Aschura

Anhänger von Imam Hussein fürchten sich nicht

„Zu ihnen haben die Menschen gesagt: ‚Die Menschen haben sich gegen euch versammelt, daher fürchtet euch vor ihnen.‘ Aber das hat ihren Glauben nur verstärkt, und sie sagten: ‚Gott genügt uns. Welch vorzüglicher Sachwalter!‘“ (Quran 3:173)

Dieser Vers ist für Nichtmuslime kaum zu verstehen, vor allem wenn sie diesseitig und materialistisch orientiert sind. Dabei ist es gar nicht so schwer: Gleich welche Pläne man gegen gläubige Muslime schmiedet, es macht ihnen nichts aus, denn sie sind sich sicher, dass Gott hinter ihnen steht. Dass es sich bei den Angesprochenen um Gläubige handelt, ist dem vorherigen Vers wörtlich zu entnehmen. Darin werden sie wie folgt beschrieben:

„Für diejenigen, die auf Gott und den Gesandten gehört haben, nachdem sie die Wunde erlitten hatten, – für diejenigen von ihnen, die rechtschaffen und gottesfürchtig waren, ist ein großartiger Lohn bestimmt.“ (Quran 3:172)

Diese Verse treffen in einer der deutlichsten Auslegungen auf Imam Hussein und seine treuen Gefährten zu, welche es ablehnten, dem unrechtmäßigen Kalifen den Treueeid zu leisten, sodass sie zu Staatsfeinden und für vogelfrei erklärt wurden. In der Schlacht von Karbala im 61. Jahr nach der islamischen Zeitrechnung wurden sie alle von der Armee Yazids auf brutale Art und Weise getötet, ihre Köpfe wurden als Trophäen auf Speere gespießt, ihre Frauen und Kinder in Gefangenschaft genommen. Imam Hussein wusste im Voraus, auf seinem Weg von Medina über Mekka nach Karbala, dass all dies mit ihm, seiner Familie und seinen Gefährten geschehen wird. Warum also tat er das? Warum nahm er dieses (weltliche) Leid in Kauf? Warum nahm er seine Familie, sogar Kleinkinder und Säuglinge mit?

Alles Fragen, die die obigen Verse deutlich beantworten. Auf dem Weg Gottes kommt es nicht darauf an, was die Feinde im Schilde führen, welche Verbrechen und Massaker sie planen, denn es geschieht alles vor dem Auge Gottes. Wenn es um den Islam, den Bestand dieser Religion und den Schutz der Muslime geht, ist kein Opfer groß genug, auch nicht der Enkelsohn des Propheten selbst. Diese letztlich doch einfache Philosophie versuchen Materialisten bis heute zu verdecken.

Eine TV-Dokumentation, welche bei ZDFinfo ausgestrahlt wurde, behandelt ausführlich die Rollen von Saudi-Arabien und Iran im aktuellen Geschehen im Nahen Osten. Selbstverständlich kommt dort auch der Glaube der Schiiten zur Sprache, insbesondere ihr Gedenken an die Schlacht von Karbala. Wie in nahezu jeder Doku kommen hier ebenfalls die typischen Elemente der Darstellung von Aschura zum Einsatz: Schiiten schlagen sich in Gedenken an Imam Hussein blutig, Aschura ist das Gedenken des Schiiten Imam Husseins, der durch Soldaten des sunnitischen Herrschers ermordet wurde, Imam Chomeini hat dieses Ereignis instrumentalisiert.

Diese Darstellung des schiitischen Gedenkens ist nicht nur enorm verzerrend, sondern falsch. Die Selbstgeißelung ist eine von den islamischen Normen abweichende und später hinzugefügte Praxis, zur Zeit von Imam Hussein gab es noch keine Sunniten, und Imam Chomeini hat Aschura nicht instrumentalisiert, sondern korrekt interpretiert.

Diese falsche Darstellung rührt von der offensichtlich materialistischen Sicht des Journalisten her, der offenbar nicht in der Lage ist, die Bewegung Imam Husseins zu verstehen, oder, was wahrscheinlicher ist, nicht gewillt ist die wahren Begebenheiten objektiv darzustellen, so wie es aus den historischen Quellen hervorgeht. Zudem ist er offenkundig dazu angehalten, die Bewegung Imam Chomeinis, welche sich auf Aschura stützt, zu diskreditieren.

Die Bewegung Imam Husseins hält aber längst nicht nur für Schiiten im Nahen Osten enorm inspirierende Kräfte parat. Gläubige Schiiten in aller Welt, auch in Deutschland, schöpfen Kraft und Mut aus dem Opfer Imam Husseins, welcher die obigen Verse mit Leben füllte. Auch hier gibt es Menschen, die sich in ihrem Einsatz für Recht, Gerechtigkeit und Wahrheit nicht von Einschüchterungsversuchen, Drohungen oder Verleumdungskampagnen beeindrucken lassen. Was ist schon mediale oder politische Hetze oder was sind schon wirtschaftliche Sanktionen im Vergleich zum Opfer Imam Husseins?

Natürlich kommen auch zu diesen Menschen andere, zum Beispiel Glaubensgeschwister, die ihnen, natürlich mit guter Absicht, dazu raten, die Wahrheit nicht zu deutlich auszusprechen, sich nicht öffentlich angreifbar zu machen, diplomatischer zu agieren, bestimmte Themen nicht öffentlich anzusprechen, zu ihrem eigenen Schutz, damit sie vielleicht nicht ihren Job verlieren oder Kunden oder eine bestimmte gesellschaftliche Stellung. Aber wie soll man auf das Aussprechen der Wahrheit, auf den Einsatz für Gerechtigkeit verzichten aus Angst vor wirtschaftlichen oder finanziellen Einbußen, wenn man einem Imam folgen will, der nicht nur wirtschaftlich, finanziell oder medial bekämpft, sondern ermordet wurde, und mit ihm seine Kinder, seine engsten Verwandten und treuen Anhänger? Wie sollen solche Menschen noch wahrhaft „labbayka ya Hussein“ rufen können? Gar um ihren Imam weinen können?

Wieder einmal öffnet Karbala seine Tore für uns, und wieder einmal erhalten wir die Chance, Imam Hussein und sein Opfer besser verstehen und hiernach seine Bewegung noch weiter beleben zu können. Was auch immer die Feinde für Ränke schmieden, Gott ist der Beschützer der Gläubigen.


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Ali Chaukair

Rechtsanwalt / E-Mail: ali.chaukair@offenkundiges.de