Liberaler: Blicken wir der Wahrheit ins Auge: Der Islam ist nicht mehr zeitgemäß. Was wir brauchen, sind Reformen, die sich dem Zeitgeist anpassen.

Traditionalist: Ich muss schon hier protestieren: Der Gedanke, der Islam müsse sich einer Zeit anpassen, scheint mir absurd. Und überhaupt ist der Islam vollkommen, erhaben über Zeit und Raum. Wir sind es, die sich dem Göttlichen unter allen Umständen anzupassen haben.

Liberaler: Das eine schließt das andere nicht aus: Sicher ist der Islam vollkommen und zeitlos, aber jede Lehre, die den Anspruch erhebt, ewig zu sein, muss die menschlichen Bedürfnisse zu allen Zeiten stillen können. Schafft sie das nicht, ist sie wertlos. Greift nicht jede Religion auch in Zeit und Raum ein? Der Islam lebt von seinen Anhängern, die dem Wandel unterworfen sind. Wir verändern uns mit jedem Schritt, den wir vorwärtsgehen. Tag für Tag werden wir älter, schwächer, gebrechlicher. Die Zeit zeichnet ihre Spuren auf unseren Gesichtern. Auf der Strecke des Lebens tauchen neue Fragen auf. Fragen, auf die der Prophet nicht einging. Das liegt in der Natur der Sache: Wer hätte sich damals für Probleme der heutigen Zeit interessiert?

Traditionalist: Der Islam ist gültig bis zum Jüngsten Tag, und Prophet Muhammad ein Mann für alle Zeiten.

Liberaler: Ein Mann für alle Zeiten und doch ein Kind seiner Zeit. Er lebte im siebten Jahrhundert n. Chr. auf der arabischen Halbinsel. Die Ängste, Sorgen und Nöte waren andere als die heutigen. Muhammad (s.) löste die Fragen seiner Zeit; aber wer löst unsere? Werfen wir einen Blick in den Quran, der wichtigsten islamischen Quelle. Du wirst mir zustimmen, wenn ich sage: In keinem Vers erfahren wir etwas über Themen der Moderne. Und noch fataler: In keinem der Verse erfahren wir vom richtigen Umgang mit diesen Themen. Was wir haben, sind Verse aus dem siebten Jahrhundert und die überlieferte Praxis des Propheten. Mit diesem Werkzeug des siebten Jahrhunderts müssen wir Urteile für die heutige Zeit fällen. Dies ist eine wahrlich schwere Aufgabe. Deshalb fallen die meisten zeitgenössischen Gelehrten in dieser Disziplin durch. Sie schaffen es nicht, den Islam den erkämpften Werten der westlichen Moderne anzupassen.

Nun, du wirst mir zustimmen oder nicht: Aus heutiger Sicht sind viele islamische Konzepte überholt. Sie müssen dringend neu durchdacht werden. Rechte für Sklaven, eine Armensteuer und ein Erbrecht für Frauen – welch ein Fortschritt im siebten Jahrhundert, in Zeiten der Selbstsucht, Arroganz und der Unvernunft! In der Dschahiliyya erschienen die prophetischen Anweisungen wie ein wärmender Lichtstrahl. Doch dieser schrumpfte im Laufe der Jahrhunderte, er schrumpfte auf die Größe eines Kerzenlichts. Dafür sorgte die westliche Aufklärung. Sie schenkte uns Männer von edler Größe; Männer wie Locke und Kant.

Deshalb gilt: Was einst vernünftig war, muss heute an den Maßstäben der Aufklärung gemessen werden. Dinge wie das Schlagen der Frau als letzte Option für den Mann, die ungerechte Aufteilung des Erbrechts, Todesstrafe bei Ehebruch, Handabhacken bei Diebstahl, die verpflichtende Verhüllung der Frau, die strikte Trennung der Geschlechter in Gebeten, das Ablehnen gleichgeschlechtlicher Partnerschaften; allesamt Regeln, die an den Maßstäben der Aufklärung zerschellten, würden sie daran gemessen. Die modernen und aufgeklärten Muslime sind heute verpflichtet, diese überholten Regeln auszumerzen und den Islam mit dem kritischen Zollstock der Vernunft zu messen. Bedarf nicht jede Religion irgendwann Reformen, eine Angleichung an die Gegenwart? Wie sonst will der Islam in der Moderne überleben? Wie soll er wachsen, wenn wir nicht anfangen längst veraltete Regelungen zu beseitigen!

Traditionalist: Beseitigen wir zunächst die Irrtürmer in deinen Darlegungen. Ich habe dir nun aufmerksam zugehört. Dabei gehe ich mit deinem Grundgedanken ganz einig: Die Welt verändert sich und jeder Mensch hat Anteil an dieser Veränderung. Der verhängnisvolle Irrtum in deinen Schilderungen liegt darin, dass du glaubst, der Wandel in- und außerhalb unseres Bewusstseins gäbe uns das Recht, den Islam mit zu verändern. Dem ist aber nicht so. Der Islam sollte bleiben, wie er ist. Willst du, dass ihm das gleiche Schicksal widerfährt wie seinen Vorgängern? Juden und Christen – sie gingen leichtfertig mit ihren Botschaften um; sie tilgten und fügten hinzu, wie es ihren Trieben lieb war. Heute irren sie wie blinde Schafe umher, flüchten sich in atheistische Ideologien oder pseudoreligiöse Strömungen. Wie wir den Islam der Zeit anpassen, ist daher die falsche Frage. Eher sollten wir uns fragen: Wie können wir in einer sich rasant verändernden Welt am Weg der Wahrheit festhalten?

Kommen wir zu deinem nächsten Fehltritt: Du huldigst der westlichen Aufklärung und wünschst dir eine Entwicklung bei Muslimen nach ihrem Vorbild. Dabei waren es die Aufklärer, die den letzten Rest an Glauben aus den Köpfen der Menschen jagten. Durch die ständige Forderung nach mehr Vernunft drängten sie den Glauben in den Hintergrund, wenngleich einige selbst religiös waren. Heute stehen die einst überfüllten Kirchen leer. Nur noch wenige, meistens Ältere, die mit einem Bein im Grab stehen, suchen heute die Gotteshäuser auf. In ihren letzten Stunden suchen sie nach Antwort, ehe der Tod über sie hereinbricht. Alle anderen meiden die Begegnung mit Gott. Das ist der Zustand der westlichen Gesellschaft: Wie könnten wir sie als Vorbild nehmen?

Du forderst einen zeitgemäßen Islam, in Orientierung an den westlichen Aufklärern. Sag mir: Wie sollen wir den westlichen Aufklärern nacheifern? Indem wir Gottes Existenz in Frage stellen wie der schottische Aufklärer David Hume? Indem wir Kants Postulat von der Nichtbeweisbarkeit Gottes akzeptieren? Sollen wir einen Schritt weiter, wie Nietzsche, Gottes Tod postulieren? Und auf welchen Zeitpunkt nach der Aufklärung dürfen wir stolz sein? Auf den Holocaust der Nationalsozialisten im Dritten Reich? Auf zwei blutige Weltkriege mit 60 Millionen Toten? Oder auf die Besatzung Palästinas durch westliche Siedler?

Diese wenigen Beispiele sind ein Tropfen auf den heißen Stein westlicher Elendsgeschichte. Ich könnte weitere nennen, wir müssen jedoch zum Thema zurück. Es wurde deutlich: Auch die Aufklärung brachte nicht den erhofften Frieden. Eher ließ sie uns abstumpfen, machte aus Menschen mit Gefühlen herzlose Maschinen. In unserer kapitalistischen westlichen Gesellschaft werden wir zu Gier und Macht erzogen; hier ist jeder sich selbst der Nächste. Die Selbstsucht wirft ihre Schatten über jede Mitmenschlichkeit.

Die großen Aufklärer sind daran gescheitert, die letzte Formel zu finden, welche die widersprüchlichen Kräfte des Menschen in Harmonie vereint. Doch trifft sie kein Vorwurf, schließlich waren sie keine Propheten. Nur eine von Gott geoffenbarte Lehre ist fähig, des Menschen Triebe in die richtigen Bahnen zu lenken. Kant fasste es in einem Satz zusammen: Der Glaube an Gott ist eine moralische Notwendigkeit. Der Glaube an Gott wird begleitet vom Glauben an das Jenseits. Die Hoffnung auf das Jenseits übertrifft jede menschliche Reform, jeden Gedanken der Aufklärung. Keiner kann ans Jenseits glauben, ohne seine Seele in Schach zu halten.

Wir Muslime müssen zum Propheten zurückkehren. Reformen entfernen uns nur vom Ideal, vom Ideal des Propheten Muhammad und den rechtgeleiteten Kalifen. Einst waren die Muslime auf dem besten Weg, zur größten Weltmacht aufzusteigen. Dann entfernten sie sich vom Quran und der Lebensweise des Propheten und gingen unter. Die zwei großen Dynastien, Umayyadan und Abbasiden, zählten ihre letzten Tage, als sie anfingen, von der göttlichen Lehre abzuweichen. In der Folge sprossen neue Sekten aus dem Boden und vergifteten das Klima in der islamischen Umma. Heute spüren wir die weitreichenden Folgen: Jeder lebt seinen eigenen Islam. Von dem Islam, also einem mit festen Normen, darf schon nicht mehr gesprochen werden! Das Chaos der endlosen Richtungen, die Individualisierung einer Religion mit deutlichen Grenzen ist nicht nur das Ergebnis verweichlichter Gelehrten und Islamwissenschaftler, die aus Angst um ihre Position lieber den Mund halten. Schuld sind vor allem die vielen liberalen Reformschwätzer. Wie die Heuschrecken ziehen sie von einer TV-Sendung zur nächsten, um uns ihre Sicht vom Islam aufzudrängen. Ihr erklärtes Ziel: Den Islam solange durchzukneten, bis er mit ihren verwestlichten Vorstellungen übereinstimmt. Deshalb sind wir aufgefordert, den Islam vor jeder Änderung zu schützen. Du forderst Anpassung an die heutige Zeit? Dann lass dir gesagt sein: Jede Anpassung beinhaltet Änderung. Jede Änderung ist eine Fälschung. Und jede Fälschung führt in die Hölle.

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