Spiritualität, Monat Ramadan

Auf dass ihr gottesehrfürchtig werdet

„Ihr geht doch alle heimlich zum Essen in den Keller!“ Am heutigen Fastentag erinnerte ich mich an diesen spaßigen Spruch einer meiner Jugendfußballtrainer.

„Nein, wir gehen nicht heimlich in den Keller. Wenn wir keine Lust aufs Fasten haben, dann fahren wir vormittags an einen Ort, der mindestens 22,5 km von unserem Heimatort entfernt ist. Dann können wir legal das Fasten für diesen Tag brechen.“ So könnte eine Antwort lauten.

Aber diese Antwort hat die Kernaussage des Scherzes nicht verstanden. Der gute Mann wollte lediglich zum Ausdruck bringen, dass die Einhaltung des Fastens nur nach außen hin besteht, dass man also etwas vorspielt, woran man sich in Wirklichkeit nicht hält. Öffentlich behauptet man zu fasten, zu Hause zieht man sich in sein stilles Kämmerlein zurück und isst und trinkt heimlich. Es ging ihm um Heuchelei. Das Fasten aber soll in uns das Gegenteil von Heuchelei stärken: die Gottesehrfurcht.

Mit dem Monat Ramadan gibt uns Gott der Allmächtige jedes Jahr aufs Neue die Gelegenheit, unsere gesamte Lebensführung, unseren Alltag, neu zu ordnen, beginnend beim Essen und Trinken, endend bei dem Einsatz für Unterdrückte.

Der wahrhaft Fastende erhält mit dem Gebot, zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang weder zu essen noch zu trinken, die Gelegenheit, jegliche Heuchelei in sich zu bekämpfen und seine Gottesehrfurcht auf ein höchstes Maß zu bringen. Ein Fastender würde niemals auf die Idee kommen, heimlich zu Hause zu essen oder zu trinken, nur weil ihn kein anderer Mensch sehen könnte, denn er weiß: Gott sieht ihn, weil Gott an jedem Ort anwesend ist, er ist der Allhörende, der Allsehende. Und er weiß auch: Er fastet nicht seines Ansehens bei den Menschen wegen, sondern nur um der Nähe seines Schöpfers willen, aus Liebe zu ihm. In einer bekannten Hadith Qudsi, also einer Offenbarung an den Propheten außerhalb des Qurans, sagt Gott: „Das Fasten ist für mich, und ich selbst werde es belohnen.“

Gott hat ihm das Fasten im Monat Ramadan als Pflicht auferlegt, so vollzieht er diese Pflicht in diesem Monat mit Freude. Er weiß, dass der Monat Ramadan ein segensreicher Monat ist, er kennt die Vorzüge dieses Zeitraums und genießt das Fasten sogar über fast zwanzig Stunden hinweg.

Stellt sich die Frage, warum der Fastende dieses Bewusstsein über die Anwesenheit seines Herrn nur hinsichtlich der Einnahme von Speise hat? Gilt denn für andere Handlungen nicht, dass Gott diese hört oder sieht? Die Antwort ist klar. Umso wichtiger ist es, dieses Gesamtbewusstsein mithilfe des Fastens zu stärken, sodass der gläubige Fastende auch nach Ende des Monats Ramadan auf alle seine Handlungen achtet, insbesondere wenn er sich alleine wähnt, denn es gilt auch hier: Die Verbote hält man ein, aber nicht wegen der eigenen Reputation bei anderen Menschen, sondern wegen der eigenen Integrität gegenüber seinem Herrn. Gottesehrfurcht bedeutet also stetiges Bewusstsein über die Anwesenheit Gottes an jedem Ort und zu jeder Zeit. Einer der großen Gelehrten unserer Zeit sagte hierzu einmal, dass man sich vorstellen solle, dass das gesamte Leben auf Video aufgenommen würde. Am Tag des jüngsten Gerichts würde dieses Video vorgespielt werden, vor Gott und vor den anderen Menschen. Wie fühlt man sich, wenn man öffentlich vorgab ein Heiliger zu sein, sich zu Hause aber schlimmer als Pharao gegenüber Gott verhielt?

Der Monat Ramadan ist unsere ideale Gelegenheit, dieses Gottesbewusstsein in uns wiederzuerwecken. Über das gesamte Jahr hinweg ist es eingerostet. Gott errettet uns mit dem Fastenmonat jedes Jahr aus dem Strudel unserer eigenen Unachtsamkeiten und vorsätzlichen Sündhaftigkeit.

Im Quran sagt er hierzu: „O ihr, die ihr glaubt, vorgeschrieben ist euch, zu fasten, so wie es denen vorgeschrieben worden war, die vor euch lebten, auf dass ihr gottesehrfürchtig werdet.“ (2:183)

Nutzen wir diese Chance.


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Ali Chaukair

Rechtsanwalt / E-Mail: ali.chaukair@offenkundiges.de