Vorgeschichte Anna hörte die ganze Zeit sehr aufmerksam zu und trotz meiner langen Ausführung unterbrach sie mich nicht. Meine Darstellung zeichnete einen Ausdruck des Staunens auf ihr Gesicht.

„Nun, ich muss zugeben, dass mir deine Schilderungen neu sind. Ich brauche aber Zeit, um deine Thesen zu verarbeiten. Aber Mohammed, wenn die Moral im Islam so wichtig ist, warum erlaubt Gott dann Gewalt gegenüber Frauen und motiviert zu Ehrenmorden? Warum wird die Frau gezwungen sich zu bedecken? Warum ist die Zwangsheirat in islamischen Ländern gestattet?“

Ich hatte die ganze Zeit auf so eine Frage gewartet. Wenn man in Deutschland aufwächst und den Medien Gehör schenkt, ist es kein Wunder, dass man vom Islam einen schlechten Eindruck bekommt. Tagtäglich werden Schandtaten mit dem Islam assoziiert und in der Öffentlichkeit aufgebauscht. Die Quellen beruhen entweder auf unauthentischen Copy&Paste-Nachrichten oder auf dem Wissen mancher Möchtegernexperten, die weder etwas mit Muslimen zu tun haben, noch als islamische Gelehrte anerkannt sind. Aber auch vom Islam Abgefallenen bietet man die Bühne an, um ihre traumatischen Erfahrungen zu verallgemeinern und den Islam als Quelle aller Probleme in der Welt zu verteufeln. Unter keinen Umständen lässt man die praktizierenden Muslime zu Wort kommen! Kaum ein Artikel in der Mainstreampresse entsteht durch ernsthafte und objektive Recherche oder der Befragung wahrer Gelehrter des Islams! Anna kann ja nichts dafür, dass Hofjournalisten ihre Arbeit nicht verantwortungsvoll erledigen. Schließlich liegt die Hauptsorge dieser Journalisten nicht in der Wahrheitsfindung, sondern im Zufriedenstellen ihrer Geldgeber. Denn nur populistische Nachrichten fördern die Einschaltquoten.

Ich ergriff das Wort und sprach diesmal in einem ernsten Ton: „Liebe Anna, Imam Ali, einer der bekanntesten Gelehrten des Islams nach dem Propheten, sagte einst: ‚Glaube nicht alles von dem, was du hörst, und nur die Hälfte von dem, was du siehst.‘
Erlaube mir, dich zu fragen, was du über die Rechte der Frauen im Islam weißt? Hast du als aufgeklärte Frau jemals versucht zu prüfen, was die Medien über den Islam verbreiten? Hast du vielleicht ein Buch von einem islamischen Gelehrten über das Thema aufgeschlagen, geschweige denn mit einer praktizierenden Muslima darüber geredet, ehe du den Journalisten Glauben schenkst?“

Anna war von meiner offensiven Reaktion und von meinem genervten Ton geschockt, warf jedoch schnell zurück: „Na, ich rede doch gerade mit dir. Du kannst aber auch nicht erwarten, dass ich bei jedem Medienbericht eine Nachforschung starte.“

„Gewiss nicht“, erwiderte ich nachgiebig. „Aber der Islam beschäftigt schon seit längerer Zeit unsere Gesellschaft und viele Ereignisse in der Welt sind nicht davon zu trennen, sodass eine Eigenrecherche heute unverzichtbar ist. Nur dann fällt man nicht als leichte Beute in die Fänge der Mediennetze der heutigen Lobbyisten.“

Anna verdrehte die Augen und grinste leicht: „Fänge der Mediennetze, oje. Findest du deine Schilderungen nicht etwas übertrieben? Diese Verschwörungen à la unsere Medien haben es auf den Islam abgesehen, halte ich für absurd! Warum sollten sie?“

Endlich konnte ich die Chance ergreifen, die wichtigsten Punkte, die aus meiner Sicht für das Phänomen der Islamophobie verantwortlich sind, auf den Tisch zu legen: „Da kann ich dir mindestens drei belegbare Gründe nennen:
Islam als Sündenbock für das Scheitern des Kapitalismus – die beste Ablenkung von den Verbrechen der Superreichen.
Islam als einzige verbliebene Widerstandsideologie, die die moralischen Ideale predigt und dazu auffordert, was wiederum eine Gefahr für nimmersatte Kapitalisten darstellt. Eine der quranischen Aussagen, die durch Imam Hussain, einem berühmten Revolutionär der islamischen Geschichte, wiederbelebt wurde, lautet: ‚Unterdrückt nicht und lasst euch nicht unterdrücken!‘ [Heiliger Quran, 2:279]
Und drittens: Einen Nährboden für Wirtschaftskriege westlicher Länder, angeführt von den USA, gegen islamische Länder zu etablieren. Hass muss als Zündmaterial geschürt werden, nach dem Motto: Wir sind die Guten und die Muslime sind die Bösen. Bekanntlich liegen in islamisch geprägten Ländern wie Iran, Irak und anderen Golfstaaten die größten Bodenschätze.“

„Gut“, sagte Anna nickend und mit leicht zusammengekniffenen Augen. Dann zog sie ihre Augenbrauen grinsend hoch und fuhr fort: „Nun suche ich nach Antworten, nicht bei der ‚Lügenpresse‘, sondern bei einem Muslim, der vor mir sitzt, meine Fragen aber immer noch nicht beantwortet hat. Also?“

Ich antwortete mit einem breiten Grinsen: „Aber selbstverständlich doch. Bei solch kontroversen Themen sollte man als aller erstes die Aussagen in wahre und falsche sortieren. Nehmen wir zum Beispiel die Ehrenmorde: Sie werden häufig mit dem Islam in Verbindung gebracht. Gemäß den islamischen Gesetzen sind solche bösartigen Taten jedoch absolut verboten: ‚Wer ein menschliches Wesen tötet, ohne (dass es) einen Mord (begangen) oder auf der Erde Unheil gestiftet (hat), so ist es, als ob er alle Menschen getötet hätte. Und wer es am Leben erhält, so ist es, als ob er alle Menschen am Leben erhält.‘ [Heiliger Quran, 5:35]
Das Gleiche gilt für die Zwangsheirat. Der Islam gewährte Frauen schon vor 1400 Jahren das Recht, für oder gegen einen potenziellen Ehepartner zu stimmen. Wohlgemerkt in einer Zeit, in der die Frauen in anderen Teilen der Welt so gut wie keine Rechte besaßen. Ohne das Einverständnis der Frau ist die Heirat islamisch-rechtlich und vor Gott ungültig!“

„Das überrascht mich“, kommentierte Anna mit verschränkten Armen. „Ich kann nicht mehr aufzählen, wie oft ich gelesen habe, dass ein Ehrenmord oder eine Zwangsheirat in Verbindung mit Islam und Muslimen gebracht wurde.“

Meine Augen blitzten wohl kurz auf, denn die Hektik, mit der ich fortfuhr, glich der eines Jägers, der gerade seine Beute gesichtet hat. „Ja, so geschickt arbeiten die Medien, um den Islam einfacher diffamieren zu können, und offensichtlich sind sie sehr erfolgreich. Jedes mal, wenn ein Verbrecher islamischer Herkunft einen Mord begeht, wird der Islam mehrmals im Text erwähnt. Die Journalisten bedienen sich sehr gerne islamischer Symbole und platzieren sie manipulativ in derartige Berichte. Beispielsweise wird ein Ehrenmord in Verbindung mit einem Bild von einer kopftuchtragenden Frau veröffentlicht. Auch viele Artikel über Terroranschläge erscheinen mit einem Bild des Heiligen Qurans vor einem schwarzen Hintergrund oder einem arabischen Schriftzug, der mittlerweile sowieso schon mit Krieg und Terror assoziiert wird. Das Ziel solcher Kampagnen ist es, negative Gefühle unbewusst in dir hervorzurufen, sobald du einem Muslim oder einer Muslima begegnest. Dabei könnte sich jeder selbst eine Meinung bilden, indem er meine Aussagen entweder mit islamischen Quellen im Internet oder durch Anfragen an muslimische Gelehrte in Moscheen überprüft.“

„Danke für deine Empfehlung. Das mache ich, soweit möglich, in Zukunft, auch wenn ich zugeben muss, Hemmungen vor direktem Kontakt mit Turbanträgern zu haben.“ Ihre Worte klangen authentisch. Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: „Erzähl mir nun von dem Kopftuchzwang, oder willst du verleugnen, dass so viele muslimische Eltern ihren minderjährigen Mädchen das Kopftuch aufzwingen? Auch die muslimischen Jungs sind Opfer von gefährlichen Beschneidungsoperationen. Ich finde, solche Eltern sollten verklagt werden! Oder meinst du etwa, dass es sich hier auch um Fake-News handelt?“

„Wieder eine Falle der Medien“, antwortete ich enttäuscht. „Nach islamischem Recht gibt es keinen Zwang im Glauben: Es gibt keinen Zwang im Glauben. (Der Weg der) Besonnenheit ist nunmehr klar unterschieden von (dem der) Verirrung. [Heiliger Quran, 2:256] Allerdings geben die muslimischen Eltern, wie alle anderen Eltern auch, erworbene Erfahrungen und erlerntes Wissen an ihre Kinder weiter. Und dazu gehören auch religiöse Empfehlungen. Natürlich wird dem jungen Mädchen ab neun Jahren das Kopftuch empfohlen, aber in keiner Weise sollte es ihr aufgezwungen werden. Zugegeben; der kleine Junge, der im frühen Alter beschnitten wurde, kann es nicht rückwirkend ändern. Aber ich frage dich: Würdest du alle Eltern verklagen, die ohne Einverständnis ihrer Kinder einen medizinischen Eingriff am Körper ihrer Kinder durchführen lassen? So gesehen kämen dann alle Eltern vor Gericht!“

„Wenn der Eingriff ohne nachweislich gesundheitliche Gründe veranlasst wurde, dann ja, absolut!“, antwortete Anna mit erkennbarer Vorsicht, als ahnte sie, dass ihr Argument auf wackeligen Beinen stand.

Aufgebracht erwiderte ich: „Dann solltest du deine Eltern auch verklagen. Die Löcher in deinen Ohrläppchen zum Tragen von Ohrringen sind ohne deine Erlaubnis im jungen Alter gestochen worden. Sie haben keinen gesundheitlichen Nutzen. Der Eingriff trägt sogar ein Entzündungsrisiko mit sich. Dagegen ist die Beschneidung von großem Vorteil, schon allein aus hygienischen Gründen. Der Nutzen steht weit über den minimalen Risiken, die der Eingriff mit sich bringen könnte.“

Anna schien keinen Weg mehr zu wissen und unternahm einen letzten Versuch: „Aber in Deutschland machen das eigentlich die Eltern erst, wenn die Kinder es wollen. Nicht wie die Araber nach der Geburt.“

„Die Kinder sind dennoch minderjährig und gesetzlich nicht entscheidungsfähig“, erwiderte ich.

„Also der Vergleich ist zwar etwas übertrieben, aber ich verstehe, was du meinst“, gab Anna zu und ebnete den Weg für ihre nächste Frage: „Aber ich verstehe nicht, worin der Sinn der Verhüllung der Frau bestehen soll?!“

„Wir haben schon darüber geredet, dass der Islam die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau anerkennt“, antwortete ich. „Die Rechte und Pflichten sind so angelegt, dass sie die jeweilige Natur respektieren. Es ist die Weisheit des Schöpfers, die die Unterschiede zwischen Mann und Frau veranlasst hat. Das erlaubt dem Menschen, sich dem Ziel des Lebens, nämlich dem Empfang der Liebe Gottes, dem Verschmelzen in der Einheit Gottes, schneller anzunähern.“

Anna unterbrach mich: „Mohammed, ich mag wirklich deine philosophischen Andeutungen, aber was bitte soll die Diskriminierung der Frau mit dem Ziel des Lebens zu tun haben?“

Ich sortierte kurz meine Gedanken und wollte gerade loslegen, fing dann aber an zu lächeln: „Du meinst sicher die Verhüllung der Frau …“

„ … die ich als Diskriminierung sehe, ja!“, beendete Anna meinen Satz. Jetzt musste ich etwas Luft holen, denn dieses Thema ist sehr wichtig und leider auch sehr sensibel, besonders wenn man mit einer Frau darüber spricht. „Die Attribute Gottes 1 sind zwischen Mann und Frau verteilt. Wenn sie zusammenkommen, vervollständigen sie einander. In der Frau sind die Attribute wie Schönheit, Sänfte, Einfühlsamkeit, Barmherzigkeit usw. zu erkennen. Im Mann sind ganz andere Eigenschaften wie Stärke, Versorgen oder Beschützen usw. Verankert. Vernachlässigt man diese Unterschiede, bleibt es unverständlich, warum Gott, der Erhabene, unterschiedliche Rechte und Pflichten empfohlen hat. Diesbezüglich hat der berühmte Mystiker und Dichter Rumi Folgendes gedichtet:

Nach Ansicht der Weisen ist der Himmel der Mann und die Erde die Frau:
Die Erde zieht auf, was vom Himmel herabfällt.
Fehlt der Erde die Wärme, so schickt sie der Himmel;
geht ihr Frische und Nässe verloren, so versorgt sie der Himmel auf’s Neue.
Der Himmel geht seinen Lauf wie der Gatte, der nach Nahrung sucht für sein Weib;
und die Erde widmet sich eifrig häuslichen Pflichten:
Sie hilft bei der Geburt und nährt, was sie gebiert.
Siehe, auch Erde und Himmel sind mit Verstand begabt,
verrichten sie doch das Werk verständiger Wesen.
Fände der eine nicht Gefallen am andern,
weshalb hingen sie dann wie Liebende aneinander?
Wie sollten Blumen und Bäume blühen ohne die Erde?
Was würde ohne sie Wasser und Wärme des Himmels erzeugen?“

„Dass Frau und Mann nicht gleich sind, ist mir klar“, erwiderte Anna schnippisch. „Wahrscheinlich ist aber vieles auch anerzogen … sei’s drum, meine Frage ist immer noch nicht beantwortet. Wenn die Schönheit ein Geschenk Gottes an die Frau ist, warum verdeckt man diese dann? Ohne Licht verwelkt die Blume schneller!“

Jetzt klang sie geradezu aufgebracht, als würde sie alle Frauen auf der Welt verteidigen wollen. Dabei möchte der Islam die Frau ehren und ihren besonderen Wert hochhalten. Wenn Anna schon metaphorisch wird, kann ich ja damit weitermachen, dachte ich: „Ohne einen gewissen Schutz verbreitet sich ihr Duft für jedermann und kann womöglich unerwünschte Interessenten anlocken. Wer sagte, dass die Blume vom Licht ausgeschlossen sein soll? Nur zeigt sie ihre Besonderheit nur ausgewählten, genau wie die Perle in einer Muschel, nur dass die Muslima niemals eingeschlossen ist.
Der Islam erkennt die Weiblichkeit der Frau an und schenkt ihr die wahre Freiheit. Die islamischen Empfehlungen sorgen dafür, dass die Frau nicht auf ihre Sexualität reduziert wird. Die Verhüllung der äußerlichen Schönheit der Frau dient genau diesem Zweck; sie von Konsumgütern, Kosmetik, Kleidungswahn etc. zu befreien und eine spirituelle Identität nach außen zu schaffen, die nicht auf ihre äußerliche Schönheit reduziert ist. Man könnte meinen, dass im Westen die Auswahl der Partnerin bei der Mehrheit der Männer allein davon abhängt, wie gut eine Frau auf einer Party tanzt oder wie attraktiv sie aussieht, was wiederum davon abhängt, wie viel nackte Haut sie zeigt oder wie viel sie für ihre Frisur ausgegeben hat.“

Augenbrauen zusammenkneifend und kopfschüttelnd, als ob mein Argument völlig unpassend wäre, fuhr Anna ein: „Ja und? Die Frauen wollen ja so ausgesucht werden. Jeder darf halt machen und lassen, was er möchte. Wo liegt das Problem, wenn eine Frau sich dafür freiwillig entscheidet?“

„Interessante Logik. Also überspitzt gesagt: Wenn eine Prostituierte sich entblößt, respektiert man ihre Freiheit, obwohl sie sich dadurch womöglich in Gefahr begibt, da viele Prostituierte nicht mehr so einfach aus dem Job herauskommen, in die Drogenszene geschoben werden usw. Trägt eine Muslima aber ihr Kopftuch, um sich selbst, ihre Familie und Gesellschaft zu schützen, ist es plötzlich rückständig und unzivilisiert.“

„Aha?!“, sagte Anna nun säuerlich. „Schützen wovor? Die westlichen Frauen leben hier in unserer Gesellschaft emanzipiert und selbstbewusst, ohne jegliche Gefahren. Gedanken sollte man sich eher machen, wie man Frauen in muslimischen Ländern schützt!“

Immer dieses Argument mit den muslimischen Ländern. Wie soll ich Anna nur erklären, dass die meisten muslimischen Länder weit entfernt sind vom Islam, ja oft sogar weiter als der Westen. Das würde jetzt zu weit gehen, ich bleibe einfach beim Thema: „Hier im Westen wird die Kultur der Nacktheit hochgepriesen und von klein auf anerzogen, ja sogar in den Kindergärten. Promiskuität wird als Privileg angesehen, Frühsexualisierung inklusive unehelicher Beziehungen von Minderjährigen als gute Tugend. Pornografie und die nackte Zurschaustellung in billigen Zeitungen oder in der Öffentlichkeit, um die Männer zu belustigen, ist inzwischen Normalität und gilt schon lange nicht mehr als Missachtung der Weiblichkeit.
Dabei vernachlässigt man die Risiken solcher Handlungen. Eine Folge dieser Handlungen ist die kontinuierlich steigende Anzahl der Vergewaltigungen im Westen. In Deutschland haben 35 % der Frauen, also mehr als jede Dritte, seit ihrem 15. Lebensjahr mindestens einmal sexuelle oder körperliche Gewalt erlebt, sind geschlagen, getreten, geohrfeigt, begrapscht, genötigt oder zum Sex gezwungen worden. Mindestens 5 % aller Frauen sind vergewaltigt worden. 2 All die Freiheiten von Pornografie, Prostitution usw. haben nicht dazu geführt, dass die Frauen geschützter sind.
Die Scheidungsrate in Deutschland ist auch ein starkes Indiz für die Verdorbenheit der Kultur der Nacktheit. Das Fremdgehen, eine der unabdingbaren Folgen der Kultur der Nacktheit, ist ohne Zweifel der mit Abstand meistgenannte Grund für das Scheitern einer Ehe. Bis ins 21. Jahrhundert ist die Scheidungsrate ständig angewachsen und hält sich seither auf sehr hohem Niveau. Im Jahr 2015 fiel eine Ehescheidung auf drei Eheschließungen. Die durchschnittliche „Haltbarkeit“ einer Ehe wird immer kürzer und das durchschnittliche Erstheiratsalter von Männern – 33,8 Jahre – und Frauen – 31,2 Jahre – wird immer höher. 3 Nur noch jede zweite Ehe hält, bis dass der Tod die Partner scheidet. Die Zahl der Eheschließungen hat sich in Deutschland in den letzten fünfzig Jahren halbiert, 4 und das, obwohl alle Ehen mitgezählt werden, bei denen die Partner ein zweites Mal heiraten!“

Anna klang etwas gelangweilt, wahrscheinlich hörte sie das nicht zum ersten Mal. „Und deswegen sollen die Frauen sich bedecken, oder wie? Typisch, während der Mann seine Freiheit ausleben kann, muss sich die Frau verstecken!“

Irgendwie stagnierte unser Gespräch. Ich konnte nur noch meinen Kopf schütteln. „Wie gesagt, Mann und Frau sind unterschiedlich, körperlich wie seelisch, hormonell wie gedanklich. Für eine echte Gleichstellung, ohne die jeweilige geschlechtliche Identität zu verlieren, bedarf es unterschiedlicher Wahrnehmungsräume. Der Islam unterteilt daher das Leben in drei wesentliche Wahrnehmungs- und Schutzräume: das exklusive Ehepaar, die Familie, die Gesellschaft. Das Ehepaar genießt einander in jeder Hinsicht, es gibt Blickexklusivität, Berührungsexklusivität und vieles andere mehr. In dieser Zweisamkeit darf sie voll und ganz weiblich und er voll und ganz männlich sein! In der engeren Familie wird dies schon eingeschränkt. Hier leben Mann und Frau die Weiblichkeit und Männlichkeit vor, um die nächste Generation zu erziehen. Und in der Gesellschaft treten Mann und Frau nicht mehr mit ihrem Geschlecht auf, sondern als gleichberechtigte Menschen ohne Geschlechtlichkeit. Beide verhüllen ihre Geschlechtlichkeit und die Schönheit, die daran gekoppelt ist. Da gemäß Vorstellung des Islams die Frau bezüglich göttlich gespiegelter Schönheit die intensivere körperliche Ausschmückung erhalten hat, ist ihre Verhüllung in der Gesellschaft deutlicher wahrnehmbar. In diesem Drei-Raum-Schutzfeld entwickeln sich beide Geschlechter zu immer wertvolleren Mitgliedern der Gesellschaft und das Ehepaar kann dabei auch seine Liebe zueinander immer weiter intensivieren. Es ist also eine bewusste Lebenseinstellung, die den Muslim dazu veranlasst, nicht Sklave der eigenen Triebe zu werden, sondern frei und unabhängig zu bleiben, indem er seine Triebe der Vernunft unterordnet.“

Annas Blick verriet immer mehr Skepsis über das, was sie soeben gehört hatte: „Aber ist es nicht so, dass ihr in Frauen ohne Kopftuch laufende Sünderinnen seht oder sie als Nutten bezeichnet, nur weil sie im Sommer ein T-Shirt tragen?“

Meine Augen weiteten sich: „Um Gottes willen, nein! Eitelkeit ist eine Sünde. Und zu denken, man wäre etwas Besseres, warum auch immer, wäre eitel. Diese Eigenschaft macht sogar die guten Taten eines Gläubigen zunichte. Imam Chamenei, einer der meistwissenden Gelehrten unserer Zeit, meinte wortwörtlich bezüglich der Sicht einer Gläubigen gegenüber Frauen, die kein vernünftiges Kopftuch tragen: ‚Sie hat einen kleinen Tadel. Bin etwa ich tadellos? Ihr Tadel ist offenbart. Meine Tadel treten aber nicht in den Vorschein. Sie sind verdeckt.‘“5

Anna stützte ihr Kinn auf ihre Hand, als ob sie so etwas hören wollte. „Schön! Wenn doch nur alle Muslime – gerade die Männer – ihren Idealen gerecht werden würden …“

Ich dachte, das Gespräch wäre vorbei, aber da holte Anna tief Luft und sagte: „Aber trotzdem finde ich, dass der Islam die Frau nicht gleichberechtigt. Schließlich erbt sie viel weniger als der Mann. Wie willst du mir das bitte verkaufen?“ Und jetzt sah ich ein siegreiches Grinsen in Annas Gesicht.

Ich schaute auf die Uhr und stellte fest, dass ich weiterarbeiten sollte: „Ich glaube, du bist für heute genug mit Infos bedient“, sagte ich. „Lass uns bei nächster Gelegenheit darüber sprechen, dann bleibt es spannend.“

Fortsetzung folgt

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