Der Fastenmonat Ramadan steht vor der Tür. Wieder einmal lädt Gott uns ein, gemeinsam mit Millionen von Gläubigen in sein Reich einzutreten. In Freude über den vielen Segen, der ihn erwartet, sehnt sich so mancher Muslim schon im Voraus den Monat herbei. Er sehnt sich nach der erneuten Möglichkeit, die ihm gegeben wurde, um seine Fehler zu bereuen und seine schlechten Angewohnheiten loszuwerden. Hoch motiviert, aber ohne wirklichen Plan, begibt er sich in den heiligen Fastenmonat. Und doch muss er am Ende feststellen, dass er es auch in diesem Jahr nicht geschafft hat, sich zu verbessern.

Wie aber ist das möglich? Wie kann man im besten aller Monate, in den besten Tagen und Stunden seelisch stehenbleiben, oder sich, im schlimmsten Fall, sogar von Gott entfernen? Und wie passt das mit den vielen Überlieferungen zusammen, in denen die unzähligen Segnungen des Monats Ramadan aufgelistet werden? Die Antwort lässt sich in einem Satz etwa so zusammenbringen: Auch der Monat Ramadan, so segensreich er ist, lebt von Voraussetzungen, die der Fastende erfüllen muss, damit der sich positiv verändern und dadurch Gott näher kommen kann. Was sind die Voraussetzungen?

Voraussetzungen für einen erfolgreichen Ramadan

1. Richtig fasten!

Die erste und zugleich wichtigste Voraussetzung, die jeder von uns erfüllen muss, damit er im Monat Ramadan spirituellen Erfolg hat, ist, dass er lernt, richtig zu fasten. Die meisten Muslime glauben, fasten im Monat Ramadan bedeutet, bis zum Sonnenuntergang aufs Essen und Trinken zu verzichten. Das ist falsch. Fasten ist viel mehr als das. Wer wirklich fasten möchte, darf nicht nur aufs Essen und Trinken verzichten. Echtes und richtiges Fasten bedeutet, mit allen Sinnen zu fasten; mit den Augen, den Ohren und insbesondere mit der Zunge, deren Missbrauch das Fasten zerstört, noch ehe wir den ersten Schluck Wasser zu uns nehmen. Mit den ganzen Sinnen zu fasten bedeutet, seine Augen vor dem falschen Blick, seine Ohren vor dem falschen Gerede und seine Zunge vor dem falschen Ausdruck zu schützen. Zu erhaben ist der Monat, als dass wir unsere Sinne mit der Sünde beschmutzen. Wir müssen lernen, mit allen Sinnen zu fasten, was bedeutet, alle Sinne von der Sünde zurückzuhalten. Wer den Monat Ramadan nur als Nahrungsverzicht versteht, ansonsten aber mit seinen Sinnen und Körpergliedern sündigt, fastet nicht richtig und wird niemals in den seelischen Genuss eintauchen.

Die Nahen unter den Gottesdienern gehen noch einen Schritt weiter. Sie versuchen, selbst ihre Gedanken vor Sünde fernzuhalten. Das ist die höchste Stufe, die der Fastende im Monat Ramadan erreichen kann. Auch wir müssen dazu bereit sein, diese Stufe zu erklimmen. Das Potenzial dazu haben wir allemal.

2. Freiwillige Taten verrichten!

Richtig fasten ist die eine Seite, gute Taten verrichten die andere. Wer im Monat Ramadan reichlich profitieren möchte, sollte so viele gute Taten verrichten wie nur möglich. Egal, wie klein der Lohn für eine gute Tat außerhalb sein mag: In diesem Monat wird er groß. Deshalb sollten wir uns um das Gute bemühen, unter uns selbst um jede gute Tat wetteifern. Zu den besten Taten in diesem Monat zählen: täglich Koranlesen, viel spenden, häufig die Moschee besuchen, empfohlene Bittgebete verlesen, Muslime zum Fastenbrechen einladen und Unwissende über die Segnungen des Monats aufklären.

Der Lohn der freiwilligen Tat übersteigt dabei den der verpflichtenden Handlung. Denn nichts ist dem Schöpfer lieber als einen Diener, der, obwohl er es nicht tun muss, freiwillig von seiner Kraft und Zeit opfert, um seine Liebe zu erlangen. Deshalb sollten wir, insbesondere in den nächtlichen Stunden, wenn wir mit unserem Schöpfer allein sind, das Gespräch mit ihm suchen. Wir dürfen, nur weil wir fasten, nicht in die Passivität verfallen. Im Gegenteil: Gerade in diesem Monat, in dem jede Tat siebzigfach belohnt wird, müssen wir wacher und fitter sein als in anderen Tagen.

Das richtige Fasten und die freiwillige Tat: Zusammen bilden sie die zwei Flügel, mit denen der Fastende im Ramadan spirituell abheben kann.

Denke an deinen Körper!

Wollen wir im Fastenmonat wach und fit sein, müssen wir uns aber richtig ernähren. Es darf nicht sein, dass wir dem Körper über den Tag die Nahrung entziehen, um nach dem Fastenbrechen in einen Fressrausch zu verfallen. Es gibt Muslime, die treiben es mit dem Essen so weit, dass sie hinterher in Atemnot geraten. Anstatt an Gewicht zu verlieren, schaffen sie es, im Fastenmonat zuzunehmen! Das passiert, wenn aus einer Mahlzeit ein offenes Buffet über mehrere Stunden wird, bei dem man, im Beisammensein von Familie und Freunde, bis in die Nacht hinein Essen in sich hineinschaufelt. Möge Gott uns davor bewahren! Wir sollten uns gerade in diesem Monat vor dem Übermaß hüten. Das Essen hat ganz nach dem Vorbild des Propheten bescheiden auszufallen: ein Hauptgericht, wenig Beilagen, dazu viel Wasser und Datteln. Mit Fleisch, Softdrinks und süßen Nachspeisen sollten wir sparsam umgehen. Dabei lautet die wichtigste Regel immer: Platz lassen! Nur wer Platz im Magen lässt, wird am Abend genug Kraft haben für die nächtliche Gotteseinkehr, die freiwilligen Gebete, das Koranlesen und andere empfohlene Handlungen.

Ramadan bedeutet Widerstand

Je mehr sich der Fastende darin anstrengt, richtig zu fasten und freiwillig rechtschaffene Werke zu verrichten, und je mehr er sich beim Fastenbrechen bemüht, bescheiden zu speisen, desto stärker wird sein Gottesbewusstsein (taqwa) werden. Mit einem stärkeren Bewusstsein von Gott gelingt es ihm schließlich, den Kampf gegen seine Triebseele zu gewinnen. Es beginnt der Frieden in seinem Herzen zu wirken. Nun wird es ihm auch leichter fallen, andere zu Gott und zum Frieden zu bewegen. Auch hierin zeigt sich die Schule des Fastenmonats, die mehr ist, als die Fixierung auf das eigene Ich. Wer richtig fastet, erinnert sich an den Durst und Hunger der Armen. Ein Hunger, der täglich Tausenden von Menschen das Leben kostet. Aus dieser Erinnerung folgt ein Widerstand gegen die Unterdrücker unserer Zeit. Wer sich selbst befreit hat, kann nun seine Stimme erheben, um andere zu befreien. Das tun Millionen von Muslime weltweit am letzten Freitag des Ramadan: Sie gehen auf die Straßen und leisten Widerstand gegen die Unterdrücker ihrer Zeit; gegen den Zionismus, den Imperialismus und alle damit zusammenhängenden Ungerechtigkeiten, die der Islam niemals dulden wird.

Ramadan als Chance zur Veränderung

Wir müssen uns bewusst machen, dass es keinen Monat gibt, der geeigneter wäre, um mit der Vergangenheit abzuschließen, als der Ramadan. Gott hat diesen Monat für uns besonders und heilig gemacht, weil er uns liebt und das Gute in uns stärken möchte. Egal, wie schlecht und sündig man war: Wer in diesem Monat aufrichtig bereut, der wird rein aus ihm herauskommen. Der Ramadan ist daher die einmalige Chance, unsere bisherige Lebensweise umzukrempeln und von Neuem anzufangen. Das Leben nach Gott auszurichten und fortan ein starker Anhänger des erwarteten Erlösers zu werden; das ist, was wir in diesem Monat an Großem erreichen können. Lasst uns diese Chance nutzen!

Einfache Empfehlungen für einen erfolgreichen Ramadan

Am Ende möchte ich mir und euch ein paar einfache Empfehlungen ans Herz legen, die unser Fasten optimieren werden, wenn wir uns den ganzen Monat über an sie halten. Sie beruhen zum großen Teil auf den Aussprüchen des Propheten, der Imame und den Worten unserer Gelehrten. Es sei darauf hingewiesen, dass die Reihenfolge der Auflistung willkürlich und ohne Bewertung anzusehen ist.

1. Wenig sprechen

Versuche im Monat Ramadan weniger zu sprechen. Wer viel und gern spricht, setzt sich der Gefahr des Lästerns, der Lüge und anderen üblen Sünden aus. Wir wissen aus Überlieferungen, dass eine falsche Wortwahl, abgesehen von der Sünde, das Fasten ungültig machen kann. Deshalb ist es dringend empfohlen, im Fastenmonat häufige Smalltalks zu meiden. Anders ist es, wenn in Zusammenkünften über Gott und den Islam oder andere nützliche Dinge gesprochen wird.

2. Häufiger die Moschee besuchen

Es gibt keinen Ort, an dem wir Gottes besser gedenken können als in der Moschee. Im Monat, in dem die göttlichen Türen weit geöffnet sind, sollten wir das Haus Gottes öfter aufsuchen. Zusammen mit anderen Gläubigen gilt es, häufiger den Koran zu lesen, von islamischen Vorträgen zu profitieren und neue Aktionen für den Frieden zu planen.

3. Die Zeit mit gläubigen Geschwistern verbringen

Wir sollten uns in diesem Monat mit Menschen umgeben, deren Anblick uns an Gott erinnert. Dadurch fühlen wir uns gestärkt und motiviert, gute Taten zu vollbringen. Wer sich öfter mit Gläubigen trifft, stärkt sein Gottesbewusstsein und schützt sich eher vor Sünde. Dagegen sollten wir Menschen meiden, die einen schlechten Einfluss auf unsere Seele haben und unseren Fastenzustand zerstören könnten, indem sie zum Beispiel lügen oder schlecht über andere reden. Dabei ist es egal, ob es sich um Fastende oder Nichtfastende handelt oder um Familienangehörige, Freunde oder Bekannte. Wer in diesem Monat den seelischen Genuss erleben möchte, muss konsequent bleiben.

4. Urlaub nehmen

Wer die Möglichkeit hat, sollte während des Ramadans ein paar Tage Urlaub nehmen. Denn nur wer Zeit hat, kann sich intensiver mit Gott beschäftigen, indem er den Koran liest und viele in diesem Monat empfohlene Handlungen vollzieht. Die freie Zeit, die besonders im Fastenmonat lang erscheint, sollte auch genutzt werden, um über sich selbst zu reflektieren; über den eigenen Zustand, die Sünden und Schwächen, und wie man sich bessern möchte.

5. Nicht sündigen

Dieser Punkt ist bereits in der ersten Voraussetzung für einen erfolgreichen Monat Ramadan mit eingeschlossen. Weil er so wichtig ist, wird er hier aber nochmal aufgeführt. Wir wissen von dem Propheten (s.), dass es keine bessere Handlung im Ramadan gibt, als von der Sünde abzulassen.[1] Wir wissen auch, dass der Teufel und seine Freunde in diesem Monat keinen Zugang zum Menschen haben. Sie sind angekettet. Die Voraussetzungen für einen sündenfreien Monat können daher nicht besser sein. Wir müssen es in diesem Monat schaffen, aus dem Meer der Sünden herauszuschwimmen und dauerhaft trocken zu bleiben. Ziel ist es, nicht eine einzige Sünde zu begehen! Wer sich dies ernsthaft vornimmt, dem gelingt es. Im Mindesten wird er seinem Ziel sehr nahe kommen.

6. Zum Fastenbrechen einladen

Kaum eine Tat ist so lohnenswert wie das Speisen eines Fastenden in diesem Monat. Deshalb sollten wir, so oft wie es geht, Fastende zum Essen einladen. An vorderster Stelle stehen die Armen und Bedürftigen, dann die Familie und Freunde. Auch ist es wichtig, diejenigen einzuladen, die in diesem Monat des Zusammenkommens niemanden haben, mit dem sie ihr Fasten brechen können. Wer einem einsamen Fastenden eine Freude bereitet, dem wird Gott eine Freude bereiten am Tage, an dem er sie am dringendsten brauchen wird.

7. Viel spenden

Im Monat der göttlichen Großzügigkeit gehört es zu den besten Dingen, viel zu spenden. Deshalb sollten wir bestrebt sein, in diesem Monat tiefer in die Taschen zu greifen und öfter an die Armen, Schwachen und Bedürftigen zu denken. Mit der richtigen Absicht wird der göttliche Segen dafür sorgen, dass selbst die kleinste Spende zu vielfachem Lohn verwandelt wird.
Und Gott vervielfacht, wem er will.


  1. Die Rede von Prophet Muhammad (s.) zum Beginn des Monats Ramadan ↩︎