Die Moscheegemeinden in Deutschland sind so vielfältig wie die Muslime selbst. Deshalb ist es unmöglich, sie allesamt unter einem Bild als „die Moschee“ zu fassen. Kultur und Herkunftssprache, der sich die Besucher einer Moschee zugehörig fühlen sowie das Selbstverständnis der Menschen beeinflussen das Gemeindeleben einer Moschee. Es gibt solche Moscheen, die um viele verschiedene Aktivitäten bemüht sind und für einen offenen Dialog bereitstehen, und jene, die selbst ihren Nachwuchs nur schwer in die Gemeinden integrieren können. Es stellt sich die Frage, welche Aufgaben und Funktionen einer Moschee in Deutschland zukommen.

Alle Religionen schaffen ihre eigenen heiligen Räume und gestalten diese nach den Vorschriften ihres Glaubens. Die Gotteshäuser einer jeden Religion prägen das Glaubensbewusstsein ihrer Anhänger und sind gleichzeitig ein Ausdruck des gelebten Glaubens.[1] Sicherlich haben architektonische Merkmale und die damit verbundenen Riten eine wichtige Symbolkraft für die jeweilige Religion, jedoch sind die Gotteshäuser in ihrer Funktionalität nicht darauf beschränkt.

Für die erste Generation der eingewanderten Muslime hatte die Errichtung und Pflege einer Moschee eine Schutz- und Orientierungsfunktion. Weit von der Heimat entfernt brauchte sie einen geschützten und kollektiven Raum, um zum einen die eigene Religiosität und Kultur zu leben, und zum anderen einen Zufluchtsort inmitten einer pluralisierten Lebenswelt zu haben. Daher wirkt der Islam und die Moschee in der Fremde stärker identitätsstiftend als im Herkunftsland. So erfahren viele Migranten aus muslimisch geprägten Ländern die eigene Religion in der Fremde signifikant bewusster, da sie in der Abgrenzung zu anderen Religionsgemeinschaften und Lebensentwürfen ihre eigene durch Religion und Kultur geprägte Identität deutlicher wahrnehmen.[2] Diese Form der Rückbesinnung betrifft nicht nur Muslime, sondern auch andere Migrantengruppen in anderen Teilen der Welt.

Während die erste Generation der Muslime die eigene religiöse und kulturelle Tradition an die nachkommende Generation weitergeben möchte, hat die zweite Generation aufgrund ihrer anderen Ausgangssituation einen neuen Zugang zur Religion. Eine in Deutschland gelebte Religiosität erscheint oft als eine frei gewählte Option, während sie in den Herkunftsländern die vom sozialen Umfeld getragene und geprägte Orientierung war. Die in Deutschland sozialisierte Generation hat vermehrt die Möglichkeit, sich intellektuell und kritisch mit der eigenen Tradition auseinanderzusetzen.[2:1] Ebenso ist die zweite Generation – sowie die mittlerweile dritte Generation – viel stärker gefordert, ihren Glauben anderen gegenüber zu erklären, Rechte einzufordern und neue Wege des Dialogs und Zusammenlebens zu gehen. Somit kommen der Moschee als einem sozialen Raum, der gleich nach der Familie die religiöse Sozialisation prägt, neue Rollen zu.

Neben der identitätsstiftenden Rolle, die insbesondere dann von besonderer Wichtigkeit ist, wenn im Alltag Ausgrenzungserfahrungen gemacht werden, steht die Moschee für ein Gemeinschaftsgefüge, das gemeinsame Ziele und Bedürfnisse erfüllen muss. Gerade bei der jüngeren Generation ist der Trend erkennbar, sich sozial zu engagieren, den interreligiösen Dialog zu pflegen oder eigenständige Programme und Projekte in deutscher Sprache umzusetzen. So entwickelt die Moscheegemeinde einen weitaus größeren Radius, der über die Praktizierung religiöser Traditionen und Riten hinausgeht. Junge Muslime haben anscheinend das Bedürfnis, sich in der Gesellschaft sozial und politisch zu engagieren, da sie sich als deutsche Muslime der Gesellschaft verpflichtet fühlen. Sie finden in erster Linie in der Moscheegemeinde die richtige Plattform dafür, sich mit Gleichgesinnten zusammenzutun und ihre Ideen zu entfalten. Und so gründen die jungen Muslime im Rahmen der bestehenden Moscheen eigene Jugendgruppen oder Vereine, um ihre Ziele umzusetzen. Ebenso bieten Moscheegemeinden Bildungsangebote wie Islamunterricht, Sprachunterricht, Schülernachhilfe, Workshops zu bildungspolitischen Themen oder Sportaktivitäten. Ebenso können eigene Bibliotheken innerhalb der Moscheeräumlichkeiten entstehen. Im Rahmen des Moscheeprogramms werden auch kulturelle Aktivitäten wie Theateraufführungen, Kunst, Lyrik und Gesang gepflegt und so entstehen neue, innovative Ausdrucksformen des religiösen Bewusstseins.

Versäumnisse der Moscheen

Obwohl die Funktionen der Moscheegemeinden sich den Bedürfnissen der Muslime entsprechend weiterentwickeln, gibt es doch Anzeichen dafür, dass einige Bereiche bisher unberücksichtigt bleiben. Zum einen steigt der Bedarf, Angebote für Kinder der Moscheebesucher zu schaffen, auch wenn es mancherorts bereits Islamunterricht an Wochenenden gibt. Die Moschee bleibt häufig ein Ort für Erwachsene, der Kindern nur wenig sinnvolle Beschäftigung bietet, sodass man sie bei den Versammlungen als störend empfindet. Zum anderen ist die fließende Übergabe einer Moscheeleitung von der ersten an die zweite Generation nur selten erfolgreich, sodass sich junge Muslime und junge Erwachsene in der eigenen Moscheegemeinde, trotz ihres großen Engagements und Potenzials, nicht ernst genommen fühlen. Vermehrt sind auch muslimische Frauen in den Gemeinden aktiv, jedoch fehlt oftmals die Anerkennung, weswegen sie kaum bis gar nicht in Führungspositionen vertreten sind.

Ein weiteres Defizit ist häufig das Angebot von deutschsprachigen Programmen. Es spricht zwar nichts dagegen, Ansprachen in der Herkunftssprache der Moscheebesucher abzuhalten, da besonders die erste Generation der Muslime sich dieser mehr verbunden fühlt und mit der deutschen Sprache teilweise Schwierigkeiten hat. Jedoch müssen die Bedürfnisse aller Moscheebesucher berücksichtigt werden. Die zweite und dritte Generation der hier lebenden Muslime will und muss sich in der Landessprache über ihre Religion ausdrücken können. Wie sollen junge Muslime von muslimischen Geistlichen, Theologen, Rednern profitieren, wenn sie ihre Sprache nicht hundertprozentig verstehen oder sich nicht mit ihren Fragen an diese wenden können? Zudem ist eine gesellschaftliche Öffnung der Muslime und das Verständnis über den Islam nur in der deutschen Sprache möglich. Mit der deutschen Sprache geht ein Selbstverständnis einher, der zum Ausdruck bringt, dass der Islam und die Muslime zu Deutschland gehören. Zweifellos können dann gesellschaftliche, soziale und politische Themen, welche die in Deutschland lebenden Muslime beschäftigen, einen besseren Einzug in die Moscheen finden. Man bedenke dabei, dass Freitagspredigten sich mit gesellschaftlichen Aspekten und Herausforderungen beschäftigen und die sinnvolle, nutzbringende Mitwirkung an der Gesellschaft ein Gebot für die Muslime darstellt.

In diesen Punkten herrscht noch viel Entwicklungsbedarf. Fest steht, dass sich Muslime und Moscheegemeinden ihrer Rolle zunächst einmal bewusst werden müssen, um diese verantwortungsvollen Aufgaben, die die Zukunft der Muslime in Deutschland bestimmen, übernehmen zu können. Dazu müssen sie sich die Ist-Situation innerhalb ihrer Moscheen genau anschauen und unter Berücksichtigung der Anforderungen und Bedürfnisse der Gläubigen ihre Ziele und Aktivitäten überdenken und anschließend mit deren Umsetzung beginnen. Es liegt an den Muslimen selbst – ob Führungspersonen oder Moscheebesucher – welche Art von Gemeinschaft sie sein wollen und in Zukunft sein werden. Kein anderer kann ihnen das abnehmen. „Gott verändert nicht den Zustand eines Volkes, bis sie selbst ihren eigenen Zustand verändern.“ [3] (Heiliger Quran, 13:11)


  1. Vgl. Kuchta, Kristin: Synagoge, Kirche, Moschee. Ein Vergleich der Gotteshäuser. München 2007. URL: http://www.grin.com/de/e-book/78339/synagoge-kirche-moschee-ein-vergleich-der-gotteshaeuser (Stand: 15.10.2017) ↩︎

  2. Vgl. Uslucan, Haci-Halil: Islam und Integration. Die psychologisch-pädagogische Perspektive, in: Ucar, Bülent (Hrsg.): Die Rolle der Religion im Integrationsprozess. Die deutsche Islamdebatte. Frankfurt 2012, S. 387–401. ↩︎ ↩︎

  3. Deutsche Quranübersetzung von Khoury, URL: http://tanzil.net/#13:11 ↩︎

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