Gesellschaft

Blaupause für einen schiitischen Dachverband der Zukunft

„Der Edelste von euch bei Gott ist der Gottesfürchtigste von euch.“ (49:13) Die Gottesfurcht übt sich im Dienst an den Geschöpfen. Und der beste Dienst an den Geschöpfen erhöht sie bei Gott. Gott hat uns den besten Weg verdeutlicht: „Leite uns den Geraden Weg.“ (1:5) Uns, nicht mich. Der schnellste Weg zu Gott ist der gemeinsam beschrittene: Das Gemeinschaftsgebet ist um Rangstufen wertvoller als das Einzelgebet, die Ehrung der Eltern und das Pflegen der Verwandtschaftsbande sind koranische Tugenden, die Scheidung unter Eheleuten gilt als Ultima Ratio, als Verwerflichstes unter dem Erlaubten.

Unserem Lebenssinn der Göttlichkeit kommen wir durch die Bildung zwischenmenschlicher Verbindungen näher, die sich in verschiedene Organisationsebenen gliedern. Dabei hat jede Ebene ihre sie kennzeichnenden Aufgaben, die sie besser ausfüllen kann als jede andere Ebene, obgleich alle auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet sind. Die unterste Ebene, die Keimzelle der Gesellschaft, bildet die Ehe und nahe Familie. Der Verbund von Familien ist eine Gemeinschaft, und der Verbund von Gemeinschaften bildet einen Verband. Jede höhere Ebene kann nur auf einer soliden unteren Ebene gründen, will sie kein Luftschloss sein.

Die Familien der Rechtsschule der Ahlulbayt (a.) bilden in Deutschland seit Jahrzehnten Vereine und es gibt einzelne Kooperationen zwischen den Vereinen auf Regional- und informeller Bundesebene. Die Zeit ist reif für einen Dachverband der Vereine, der die Aufgaben eines schiitischen Verbands in unserem Land wahrnimmt.

Was sind die Aufgaben eines schiitischen Dachverbands?

Die einzige Aufgabe eines Dachverbands ist es, Aufgaben im Interesse der Vereine zu übernehmen, die die Kapazitäten der einzelnen Vereine übersteigen. Der Dachverband darf dabei weder die Kernkompetenzen der Vereine und ihre internen Abläufe beeinträchtigen, noch darf er seine eigenen Verantwortungen vernachlässigen.

Er vertritt die Gemeinschaft der Vereine nach außen. Das schließt insbesondere den unmissverständlichen Einsatz für die Interessen der Vereine gegenüber Staat, Medien und Gesellschaft ein. Wenn unsere Vereine oder bekannte Einzelpersonen von Medien unrechtmäßig attackiert oder vom Staat unterdrückt werden, dann muss dieser Dachverband klar Stellung beziehen, seine Vereine verteidigen und mit einer deutlichen Stimme im Namen der Schia in Deutschland antworten. Derlei Angriffe gegen Schiiten sind inzwischen an der Tagesordnung.[1] [2] [3] [4] [5] Von Einzelstimmen abgesehen erhielten die Attackierten keine öffentliche Unterstützung, insbesondere nicht von unseren Vereinen. Das ist die Aufgabe eines zukünftigen Dachverbands.

Er vertritt uns in der geschwisterlichen Zusammenarbeit mit anderen islamischen Verbänden und gegenüber anderen Religionsgemeinschaften, insbesondere den Konfessionen des Christentums und des Judentums. Mit beiden teilen wir das Gros der göttlichen Werte und sollten uns gemeinsam für diese stark machen.

Der Dachverband hat unsere Interessen gegenüber der Fahrtrichtung der Gesellschaft zu vertreten, die in den letzten Jahren zunehmend selbstzerstörerische Züge angenommen hat. Zur Einführung der „Ehe für alle“ musste erst die höchste schiitische Geistlichkeit die islamische Ansicht klarstellen, bevor – mit großer Verzögerung – ein Zusammenschluss von schiitischen Vereinen einige vorsichtige Töne anschlug. Die Debatte über ein Kopftuchverbot für Schülerinnen in Nordrhein-Westfalen führte zwar zu viel Aufruhr unter den Gemeinden, aber auch hier war es die höchste Geistlichkeit, die alleine vorangehen musste.[6] Die auf dieser Plattform gestartete Unterstützungsaktion schiitischer Vereine und Einzelpersonen, die seine Rede unterzeichneten, fand eine breite Zustimmung.[7] Wir sind dankbar, als Medienplattform diese Aktion initiiert haben zu dürfen und für die große Unterstützung aller Vereine, gleich von welchen ideologischen Flügeln. Aber das wäre wiederum eine Verbandsaufgabe gewesen.

Darüber hinaus liegen weitere klassische Verbandsaufgaben unbeachtet vor uns: stärkere Kooperationen der Vereine stiften, Projekte zur Finanzierung unserer künftigen deutschsprachigen Gelehrten, Medien und Thinktanks, die auf Basis der Rechtsschule der Ahlulbayt (a.) arbeiten, ein kraftvoller Rückhalt für alle Gemeinden bei jeder übergemeinschaftlichen Herausforderung. Aber schon die standfeste Vertretung unserer Interessen gegenüber Staat und Gesellschaft alleine – ohne jegliche internen Dienstleistungen – würde uns auf eine bisher unerreichte Ebene heben.

Blaupause für einen schiitischen Dachverband

Sowie eine Ehe nur zwischen Mann und Frau von einer gewissen Seelenreife möglich ist, verlangt die Bildung eines Dachverbands von den Vereinen gewisse Mindestentwicklungsstufen, die sie erklommen haben müssen, bevor sie den Verband verstärken können. Zu den wichtigsten gehört die Kompetenz der Verantwortungsträger; die Fähigkeit und der Wille, mit anderen Vereinen zusammen die Stimme der Schia in Deutschland zu bilden, sich hierzulande einzusetzen, nicht motiviert durch das libanesische Fernsehen oder Gelder aus dem Iran, sondern für unsere Vereine allein. Dass die Beherrschung unserer einzigen gemeinsamen Sprache dabei selbstverständlich ist, braucht nicht weiter diskutiert zu werden. Das ist längst Konsens – freilich ein Konsens, der am laufenden Band ignoriert oder relativiert wird.

Ein weiteres Kriterium ist die Entwicklungsstufe der Vereine selbst: Ist die Vereinsarbeit getragen von einem breiten Gerüst von aktiven Mitgliedern, statt von drei einzelnen Machern, deren Abwesenheit sämtliche Vereinsaktivitäten erlahmen lässt? Die wenigsten Vereine heute können mit einer solchen Mitgliederbasis aufwarten. Wenn aber schon die Vereinsarbeit auf so wackeligen Füßen steht, ist dann überhaupt an die Abstellung von Kräften für die Verbandsarbeit zu denken? Indes gibt es diese Vereine, mögen es auch nur wenige sein.

Sind die Vereine willens, die Dachverbandsarbeit mit ihren besten Aktiven und Gelehrten zu unterstützen? Oder halten Vereinsvorsitzende ihre Mitglieder von einem Verbandsengagement ab in der Angst, dass gehobelte Späne auf sie zurückfallen könnten? Wird unseren Gelehrten der politische Mund verboten, ob aus dem Ausland oder von hier, wegen fehlenden Mutes oder aus Unkenntnis? Der geforderte Einsatz des Dachverbands fällt nicht vom Himmel, er speist sich alleine aus den Mitgliedern seiner Vereine.

An dieser Stelle verzichte ich darauf, mich über unsere uferlosen nationalistischen, sektiererischen und rassistischen Blockaden auszulassen. Diese Blockaden hindern uns auf jeder Ebene, ob bei der Eheschließung oder der Verbandsarbeit. Ihre Überwindung in den Herzen der Verantwortungsträger gehört zu den Voraussetzungen der verbandsgründenden Vereine.

Schiitischer Dachverband realistisch?

Wie viele unserer Vereine werden von deutschsprachigen Leitern angeführt, die nicht nur Deutsch sprechen, sondern wirklich an der Schia in Deutschland interessiert sind, ihr mehr verpflichtet sind als den Pseudo-Aktivitäten, deren einziges Ziel darin liegt, schöne Bilder nach Qum, Nadschaf oder Beirut zu liefern, die aber an sich gänzlich verfehlt sind? Wie viele Vereine zählen wir, die mit regelmäßiger Vereinsaktivität auf einer breiten Mitgliederbasis aufwarten können und die ihre Stimme öffentlich erheben und den Tadel des Tadelnden nicht fürchten (5:54)? Nicht viele, keine zehn. Ist die Zeit also noch nicht gekommen und überlassen wir die Aufgaben des Verbands wie bisher engagierten Einzelpersonen oder Gruppen, bis wir eine relevante Anzahl von Vereinen vorfinden, die obige Kriterien erfüllen?

Ich bin anderer Meinung. Manch bekannter Verein in Deutschland begann mit wöchentlichen Sitzungen von drei bis fünf Teilnehmern, und dabei blieb es Jahrzehnte. Die späteren Generationen bauten auf diesem kleinen, aber starken Fundament und schufen einige der stärksten Dienstleistungen für die Muslime, die wir heute in unserem Land kennen. So kann auch ein künftiger Dachverband, dessen Vereine zusammenhalten wie festgefügte Reihen, mit ganz wenigen Gründungsmitgliedern seine Arbeit aufnehmen und vorhandenen Strukturen neue Kraft verleihen. Und diese wenigen sollten erkennen, dass sie dazu in der Lage sind, und keine Mühen scheuen, den Grundstein zu legen. Ansonsten werden sich unsere Kinder mehr noch über unser Versäumnis beklagen, als wir uns über die Versäumnisse unserer Elterngeneration zu beklagen pflegen.


  1. https://offenkundiges.de/erneute-hetze-gegen-schiiten-in-deutschland-bad-oeynhausener-gemeinde-im-visier-der-zionisten/ ↩︎

  2. https://offenkundiges.de/wenn-zionistische-hetze-im-nichts-verhallt/ ↩︎

  3. https://offenkundiges.de/wer-ist-benjamin-weinthal-ein-zionistischer-journalist-und-seine-methode/ ↩︎

  4. https://offenkundiges.de/meinungsfreiheit-nur-fur-die-einfluss-reichen-am-beispiel-des-qudstags/ ↩︎

  5. https://offenkundiges.de/eine-danksagung-an-die-bildzeitung/ ↩︎

  6. https://offenkundiges.de/ayatullah-ramezani-uber-die-kopftuchdebatte-in-deutschland-und-osterreich/ ↩︎

  7. https://offenkundiges.de/stellungnahme-von-muslimischen-organisationen-und-einzelpersonen-zur-kopftuchdebatte/ ↩︎


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Huseyin Özoguz

Verleger bei Eslamica / E-Mail: huseyin.oezoguz@offenkundiges.de
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