Islamfeindlichkeit, Gesellschaft

Der Islam im Visier: Wohin steuert Deutschland?

Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Mit diesem Satz befeuerte Horst Seehofer vor wenigen Wochen die Debatte um die Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland. Der frisch ins Amt gewählte Innen- und Heimatminister gab damit die Stoßrichtung seiner künftigen Politik vor. Bedenkt man den Zeitraum der Äußerung, wird deutlich, was seine Worte praktisch bedeuten: Denn wenn Tage zuvor die Moscheen brennen, wenn der Zentralrat der Muslime in Angst vor rechtem Terror seine Geschäftsstelle schließen muss und der für Schutz und Ordnung zuständige Minister dem Islam zur selben Zeit seinen legitimen Platz in Deutschland abspricht, dann erscheint es nicht abwegig zu sagen: Den Muslimen stehen schwere Zeiten bevor.

Islam- und Fremdenfeindlichkeit am Beispiel der Essener Tafel

Seehofers Aussage reiht sich ein in eine Serie von islam- und fremdenfeindlichen Hasskommentaren, Drohbriefen und Angriffen auf Anhänger der islamischen Glaubensgemeinschaft in den letzten Wochen und Monaten. Längst sind es nicht nur Menschen vom rechten Rand, die ihre ablehnende und aggressive Haltung gegenüber Islam, Muslimen und Ausländern äußern. Mit der negativen Stimmung hat sich auch die Rhetorik nach rechts verschoben, wie das Beispiel der Essener Tafel vor einigen Wochen zeigte.

Jörg Sartor, Leiter der Essener Tafel, gab damals gegenüber den Medien an, er wolle mit seiner Entscheidung, ausländischen Neukunden vorerst vom Erhalt der Lebensmittel auszuschließen, das ausgewogene Verhältnis zwischen deutschen und ausländischen Kunden wiederherstellen. Es blieb jedoch nicht bei diesen Worten: Ihm zufolge besäßen Syrer und Russlanddeutsche ein Nehmer-Gen, das sie eher dazu verleitet, mehr als andere bei Lebensmitteln zuzugreifen. Außerdem fehle es an einer Anstellkultur.

Nun ist einiges von der Kritik Sartors nicht neu. Manchmal kritisieren wir solche Verhaltensweisen wie Drängeleien, hoher Lärmpegel, kein geordnetes Anstellen auch im eigenen Kulturkreis, zum Beispiel auf islamischen Veranstaltungen. Was wir aber nicht vorfinden, weder bei Syrern, Russlanddeutschen noch bei Menschen aus anderen Herkunftsländern, ist ein spezifisches Nehmer-Gen. Diese Art der Kritik entlarvt Jörg Sartor als ausländerfeindlichen Hetzer. Wenn der Leiter der Essener Tafel sich nicht vor den Karren der AfD spannen lassen möchte, wie die Welt berichtete,[1] sollte er sich nachträglich bei allen Syrern und Russlanddeutschen für sein rassistisches Vokabular entschuldigen. Menschengruppen genetisch zu klassifizieren, ihnen vorzuwerfen, sie seien von ihrer Natur her anders veranlagt, ist tiefster Rassismus.

Dass im Fall der Essener Tafel die Ärmsten gegeneinander ausgespielt wurden und wir uns fragen müssten, warum in einem so reichen Land wie Deutschland Menschen um ein frisches Stück Brot betteln müssen, sollte kritisch hinterfragt werden. Nichts aber rechtfertigt die falsche Rhetorik Sartors, der als Leiter einer gemeinnützigen Hilfsorganisation vor dem Hintergrund der erstarkten Islam- und Ausländerfeindlichkeit in diesem Land eine verantwortungsbewusste Wortwahl zu pflegen hat.

Inzwischen reicht der Fremdenhass bis in die deutschen Parlamente. Mit der AfD haben wir eine Partei im Bundestag, die offenkundig fremdenfeindlich ist. Eine Partei, die ganze Gruppen stigmatisiert, beleidigt und trotz der rassistischen Nazilinie, die große Funktionäre in der Partei fahren, weiter an Zulauf gewinnt.[2] Für diesen Zulauf sorgen ihre rechten Freunde in den sozialen Netzwerken, die mit nichts anderem beschäftigt sind als mit der täglichen Hetze gegen Muslime und Ausländer.

Wenige Tage nach dem Medienecho um die Essener Tafel postete Marco Kurz, ein Aktivist aus der rechten Szene, folgendes Foto:

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Das Bild zeigt eine Muslima vor der Landauer Tafel, wie sie aus einem Mercedes aussteigt und den Weg zur Tafel sucht. Liest man den Kommentar von Kurz dazu, scheint es, als wolle sie die Tafel unberechtigterweise in Anspruch nehmen. In Windeseile fegt das Bild durch alle rechtspopulistischen Facebookseiten, wird über 30.000 Mal geteilt – unhinterfragt. Einen Tag später entlarvt die Landauer Tafel die falsche Unterstellung.

In der Stellungnahme heißt es: „Mit dem abgebildeten Auto wird eine (deutsche) Rentnerin abgeholt, die den Weg zur Tafel nicht mehr allein zurücklegen kann. Die Fahrerin des Autos ist ihre zum Islam konvertierte Tochter, die von uns selbst keine Lebensmittel bezieht.“ [3]

Wie viele der echauffierenden Wutbürger im Nachhinein von der Wahrheit erreicht wurden, bleibt ungewiss. Einmal verbreitet, ist der hinterlassene Schaden nur noch schwer zu beheben.

Seyran Ates und die Angriffe auf Moscheen

Gegen Frauen mit Kopftuch Stimmung zu machen, fällt auch Seyran Ates nicht schwer: Die Leiterin der Ibn-Rushd-Goethe „Moschee“ tischt uns immer wieder aufs Neue Geschichten aus ihrem antimuslimischen Märchenbuch auf. Zuletzt hatte sie in der österreichischen Zeitung den Verdacht geäußert, Frauen würden aus dem Ausland dafür bezahlt werden, in der Öffentlichkeit ein Kopftuch zu tragen. So würden Reinigungskräfte in Deutschland 100 Euro mehr dafür erhalten, dass sie das Kopftuch tragen. Studenten würden dafür Geld bekommen, das Recht auf Kopftuch vor Gericht einzuklagen. Wie tief sie diesmal in die Märchenkiste greifen musste, um ihre haltlosen Thesen zu fabulieren, zeigt sie dem Leser in dem gleichen Interview, wenn sie wiederholt äußert: „Noch können wir es nicht beweisen, aber irgendwann werden diese Frauen reden.“

Diese Frauen haben geredet, Frau Ates. Nur fiel die Antwort, entgegen ihrer Erwartung, anders aus.

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Viele Muslimas reagierten mit Spott und belächelten die selbsternannte Imamin. Und doch sind es solche Lügen, mit denen Ates den Islamfeinden in die Hände spielt. Wer das Kopftuch als „Signal der Islamisierung“ propagiert, in einem harmlosen Stück Stoff eine „Waffe“ zu sehen glaubt, springt auf den Zug der islamfeindlichen Hetze auf.[4] Mit ihrer kriegerischen Wortwahl schürt und befüttert Ates die Angst unwissender Mitbürger, die letztlich in Hass und Gewalt gegen Muslime und ihre Einrichtungen umschlägt.

Allein im letzten Jahr zählten die Behörden knapp 73 Anschläge, Schmierereien und Schändungen auf Moscheen und andere islamische Einrichtungen.[5] In fast allen Fällen kommen die Täter aus der rechtsextremen Szene. Auch in diesem Jahr registrierte die Polizei seit Jahresbeginn bereits 37 Angriffe auf Moscheen, Kulturvereine oder türkischen Restaurants. Ihren Höhepunkt erreichten die Anschläge in der zweiten Märzwoche: gleich fünf Brände an einem Wochenende. Noch ehe die ersten Reaktionen aus der Politik mühselig hindurchsickerten, folgte ein sechster Anschlag. Zaghaftes Verhalten in der Politik ließ die Angst bei Muslimen ansteigen, Zweifel über die gleichberechtigte Akzeptanz kamen auf. Und so wächst mit jedem Tag bei Muslimen die Sorge um das künftige gesellschaftliche Klima in Deutschland.

Dass Politik und Sicherheitsbehörden versagt haben, Muslimen ein sicheres Gefühl zu geben, zeigt sich am Zentralrat der Muslime, der inmitten der Angriffsserie gegen die Moscheen seine Geschäftsstelle schließen musste. Noch am Morgen der Schließung hatte die Sekretärin des Vorsitzenden Aiman Mazyek einen Brief ohne Absender geöffnet, der eine Morddrohung gegen ihn enthielt. In dem mit einem Nazisymbol versehenen Brief wird der Vorsitzende des Zentralrats aufgefordert, die AfD nicht weiter zu „beleidigen“ und aus Deutschland zu verschwinden. Klar und unmissverständlich wird mit seinem Tod gedroht.[6] Das veranlasste den Zentralrat dazu, seine Geschäftsstelle in der Kölner Innenstadt bis auf weiteres zu schließen.

Die Räumung der Geschäftsstelle ist ein weiterer trauriger Beweis für die vergiftete und tendenziell islamfeindliche Atmosphäre in Deutschland. Sie zeigt vor allem, dass abgesehen von den Medien, die mit ihrer verantwortungslosen Berichterstattung das vergiftete Klima erst geschaffen haben, immer noch zu wenig von der Politik und den Sicherheitsbehörden unternommen wird, um Muslimen die Ängste und Sorgen zu nehmen.

Zurück zu Seehofer

Seehofers Aussage wirkt vor dem Hintergrund dieser Ereignisse völlig verantwortungslos und unangemessen. Dass Seehofer versucht hat, seine Aussage im nächsten Satz zu relativieren, indem er die hier lebenden Muslime – im Gegensatz zum Islam – als Teil dieser Gesellschaft zählt, ändert nichts. Zwischen Islam und Muslimen in der gesellschaftlichen Zugehörigkeit zu unterscheiden, ist unsinnig. Wenn die Muslime zu Deutschland gehören – und das tun sie gewiss! –, dann geht der Islam, dem sie angehören und den sie ausüben, untrennbar damit einher. Beides ist ein Teil des Landes.

Mit seinen Worten urteilt der neue Heimatminister an der Realität seiner Heimat vorbei, denn auch historisch ist die These untragbar: Wir wissen, dass der Islam die Geschichte Deutschlands mitgeprägt hat, geschweige die des restlichen Europas. Der größte deutsche Dichter, Johann Wolfgang von Goethe, hatte sich einst vom Islam inspirieren lassen. Noch zwei Jahrhunderte vor der Geburt unseres neuen Ministers baute man die erste Moschee auf deutschem Boden.[7]

Es überrascht besonders, wie Seehofer versucht, die Etikette des „Christlichen“ zu missbrauchen, um den Islam abzuweisen. Deutschland unter dem Label des Christentums einigen zu wollen, wohl wissend, dass immer mehr Menschen sich vom Glauben abwenden, grenzt an Heuchelei gegenüber dem eigenen Volk. Seehofer versucht durch die bewusste Abgrenzung vom Islam, ein neues Identitätsgefühl zu schaffen. Die Rhetorik der Abgrenzung hat sich mit Beginn der Flüchtlingsbewegung politisch als erfolgversprechend herausgestellt, wie am Beispiel der AfD deutlich wird. Das weiß Seehofer nur zu gut; deshalb bemüht er sich, auf Kosten der Muslime verlorene Wähler und Sympathien zurückzugewinnen. Wenn ihm die christliche Tradition so viel wert ist, sollte er darum kämpfen, den christlichen Glauben wieder attraktiver zu gestalten, statt das Christentum gegen den Islam auszuspielen. Schon 2015 stellten die Konfessionsfreien die größte Gruppe in Deutschland.[8] Dieser Trend wird sich fortsetzen, wenn das Ziel, Deutschland zu säkularisieren und damit zu entheiligen, weiter angestrebt wird.

Die Entheiligung des Islam stoppen

Heute ist es der Islam, der säkularisiert, also entheiligt werden soll. Wie entheiligt man den Islam? Indem man die Muslime dazu verpflichtet, das Grundgesetz über den Koran zu stellen. Indem man den Muslim zwingt, dem anderen Geschlecht die Hand zu reichen, selbst wenn sein Glaube anderes vorschreibt. Der Islam wird entheiligt, indem man der muslimischen Frau verbietet, den Schleier zu tragen.

Solchen Religion vernichtenden Tendenzen gilt es entgegenzuwirken. In Zeiten, in denen sich hochrangige Minister gegen uns stellen, sollten wir unseren Glauben noch stärker präsentieren, uns nicht verängstigt zurückziehen. Dazu müssen wir uns selbst kennen. Zu wissen, wer wir sind und welche Aufgabe wir zu erfüllen haben – nämlich in erster Linie deutsche Muslime, die das Land nach vorne bringen wollen –, gehört zu den entscheidenden Voraussetzungen für den gesellschaftlichen Erfolg. Solange wir der türkischen, arabischen oder persischen Identität Vorrang vor der deutschen geben, uns mehr für die Belange in der weit entfernten „Heimat“ interessieren, werden wir die wachsende Islamfeinschaft nur weiter befördern.

Wie schwierig der Weg des Widerstands sein kann, bekam vor wenigen Wochen die damals unbekannte FDP-Kandidaten Aygül Kilic zu spüren, die in den sozialen Netzwerken mit einer Flut von Hasskommentaren überschüttet wurde, weil sie als bekennende Muslima mit Kopftuch für die FDP kandidiert.

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Am Beispiel von Aygül Kilic lässt sich deutlich machen, wie paradox rechtsgesinntes Denken funktioniert: Aygül Kilic wird angefeindet, weil sie sich als kopftuchtragende Muslima in der Gesellschaft engagiert. Man möchte nicht, dass sie ihren Glauben nach außen zeigt, geschweige denn, dass eine Muslima mit türkischen Wurzeln „den Deutschen“ die Arbeitsplätze wegnimmt. Würde sie zu Hause bleiben, würden ihr dieselben Leute Faulheit und Bildungsverweigerung vorwerfen.

Bei Aygül Kilic vermischen sich Islam- und Fremdenfeindlichkeit: Kilic wird sowohl für ihre türkische als auch für ihre muslimische Zugehörigkeit verunglimpft. Nationale und religiöse Diskriminierung entladen sich an einer Frau, die als Sinnbild für die Zunahme der islam- und fremdenfeindlichen Stimmung in Deutschland steht. Auch wenn ich der FDP politisch nichts abgewinnen kann, waren die Solidarisierungsbekundungen einiger ihrer Kollegen lobenswert und in Zeiten, in denen Politiker aus den Volksparteien ihre Feindschaft gegen den Islam offenlegen, ein richtiges Signal.

Kopftuchverbot in Österreich und NRW

Eifrig bemüht in der Diskriminierung von Muslimen zeigen sich derzeit auch unsere Nachbarn: In Österreich soll es Mädchen künftig verboten werden, ein Kopftuch in Kindergärten und Kitas zu tragen. Mit dem Kopftuchverbot will Bundeskanzler Sebastian Kurz Parallelgesellschaften entgegenwirken und allen Kindern die gleichen Chancen einräumen. Kurz betonte in einem Interview, eine Verschleierung von Kleinkindern sei nichts, was in ihrem Land Platz haben sollte.

Es war der Bundeskanzler Kurz, der noch vor einigen Jahren sagte, er wolle das Thema der Migration und Integration nicht auf den Islam und populistische Themen wie Kopftuch ja oder nein beschränken.[9]

Dass er die Bürger belogen hatte, zeigte sich besonders im letzten Jahr. Im Jahr seiner Kanzlerkandidatur hat kein anderes Thema die Frauenpolitik so stark dominiert wie das des Kopftuchs und der Burka, als gäbe es keine anderen Probleme. Diese beiden Themen wurden im medialen Diskurs zu Aufregerthemen hochstilisiert, wie die „Frauen-Politik-Medien Studie“[10] zeigt.

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Vor allem für die ÖVP, der Partei von Kurz, war die Kopftuch- und Burkadebatte das ganze Jahr über von zentraler Bedeutung. Wirkliche Probleme wie sexuelle Belästigung und Frauen am Arbeitsmarkt erhielten selbst zusammengenommen nicht halb so viel Relevanz wie Kopftuch und Burka. Jetzt soll ein Kopftuchverbot in Kindergärten und Kitas folgen, obwohl es nicht einmal Zahlen gibt, die uns zeigen, wie viele Kinder in Kindergärten das Kopftuch tragen geschweige denn, wie viele dazu gezwungen werden.

Kaum zu ertragen, mit welcher Schamlosigkeit die ÖVP versucht, uns ein Problem zu verkaufen, das keines darstellt. Die Diskussion um das Kopftuchverbot ist deshalb nicht mehr als eine Phantomdebatte, die von anderen Problemen im eigenen Land ablenken soll. Denn immer, wenn der Islam in der Debatte steht und Politiker, ohne Zahlen, Fakten oder Studien zu zitieren, den Islam angreifen, liegt die Vermutung nahe, dass es sich um eine Vernebelungsaktion handelt.

Wie stark das Verbot Muslime diskriminiert, zeigt sich an dessen Einseitigkeit. Wie kann es sein, dass christliche und jüdische Kinder mit Kippa und Kreuz zum Kindergarten erscheinen dürfen, während es muslimischen Mädchen mit einem Kopftuch verwehrt werden soll? Und wo bleibt die Freiheit in der religiösen Erziehung? Es hat den Staat nichts anzugehen, wie und mit welcher Absicht Eltern ihre Kinder kleiden möchten. Eltern sind frei darin, ihren Kindern die Werte zu vermitteln, die sie für erstrebenswert halten. Sie allein sind als Verantwortungstragende berechtigt, zu entscheiden, wie sie ihre Kinder religiös heranziehen.

Davon abgesehen kenne ich keinen einzigen Muslim, der seiner Tochter vor der religiösen Reife (Mädchen im Kindergarten sind in der Regel noch nicht religiös reif) das Kopftuch aufsetzt. Das sollte nicht überraschen, denn selbst in der strengsten islamischen Auslegung geht die Pflicht für den Hidschab mit dem Eintritt in die religiöse Reife einher. Was wir aber bisweilen beobachten, sind Kinder, die mit Begeisterung ihre Eltern nachahmen. Wir sehen Jungen, die sich neben dem Vater auf dem Gebetsteppich niederwerfen, und Mädchen, die sich neben der Mutter vor den Spiegel stellen, um das Kopftuch herzurichten. Mit Freude wollen sie den anderen Kindern das zeigen, was ihnen von Mama und Papa an guten Werten und Verhaltensweisen mitgegeben wurde. Mit Zwang oder einer Kopftuchpflicht für kleine Mädchen hat das nichts zu tun.

Für nichtmuslimische Kinder hat das Vorteile: Sie lernen von klein auf, dass es Menschen gibt, die sich anders zeigen, kleiden oder ernähren. Das führt nicht etwa zur Diskriminierung, wie Sebastian Kurz zu wissen meint, sondern zu Interesse. Und falls doch, dann bleibt es Aufgabe der pädagogischen Betreuer, Ausgrenzung durch geeignete frühkindliche Maßnahmen zu unterbinden, statt das Opfer weiter zu bestrafen. So funktioniert interkulturelles Lernen, Herr Kurz.

Angespornt von den Kollegen in Österreich erwägt jetzt auch das nordrhein-westfälische Integrationsministerium ein Kopftuchverbot. Es soll allen Mädchen unter vierzehn Jahren verbieten, mit einem Kopftuch in die Schule zu gehen. Integrationsminister Joachim Stamp sagte gegenüber der Bild, eine Frau dürfe nicht dazu gezwungen werden, ein solches Kleidungsstück zu tragen. Dass ausgerechnet ein Minister der FDP sich für ein Kopftuchverbot stark macht, nachdem viele seiner Kollegen, darunter Wolfang Kubicki, noch vor wenigen Wochen die kopftuchtragende Aygül Kilic gegen jeden Angriff in Schutz nahmen, scheint suspekt.

Brodelt es in der FDP-Spitze? Anders lässt sich wohl nicht klären, warum der andere Mann an der Spitze, Christian Lindner, gleich nach dem Vorschlag zum Kopftuchverbot seinem Kollegen in NRW beipflichtete. Die Führung scheint sich uneinig darüber, welchen Kurs sie fahren möchte. Hinzu kommt, dass die Umfragewerte seit der Bundestagswahl gefallen sind. Statt die Rechte der Muslime wie im Falle von Aygül Kilic zu schützen, gehen Linder und seine Leute den umgekehrten Weg: Man rückt weiter nach rechts in der Hoffnung, mehr Stimmen abzufangen. Die Strategie, die Kurz und seine ÖVP in Österreich zum Erfolg geführt hat, macht sich die FDP nun zunutze. Die Leidtragenden hinter dieser Wahlkampftaktik sind wieder die Muslime, die von der Partei, welche die Freiheit im Namen trägt, der Freiheit beraubt werden.

Unsere gemeinsame Aufgabe

Wir sollten uns trotz der schlechten Stimmung nicht kleinmachen lassen. Die Beispiele aus den letzten Wochen zeigen uns, dass wir noch stärker werden müssen, um den wachsenden Extremismus von allen Seiten im Keim zu ersticken. Heute trägt jeder Muslim eine Verantwortung. Wenn wir ihr gerecht werden wollen, müssen wir aktiver werden und Einsatz zeigen, jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten. Wir sollten unsere öffentliche Präsenz steigern, um den Hetzern und Lügnern aus allen Richtungen Paroli zu bieten. Noch immer sind islam- und fremdenfeindliche Populisten die Minderheit, auch wenn sie am lautesten schreien. Es liegt an uns, die breite Masse aufzuklären, ihnen die schöne und wahre Seite des Islam vorzuleben. Wir müssen auf unsere nichtmuslimischen Mitbürger zugehen, ihre Angst in Vertrauen umwandeln, uns stärker für ihre und unsere Gerechtigkeit einsetzen.

Unsere nichtmuslimischen Mitbürger sollten wissen, dass ein aus den Medien gespeistes Islambild wenig mit dem Islam der Realität gemein hat. Unsere Medien sind nicht daran interessiert, die Muslime beim friedlichen Fastenbrechen zu zeigen. Den Medien geht es um Einschaltquoten, die am ehesten erreicht werden, wenn Angst erzeugt wird. Eine Burka, ein schwarzer Hintergrund, ein Kommentar von einer hofierten Fake-Imamin – schon steht die Schlagzeile. Es waren unsere Medien, die, wie Kai Hafez treffend sagte, die Kreatur der Islamfeindlichkeit geschaffen haben, indem sie immer wieder durch ein künstliches Bedrohungs- und Repressionsbild Angst in der Bevölkerung verbreiteten.

Deshalb müssen wir im Alltag aufeinander zugehen, uns neu und vorurteilsfrei kennenlernen. Das setzt voraus, dass beide Seiten, Muslime wie Nichtmuslime, den jeweils anderen als gleichberechtigten Bürger akzeptieren. Die meisten Muslime haben Deutschland als ihre Heimat anerkannt. Sie sind mit ihrem Glauben, ihren Stärken und Schwächen ein Teil dieser Gesellschaft. Das scheint unser neuer Innen- und Heimatminister noch nicht verstanden zu haben. Ihm rate ich, sein heimatliches Selbstverständnis neu zu überdenken, wenn er Minister aller Bürger sein möchte.


  1. https://www.welt.de/politik/deutschland/article174112402/Essener-Tafel-Chef-Joerg-Sartor-bricht-mit-der-SPD-und-lehnt-Gespraech-mit-AfD-ab.html ↩︎

  2. https://daserste.ndr.de/panorama/aktuell/AfD-Hoeckes-Lehre-von-Menschentypen,hoeckeslehre100.html ↩︎

  3. http://www.landauer-tafel.de/2018/03/falsch-meldung-im-facebook-zur-landauer-tafel/ ↩︎

  4. https://www.emma.de/artikel/seyran-ates-das-kopftuch-ist-zur-waffe-geworden-264112 ↩︎

  5. http://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-03/anschlaege-moscheen-berlin-reinickendorf-deutsch-tuerken ↩︎

  6. https://www.rundschau-online.de/region/koeln/nach-morddrohung-koelner-geschaeftsstelle-des-zentralrats-der-muslime-geschlossen-29869562
    ↩︎

  7. https://www.tagesspiegel.de/kultur/deutsch-muslimische-beziehungen-der-islam-gehoert-zu-preussen/21116266.html ↩︎

  8. https://fowid.de/meldung/religionszugehoerigkeiten-deutschland-2015 ↩︎

  9. https://www.facebook.com/oevpticker/videos/1834288150156539/ ↩︎

  10. https://media.arbeiterkammer.at/wien/PDF/studien/Frauenpolitik_Maerz_2018.pdf ↩︎


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Ahmad Abbas

Lehramtsstudent an der Uni Oldenburg / E-Mail: ahmad.abbas@offenkundiges.de