Kann man eine Revolution starten, wenn keiner hinschaut? Kopflose Aktionen! Hat es denn einen Nutzen, auf die Straßen zu gehen, wenn das Regime, in dessen Obhut sich die Medien des Landes befinden, die Proteste so umdeutet, wie es will, und die Demonstranten als Gewalttätige oder Aufrührer darstellt? Unüberlegtes Handeln! Wäre es nicht ratsamer, seine Proteste im Stillen fortzuführen, wenn doch jedem klar ist, dass man durch die Teilnahme an Protesten sein Ansehen, seinen Job, ja sogar sein Leben riskieren kann? Mit Weisheit! Genau dieser Logik sind die Iraner am 15. Chordad 1342 (5. Juni 1963) nicht gefolgt.

Vorgeschichte – Die Weiße Revolution

Zu Beginn des Jahres 1963 verkündete der Schah die „Weiße Revolution“. Sie wurde vorgestellt als ein Programm zur Modernisierung des Iran und zur Verbesserung der sozialen Situation. Der dazugehörige 6-Punkte-Plan sollte dem Schah die Kontrolle über Ländereien religiöser Stiftungen sichern, um der Unabhängigkeit der religiösen Autoritäten einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Außerdem sollten weite Teile der staatlichen Industrie und Infrastruktur privatisiert werden. Weitere Punkte waren ein Alphabetisierungsplan und die Einführung des Frauenwahlrechts, mit denen das Gesamtpaket verschönert werden sollte, wodurch sich der Schah eine breitere Zustimmung in der Bevölkerung erhoffte. Es wurde eine „Armee des Wissens“ einberufen, mit denen wehrpflichtige Schulabsolventen zu Hilfslehrern ausgebildet werden sollten. Damit wollte der Schah die Dorfbewohner langfristig von der religiösen Bildung entfernen und den Einfluss der Geistlichen auf die Bevölkerung beschränken. Die jahrhundertealte Verbundenheit der Iraner mit ihren religiösen Autoritäten sollte gebrochen werden, damit eine westliche Gesellschaft wie die türkische unter Atatürk entstehen könnte.

Dass die Bildung der Bevölkerung bei all dem eine untergeordnete Rolle spielte, zeigen die Zahlen im Nachhinein. Nach 14 Jahren wurde die Alphabetisierungsrate der Frauen in ländlichen Gebieten von 5 % (1963) auf gerade einmal 17 % (1977) gesteigert. Zum Vergleich: Im Jahr 2017 betrug sie bereits 73 %, obwohl nach der Revolution auch noch 8 Jahre Krieg herrschten.

Widerstand

Imam Chomeini erklärte die sogenannte Weiße Revolution als Verwestlichung, Bekämpfung der Religiosität und Verrat nationaler Interessen. Er forderte den Schah auf, seine Ideengeber zu benennen, womit er andeutete, dass diese in ausländischen Staaten wie Israel, USA und England zu suchen waren. Am 22. März, der im Jahr 1963 auf den Jahrestag des Martyriums von Imam Dschafar Sadiq (a.) fiel, forderte er ganz offen die Revolution.

Nicht viel später wurden in der Feyziyeh-Schule in Qom Theologiestudenten von Agenten des SAVAK[1] umzingelt und attackiert. Die Agenten waren angetrunken und töteten wahllos, während sie Pro-Schah-Parolen grölten („Es lebe der Schah, Tod und Untergang dem Islam“). Sie richteten ein Blutbad an. Studenten, die auf das Dach flohen, wurden von dort hinuntergestoßen. Spätestens da hatte jeder verstanden, dass mit diesem Regime nicht zu spaßen war. Das iranische Jahr, das gerade erst angefangen hatte, wurde von Imam Chomeini zum Jahr der Trauer erklärt. [2]

Der 15. Chordad

Nur etwa drei Monate nach dem Angriff auf die Feyziyeh-Schule, am 3. Juni 1963, hielt Imam Chomeini eine öffentliche Rede, in der er den Schah scharf für dessen Verbrechen verurteilte. Dazu gehörte nicht nur die Brutalität seiner Agenten, sondern auch seine US-hörige Politik, mit der er die Reichtümer, die Unabhängigkeit und die Würde des Landes verkaufte. „Ich werde niemals schweigen über deine Handlungen gegen den Islam und gegen die Interessen unseres Landes und solange ich einen Stift in der Hand halte, werde ich dich mit Rechtsurteilen [Fatawa] und Schriften bekämpfen“, sagte Imam Chomeini. Besonders die Eröffnung der israelischen Botschaft in Teheran im gleichen Jahr wurde vom Imam scharf verurteilt. Anstatt den Premierminister, der für die aktuelle Politik stand, zu kritisieren, richtete sich der Imam direkt an den Schah und damit an das Regime als solches. Er erniedrigte den Schah dabei so, wie es zu jener Zeit niemand wagte: „Du Elender! Du Niedriger!“ – Worte, mit denen er eine selbsternannte Gottheit stürzte. Worte, die den Zuhörern Mut machten. Es war der Tag der Liebe, nicht der Tag des Intellekts, den Imam Chomeini sich für diese historische Rede ausgesucht hatte: Aschura.

In den frühen Morgenstunden des 5. Junis stürmte der SAVAK das Haus des Imams, verhaftete ihn und brachte ihn heimlich in ein Teheraner Gefängnis. Gegen 8 Uhr verbreitete sich die Nachricht von seiner Verhaftung in den Moscheen und Basaren von Qom und Teheran, anschließend im ganzen Land. Die Leute versammelten sich zu Tausenden vor Soldaten des Schahs und riefen „marg bar schah“ – Nieder mit dem Schah. Als die Demonstranten die Straßen vollständig füllten und die Freilassung des Imams forderten, eröffnete die Armee das Feuer. Zunächst nur auf die Beine, um keine Todesopfer zu erzeugen.

Doch die Anweisungen änderten sich schnell, als die britische, amerikanische und sowjetische Botschaft vom Schah die Exekution eines jeden Soldaten forderte, der sich weigerte auf die Köpfe der Demonstranten zu zielen. In den folgenden Tagen gab es immer wieder Demonstrationen, die von schwerbewaffneten Soldaten mit dem klaren Befehl zum Töten unterdrückt wurden. Soldaten sprangen von herbeigerufenen Lastwagen der Armee und verfolgten fliehende Demonstranten durch Nebenstraßen, wo sie auf jeden schossen, den sie finden konnten. Frauen und Kinder wurden nicht verschont. Helikopter wurden gerufen, mit denen auf Demonstranten, die sich auf Dächern versteckten, geschossen wurden. Als unbewaffnete Demonstranten versuchten eine Radiostation zu besetzen, wurden sie niedergeschossen.

Zeitzeugen berichten, dass die Kugeln „wie Regen“ über die Köpfe flogen. Nach Angaben der Demonstranten ging die Zahl der getöteten Demonstranten in die Tausende. Der BBC-Journalist Baqer Moin dokumentiert mindestens 380 Todesfälle anhand von Polizeiangaben, wobei Verwundete, die später ihren Verletzungen erlagen, nicht eingerechnet wurden.[3] Die offiziellen Angaben des Regimes berichteten von 20 bis 40 Toten, einmal auch von 86 Toten, worunter auch Soldaten gewesen sein sollen.[4]

„Ich bin nicht in der Lage, diesem Volk, das alles auf dem Wege Gottes geopfert hat, ausreichend zu danken.“ (Imam Chomeini, 1979)

Es war ein blutiger Muharram für die Iraner, der sie nur noch mehr erwachen ließ. Durch eine Hinrichtung, die der Schah in Erwägung gezogen haben soll, war nun noch mehr zu befürchten. Auch viele der religiösen Autoritäten des Landes stellten sich öffentlich hinter den Imam. So wurde der Imam in den Hausarrest entlassen, allerdings in einem kleinen Ort, 12 Kilometer von Teheran entfernt. Trotz des ungeheuerlichen Massakers war das Volk nicht eingeschüchtert. Die Demonstrationen wurden fortgeführt. Angeführt von den Schülern des Imams forderten die Iraner monatelang seine Freilassung, die dann am 7. April 1964 erfolgte.

Im Herbst 1964 unterschrieb der Schah ein Gesetz zur Straflosigkeit von US-Amerikanern auf iranischem Boden. Demnach war es nicht möglich, einen US-Bürger im Iran anzuklagen, selbst wenn dieser ein schweres Verbrechen begangen hatte. Wieder war es Imam Chomeini, der den Schah öffentlich kritisierte, und wieder legte er seine Rede auf einen Tag, der die Herzen der Menschen ansprach: der Geburtstag von Fatima Zahra (a.).

Noch am gleichen Abend wurde sein Haus gestürmt und er wurde wieder festgenommen. Dieses Mal wurde er sofort zum Flughafen gebracht und ins Exil in die Türkei geflogen. Die Option, ihn ins Gefängnis zu stecken, wurde dem Regime durch das Blut der opferbereiten Demonstranten ein Jahr zuvor genommen. Der Keim der Revolution wurde an jenem Tag im Juni, dem Tag von Aschura gesetzt. Von nun an war sie nicht mehr aufzuhalten.

Doch dieser Keim wurde nicht allein in den Intellekt der Menschen gepflanzt, sondern in ihre Herzen. Ohne die Liebe, die die Gläubigen für Imam Hussein (a.), für den Islam und für den Imam verspürten, wäre eine solche Opferbereitschaft nicht möglich gewesen. Die Geschichte der Islamischen Revolution hat tausendfach bewiesen, dass auch junge Männer und Frauen mit geringer Schulbildung oder mangelndem politischen Durchblick, aber voller glühender Liebe im Herzen, durch Tatendrang und Selbstlosigkeit glänzen konnten, während so mancher Intellektuelle diese Liebe vermissen ließ. Die großen Märtyrer dieser Revolution gehörten zwar zu den Gebildeten, Weitsichtigen und Informierten, hatten aber niemals die Liebe in ihren Herzen vernachlässigt.

Dies ist eine der großen Lehren des 15. Chordad: Nimm das aufgeweckte, unruhige und aufbegehrende Herz nicht durch ängstliche Überlegungen an die Zügel. Lass stattdessen die Liebe entscheiden.

„Brüder und Schwestern, verliebt euch“, sagte Schahid Ayatullah Beheschti. „Es ist Leben in der Liebe. Intellekt verleiht dem Menschen kein Leben. Der Intellekt lehrt ihn, wie er besser essen, besser schlafen, besser altern, besser sein Herz sterben lassen kann. Die Liebe ist es, die das Feuer des Lebens entzündet und im Menschen glüht.“ [5]

Die Liebe zu Imam Hussein (a.) hatte schon seine Gefährten dazu bewegt, der Vernunft eine Absage zu erteilen, die dazu geraten hätte, sich in der Nacht vor der Schlacht von ihm (a.) zu entfernen. Ayatullah Beheschti stellte fest: „Iran ist das Land der Liebenden.“

Wenn man die Wahl zwischen Unvernunft und Vernunft hat, sollte man die Vernunft wählen. Wenn man aber die Wahl zwischen Liebe und Vernunft hat, sollte man die Liebe wählen. Wer hat schon wirklich geglaubt, dass die Revolution erfolgreich sein könnte, nachdem Imam Chomeini dazu ausgerufen hat? Imam Chomeini warnte den Schah, dass er, wenn er so weitermacht, das Land genauso in Schande würde verlassen müssen, wie schon sein Vater. Stattdessen war es zunächst der Imam, der ins Exil geschickt wurde. Und dennoch haben seine Anhänger den Widerstand am Leben erhalten, bis der Imam zurückkommen konnte und der Schah das Land in Schande verließ.

Imam Chomeini: „Der Aufstand am 15. Chordad zerbrach die sagenumwobene Macht der unterdrückerischen Monarchie und zerstörte seinen Mythos und Zauber“.

Weitere Quellen:
https://www.youtube.com/watch?v=0TwCeq0pkR4


  1. Geheimdienst des Schah-Regimes ↩︎

  2. Siehe hier ↩︎

  3. Moin, Baqer (2000). Khomeini, Life of an Ayatollah. New York City: St. Martin's Press. pp. 111–113. OCLC 255085717. ↩︎

  4. Die deutsche Wikipedia-Seite hat die Zahlen des Regimes kritiklos übernommen. ↩︎

  5. https://www.youtube.com/watch?v=ObMrDvvRlhE ↩︎