triebe und niedrigen Beweggründe darstellten. Sie schützten neben anderem die Familie als wichtigstes Fundament einer jeden Gesellschaft. So ist der nächste Schritt zur Auflösung des klassischen Familienbildes bereits getan: die Homoehe. Ein weiteres Tabu ist gefallen, war es bis Dato jedem klar, dass Ehe eine schützenswerte Institution für verschiedengeschlechtliche Menschen ist. In ihr sollten möglichst Kinder als sensibelste Mitglieder einer jeden Gemeinschaft den Schutz und die Erziehung erfahren können, die sie für ihre gesunde Entwicklung benötigen. Es scheint ein Tabu geworden zu sein, darüber diskutieren zu wollen, ob unsere neuen Freiheiten zur Unfreiheit und zum Schaden jener führen, die eigentlich geschützt werden müssten. Würden wir aber – angefangen bei der sexuellen Revolution und der Veränderung des Familienlebens in Bezug auf die gesunde Entwicklung von Kindern – ehrlich und fundiert diskutieren, würde die Sinnhaftigkeit einst bestehender Tabus ersichtlich werden. Wir registrieren aber nur die Zunahme von psychischen Probleme bei Kindern: ADHS, Borderline-Syndrome, Essstörungen, Depressionen, Suizidalität, Gewaltbereitschaft, Drogensucht und Alkoholprobleme sind keine Ausnahme mehr bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Jedes fünfte Kind gilt als psychisch auffällig mit wachsender Tendenz.[5] Eine erfahrene Lehrerin konnte mir von einer Korrelation von therapiebedürftigen psychischen Auffälligkeiten bei Kindern berichten, die aus Familien stammen, in denen entweder nur ein Elternteil als Erzieher vorhanden war, die Eltern zusätzlich beruflich stark beansprucht waren oder in sogenannten Patchworkfamilien lebten. Auffallend sei auch, dass muslimische Kinder meist aus intakten Familien stammen und nicht zu den psychisch auffälligen Kindern gehörten. Das ist eine Beobachtung, die erst durch weitere Erhebungen überprüft werden müsste, um daraus eine wissenschaftliche Theorie ableiten zu können.

Neue Tabus und die Mogelpackung des westlichen Freiheitsbegriffes

Ein Tabu verschwindet nicht einfach von heute auf morgen. Um ein Tabu abzuschaffen, geht meist eine jahrelange schrittweise Propaganda voraus, die das Denken der Menschen bezüglich eines Themas umerzieht. Ist die Enttabuisierung vollzogen, vor allem sind hier Handlungstabus gemeint, wird es fast zwangsläufig durch ein neues Tabu ersetzt: Man darf nicht mehr über die enttabuisierte Handlung reden, zumindest nicht abwertend, sie kritisieren und auf einen möglichen Schaden für die Gemeinschaft hinweisen. Den Vorgang haben wir beim Thema Homosexualität bereits alle kennengelernt. In einer Schuldiskussion wurde jegliche Kritik an den Einzug der Homosexualität in das gesellschaftliche Leben als normaler Bestandteil der Sexualität untersagt. Hier im Kommentarbereich (www.offenkundiges.de) reagierte jemand auf einen nicht mainstreamhaften Diskurs über Homosexualität gleich mit dem Faschismusvorwurf als Totschlagargument. Eine andere Deutung als die, dass Homosexualität normal sei und schwulen Paaren alle Rechte zugestanden werden müssen, die vorher nur heterosexuellen Paaren zustanden, wird jetzt schon tabuisiert. Vielleicht werden wir bald Gesetze bekommen, die es verbieten, sich mit dem Thema kritisch auseinanderzusetzen.

Tabus, die Handlungen betreffen, sind in der Nachkriegszeit systematisch abgebaut worden, einige blieben, wie Sex mit Tieren oder Kindern. Die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen, meist aus einer Randgruppe, werden über den Schutz der Gemeinschaft gestellt. Jeder kennt zig solcher Veränderungen, die meisten halten sie für fortschrittlich, keiner hinterfragt sie oder kaum jemand äußert sich kritisch.

Aber wie sieht es bei den Redetabus aus? Dürfen wir heute mehr Dinge sagen und diskutieren, zumal die Rede- und Meinungsfreiheit noch per Gesetz geschützt wird? Wir stellen fest, dass ein Redetabu bei früheren Handlungstabus entsteht, wenn das Ergebnis des Diskurses nicht dem entspricht, was der Mainstream oder die politische Korrektheit vorgibt. Das Enttabuisierte wird als kritischer Diskussionsgegenstand tabu, wenn es zu dem Ergebnis kommen könnte, dass die Enttabuisierung eben kein Fortschritt war, sondern schädlich. Eine Diskussion zum Beispiel, dass Frauen keine Soldaten sein können und sie aufgrund ihrer geringeren körperlichen Kräfte die Truppe sogar gefährden könnten, ist schlichtweg tabu, sie findet nicht statt, zur Not wird der Diskutant der Frauenfeindlichkeit bezichtigt, als Diskriminierender bloßgestellt und mundtot gemacht. Es ist schon eine seltsame Entwicklung: Handlungstabus fallen weg; gleichzeitig werden Diskurstabus aufgebaut, die verhindern sollen, den Abbau der Handlungstabus kritisch zu hinterfragen oder zum Ergebnis zu gelangen, dass bestimmte Tabus eben keine Unterdrückung waren, sondern die Gemeinschaft und auch den Einzelnen geschützt haben. Heute fällt auf: Die Massenmedien und der Journalismus haben fast ausschließlich die Aufgabe, die Tabuwechsel voranzubringen und dann die Tabuüberschreitungen anderer Völker aus der eigenen enttabuisierten Sicht zu thematisieren, wodurch der Journalismus sich maßgeblich verändert hat, ja seine eigentlich Aufgabe verloren hat.

Redetabus und der Volksverhetzungsparagraph

Ein sehr BRD spezifisches Diskurstabu besteht in Bezug unserer jüngeren Vergangenheit, geht aber bereits weit darüber hinaus. Dieses Tabu besteht nicht nur dahingehend, dass man bestimmte geschichtliche Ereignisse nicht in Frage stellen darf, was Fragestellern als Leugnung ausgelegt wird und üblicherweise mit Geld- oder Gefängnisstrafen geahndet wird. Die Sonderparagraphen des StGB §130[6], §194[7] sorgen dafür, dass in der BRD an dieser Fragestellung nicht ergebnisoffen geforscht werden darf.

Die UN-Menschenrechtskommission hat die Unterzeichnerstaaten per Gesetz dazu verpflichtet, abweichende Meinungen zu geschichtlichen Ereignissen nicht mehr unter Strafe zu stellen, was die BRD und andere europäische Staaten ignorieren.[8] Der Spielraum, in dem man hier Tabus installiert, ist anscheinend unbegrenzt erweiterbar, so dass die Bundeskanzlerin verlautbarte, dass „Israels Sicherheit deutsche Staatsraison...nicht verhandelbar”[9] sei und zwar ohne jegliche Gesetzesgrundlage. So hat sie einen Mechanismus in Gang gesetzt, der zu weiteren Tabus führte, nämlich zu Tabus, sich mit dem Zionismus kritisch auseinanderzusetzen, darüber zu reden, dass Israel ein Apartheidsregime ist, ein eingesessenes Volk mit aller Brutalität unterdrückt wird und das Völkerrecht eklatant gebrochen wird. Wer das aber dennoch öffentlich diskutiert, wird nicht nur als Antisemit bezeichnet, sondern dem wird neuerdings auch noch unterstellt „Israel von der Landkarte tilgen zu wollen”; ein unhaltbarer Vorwurf, der aus einer bereits erkannten falschen Übersetzung einer Äußerung des ehemaligen iranischen Präsidenten Dr. Ahmadinejad stammt, die aber bis heute noch bei Bedarf bewusst falsch zitiert herangezogen wird.[10]

Wir müssen uns fragen, wer von diesen Tabus profitiert. Schützen sie die Gemeinschaft der Deutschen oder die Völkergemeinschaft? Was hat die Gemeinschaft der Deutschen davon, wenn solche Tabus bestehen? Wenn man erfahren will, wer in einem Staat die Macht besitzt, dann muss man ergründen, wen man nicht kritisieren darf. Der Paragraph 130 und ähnliche sind mittlerweile durch Rede- und Diskurstabus Stück für Stück so erweitert worden, dass es nicht mehr möglich ist, in einer BRD Innenstadt einen Informationsstand aufzustellen, der Passanten dazu ermutigt, sich frei zu äußern und abzustimmen, ob sie Israel für illegal halten oder nicht. Jegliche gesetzliche Grundlage für ein solches Verbot fehlte hier. Tabus werden in dieser Hinsicht allmählich erweitert, bestehende Gesetze werden dafür missbraucht. Der Antisemitismusvorwurf ist nur ein Instrument von vielen, um diese Rede- und Diskurstabus durchzusetzen; in einem nicht souveränen Land sollte man sich fragen, wer solche Tabus durchsetzt; das Volk mit Sicherheit nicht. Der nächste Schritt ist der Vorwurf, dass man Nähe zu einer terroristischen Vereinigung habe, was eine gewisse Hysterie vermuten lässt.[11] Das ist der Beginn, auch Muslimen Tabuisierungsmechanismen nahe zu bringen, die nicht im Volk selbst entstanden sind. Sie sind die Errungenschaft der modernen BRD. In meinen Augen steckt dahinter eine hoch brisante und gefährliche Entwicklung, der man mit allen Kräften entgegentreten sollte.

Tabus und Völkerverständigung

Jedem ist bereits aufgefallen, dass verschiedene Völker, Kulturen und Religionen, unterschiedliche Tabus haben: „Andere Völker, andere Sitten“ sagen wir so lapidar. Dass dahinter ein empfindliches Regelwerk von Geboten und Tabus steht, ist den wenigsten bewusst. Ich konnte zeigen, dass wir hier im Westen trotz angeblicher Freiheitsrechte und Fortschrittlichkeit heute nicht weniger Tabus haben als vor etwa 100 Jahren, nur eben andere, denn jede Enttabuisierung zieht ein neues Tabu nach sich, welches das Enttabuisierte schützen soll. Wenn es hinsichtlich des Bestehens und des Wirkens von Tabus als wesentlichen Bestandteil einer jeden Gesellschaft so viele Wahrnehmungs- und Assoziationsfehler gibt, sollte man sich hier im Westen ihrer Existenz und ihres Wirkens bewusstwerden, auch wenn dadurch unsere eingebildeten Wohlfühlkriterien von einer ach so freien Gesellschaft damit erschüttert werden könnten. Mit dieser Bewusstmachung könnte auch jedem klar werden: Die Beleidigung eines der wichtigsten Menschheitspropheten kann man nicht als Errungenschaft der Moderne, Freiheit und Demokratie feiern. Beleidigungen setzten fundamental menschliche Empfindungen und Regungen frei, die der sogenannte aufgeklärte Westen respektieren sollte und zwar vor allem deswegen, weil er ähnliche wunde Punkte besitzt.

Die Antwort auf diesen Tabubruch, nämlich die Beleidigung des Propheten und der Versuch, etwas Heiliges der Lächerlichkeit preis zu geben, also einen klassischen Tabubruch zu vollziehen, war eine Reihe von Holocaust Karikaturen im Iran, was im Westen ebenfalls als Entheiligung von etwas Heiligem gesehen wurde (Holocaust als moderne Ersatzreligion).[12] Dieser Wink mit dem Zaunpfahl ist hier im Westen nicht einmal ansatzweise verstanden worden, man reagierte nur mit typischen Reaktionen, wie sie bei einem Tabubruch zu erwarten sind. Bis auch im aufgeklärten Westen angekommen ist, dass verschiedene Kulturen durchaus verschiedene Tabus haben, und es hier der Völkerverständigung dient, diese zu respektieren, anstatt das Gebot der Völkerverständigung zu missbrauchen, um einen einfachen Informationsstand in einer deutschen Innenstadt zu verbieten, das dauert wohl noch einige Zeit.[13] Denn wäre diese Völkerverständigung ein so hoch zu achtendes Gut, wäre jedem einleuchtend und selbstverständlich, dass man nicht 1,6 Milliarden Muslime, die unzähligen Völkern angehören (in 56 Ländern ist der Islam Staatsreligion), mit solchen Karikaturen vor den Kopf zu stoßen hat.

Die Macht der neuen Tabus

Alte Tabus fallen also weg und werden durch neue ersetzt, die den Vorgang der Enttabuisierung schützen sollen. Während überlieferte Tabus aus einem tradierten Regelwerk stammen, dass viele Generationen hinsichtlich Sinn und Unsinnigkeit als Filter durchlaufen hat, sind die neuen Tabus eher ein Mittel zur Durchsetzung von etwas, was uns als politisch Korrekt vermittelt wird, auch wenn sie psychologisch genau dieselben Mechanismen in Gang setzen und sogar das Recht auf Meinungsfreiheit unterlaufen. Wer eine Diskussion mit dem Totschlagargument Antisemit, Frauenfeind oder Schwulenhasser unterdrückt, fühlt sich auf der moralisch richtigen Seite und kommt nicht auf die Idee, sein Tun als unsittlich, unmoralisch oder gar undemokratisch zu hinterfragen. Daraus erwachsen Gefahren, die typisch für die moderne Welt sind, in der Unfreiheit nicht mehr als solche erkannt werden kann und daher auch nicht bekämpft wird. Wenn der Mensch auch ein Wesen ist, das Tabus braucht, die das Zusammenleben regeln und schützen und Tabuisierung einer seiner Wesensarten entspricht, so dass er diesen zutiefst psychologischen Vorgang nicht einmal zu entlarven im Stande ist, kann der Mechanismus der Tabuisierung gezielt eingesetzt werden, um Redeverbote zu installieren, die schließlich sogar in der Kontrolle der Gedanken münden und als solche nicht einmal wirklich wahrgenommen werden. Wir lehnen den Tabubruch nicht nur auf intellektueller Ebene ab, sondern er erzeugt in uns Abscheu, Ekel und das Bedürfnis nach Ausgrenzung des Tabubrechers. Wenn man eine Gesellschaft hinsichtlich einer bestimmten Richtung nachhaltig manipulieren will und den Verstand der Bevölkerung gleichzeitig auszuhöhlen wünscht, bedient man sich am besten der ganzen Bandbreite der Mechanismen, die bei Tabubildung und Tabubruch zu beobachten sind. Das sollte uns zum Nachdenken anregen und wachsam werden lassen. Eine grundsätzliche Forderung ist aber hier schon ableitbar: Wiederherstellung der freien Rede. Eine Demokratie, die es nötig hat, die politische Willensbildung durch Diskurstabus und Redeverbote zu unterbinden und verbriefte Grundrechte unterläuft, damit sie sich als „wehrhaft“ darstellen kann, mit der stimmt etwas nicht.


  1. http://www.weloennig.de/MaxPlanck.html ↩︎

  2. ebenda ↩︎

  3. Empathie und Tabubruch in Kulturen, S.55 ↩︎

  4. http://diepresse.com/home/meinung/kommentare/leitartikel/556246/Die-uebersexualisierte-Gesellschaft ↩︎

  5. http://www.achtung-kinderseele.org/html/themen/psychische stoerungen.html ↩︎

  6. http://www.wiete-strafrecht.de/User/Inhalt/130_StGB.html ↩︎

  7. https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__194.html ↩︎

  8. http://nachrichten.posthaven.com/unrechtsstaat-brd-missachtet-die-menschenrechte-der-burger-laut-menschenrechtskommission-der-uno ↩︎

  9. https://www.boell.de/de/2015/04/16/50-jahre-aufarbeitung-die-etappen-der-deutsch-israelischen-beziehungen ↩︎

  10. https://www.boell.de/de/2015/04/16/50-jahre-aufarbeitung-die-etappen-der-deutsch-israelischen-beziehungen ↩︎

  11. https://offenkundiges.de/israel-steht-uber-meinungsfreiheit-auflagen-gegen-israel-ist-illegal/ ↩︎

  12. http://www.taz.de/!5100009/ ↩︎

  13. https://offenkundiges.de/israel-steht-uber-meinungsfreiheit-auflagen-gegen-israel-ist-illegal/ ↩︎

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