Zionismus

Das Scheitern der Alija nach Israel

Ein Jude erzählte mir einst einen Witz, der unter Anhängern seiner Religionsgemeinschaft ihm zufolge recht bekannt ist. Die Pointe des Witzes war, dass eine jüdische Mutter sich über die angebliche Undankbarkeit ihres Sohnes beschwerte, der ihr für all die Jahre, die sie ihn unter Anstrengungen erzogen und behütet hat, als Gegenleistung nicht einmal einen Nobelpreis nach Hause bringt. Wie in vielen Witzen liegt auch hier ein wenig Wahrheit versteckt. Wer kann nämlich verleugnen, dass unter Juden überdurchschnittlich viele hochgebildete Akademiker sind. In der wissenschaftlichen Forschung, wie auch in der Besetzung anspruchsvoller Posten in der Wirtschaft, brauchen Juden keinen Vergleich mit Anhängern anderer Religionen scheuen. Ein Land mit jüdischer Bevölkerungsminderheit erlebt bei Abwanderung von Juden ins Ausland entsprechend tendenziell einen so genannten Braindrain, es erleidet also wirtschaftlichen Schaden.

Alija

Was ist die Alija?

Das israelische Apartheidregime ist aber genau darauf angewiesen, um in seiner rassistischen Form zu überleben: anderen Ländern die jüdische Bevölkerung abzuluchsen, um sie auf palästinensischen Boden anzusiedeln. Dieses Bemühen bezeichnet die zionistische Ideologie als Alija (hebräisch עלייה, wörtlich: Aufstieg) und wird von Muslimen als ein Mittel zur ethnischen Säuberung ihres Heimatlandes betrachtet. Auch das Völkerrecht und israelische Historiker teilen diese Ansicht. Ein Jude aus Australien, der samt seiner Vorfahren der letzten zehn Generationen nie das Heilige Land betreten hat, genießt gemäß zionistischer Ideologie mehr Rechte in Palästina als die Palästinenser in ihrem eigenen Land.

Die Ungerechtigkeit der Alija wird in Zukunft für Europa und insbesondere für Deutschland Konsequenzen haben, die wohl die meisten Politiker und selbst viele Zionisten hierzulande aktuell nicht einmal ahnen. Und dabei geht es nicht um die moralische Bewertung oder Verurteilung des Zionismus und seiner Verbrechen, die auf Offenkundiges schon mehrfach Thema waren. Werfen wir aber einen Blick auf die aktuelle Lage der Alija: Wie erfolgreich überreden Zionisten Juden weltweit, ihre Heimat zu verlassen und sich in Palästina anzusiedeln?

Die Alija gerät ins Stocken

Die Einwanderung nach Palästina hat seit der Gründung des Apartheidregimes zwei starke Wellen erlebt. Die erste Welle war unmittelbar nach seiner Gründung, die zweite Anfang der neunziger Jahre. Ende der Achtziger wanderten bereits weniger Juden in das Apartheidregime ein, als auswanderten. Das lag unter anderem daran, dass sich in der Zeit das palästinensische Volk im Zuge der ersten Intifada zum Widerstand erhob. Dann speiste sich jedoch Anfang der Neunziger die zweite Einwanderungswelle vor allem aus osteuropäischen Ländern, in denen mit dem Eisernen Vorhang auch die Hindernisse für die Auswanderung fielen. Zur Jahrtausendwende hin fiel der Zuzug wieder rapide ab, was zum einen damit zusammenhängt, dass die einwanderungsbereite Masse des ehemaligen Ostblocks ausgeschöpft war, zum anderen aber auch damit, dass der palästinensische Widerstand mit der zweiten Intifada dem zionistischen Plan einen schweren Schlag versetzt hatte. Außerdem hatte der libanesische Widerstand mit der militärischen Vertreibung der Tzahal-Armee aus der so genannten Sicherheitszone den Unbesiegbarkeitsnimbus Israels gebrochen. Militärischer Widerstand hatte sich als Lösung der Besatzungsproblematik bewährt.

Das Problem für die Aliya dabei: Unabhängig von der moralischen Bewertung verlässt niemand gern seine vertraute Heimat, um sich in einem unsicheren Krisengebiet niederzulassen. Anhand der Abbildungen sieht man, dass selbst ein militärisches Unentschieden, wie beim Jom-Kippur-Krieg 1973, zu einem Rückgang der Einwanderung führt. Militärischen Siegen dagegen, wie im Sechs-Tage-Krieg 1967, folgen mehr Selbstvertrauen und damit verstärkte Zuwanderung. Doch der letzte Sieg der Zionisten ist lange her.

Auswanderung der Juden nach Palästina
Abbildung: Auswanderung von Juden nach Palästina nach Herkunft.
Quelle: Zionistisches Central Office of Statistics www.cbs.gov.il/shnaton67/st04_02.pdf

2006, das Jahr der Niederlage der zionistischen Armee gegen die in puncto Ausrüstung und personeller Besetzung wesentlich kleinere Hisbollah im letzten Libanonkrieg, war abermals ein entscheidender Wendepunkt für die Alija. Erstmals seit Ende der Achtziger wanderten 2007 mehr Menschen aus als ein. Leider liegen noch keine Zahlen vor, jedoch ist davon auszugehen, dass die aktuelle Erhebung der dritten Intifada – denn nichts anderes ist der seit Monaten brodelnde Widerstand der Bevölkerung im Gazastreifen und im Westjordanland – ihre Früchte tragen werden.

Erfolglose Bemühungen

Dabei ist es nicht so, dass das zionistische Ministerium für die Aufnahme von Einwanderern sowie die NGO Jewish Agency for Israel sich nicht um den Zuzug weiterer Juden aus aller Welt bemühen würde. Auch radikal-zionistische Journalisten wie Benjamin Weinthal bemühen, insbesondere nach Anschlägen, die Muslimen zugeschrieben werden, die Alija als Lösung für die Unsicherheit, in der Juden angeblich außerhalb des Apartheidregimes Israel leben würden. Selbst das gute Abschneiden der rechten, aber sich dennoch pro-israelisch gebenden AfD bei der Bundestagswahl 2017 haben Journalisten zum Anlass genommen, um für die Auswanderung zu werben.

Nach den Anschlägen 2015 in Paris, bei denen auch vier französische Juden Opfer der Terroristen wurden, hofften die zuständigen israelischen Stellen auf eine Massenemigration. Bis zu 10.000 Juden würden in dem Jahr Alija machen, zitiert die zionistische Zeitung Haaretz das überoptimistische Ministerium für die Aufnahme von Einwanderern. Frankreich sollte der neue Ostblock werden. Doch es zeigte sich, dass nur der Wunsch Vater dieser Hoffnung war: Die Auswanderung französischer Juden nach Palästina stieg in dem Jahr um nicht einmal 100 Personen auf 6.628 und sank im Folgejahr 2016 sogar unter die Werte der Vorjahre auf unter 5000, Tendenz schrumpfend. Der Traum der Zionisten ist geplatzt, vor allem auch, weil sich weltweit Juden weigern, ihre Sicherheit und die ihrer Familien zugunsten eines rassistischen Apartheid-Projekts zu gefährden.

Doch was hat das alles mit Deutschland zu tun? Warum kündigt der Artikel anfangs an, dass das Scheitern der Aliya für ungeahnte Konsequenzen mitverantwortlich sein wird? Die beschriebenen Tendenzen sind nur der Anfang und die Vorboten von dem, was noch kommen wird. Die bisherigen Knicke nach unten in der obigen Abbildung zeigen, dass vor allem dann die Einwanderung ins Stocken gerät, wenn das Apartheidregime ins Wanken gerät. Nun wird aber über kurz oder lang – nach Analyse des meiner Meinung nach weitsichtigsten Menschen – in spätestens 22 Jahren nicht nur eine einfache Niederlage, sondern das schiere Ende des Apartheidregimes kommen. Der kommende Teil zwei dieses Artikels versucht sich an einer Einschätzung, was der Zusammenbruch des zionistischen Projekts für die Menschen bedeuten wird, die heute das Heilige Land besetzen. Es wird sich zeigen, dass deren Schicksal gerade uns in Deutschland besonders betrifft.

Teil 2 lesen.


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Mahmoud Ayad

Marktforscher / E-Mail: mahmoud.ayad@offenkundiges.de